E-Book, Deutsch, 352 Seiten
Dee Kaltes Herz
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-7380-7419-2
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Verkauftes Leben
E-Book, Deutsch, 352 Seiten
ISBN: 978-3-7380-7419-2
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die Autorin, Jahrgang 1967, schreibt seit frühester Kindheit Erzählungen und Tiergeschichten. Nach dem Studium machte sie ihre Tierliebe zur Passion und arbeitet heut als Tierpsychologin und Tiertherapeutin. Mit ihrer Familie lebt sie in NRW.
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Kapitel 1
Die graue Tristesse des Novembers ließ die Menschenmenge in zusammengesunkener Haltung durch die Fußgängerzone eilen. Die Schaufenster der Geschäfte warfen ein warmes Licht auf die vermummten Passanten, die keinerlei Muße hatten und sich von den Angeboten nicht locken ließen.
Heute wehte ein besonders schneidender Wind und Julia schlug den Kragen ihres Mantels hoch. Das Wetter hatte umgeschlagen und Minustemperaturen mit sich gebracht. Gezielt steuerte sie die Geschäfte an und war froh, für einige Minuten die angenehme Wärme zu spüren. Die vom Wind geröteten Wangen kribbelten.
So wie jedes Jahr, kaufte sie die Weihnachtsgeschenke am liebsten persönlich, denn in diesen Dingen vertrat sie eine altbackene Ansicht. Gerade an Weihnachten sollten die Geschenke an ihre Lieben auch von Herzen kommen. Nur war sie gerade in diesem Moment nicht wirklich mit ihrem Herzen dabei.
Florian hatte Schluss gemacht, ausgerechnet jetzt. Zuhause, in ihrem kleinen Apartment, fiel ihr ständig die Decke auf den Kopf und so hatte sie sich in ihren kleinen Flitzer geschwungen und war in die Innenstadt von Paderborn gefahren. Nun suchte sie auf Krampf Geschenke, denn was man jetzt an Land gezogen hatte, brauchte man später nicht im Gewühl der Adventszeit besorgen.
Seufzend schüttelte sie eine Schneekugel und stellte diese zurück in das Regal. Sie hätte ins Kino gehen sollen, das wäre wohl die bessere Alternative gewesen. Warme Füße, Popcorn fürs traurige Gemüt und ein anständiger Horrorfilm. Und jedem der Opfer hätte sie Florians Gesicht verpasst, dachte sie erbost.
Wie konnte er ihr das nur antun, wo er doch genau wusste, wie sehr sie die Vorweihnachtszeit zelebrierte. Angeblich drifteten ihre gemeinsamen Interessen auseinander und er hielt eine Auszeit durchaus für angemessen. Was für ein Bullshit! Sie wusste ganz genau, dass er sie betrogen hatte, mit dieser vollbusigen Zicke. Okay, sie hatte in dieser Hinsicht nicht allzu viel zu bieten, war ziemlich flach an den Stellen, wo eigentlich weibliche Rundungen hingehörten. Aber eine gute Beziehung bestand doch schließlich nicht nur aus großen Brüsten.
Leider hatte sich dieser Zustand bei ihr fast schon manifestiert. Der Typ älterer, charmanter Herr bevorzugte ihr Äußeres und junge, gleichaltrige Männer übersahen sie meist. Dabei besaß sie ein hübsches Gesicht, mit hohen Wangenknochen, und einen sportlich athletischen Körper. Das Joggen gehörte zu ihren Leidenschaften, Kopfhörer übergestülpt und raus in die Natur. Ein großer Busen wäre da völlig fehl am Platze, Sport-BH hin oder her.
Frustriert eilte sie durch die Fußgängerzone. Für heute hatte sie genug geshoppt, es hatte keinen Zweck. Sie freute sich auf ihr warmes, gemütliches Apartment und beschleunigte ihre Schritte. Mühsam schlängelte sie sich durch das Wirrwarr der Passanten und wurde ruckartig nach hinten gestoßen. Unbeholfen landete sie auf ihrem Allerwertesten.
