Anders | Su'en an - Der Wolf und sein Mond | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 252 Seiten

Anders Su'en an - Der Wolf und sein Mond


1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-945934-77-7
Verlag: dead soft verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 252 Seiten

ISBN: 978-3-945934-77-7
Verlag: dead soft verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Als der jüngste Sohn des Reda-Clans ist der junge Mars höchstens für eine Affäre mit einem von Vejlas zahlreichen Gaunern bekannt. Trotzdem ist es ein Schock für ihn, als sein Liebhaber Luan ihn an die Arena verkauft, wo Mars dem berühmten Wolf geopfert werden soll. Atair, der Wolf, tötet ihn jedoch nicht, obwohl Mars es sich in den folgenden Wochen oft wünscht. Stattdessen lehrt er Mars das Kämpfen und aus der unfreiwilligen Kameradschaft wird unerwartet mehr. Aber Mars muss bald erkennen, dass Überleben und Freiheit nicht das Gleiche sind, und nur einer von ihnen beides haben kann. Oder nicht?

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1


Der Transporter ruckelte über eine weitere Düne und Mars erwachte aus seinem Dämmerschlaf. Er sah Stiefel und Hosenbeine von Schutzanzügen um sich. Das ewig zerkratzte Metall und den Sand, der sich überall festgesetzt hatte. Die Wunde an seiner Schläfe begann im Takt der Bewegungen zu pochen. Pochte schneller, als er endgültig verstand, wo er war. Es gab wieder einen Ruck und der Antrieb erstarb mit einem Knall.

„Immer dieser verdammte Sand!“, fluchte der Fahrer. Mars schmeckte den gleichen Sand und das Stück Stoff, das sie ihm in den Mund gestopft hatten. Für einen Augenblick hatte er Angst, er würde daran ersticken, aber das würden sie bestimmt nicht zulassen. Immerhin war das alles nur ein Scherz. Eine von Luans Inszenierungen, um Mars wieder mal zu zeigen, wo sein Platz war. Und sie waren alle sehr überzeugend gewesen. Hatten ihn sogar gefesselt. Er erinnerte sich an Deklans Blick, als er Mars’ Namen gehört hatte. Nein, es war nur ein Scherz! Er hätte vorhin nicht mit Luan streiten sollen. Sie hatten jetzt bestimmt nur eine Runde durch das Viertel gedreht, damit Luan ihn gleich auslachen konnte. Mars würde mitlachen und ihm wie immer verzeihen. Er hatte keine andere Wahl …

„Raus mit ihm.“

Sie rissen ihn hoch und schleiften ihn hinaus. Die Sonne verbrannte sofort seine Schultern und sein Gesicht. Als sie ihn zwangen sich hinzustellen, trieb ihm die Hitze des Sandes die Tränen in die Augen. Sie waren nicht vor Luans Haus. Er sah stattdessen die überdimensionalen Buchstaben über den Toren der Arena glänzen. Du verlässt die Arena nur mit Einladung oder tot. Das stimmte natürlich nicht. Er hatte bisher noch keinen Kämpfer sterben gesehen. Aber wo war Luan?

Jemand schubste ihn vorwärts und Mars stolperte zu dem Eingang, während jeder Schritt wehtat. Die Verbrennungen fühlten sich immer weniger nach einem Scherz an. Er spielte noch einmal den Streit in seinem Kopf durch. War es so schlimm gewesen?

An den Türen gingen die anderen vor, um sie für Deklan aufzuhalten. Mars sah nur Maxims massigen Schatten neben sich im Sand und überlegte nicht lange. Er rannte los, ignorierte die Schmerzen und die verschwommene Sicht. Weit kam er nicht, bevor Maxim seine gefesselten Arme packte und ihn nach hinten riss. Er fiel in den glühenden Sand und schrie auf. Jedes Sandkorn brannte sich einzeln in seine Haut ein. Maxims Schatten schützte ihn für Augenblicke vor der Sonne. Er zog Mars hoch und wischte sogar fluchend den Sand von seinen Armen und Rücken. Diese Geste hatte etwas Beruhigendes. Es war ein Scherz, erinnerte er sich wieder. Sie waren alle Luans Freunde. Sie würden ihm nicht wirklich etwas antun. Maxims Griff war trotzdem schmerzhaft, während er Mars zurück zur Arena zog.

