E-Book, Deutsch, 224 Seiten
Reihe: Fischer Klassik Plus
Dick Warte auf das letzte Jahr
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-10-402729-6
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 224 Seiten
Reihe: Fischer Klassik Plus
ISBN: 978-3-10-402729-6
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Philip K. Dick hat die Science-Fiction nicht erfunden, aber aus ihr eine Kunst gemacht. Mit prophetischem Blick und genialischer Phantasie sah er Szenarien voraus, in denen unsere Gegenwart zum Albtraum wird: »Blade Runner«, »Minority Report«, »Total Recall«, »Impostor«, »Paycheck«, »Der dunkle Schirm« - all diese Filme basieren auf seinen Büchern. 1928 in Chicago geboren, rettete er sich aus seiner psychotischen Jugend nach Berkeley. Er nahm so ziemlich alle Aufputschmittel und Drogen, die es gab, hatte Visionen und göttliche Erscheinungen, schrieb bis zu 60 Seiten am Tag und fühlte sich von FBI und KGB verfolgt. 1982 starb er wenige Wochen vor der Filmpremiere von »Blade Runner«.
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Eins
Wie gewöhnlich verbreitete das apterixförmige Gebäude, das ihm so vertraut war, rauchiges graues Licht, als Eric Sweetscent sein Rad zusammenklappte und es in den winzigen Verschlag schob, der ihm zugeteilt worden war. Acht Uhr morgens, dachte er verdrossen. Und sein Chef, Virgil L. Ackerman, hatte die Büros der TF&D Corporation bereits geöffnet. Kann ein Mensch um acht Uhr morgens schon klar denken? Nein, das verstößt gegen die göttliche Ordnung. Eine schöne Welt, die man uns da vorgesetzt hat: Der Krieg entschuldigt jede menschliche Verirrung – sogar die des alten Mannes.
Missmutig ging er auf den Eingang zu, als jemand seinen Namen rief. »Hallo, Mr. Sweetscent. Einen Moment bitte, Sir!« Die näselnde – und ausgesprochen widerwärtige – Stimme einer Robameise. Eric blieb stehen, und dann war die Maschine mit ihren beflissen rotierenden Armen und Beinen auch schon bei ihm. »Mr. Sweetscent von der Tijuana Fur & Dye Corporation?«
»Dr. Sweetscent, bitte.«
»Ich habe hier eine Rechnung für Sie, Doktor.« Die Maschine zog ein zusammengefaltetes weißes Stück Papier hervor. »Ihre Frau, Mrs. Katherine Sweetscent, hat diese Ausgabe hier vor drei Monaten über das Traumland-für-alle-Konto getätigt. Fünfundsechzig Dollar. Plus sechzehn Prozent Bearbeitungsgebühr. Sie kennen ja die Vorschriften. Es tut mir leid, dass ich Sie belästigen muss, aber es ist, äh, illegal.«
Mit äußerstem Widerwillen griff Eric nach seinem Scheckbuch. »Was hat sie denn gekauft?«, fragte er düster, während er den Scheck ausschrieb.
»Eine Packung Lucky Strike, Doktor. In der historisch authentischen grünen Version, die es vor dem Zweiten Weltkrieg gab, so um 1940. ›Lucky Strike in Grün ist in den Krieg gezogen‹ – Sie kennen ja den Spruch.« Die Robameise kicherte.
Eric sah die Maschine misstrauisch an. »Aber das müsste doch der Firma in Rechnung gestellt werden.«
Die Robameise protestierte mit einem Surren. »Nein, Mrs. Sweetscent hat darauf bestanden, die Ware zu ihrer persönlichen Verwendung zu behalten.« Und dann fügte sie eine Erklärung hinzu, die Eric sofort als unwahr erkannte. Aber er konnte nicht sagen, ob die Robameise oder Kathy sie erfunden hatte, zumindest nicht in diesem Augenblick. »Mrs. Sweetscent«, sagte die Maschine mit salbungsvoller Stimme, »baut an einem 39er Pitts, wissen Sie.«
»Ach ja?« Eric warf der Robameise den ausgefüllten Scheck zu und ging weiter Richtung Eingang.
Eine Lucky-Strike-Packung, dachte er grimmig. Mit Kathy ist es also wieder so weit. Ihr Schöpferdrang, den sie nur überwinden kann, indem sie ihm nachgibt. Und natürlich nie ihr eigenes Gehalt damit belastet – das, wie er zugeben musste, sehr viel höher war als sein eigenes. Aber warum hatte sie ihm nichts davon gesagt? Eine Ausgabe in dieser Höhe …
Die Antwort war offensichtlich. Die Rechnung allein machte das Problem in all seiner deprimierenden Einfachheit deutlich. Vor fünfzehn Jahren, überlegte er, hätte ich behauptet – und habe es ja auch –, dass mein und Kathys Einkommen zusammengelegt ausreichen würde, ausreichen , zwei halbwegs verantwortungsbewussten Erwachsenen einen vernünftigen Lebensstandard zu ermöglichen. Selbst wenn man die kriegsbedingte Inflation mit einbezieht.
Aber es hatte nicht funktioniert. Und er hatte das sichere Gefühl, dass es niemals funktionieren würde.