„He, was soll das?“ Verärgert schaute sie auf.
„Wie? Ich?“ Entgeistert erwiderte der Mann im grauen Parker ihren fragenden Blick.
„Natürlich Sie, wer sonst?“, fauchte sie erneut, während sie sich aufrappelte.
„Na hören Sie mal! Wer hetzt denn hier durch die Fußgängerzone, als befände er sich auf der Flucht? Ich ganz bestimmt nicht. Augen auf, kann ich da nur flüstern.“ Seine Mundwinkel verzogen sich zu einem abfälligen Grinsen.
Mit einem schmerzverzerrten Gesicht rieb sie sich das Steißbein. Sie öffnete den Mund, um ihrem Ärger Luft zu machen, ließ es dann aber bleiben. Dieser arrogante Schnösel, locker doppelt so alt wie sie, war es einfach nicht wert. Sie musterte ihn verkniffen und lief dann an ihm vorbei. Plötzlich spürte sie einen Widerstand am rechten Ärmel.
„Ach, kommen Sie schon, ich spendiere Ihnen einen Kaffee. Als Wiedergutmachung quasi.“
„Hm. Ich weiß nicht so recht ...“ Sie hörte überdeutlich, wie die bequeme Couch nach ihr rief.
„Na los. Worauf warten Sie?“ Er benutzte einen schneidenden Befehlston, obwohl er diesmal freundlich lächelte.
„Warum eigentlich nicht. Wo gehen wir hin?“
Ohne eine Erklärung lief er los und sie stolperte ihm hinterher. Er wartete nicht ab, bis sie zu ihm aufgeschlossen hatte, sondern stapfte unbeirrt weiter. Was für ein merkwürdiger Zeitgenosse, dachte sie und begutachtete ihn neugierig von hinten. Für sein Alter war er ein recht knackiges Kerlchen. Breite Schultern, ein forscher Gang und er hatte eine vollständige Kopfrasur. Da will wohl jemand mit seinem Testosteronspiegel protzen, lächelte sie belustigt.
Urplötzlich drehte er sich um, als hätte er ihre Gedanken erraten. Ein merkwürdiger Blick traf sie.
„Dort vorn ist ein gemütliches Bistro, da kehren wir ein.“
Ohne eine Zustimmung ihrerseits abzuwarten, eilte er weiter, während sie kaum Schritt halten konnte. Schwungvoll riss er die Glastür auf und hatte sofort die komplette Aufmerksamkeit aller Gäste. Betreten sah sie zu Boden und huschte hinter ihm zu einem freien Tisch. Eigentlich hatte sie erwartet, dass er ihr aus der Jacke half, aber er setzte sich sofort. Ihre Jacke hängte sie locker über die Stuhllehne und nahm ebenfalls Platz. Beinahe herrisch winkte er die Bedienung an den Tisch.
„Bitte nur zwei Kaffee“, gab er schnoddrig seine Bestellung auf. Die Servicekraft verkniff sich ein Schmunzeln.
Oha, ihr Gegenüber schien hier kein Unbekannter zu sein.
Kaum war die junge Frau in Richtung Theke verschwunden, raunte er ihr zu: „Das Essen schmeckt hier grauenvoll, wenn Sie verstehen, was ich meine.“
Verstand sie nicht, denn er hatte sie nur zu einem Kaffee eingeladen und nicht zu einem Dinner. „Hm“, lautete deshalb ihre knappe Antwort, mit der er sich nicht so recht zufrieden geben wollte.
„Ich komme selbst aus der Gastronomie, ich bin Koch.“ Einige Augenblicke verstrichen, bevor er mit geschwellter Brust hinzufügte: „Chefkoch.“
Na, das machte den Kohl aber auch nicht fett, dachte sie amüsiert. Ihre Mutter war ebenfalls eine ausgezeichnete Köchin und benahm sich in der eigenen Küche wie eine Tyrannin.
Und was sollte sie ihm darauf antworten? „Klingt nach einem spannenden Aufgabenbereich“, heuchelte sie Interesse.
