E-Book, Deutsch, 288 Seiten, Format (B × H): 125 mm x 205 mm
Bahrmann Francos langer Schatten
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-86284-472-2
Verlag: Ch. Links Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Diktatur und Demokratie in Spanien
E-Book, Deutsch, 288 Seiten, Format (B × H): 125 mm x 205 mm
ISBN: 978-3-86284-472-2
Verlag: Ch. Links Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der Historiker und Spanienkenner Hannes Bahrmann erzählt anschaulich die dramatische Geschichte vom Franco-Putsch 1936 über den Tod des Diktators 1975 bis heute. Und er zeigt, wie sehr die unbewältigte Vergangenheit die demokratische Gegenwart belastet.
Hannes Bahrmann (1952 - 2024) studierte Lateinamerikawissenschaften und Geschichte, arbeitete als Journalist und ist Autor zahlreicher Sachbücher zur Geschichte Lateinamerikas, darunter Publikationen zu den gescheiterten Revolutionen in Kuba (2016), Nicaragua (2017) und Venezuela (2018). Darüber hinaus veröffentlichte er viel beachtete Bücher zur DDR-Politik und deutschen Vereinigung.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Prolog
Das Mausoleum des Führers war das größte Europas. 18 Jahre lang schufteten hier 20 000 Häftlinge aus Konzentrationslagern. Über der riesigen Anlage ragt ein Kreuz 152 Meter in die Höhe. Es ist 200 000 Tonnen schwer. Eine Stiftung erinnert an Leben und Werk des Führers, Plätze sind nach ihm benannt, ganze Ortschaften. Hunderte Straßen tragen bis heute die Namen seiner Generäle. Berüchtigte Folterer erhalten Ehrenpensionen und Auszeichnungen. Seine toten Gegner haben hunderttausendfach keine Namen. Sie liegen in Massengräbern oder in Straßengräben verscharrt. Gerichtsurteile aus der Zeit der Diktatur sind heute, mehr als vier Jahrzehnte nach ihrem Ende, weiterhin gültig.
Der spanische General Francisco Franco putschte sich 1936 mithilfe Adolf Hitlers und Benito Mussolinis an die Macht und entfesselte einen Bürgerkrieg, aus dem er 1939 siegreich hervorging. Man nannte ihn (der Führer). Seine Diktatur hielt fast vier Jahrzehnte. Franco prägte sein Land durch Terror und Angst. Konzentrationslager, Gefängnisstrafen, Vertreibung und Benachteiligung prägten das Leben der Besiegten. Der Tod ereilte den 82-Jährigen 1975 im Bett. Der Befund lautete alterstypisch multiples Organversagen.
Die nach seinem Tod neu zugelassenen demokratischen Parteien beschlossen, die Toten und die Vergangenheit ruhen zu lassen. Sie vereinbarten den – den Pakt des Vergessens. Mit dem Amnestiegesetz von 1977 sollten die Straftaten der Vergangenheit ungesühnt bleiben. Man errichtete die spanische Demokratie auf dem Fundament der Diktatur.
Der Amnestie folgte die Amnesie, ein Vierteljahrhundert des kollektiven Gedächtnisverlusts. Der alte Apparat der Diktatur blieb unangetastet. Richter, Beamte, Polizisten, Geheimdienstler, Archivare, die Armeeführung – sie alle blieben in ihren Ämtern. Die Regierungen wechselten zwischen den Sozialisten von der (PSOE) und der (von Franco-Leuten initiierten) rechtskonservativen (PP).
Die PP war gegen jede Aufarbeitung der Vergangenheit. Auch die PSOE zeigte kaum Interesse. »Der Bürgerkrieg ist kein Ereignis, dessen man gedenken sollte, auch wenn er für die, die ihn erlebten und erlitten, eine entscheidende Episode in ihrem Leben darstellt. Der Krieg ist endgültig Geschichte, ist nicht mehr lebendig und präsent«, befand der sozialistische Regierungschef Felipe González zum 50. Jahrestag des Putsches der Generäle.
Erst die Enkelgeneration der entführten und ermordeten Verteidiger der Republik fing nach der Jahrtausendwende an, lauter zu fragen, wo ihre Großeltern geblieben waren. Mit ihrem Drängen stößt sie bis heute bei offiziellen Stellen auf Hindernisse. Die Türen zu den Akten blieben lange Zeit für die an einer kritischen Aufarbeitung Interessierten verschlossen. Im Zweifelsfall kam das Gesetz über den Schutz von Staatsgeheimnissen aus der Franco-Zeit zur Anwendung, das bis heute gilt. Wer sich den Zugang in die Archive erkämpfte, erlebte ein gestaffeltes System der Verhinderung: Akten waren verschwunden, verlegt, nicht auffindbar. Die relevanten Archive in Spanien sind bis heute systematisch unterbesetzt. 2018 arbeiteten in den 23 Archiven des Militärs 28 Archivare.
Spanien ist nach Kambodscha weltweit das Land mit den meisten Massengräbern. Sie sind über das ganze Land verteilt. Eine offizielle Kartierung gibt es bis heute nicht. Eine staatliche Datenbank mit der DNA der »Verschwundenen« existiert nicht. Das ist der Grund, warum die Opferzahlen für die Franco-Diktatur eine große Schwankungsbreite haben. Ging man im Jahr 2000 z. B. noch von 30 000 Verschwundenen aus, sind es jetzt weit mehr als hunderttausend, von denen bis heute jede Spur fehlt. Und es werden immer noch mehr.