Deklans kalter Blick traf ihn in dem vertrauten Inneren. Mars sah hinter ihm die leeren Gänge, die zu Tribünen führten, wo er noch vor wenigen Stunden mit Luan gesessen hatte. Wie viel willst du für ihn? Er hatte nicht gewusst, dass Luan und Deklan sich so nahe standen. Dass Deklan bei Luans Spiel mitmachen würde. Nenn‘ mir einen Preis.

Sie stiegen in die Dunkelheit und Kälte fremder Gänge hinab. Die Abkühlung tat nur für Augenblicke gut, bevor auch das wehtat. Die Kälte sickerte durch den Stoff seiner Hose und betäubte seine verbrannten Fußsohlen. Er dachte an sein Hemd, das immer noch auf dem Bett lag. Und wenn er auch im Schlafzimmer geblieben wäre, wäre er vielleicht nicht hier. Jetzt würde er bestimmt die Nacht in der Arena verbringen, bevor sie alle den Scherz leid waren und Luan ihn abholte.

Eine Hand kam wie aus dem Nichts und zerrte an seiner Hose. Er riss sich sofort los. Alle lachten. Gitterstäbe, Augen und Zähne blitzten auf. Er konnte nicht einmal erkennen, ob es Menschen waren. Als Mars versuchte seine Hose irgendwie höher zu ziehen, schlug Ford seine Hände weg. Rechts von ihm pfiff jemand und andere machten es ihm nach. Zelle für Zelle. Das anschließende Gelächter hallte durch den Gang.

„Gibt’s wieder Frischfleisch?“, rief jemand.

„Wohl eher Hackfleisch“, sagte Ford und Alfie lachte.

„Wo kommt er hin?“, fragte wieder jemand, aber weder die Wachen noch Deklan antworteten ihm. Das Pfeifen und das Gelächter wurden bei jedem Schritt leiser, bis sie ganz verstummten. Die Stille war ein Vakuum, in dem sich seine Angst unendlich ausweiten konnte. Er hörte überdeutlich das Aufschnappen eines Schlosses, Deklans leises Räuspern.

„Atair“, sagte er und Gänsehaut zog Mars’ Haut schmerzhaft zusammen. „Ich habe ein Geschenk für dich.“

Sie hatten ihn zum Wolf gebracht. Es war kein Scherz. Er sah wieder Luans abgewandtes Gesicht vor sich, das Glitzern in Deklans Augen, als Luan zugestimmt hatte. Er dachte … Warum hatte er gedacht, dass das ein Scherz war?

Ford schnitt die Fesseln durch, bevor er Mars zu sich drehte. Mit einem Grinsen zog er den Knebel aus Mars’ Mund heraus und er erinnerte sich an jedes einzelne Mal, als Ford ihn ein dummes, hübsches Ding genannt hatte. Ihm wurde schlecht. Er schlug Fords Hand von seinem Gesicht weg, aber der lachte nur unbeeindruckt.

„Ich wollte dich schon immer schreien hören“, sagte Ford und stieß ihn in die Zelle hinein. Mars fiel hart auf seine Knie und Hände und rutschte instinktiv zurück. Weg von Deklan und dem Wolf. Ein Knurren vibrierte durch den Raum, setzte sich schmerzhaft in Mars’ Haut fest. Er sah den riesigen, weißen Wolf, die aufblitzenden Zähne.

„Atair!“, schalt Deklan. Er ging zu dem Wolf und streckte seine Hand nach ihm aus. Seine Finger zitterten, bevor er sie auf das Fell legte. Der Wolf knurrte wieder, sah dabei aber Mars und die Wachen an, die einen schützenden Halbkreis hinter Deklan bildeten, um ihn jederzeit aus der Reichweite des Wolfs ziehen zu können.

