E-Book, Deutsch, 268 Seiten
Bischof Nicht genug
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-7412-5683-7
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 268 Seiten
ISBN: 978-3-7412-5683-7
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Katrin Bischof, geboren 1971 in Stade, lebt heute in den Niederlanden. Sie studierte Germanistik und Slawistik an der Universität Kiel. Nach einigen Jahren als Fremdsprachensekretärin folgte ein weiteres Studium der 'Internationalen Fachkommunikation" an der Universität Hildesheim. Seit Dezember 2008 ist Katrin Bischof als freiberufliche Fachübersetzerin tätig. Ihr erster Roman 'Der Enklavenmann" erschien 2014, ihr erster Erzählungsband 'Wendepunkte" 2016.
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1.
An diesem Dienstag hatte Robert wieder die Ruhelosigkeit überfallen.
Gesa hatte Elina zur Schule gebracht und spürte es sofort, als sie um kurz vor halb neun zurückkam. Er saß hinter seiner Zeitung verschanzt beim Frühstück, noch in seiner grauweißgestreiften, Gesa immer an Sträflingskleidung erinnernden Pyjamahose und verblichenem grauen T-Shirt. Sein Knie zuckte in einem eigensinnigen Rhythmus auf und ab, als hätte es sich selbständig vom Rest seines Körpers gemacht. Gesa hatte ihm einen guten Morgen gewünscht, den Computer eingeschaltet und sich an die Arbeit gemacht. Am Dienstag musste sie nicht in die Schule. Sie nutzte diesen einzigen freien Morgen in der Woche gerne, um so viele der Deutschstunden wie möglich vorzubereiten, die sie bis Ende der Woche noch zu geben hatte.
Gesa hörte das Rascheln der Zeitung, Roberts Räuspern und das lauter werdende Rauschen und Brodeln des Wasserkochers, als er sich mehr Kaffee machte. In dieser Wohnung hatte jeder sein eigenes Zimmer, aber aus irgendeinem Grunde fand trotzdem alles in dem riesigen, hufeisenförmig geschnittenen, Küche, Wohn- und Esszimmer umfassenden einen Raum statt: Spielen, Arbeiten, Kochen, Verzehren von Mahlzeiten. Manchmal fand Gesa das gemütlich. Aber oft genug hätte sie auch lieber eine Tür hinter sich zugemacht, um all den Geräuschen und Gerüchen nicht mehr ausgesetzt zu sein.
Gegen zehn war Robert zu ihr herübergeschlendert, inzwischen in Trainingshose, aber immer noch mit dem Drei-Tage-Bart im Gesicht. Lange hatte er am Fenster gestanden und hinaus auf den menschenleeren Platz vor dem Haus gestarrt, in das trübe, feuchtkalte Februarwetter. Schließlich hatte er sich mit seiner Kaffeetasse an das Laptop gesetzt und war in die Tiefen des Internets abgetaucht. Seine festen Anlaufpunkte jeden Tag waren zunächst verschiedene internationale Online-Zeitungen und -Magazine. Von dort aus ließ er sich einfach treiben. Das allein hätte Gesa wohl gar nicht so sehr gestört (immerhin war er Rentner, wie sie sich immer wieder vor Augen hielt, und hatte somit das Recht, ziellos in den Tag hineinzuleben), wenn er nicht die enervierende Angewohnheit gehabt hätte, irgendwelche Clips einfach drauflos abzuspielen. Das fröhlich schmetternde Gestampfe von Cajun-Musik, Ausschnitte aus den von Robert so verehrten Akira Kurosawa-Filmen, natürlich in japanischer Sprache (die für ihre Ohren abgehackt und immer bedrohlich aufgeregt klang), ein Zusammenschnitt sämtlicher in »Fargo« geäußerter »Yeahs«: Alles, wirklich alles, konnte jederzeit ohne Vorwarnung auf Gesa abgefeuert werden. Diesmal war es das sonore Organ von Bill Cosby, das, untermalt von kreischenden Konservenlachsalven, hinter ihrem Rücken losdröhnte.
Robert lachte, ein leises, glucksendes Kichern, das unversehens in schallendes Hahaha überging. »Das hier ist lustig… Willst du dich nicht eben mal zu mir setzen?«
»Eigentlich nicht, ich habe zu tun. Könntest du das bitte ein bisschen leiser machen?«
Am liebsten hätte sie Kopfhörer aufgesetzt oder den Raum verlassen. Sie tat es nicht, denn sie fand, dass er schließlich ebenso gut Kopfhörer aufsetzen oder den Raum hätte verlassen können.
»Wolltest du nicht anfangen, diesen Artikel von Amnesty International zu übersetzen?«, fragte sie ihn, als der Clip zu Ende war.
»Ja, das sollte ich wohl…« Er reckte sich und gähnte.
»Keine gute Nacht gehabt?«
»Nein… Wieder wach gelegen von zwei bis fünf. Wie spät ist es?«
Gesa hätte ihn beinahe darauf hingewiesen, dass der Bildschirm rechts unten die Uhrzeit anzeigte. Aber sie unterließ es. »Zehn vor elf«, sagte sie.
»Ich glaube, dann werde ich bald mal mit den Vorbereitungen fürs Mittagessen beginnen.« Er gähnte wieder, nahm seine Kaffeetasse und stand auf. Gesa musterte den Wohnzimmertisch. Dort, wo die Tasse gestanden hatte, war jetzt ein Kaffeering auf der Glasplatte. Sie widerstand dem Drang, in die Küche zu laufen und ein Papiertuch zu holen.
»Ich schalte das Laptop aus, wenn du es nicht mehr brauchst«, rief sie Robert hinterher. »Strom ist schon wieder teurer geworden.«
Er machte sich in der Küche zu schaffen; öffnete und schloss Schränke, klapperte mit Geschirr; hackte irgendetwas. Der durchdringende Geruch gebratener Zwiebeln wehte aus der Küche zu ihr herüber.
