E-Book, Deutsch, 188 Seiten
Bischof Wendepunkte
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-7412-3583-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 188 Seiten
ISBN: 978-3-7412-3583-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Katrin Bischof, geboren 1971 in Stade, lebt heute in den Niederlanden. Sie studierte Germanistik und Slawistik an der Universität Kiel. Nach einigen Jahren als Fremdsprachensekretärin folgte ein weiteres Studium der "Internationalen Fachkommunikation" an der Universität Hildesheim. Seit Dezember 2008 ist Katrin Bischof als freiberufliche Fachübersetzerin tätig. Ihr erster Roman "Der Enklavenmann" erschien 2014.
Autoren/Hrsg.
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Das Leben ist einfach geil
»Das Leben ist einfach geil«, stellt Ilona fest. »Findest du nicht auch?«
Ilona hat mich zum Essen beim Italiener eingeladen, aus Anlass meiner bestandenen Probezeit. Es ist ein lauer Maiabend, und wir haben uns nach draußen an den Tisch unter der breitgefächerten Topfpalme gesetzt. Eben gerade hat sie mir angeboten, ab jetzt Ilona und du zu ihr zu sagen.
Da sitzt sie, schmal, man sieht ihr die frühere Leichtathletin noch an, mit erdbeerblondem Haar, milchig-makelloser Haut und einigen wenigen, neckisch dahingetupften Sommersprossen auf dem spitzen, feinen Näschen. Sie lehnt sich mit genüsslichem Seufzen zurück und legt die Hand auf ihren Babybauch, der sich unter der silbergrauen, weich fließenden Bluse mit den Glockenärmeln und dem gerade eben nicht zu tiefen V-Ausschnitt dezent wölbt. Sie ist eine elegante Schwangere, selbst im siebten Monat noch.
Das Leben ist also einfach geil. Die Selbstverständlichkeit, mit der sie diese fünf Worte dahinwirft, stürzt mich in eine kleine Betretenheitskrise. So etwas hätte ich nicht einmal als Siebzehnjährige gesagt, geschweige denn gedacht, als ich noch gar keine Ahnung davon hatte, wie sich Enttäuschung eigentlich anfühlt.
»Es hat so seine Momente … in denen man zumindest das Gefühl hat, dass alles so, wie es ist, schon irgendwie seine Richtigkeit hat«, sage ich zögernd und knete an meiner Papierserviette herum. Gerade jetzt kommt mir das erbärmlich wenig vor. Geil ist was anderes.
»Ach komm.« Ilona prustet belustigt. »Mehr erwartest du nicht?«
»Wer so viel Glück hat wie du, hat gut reden«, wende ich ein.
Bei Ilona scheint alles so einschüchternd perfekt. Sie ist erfolgreich als selbständige Grafikdesignerin, sie hat vor acht Jahren ihren Traummann kennengelernt - schon bei der ersten Begegnung wusste sie, dass er der Richtige war -, und nun ist das Wunschkind unterwegs, das gleich im ersten Anlauf per künstlicher Befruchtung gezeugt wurde. Dass es makellos sein wird, steht außer Zweifel. Ilona hat selbstverständlich alle Untersuchungen machen lassen, die bei Erstgebärenden über fünfunddreißig angeraten werden; sie nimmt nur noch Biokost zu sich und ruht regelmäßig; sie macht die empfohlene Gymnastik; sie liest alle Fachbücher, derer sie habhaft werden kann. Bisher verläuft die Schwangerschaft prächtig.
Und außerdem ist Ilona dazu auch noch die einzige gutaussehende Rothaarige, die ich kenne.
»Das hat nichts mit Glück zu tun.« Sie lächelt triumphierend. »Das ist eine Einstellungssache. Man bekommt das, womit man sich zufrieden gibt.«
»Also, ich wäre schon sehr zufrieden, wenn ich ein Kind hätte.« Ich versuche, scherzhaft zu klingen. »Aber das allein reicht offensichtlich nicht, damit sich eines einstellt.«
»Ach, hast ja noch Zeit«, sagt sie und pickt sich den letzten Champignon von der Antipasti-Platte. »Bevor ich sechsunddreißig war, hatte ich überhaupt keinen Bock auf Kinder.«
Martin und sie, erzählt sie, hätten nie zu denjenigen gehört, die nur deswegen ein Kind bekommen, weil man das nun mal so macht. Sie hätten sich rundum komplett gefühlt, auch zu zweit, nicht defizitär. Aber dann habe sie sich irgendwann gedacht, dass ein Kind das sei, was in ihrem erfüllten Leben noch fehlte, nach der beruflichen Selbstverwirklichung und der großen Liebe und all den Reisen nach Australien und Vietnam und Südafrika. Als Tüpfelchen auf dem i sozusagen. Das große, ultimative Abenteuer.
Mein Leben ist ebenfalls erfüllt, allerdings vor allem von dem Bewusstsein, dass es genau so, wie es ist, gerade nicht weitergehen darf, jedenfalls nicht mehr allzu lange. Ich bin nur drei Jahre jünger als Ilona, aber alles, was bei ihr perfekt ist, ist bei mir prekär. Ich bin Berufsanfängerin mit sehr wackligem Status, bisher nichts weiter als eine Schwangerschaftsvertretung mit Halbtagsstelle und auf ein Jahr befristetem Vertrag. Ein fester Partner ist ebenfalls Fehlanzeige, alles, was ich vorzuweisen habe, ist ein On-Off-Lover, mit dem mich (da mache ich mir nichts vor) in erster Linie körperliche Anziehung verbindet. Bock auf ein Kind habe ich auch. Aber der Materialisierung dieses Wunsches bin ich, seit ich ihn verspüre, noch keinen Schritt näher gekommen. Das ist der wundeste Punkt von allen.