Hoffentlich entlarvte sie nicht ihr gelangweilter Blick. Sie wünschte sich sehnsüchtig zurück nach Hause. In einem warmen Wannenbad liegend oder eingewickelt in ihrer Kuscheldecke einen Thriller lesen, das wäre klasse. Leider saß sie jetzt mit diesem Schnösel von Chefkoch zusammen am Tisch und wusste nicht so recht, worüber sie reden sollte. Kochen war sowieso nicht ihre Stärke, aber das wollte sie ihm nicht auf die Nase binden.
„Ich heiße übrigens Christian.“ Ganz formal stellte er sich vor.
„Ich bin Julia.“
„Und, was machst du beruflich? Auch im Service tätig?“
Sie musste lachen. „Ja, irgendwie schon.“
„Wie darf ich die Antwort verstehen? Bist du noch Auszubildende?“
„Ja, das bin ich.“ Sie wollte keine persönlichen Dinge preisgeben. Er fragte einfach viel zu viel und das ging ihr gehörig auf die Nerven.
„Service oder Küche?“
„Nichts dergleichen, ich studiere Lehramt, viertes Semester.“ Meine Güte, war der hartnäckig. Hoffentlich gab er jetzt endlich Ruhe.
„Hätte ich dir gar nicht zugetraut.“
Hallo? Für wen hält sich dieser Möchtegern-Sternekoch eigentlich? Jetzt war sie beleidigt und dachte erbost an Florian. Die Kerle waren doch alle gleich.
Endlich standen die dampfenden Kaffeetassen auf dem Tisch und sie nippte mit kleinen Schlucken am heißen Getränk. Die vielen Leute um sie herum engten sie ein und sie wollte nur noch weg. Der liebe Christian seufzte tief mehrmals hintereinander. Höflich wie sie war, widmete sie ihm wieder ihre ganze Aufmerksamkeit.
„Na, Sorgen?“
„Das kannst du laut sagen! Heutzutage kann man sich auf keinen mehr verlassen.“
Er nahm einen großen Schluck, verbrannte sich die Lippen und fluchte einen Tick zu laut. Pikiert drehten sich die Damen am Nebentisch zu ihm herum. Jetzt war er definitiv in Ungnade gefallen.
Doch das juckte ihn nicht. Unbekümmert fuhr er fort und redete sich fest. Schimpfte über das unfähige Personal, seinen schwulen Chef, die unbeholfenen Küchenhilfen und die völlig untalentierten Jungköche. Warum hatte sie ihn bloß ermuntert, sich alles von der Seele zu reden? Hatte sie nicht noch einen dringenden Termin?
Mit Sicherheit!
„Du, es tut mir wirklich sehr leid“, unterbrach sie ihn und schenkte ihm den charmantesten Augenaufschlag überhaupt, „aber ich muss wirklich ganz dringend los. Ich soll noch ein Rezept zur Apotheke bringen. Meine Oma braucht ihre Herztabletten, sie kann unmöglich darauf verzichten.“
Eine total bescheuerte Ausrede, aber sie konnte einfach nicht geschickt lügen. Christian blickte säuerlich zu ihr auf, als sie sich erhob. Sie zückte ein Zweieurostück aus ihrer Geldbörse und legte es neben ihre Tasse.
„Danke für den Kaffee, man sieht sich …“, verabschiedete sie sich flüchtig und eilte nach draußen. Vor der Tür atmete sie erleichtert auf und rannte sofort in Richtung Parkplatz, damit er sie nicht einholen konnte. Diese Ausrede war eine peinliche Nummer gewesen. Aber ihm weiter zuhören? Nie und nimmer.
Christian war schon ein komischer Kauz. Selbstverliebt und arrogant. Warum hatte er sie so herabgestuft? Musste man Menschen immer genau ansehen, in welchen Berufen sie arbeiteten? Sie liebte Kinder und nach dem Abi war klar, dass nur ein Studium für sie...




