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Demand MERKUR Gegründet 1947 als Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken - 2019-4



Nr. 839, Heft 4 / April 2019

1. Auflage 2019, 104 Seiten, eBook
ISBN: 978-3-608-11163-7
Verlag: Klett-Cotta
Format: EPUB
Kopierschutz: Wasserzeichen (»Systemvoraussetzungen)



Demand MERKUR Gegründet 1947 als Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken - 2019-4

Weimar-Vergleiche sind angesichts des Aufstiegs der Rechten gerade en vogue – und die Weimarer Verfassung wird dabei gerne als Problem betrachtet: Der Verfassungsrechtler Horst Dreier erklärt, warum sie besser war, als ihr Ruf heute ist. Aleida Assmann ist gar nicht einverstanden mit der These, die Ivan Krastev und Stephen Holmes im Merkur zu Osteuropa vertraten: dass der Imperativ zur Nachahmung des Westens für die aktuelle Abwendung von der liberalen Demokratie sorgt. Caspar Nickel widerspricht der Ansicht, dass sich nur die rechten und linken Ränder radikalisieren: Die vermeintlich liberale Mitte habe sich mindestens ebenso sehr in ihr eigenes Milieu und ihre vermeintlich weltoffenen Ansichten eingeeigelt. Der Philosoph Andreas Dorschel denkt über das Wesen der Unterbrechung nach.
In Holger Schulzes Klangkolumne geht es um Klangspielereien auf dem neuesten Stand digitaler Technologien. Philipp Oswalt räumt mit ein paar Bauhaus-Mythen auf. Und Joseph Ben Prestel zeichnet anhand einiger Neuerscheinungen die problematische Geschichte der Palästina-Solidarität nach. Richard Schuberth hat zwei Romane ausgegraben, die im Griechenland des 19. Jahrhunderts spielen – und stellt Bezüge zur Gegenwart her.
Die wenig bekannte Geschichte des NS-Reichssippenamts zeichnet Roman Trips-Hebert nach. Die Historikerin Birgit Aschmann fragt nach der Brauchbarkeit von "Stimmungen" als wissenschaftliche Kategorie. Dieter Reinisch berichtet über den untergründig weiterschwelenden Nordirland-Konflikt. Und Robin Detje befasst sich in seiner Schlusskolumne mit Wohnungsfragen.

Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


Horst Dreier: Mehr Gerechtigkeit für die Weimarer Verfassung

Carsten Nickel: Rückbau der Gesellschaft

Aleida Assmann: Let's Go East

Andreas Dorschel: Ins Wort fallen. Figuren der Unterbrechung

Holger Schulze: Klangkolumne. Plastizität

Philipp Oswalt: Architekturkolumne. Bauhaus: Die verschwiegenen Krisen

Joseph Ben Prestel: Palästina-Solidarität. Bruchstelle einer globalen Linken

Richard Schuberth: Unter Banditen

Dieter Reinisch: Nordirland – die Gegenwart des Terrors

Birgit Aschmann: Stimmungsmache. Zu Risiken und Chancen von "Stimmungen" als (sozial)wissenschaftlichem Konzept