»Was machst du?«
»Kürbissuppe vorweg. Und danach Salat, Gnocchi und Broccoli.«
Wenigstens kochte er. Das war schon mal viel wert.
Um zwölf holte Gesa Elina von der Schule ab. Neben den Partien Mensch-ärgere-dich-nicht oder Memory, die sie alle drei mit Leidenschaft ausfochten, Abend für Abend, bevor es für Elina Zeit war, zu Bett zu gehen, waren die Mahlzeiten zu dritt das, was Gesa an Roberts Besuchen mittlerweile am meisten schätzte. Es war schön, sich an einen gedeckten Tisch zu setzen und Essen vorgesetzt zu bekommen, das jemand anders zubereitet hatte. Robert gab sich große Mühe, auf die Vorlieben aller einzugehen, was rührend war. Aber sie aßen alle nicht nur mit mehr Appetit, es wurde auch viel mehr geredet bei Tisch, wenn er da war. Elinas und Gesas Mahlzeiten zu zweit verliefen meist recht einsilbig, denn das Kind war wenig gesprächig und Gesa zwar stets ansprechbereit, doch in Gedanken oft anderswo. Ihr Nichtreden störte weder sie noch Elina (nahm sie zumindest an), aber mit Robert war es schon etwas anderes; der graue Alltagsbrei erhielt bunte Farbtupfer. Er stellte Elina detaillierte Fragen, darüber, ob sie ihre Lehrerin mochte, welche Klassenkameraden sie zu ihrem Geburtstag einladen wollte, was sie in der letzten Turnstunde gelernt hatte, mit denen er diese sonst sehr kontrollierte, knapp Sechsjährige zu Reaktionen brachte, die einen gewissen Einblick in ihre ansonsten sorgfältig abgeschirmte Gefühlswelt gaben. Das konnte manchmal nur ein Augenrollen oder Schulterzucken sein, aber es zeigte doch, dass Elina über die Dinge ihre ganz eigene Meinung hatte. Sehr oft gelang es Robert, sie aus der Reserve zu locken und in regelrechte Diskussionen zu verwickeln, in deren Verlauf sich für alle erstaunliche Erkenntnisse ergaben. Er fand immer einen Anknüpfungspunkt und hatte – wenn es um Elina ging – ein erstaunlich gutes Gedächtnis, selbst für banalste Kleinigkeiten.
»Wie hieß doch gleich nochmal dieser Junge, der neulich von deiner Lehrerin aus dem Klassenzimmer geschickt wurde? Jordi?«
»Ja«, sagte Elina. »Weil er nur Quatsch gemacht hat.«
»Und geht es denn jetzt besser mit ihm? Ich meine, macht er nicht mehr ganz so viel Quatsch?«
»Doch, immer noch. Gestern hat er Nienke seinen Kaugummi ins Haar geklebt. Und die hat geheult.«
»Das kann ich mir vorstellen. Bestimmt musste ihre Mutter ihr die Haare abschneiden.«
Elina nickte. »Ja, an der Seite fehlt jetzt was, das fand Nienke auch ganz schlimm. Warum machen Jungs eigentlich immer so viel Quatsch, Robert?«
»Tja…« Robert überlegte kurz. »Es hat viel damit zu tun, dass Jungs Mädchen beeindrucken wollen.«
»Was heißt ›beeindrucken‹?«
»Sie wollen, dass die Mädchen glauben, dass sie alles können und wissen.«
»Wirklich?« Elina verdrehte die Augen. »Warum wollen sie das denn bloß?«
»Es steckt so in ihnen drin. Sie können nicht anders.«
Elina winkte mit einer Handbewegung ab, die der einer Fünfzehnjährigen an Lässigkeit in nichts nachstand. »Also, mich beeindruckt es nicht, wenn sie Quatsch machen.«
»Du bist ja auch ein kluges Mädchen, das selbst sehr beeindruckend ist.«
Elina kicherte, nahm diese Aussage aber ansonsten wie selbstverständlich hin. »Und, hast du auch Quatsch gemacht, damit Mama glaubt, dass du alles kannst und weißt?«
»Sicher.« Robert verzog das Gesicht zu einem Lächeln, das vielleicht eine Spur angespannt war. »Aber deine Mama ist genau wie du, sie kann und weiß selbst eine ganze Menge, da hilft Quatsch machen auch nichts.«
Elina überdachte es einen Moment, dann verkündete sie: »Ich finde, du kannst gut kochen. Und vorlesen und Geschichten erzählen.«
»Quatsch ist ja auch nicht nur schlecht«, sagte Gesa, die Roberts Blick auf sich ruhen fühlte. »Man sollte nur wissen, wann Schluss mit dem Quatsch sein muss.«
»Ich hoffe, das habe ich immer gewusst.« Roberts Lächeln hatte sich noch etwas mehr verkrampft.
Gesa sagte nichts, obwohl sie wusste, dass sie das, was er hoffte, nun bestätigen sollte, und fing stattdessen an, den Tisch abzuräumen. Elina fragte Robert, ob er noch einen Clip mit ihr sehen würde. Die beiden setzten sich an den PC, Elina auf Roberts Schoß. Kurz darauf ein Ernie-und-Bert-Dialog über ein Stück Schokoladenkuchen, dessen Verschwinden der listige Ernie dem Krümelmonster in die Schuhe zu schieben versuchte. Gesa hörte beide laut lachen. Robert hatte ihr einmal erzählt, dass seine Exfrau immer gesagt hatte, er sei nur für den Spaßpart gut gewesen. Lange hatte sie nicht verstanden, was die...