„Das war ein wundervoller Kampf heute. Ich habe dir daher etwas mitgebracht.“

Mars wollte plötzlich lachen, aber nur Husten kam heraus. „Unter den alten Göttern meiner Welt gab es auch einen Gott des Krieges. Sein Name war Mars und so heißt auch dieser Mensch hier ...“

Diesmal lachte Mars wirklich, weil die Panik nur auf diese Art hinauskommen wollte. Er wusste von dem Kriegsgott. Aber er wusste auch, dass er nicht nach ihm benannt worden war. „Bald ist Vollmond“, erklärte Deklan weiter in einer Tonlage, in der man Kindern Märchen erzählt. „Daher nimm bitte dieses Opfer an.“ Er sagte dann etwas auf Naasyeli, das Mars nicht sofort verstand. Eine gute Jagd.

Deklan berührte ein letztes Mal das Fell des Wolfs und ging hinaus. Die Wachen folgten ihm vorsichtig. Mars sah ihre Bewegungen aus den Augenwinkeln, unfähig seinen Blick von dem Wolf abzuwenden. Eine gute Jagd. Das war unmöglich. Das konnte einfach nicht sein!

„Max“, zischte Ford. „Beweg deinen Arsch da raus!“

Das letzte Paar Beine entfernte sich und die Tür schlug dumpf zu.

„Hey!“, rief er sofort hinterher. „Max!“ Niemand antwortete ihm, stattdessen ging das Licht in der Zelle aus. Er rutschte zum Gitter, schrie lauter. „Alfie?! Das könnt ihr nicht machen!“

Der Wolf machte einen Satz auf ihn zu und knurrte. Mars rutschte weg. Sein Hinterkopf schlug so hart gegen etwas, dass er Tränen in den Augen hatte. Das Grollen wurde zu etwas Greifbarem, das über seine Haut kroch. Der Wolf ragte vor ihm auf, zwang ihn wieder ein Stück nach hinten. Mars versuchte, sich an irgendein Wort Naasyeli zu erinnern, aber nicht einmal ein simples Nein fiel ihm ein. Der Schweiß brannte in seinen Wunden und überzog seine Haut mit einer eiskalten Schicht. Das war ein Scherz, sagte er sich. Ein Versehen … Luan hätte ihm niemals so etwas angetan.

Mars erkannte zu spät, dass der Wolf ihn in eine Ecke getrieben hatte. Er saß eingeklemmt zwischen der Wand und der Kloschüssel, eingehüllt in ihre Ausdünstungen und den stechenden Gestank von Schimmel.

„Bitte nicht“, sagte er, aber er hörte es kaum selbst. Der Wolf knurrte wieder und das Geräusch hallte von den Wänden wider, brachte jegliche Laute im Gang zum Verstummen. Mars wünschte sich, sein Herz würde genauso lautlos stehen bleiben. Er schloss die Augen und wartete auf den Schmerz. Presste die Lippen fest zusammen. Er wollte nicht schreien. Das war das Einzige, was er sich noch wünschte. Er wollte Ford nicht den Gefallen tun. Die Stille legte sich in einer Schicht über den Raum. Mars hörte nur das weiche Rascheln von Fell. Der Wolf berührte ihn. Mars konnte nichts tun, sein ganzer Körper war wie eingefroren. Der Atem des Wolfs kroch heiß seine Haut entlang, seine Arme, sein Haar, bevor alles wieder kalt wurde.

„Was ist da los?“, flüsterte jemand draußen. „Hush, kannst du was sehen?“

Ist er schon tot?“, fragte jemand auf Somîdy. Und Mars fragte sich das auch. War es schon vorbei? War er tot? Seine Muskeln krampften schmerzhaft. Er konnte nicht einmal mehr die Arme hinunternehmen, die er zum Schutz um sich geschlungen hatte. Er öffnete die Augen und sah zuerst nur Schlieren. Der Wolf war weg.

Er sah bald dessen Augen, die wie zwei Kristalle in der Dunkelheit schwebten. Er hatte diese Farbe bisher nur einmal bei einem der Gewitterstürme auf Raj 2 gesehen. Ein Violett, das elektrisch geladen schien. Der Wolf beobachtete ihn. Eine gute Jagd, hatte Deklan gesagt. Der Wolf wartete wohl darauf, dass er sich bewegte. Dass es einen Kampf...



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