Den Spaniern, die nach 1975 eine Schule besucht haben, wurde das wahre Ausmaß der Verbrechen nicht vermittelt. Ein Team der Universität von León untersuchte die Lehrmaterialien im Fach Geschichte der Mittel- und Oberstufe. Die Wissenschaftler kamen nach dreijähriger Arbeit zu folgenden Schlussfolgerungen: Die Ursachen für den Ausbruch des Bürgerkriegs werden oft falsch dargestellt. Landläufig wird erklärt, »das Chaos in der Zweiten Republik« sei die Ursache gewesen, nicht der Putsch der Militärs um Franco. Es wird von »Erhebung« gesprochen oder von einem »Bruderkrieg«, nicht vom Putsch der Generäle.
Die Zeit der Diktatur nach dem Ende des Bürgerkriegs und die Verfolgung und Unterdrückung der unterlegenen Republikaner werden im Schulunterricht weitgehend ausgeblendet. Die Diktatur wird als eine »nichtdemokratische Regierung« umschrieben. Franco wird mit seinem Titel als »Generalissimus« geführt, nicht der Diktator genannt. Ausgespart wird die Rolle der Kirche als Unterstützerin der Diktatur ebenso wie der Widerstandskampf gegen Franco. Eine der Folgen: Die faschistische Hymne ist einer der beliebtesten Titel bei Spotify Spanien und wird – vor allem von jungen Leuten – millionenfach heruntergeladen.
Noch heute erscheinen Bücher, die von der Zensur der Diktatur verschandelt wurden. Der spanische Philologe Jordi Cornellà gibt als Beispiel die spanische Ausgabe von Ernest Hemingways Roman »Über den Fluss und in die Wälder« an. Im Original steht die Dialogzeile »Sind Sie lesbisch?«, in der spanischen Ausgabe »Sind Sie normal?« Spanische Verlage verkaufen die zensierten und zusammengestrichenen Texte von weltbekannten Autoren wie George Orwell, Ian Fleming, Henry Miller oder James Baldwin bis heute.
Spanier lesen in den Nachschlagewerken wie dem in der Ausgabe von 2011, dass Diktator Franco ein »verdienter Militär« war und die Diktatur »autoritär, aber keinesfalls totalitär« gewesen sei. Der Autor des biografischen Artikels war der frühere Hofbiograf Francos, Luis Suárez Fernández.
Unzählige Mythen sind über Franco im Umlauf. Er sei der Vater der Sozialversicherung, da sind sich viele Spanier sicher. Er war es nicht. Sie wurde bereits im Jahr 1883 eingeführt. Da war er noch gar nicht geboren. Franco habe den bezahlten Urlaub eingeführt – hat er nicht. Das entsprechende Gesetz stammt von 1918. Auch die staatliche Rente führte Franco nicht ein, sie datiert aus dem Jahr 1919. Die ihm zugeschriebene systematische Bewässerung Spaniens fußte auf dem , und der stammt aus dem Jahr 1902. Franco gründete auch keine großen Unternehmen, weder die Telefónica (1924) noch die Fluglinie Iberia (1927). Auf ihn gehen weder die Unterstützung kinderreicher Familien noch die Alphabetisierung, der Schutz der Blinden, der Mindestlohn, die Witwenrente, die Berufsausbildung oder die Schulpflicht zurück. Aber viele Spanier glauben weiter fest daran.
An vielen Orten stößt man auf Symbole der Diktatur. Das Emblem an den Kasernen der paramilitärischen zeigt bis heute das faschistische Rutenbündel. Man sieht das franquistische Wappen an Rathäusern. Denkmäler preisen den »glorreichen Kreuzzug« der Franco-Armee, und Hunderte Straßennamen halten das Gedenken an die Diktatur lebendig. In vielen Orten gibt es noch die , mit der Franco gehuldigt wurde. Der Schlachtruf der Franquisten findet sich ebenso wieder, wie Straßen nach der benannt sind, die Franco an Hitlerdeutschland zur Unterstützung im Krieg gegen die Sowjetunion auslieh.
Das furchtbarste Monument der Diktatur befindet sich eine Autostunde außerhalb Madrids: El Valle de los Caídos, das Tal der Gefallenen. Offiziell ist es Mahnmal und Grabstätte für die Toten des spanischen Bürgerkrieges. Den Ort für das Bauwerk in der kastilischen Hochebene hatte Franco unmittelbar nach Ende der Kämpfe 1939 persönlich ausgesucht. Zwei Jahre später begannen die Arbeiten auf dem 1400 Hektar großen Gelände. Hunderttausende Tonnen Fels wurden gesprengt, um Platz für die Basilika, ein Kloster, Pilgerunterkünfte und Ähnliches zu schaffen. Die Bauarbeiten dauerten insgesamt 18 Jahre und kosteten nach heutiger Kaufkraft 3,5 Milliarden Euro.
Zum 20. Jahrestag des Sieges der Franquisten weihte der Diktator das Monument ein. »Der Bürgerkrieg war kein Bruderkrieg, sondern ein Kreuzzug für das wahre Spanien«, sagte er damals in seiner Eröffnungsrede. »Unser Sieg war ein Sieg für die Einheit des spanischen Volkes.« Deshalb sollten an diesem Ort die Gebeine der Toten von beiden Bürgerkriegsparteien beerdigt werden. Platz genug hatte man geschaffen. Bis zu 150 000 Tote konnten hier ihre letzte Ruhe finden. Niemand wollte zunächst seine Angehörigen ins »Tal der Gefallenen« bringen lassen. Die Sieger nicht und die Besiegten erst recht nicht. Doch Franco setzte seinen Willen durch. Aus allen Teilen Spaniens ließ er die sterblichen Überreste der Toten des Bürgerkrieges heranschaffen. Insgesamt sind es...