Während ich noch grübele, hat Ilona offenbar noch etwas gesagt, dass ich nicht mitbekommen habe.
»Eigentlich habe ich Kinder früher nicht ausstehen können«, fährt sie gerade fort. »Ich finde, Kinder sind wie Hunde: Die meisten sind ganz schrecklich, aber es gibt ein paar, die total niedlich sind.«
Ich frage sie, warum sie so sicher sei, dass ihr eigenes Kind zu den niedlichen gehören würde.
»Na ja …« Sie kichert ein bisschen; das macht sie auch manchmal, wenn sie mit Kunden am Telefon spricht und ihnen erklärt, warum sie ihnen zusätzlichen Aufwand in Rechnung stellen muss. »Ich meine, immerhin ist das eigene Kind doch ein Teil von einem selbst, und sich selbst findet man ja gut. Und den Mann hat man sich schließlich ausgesucht, also findet man den ja wohl auch irgendwie gut, darum denke ich, dass man das eigene Kind schon mögen wird.«
Nicht einmal ihre Selbstzufriedenheit kann ich Ilona vorwerfen. Wenn ich ihr Leben hätte, würde ich sicher auch so reden. Der Erfolg gibt ihr Recht.
»Ich bin jedenfalls total froh, dich gefunden zu haben«, sagt Ilona in diesem Moment und legt mir die Hand auf den Arm. »Wie ist es denn, hast du dich schon nach einer Wohnung umgeschaut?«
Das ist die Gelegenheit. Ich fasse mir ein Herz.
»Ich habe eine Wohnung gefunden«, sage ich. »Nächste Woche erfahre ich, ob ich sie bekomme. Allerdings …« Ich stocke.
»Ja?«, macht sie aufmunternd.
»Der Vermieter sähe es gerne, wenn ich einen unbefristeten Arbeitsvertrag vorlegen könnte.«
Ilona zuckt zurück, als hätte ich ein unfeines Wort in den Mund genommen. »Nein, also darauf kann ich mich jetzt nicht festlegen. Für mich ist es schon ein großer Schritt, dass ich überhaupt jemanden einstelle.«
»Okay«, sage ich. »Dann müssen eben meine Eltern für mich bürgen.«
Sie sieht mich entschuldigend an. »Mehr als ein befristeter Vertrag geht wirklich nicht. Du könntest ja schwer krank werden, oder schwanger. Das kann ich mir mit meinem Ein-Frau-Unternehmen nicht leisten. Ich bin sicher, du verstehst das.«
»Und, wie ist sie denn so als Chefin?«, fragt Marion mich zwei Tage später bei unserer Kaffeepause.
»Ganz okay.« Ich nicke. »Sie bemüht sich, immer nett zu sein.«
Was ich sage, stimmt. Ilona gibt sich wirklich Mühe. Bisher hat sie nur zweimal einen Aussetzer gehabt. Das eine Mal war, als ich aus Versehen die falsche Version eines Angebots abgespeichert habe, das dann an den Kunden rausging. Das zweite Mal hat sie mir lang und breit vorgerechnet, wie viel ich sie koste.
»Wird es dir nicht langsam zu anstrengend, weiter hier zu arbeiten?«, will Marion wissen.
»Natürlich.« Ich zucke die Schultern. Es ist mir längst zu anstrengend, und satt habe ich es auch, immer noch jeden Samstag- und Sonntagvormittag zum Putzen im städtischen Krankenhaus antanzen zu müssen, aber ohne den Job komme ich mit meiner halben Stelle bei Ilona kaum über die Runden. »Ich sag dir auf jeden Fall Bescheid, wenn ich Stunden abgebe oder kündige.«
Marion nickt und vertieft sich wieder in die Werbebeilage der Wochenzeitung. Ihre Schwester hat zwei kleine Kinder und ist Witwe. Ihr Mann hat sich letztes Jahr aufgehängt. Er war seit drei Jahren arbeitslos gewesen und trank zunehmend. Marions Schwester hatte ihn vor die Wahl gestellt: Therapie oder Scheidung, und da hat er den Ausweg gewählt, der ihm, im Vergleich zu den beiden anderen Optionen, wohl noch am wenigsten Angst machte. Marion hat ihrer Schwester den Job im Krankenhaus zugeschustert, aber ihr Vertrag ist befristet und muss alle halbe Jahre verlängert werden. Nun hofft Marion, dass, wenn ich gehe, ihre Schwester meine Stelle übernehmen kann. Ich war die letzte, die damals noch einen unbefristeten Vertrag gekriegt hat.
»Manchmal denke ich, warum bin ich eigentlich nicht im Reisebüro geblieben«, sinniere ich. »Jetzt hab ich ein Diplom und gehe immer noch putzen. Ich meine, als ich noch Studentin war, fand ich das ja völlig okay… Aber jetzt wäre es schön, wenn ich nach vier Jahren Studium keinen Nebenjob mehr bräuchte, um mir eine eigene Wohnung leisten zu können.«
Marion lässt die Zeitung sinken. »Du kriegst die Wohnung also?«
Ich nicke. Dank der Bürgschaft meiner Eltern kriege ich sie.
»Und, wie ist sie?«
»Klein. Sehr klein. Aber bei meinen Eltern, das ging nicht mehr.«
Sie nickt bedächtig. »Das ist auch nichts, in deinem Alter wieder bei den Eltern zu wohnen, was.«
Bei Marion sage ich immer mehr, als ich eigentlich vorhatte.
»In meinem Alter kommt man sich gescheitert vor«, gestehe ich, »wenn man wieder ins elterliche Nest zurückgekrochen kommt. Obwohl...