Roman Trips-Hebert: Das vergessene Amt

Robin Detje: Deutsches Wohnen


DOI 10.21706/mr-73-4-15 Aleida Assmann Let’s Go East!
Der bulgarische Politologe und Intellektuelle Ivan Krastev hat mit seinen brillanten Thesen und Deutungen der europäischen Migrationskrise großen Eindruck gemacht, aber, soweit ich sehe, ist eine Diskussion seiner Thesen noch nicht in Gang gekommen. Krastev hat wie kein anderer die Spaltung Europas in Ost und West über die letzten Jahre aufmerksam beobachtet und analysiert. Seine Stimme und seine Diagnose sind so wichtig, weil er aus der Perspektive Osteuropas spricht. Interessant an seinem Kommentar sind seine prägnanten und paradoxen Formulierungen sowie sein Interesse, die Ereignisse statt auf einer politisch-strategischen auf einer kollektiv-psychologischen Ebene zu diskutieren. Zum Beispiel hat er die Schockerfahrung der Massenmigration von 2015 wiederholt als »Europas 11. September« bezeichnet.1 Damit hat er nicht nur die tiefe historische Zäsur in der Geschichte der Europäischen Union betont, sondern diese Erfahrung auch als ein historisches Trauma bewertet. Diese Beschreibung ist nicht unproblematisch; zum einen, weil sie die Kategorie der Traumatisierung stillschweigend von den Flüchtlingen auf die Aufnahmegesellschaft überträgt, und zum zweiten, weil Krastev Flüchtlinge, die auf Gefahren und existentielle Not reagieren, mit Terroristen gleichsetzt. Dass unter den Flüchtlingen auch potentielle Terroristen sein können, die sich als »Schläfer« oder »Zeitbomben« erweisen, rechtfertigt nicht, diese unterschiedlichen Phänomene in einer einfachen Analogie gleichzusetzen. Deshalb gibt es noch einen dritten Grund, warum diese Beschreibung problematisch ist: Sie unterstützt einen rechtsradikalen Diskurs, der Flüchtlinge tatsächlich mit Terroristen gleichsetzt und die Aufnahmegesellschaft als deren Opfer stilisiert. Nach Krastev ist es aber gar nicht die Migration, die für diese Spaltung und den Aufstieg des Illiberalismus in Mittel- und Osteuropa verantwortlich ist. Die Gründe liegen für ihn tiefer, in einer pauschalen Absage an das Gesamtpaket sogenannter westlicher Werte, worunter er Begriffe wie »Demokratisierung, Liberalisierung, Erweiterung, gegenseitige Annäherung, Integration, Europäisierung« subsumiert. In der Rückschau erscheinen diese Werte aus der Perspektive des Ostens als Strategien einer feindlichen Übernahme. Krastevs Begriff dafür ist ein anderer, er spricht von einem »Nachahmungsimperativ« des Westens, der diese osteuropäischen Staaten ihrer Geschichte, ihres Stolzes, ihrer Würde und ihrer Identität beraubte. Denn er macht deutlich, dass ein solcher Nachahmungsimperativ auf Dauer mit »Gefühlen der Unzulänglichkeit, Unterlegenheit und Abhängigkeit, des Identitätsverlusts und unwillkürlicher Unaufrichtigkeit« einhergeht. Let’s Go West!
Zusammen mit dem amerikanischen Rechtswissenschaftler Stephen Holmes hat Krastev soeben in einem Essay im Merkur seine These vom Nachahmungsimperativ noch einmal neu formuliert.2 Beide Autoren gehen davon aus, dass die gegenwärtige Abwendung vieler europäischer Staaten von der liberalen Demokratie in der EU weniger mit politischer Theorie oder Ideologie als mit kollektivpsychologischen Stimmungen in der Politik zu tun hat. Der Gegensatz Ost-West, den man früher mit ideologischen Differenzen oder Doktrinen zu erklären pflegte, soll nun mit Gefühlsdynamiken erklärt werden. Im Mittelpunkt steht dabei der nationale Stolz. Stolz ist die Grundlage der nationalen Selbstachtung, wer gegen diese Basisregel verstößt, macht sich einer Demütigung schuldig. Der Philosoph Avishai Margalit hat Anfang der 1990er Jahre das Konzept einer nichtdemütigenden Gesellschaft erfunden. Er dachte dabei allerdings an Individuen, die der Gefahr der Beschämung oder Demütigung ausgesetzt sind. Jetzt geht es um die Demütigung von Gruppen, ganzen Gesellschaften und Nationen. In diesem Fall erfolgt die Demütigung auch nicht durch physische Beeinträchtigung oder systematische Kränkung, Verhöhnung oder anderweitige Entwertung des kollektiven Selbstbilds, sondern durch subtilere Verfahren wie Bevormundung, normativen Druck und – der Schlüsselbegriff des Essays – einen »Nachahmungsimperativ«. Denn was noch vor einigen Jahren etwa in Polen und Ungarn, als Zukunftsvision galt, trifft dort nun auf Abwehr, Trotz und offene Feindschaft; am Schluss des Beitrags ist sogar von »Rache« die Rede. Um die abrupte Wende im Osten von vormals eifrigen und getreuen EU-Europäern zu militanten EU-Gegnern zu erklären, verlagern Krastev und Holmes ihre Analyseebene auf Unausgesprochenes und fokussieren auf Bauchgefühle wie Aversionen, Animositäten und Ressentiments. Die postsozialistischen Nationen leiden, wie die Autoren in Erinnerung rufen, unter einem akuten Anerkennungsdefizit. Nachdem sie ihren Nationalstolz in der Sowjetära nicht ausleben durften, waren sie nach der Wende immer noch nicht frei, sondern mussten so werden wie der liberale Westen. Unter diesen Bedingungen moralischer und politischer Bevormundung wird ein Wunsch immer stärker: das zu sein, was man ist und nie sein durfte, ein homogener Nationalstaat in einer illiberalen Gesellschaft in einem geschlossenen Territorium. Holmes und Krastev sind nicht der Meinung, dass das die beste Staatsform für diese Nationen ist, sie konstruieren aber ein Narrativ von Europa, nach dem diesen Staaten gar nichts anderes übrigbleibt, als genau diesen Kurs einzuschlagen. Meine Kritik an ihrem Argument lautet: Sie sind Fatalisten ihrer eigenen Geschichtskonstruktion. Wir müssen die Geschichte der Europäischen Union nämlich nicht so erzählen, wie sie es tun, wir können sie auch anders erzählen. Dann wird diese negative Teleologie von alternativen Möglichkeiten und Perspektiven gekreuzt. Nur so kommen wir aus der Lieblingsstimmung vieler männlicher Intellektueller heraus: der düsteren Prognose, der Dämmerung, dem Untergang, der Apokalypse. Ahmt den Westen nach! Wenn diese Formel so viele Kränkungen und Demütigungen hervorgebracht hat, dann lohnt es, sie etwas genauer zu untersuchen. Erstaunlich ist zunächst, dass beide Autoren den Begriff des Westens noch einmal so stark machen, nachdem er doch eigentlich längst am Denkhorizont verschwunden ist. Der Westen als normativer Kampfbegriff hatte seine große Stunde im Kalten Krieg, als er dem Osten polarisierend gegenübergestellt wurde. Dieser Westen war wie das Nato-Bündnis transatlantisch definiert und schloss unbedingt die Vereinigten Staaten mit ein. Während heute das Nato-Bündnis weiterbesteht, hat die Klammer »der Westen« inzwischen rapide an Bedeutung verloren, nachdem die USA ihr politisches Interesse an Europa verloren haben. Diese Auflösung des Konzepts »der Westen« durch Abkoppelung der USA von Europa hat der amerikanische Historiker Michael Kimmage genauer untersucht. In seiner Studie The Decline of the West hat er gezeigt, dass der »Westen« ein kompakter Kampfbegriff war, der vieles miteinander verbunden hat: eine mobilisierende Politrhetorik in Zeiten des Kalten Krieges, das transatlantische Bündnis, ein europazentriertes Konzept von Geschichte und Aufklärung sowie kulturelle Institutionen an amerikanischen Universitäten wie die »Great Books«-Kurse, in denen ein westliches Bildungserbe gepflegt wurde. Die Abkehr von diesem Konzept des Westens begann nach Kimmage in der Generation Obamas und der politischen Elite, zu der dessen Berater gehörten. Diese studierten in den 1980er Jahren an Universitäten, die den Westen aus ihren Grundkursen verbannten. An die Stelle des Konzepts von westlicher Kultur und Aufklärung trat eine multikulturelle Orientierung und ein Bekenntnis zu den Menschenrechten, das keinen Umweg über Europa mehr verlangte. 2013 stellte Kimmage fest: »Die Außenpolitik der USA und Europas hat ihre Form und Mobilisierungskraft verloren, seit sie nicht mehr auf das Narrativ westlicher Freiheit zurückgreifen kann, und es ist noch keine Alternative eines Narrativs in Aussicht, das diese Rolle übernehmen könnte.«3 Auch die europäischen Staaten, die sich nicht mehr als Satellitenstaaten der USA begreifen, verzichten auf den alten Kampfbegriff des Westens und setzen in Europa längst ihre eigenen Schwerpunkte. Was in Zeiten der Modernisierungseuphorie und Fortschrittsgläubigkeit der kompakte Westen war, ist jenseits wie diesseits des Atlantiks abhanden gekommen. Warum also eine...


Demand, Christian
Christian Demand, Jg. 1960, hat Philosophie und Politikwissenschaft studiert und die Deutsche Journalistenschule absolviert. Er war als Musiker und Komponist tätig, später als Hörfunkjournalist beim Bayerischen Rundfunk. Nach Promotion und Habilitation in Philosophie unterrichtete er als Gastprofessor für philosophische Ästhetik an der Universität für angewandte Kunst Wien. 2006 wurde er auf den Lehrstuhl für Kunstgeschichte der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg berufen, wo er bis 2012 lehrt. Buchveröffentlichungen: Die Beschämung der Philister: Wie die Kunst sich der Kritik entledigte (2003), Wie kommt die Ordnung in die Kunst? (2010).

Christian Demand ist Herausgeber des >> MERKUR.


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