Nachdem er das TF&D-Gebäude betreten hatte, nahm er den Gang, der zu seinem Büro führte, und unterdrückte den Impuls, Kathy einen kurzen Besuch abzustatten und die Angelegenheit sofort zu klären. Später, entschied er. Nach der Arbeit, vielleicht beim Abendessen … Und das bei seinem Terminplan, der ihm kaum Luft zum Atmen ließ. Er hatte einfach nicht die Kraft – hatte sie nie gehabt –, diese endlosen Zankereien durchzustehen.
»Guten Morgen, Doktor.«
»Morgen.« Eric nickte Miss Perth, seiner Sekretärin, zu. Heute hatte sie sich die Haut hellblau gefärbt, und in dem blauen Sprayfilm waren Glitzerkörner eingelassen, die das Licht der Deckenlampen reflektierten. »Wo steckt Himmel?« Von dem Leiter der Abteilung Qualitätskontrolle war nichts zu sehen, obwohl Eric bereits einige von Himmels Untergebenen vom Parkplatz hatte heraufkommen sehen.
»Er hat gerade angerufen und mitgeteilt, dass ihn die Stadtbibliothek von San Diego verklagt hat und er womöglich vor Gericht erscheinen muss und deshalb wahrscheinlich zu spät kommen wird.« Miss Perth lächelte und entblößte dabei ihre makellosen synthetischen Ebenholzzähne, eine Modetorheit, mit der sie im letzten Jahr aus Amarillo, Texas, zurückgekommen war. »Gestern hat die Bibliothekspolizei sein Konap durchsucht und über zwanzig gestohlene Bücher entdeckt. Sie kennen ja Bruce, er hat diese Manie, alles an sich zu nehmen – wie lautet doch gleich die griechische Bezeichnung dafür?«
Eric ging an ihr vorbei und betrat sein Büro. Es stand ihm allein zur Verfügung; Virgil Ackerman hatte auf diesem Statussymbol bestanden – und ihm dafür eine Gehaltserhöhung verweigert.
Und dort, am Fenster, stand seine Frau Kathy, rauchte eine dieser süßlich riechenden mexikanischen Zigaretten und blickte hinaus auf die öden braunen Hügel von Baja California, die sich südlich der Stadt erhoben. Er sah sie zum ersten Mal an diesem Morgen; sie war eine Stunde vor ihm aufgestanden, hatte allein gefrühstückt und war dann mit ihrem eigenen Rad zur Arbeit gefahren.
»Was gibt es?«, fragte Eric unwirsch.
»Komm rein und mach die Tür zu.« Kathy drehte sich um, sah ihn jedoch nicht an; auf ihrem fein geschnittenen Gesicht lag ein nachdenklicher Ausdruck.
Er schloss die Tür. »Danke, dass du mich in meinem eigenen Büro willkommen heißt.«
»Ich wusste, dass dieser verdammte Schuldeneintreiber dich heute Morgen abfangen würde«, sagte sie mit leiser Stimme.
»Fast achtzig Dollar. Einschließlich der Gebühren.«
»Hast du bezahlt?« Nun blickte sie ihn an, ihre künstlichen schwarzen Wimpern zuckten, verrieten ihre Besorgnis.
»Nein, ich habe mich von der Robameise unten auf dem Parkplatz erschießen lassen.« Eric hängte seinen Mantel in den Wandschrank. »Natürlich habe ich bezahlt. Seit der Maulwurf das Kreditsystem abgeschafft hat, ist es Vorschrift. Ich weiß, dass dich das nicht interessiert, aber wenn du nicht innerhalb …«
»Bitte«, unterbrach ihn Kathy. »Versuch nicht, mich zu belehren. Was hat das Ding gesagt? Dass ich ein 39er Pitts baue? Das ist eine Lüge – ich habe die grüne Lucky-Strike-Packung als Geschenk gekauft. Ich würde nie ein Babyland errichten, ohne dir etwas davon zu sagen. Schließlich würde es ja auch dir gehören.«
»Nicht das 39er Pitts. Ich habe weder 1939 noch sonst irgendwann in Pittsburgh gelebt.« Eric setzte sich an seinen Schreibtisch und aktivierte das Vicom. »Ich bin jetzt da, Mrs. Sharp«, informierte er Virgil Ackermans Sekretärin. »Wie geht es Ihnen heute? Haben Sie die gestrige Veranstaltung zu den Kriegsschuldverschreibungen heil überstanden? Oder ist es wieder zu Tumulten gekommen?« Ohne eine Antwort abzuwarten, schaltete er wieder ab und sagte zu Kathy gewandt: »Lucile Sharp ist eine glühende Verfechterin der Appeasementpolitik. Ich finde, dass es einem Unternehmen gut ansteht, wenn es seinen Angestellten erlaubt, sich politisch zu engagieren, meinst du nicht auch? Und noch besser ist, dass es nicht einen Cent kostet – politische Versammlungen sind umsonst.«
»Aber man muss dabei beten und singen«, erwiderte Kathy. »Und man bekommt diese Schuldverschreibungen aufgeschwatzt.«
Seufzend fuhr sich Eric durch die Haare. »Für wen war die Zigarettenpackung, Kathy?«
»Für Virgil Ackerman natürlich.« Kathy stieß eine Rauchwolke aus; grauer Dunst stieg hinauf zur Decke. »Oder glaubst du, dass ich woanders arbeiten will?«
»Sicher, wenn du woanders noch mehr verdienen würdest …«
»Es ist nicht das Gehalt, das mich hier hält, Eric, auch wenn du das annimmst. Ich glaube, dass wir helfen, den Krieg zu gewinnen.«
Die Tür öffnete sich, und Miss Perth lehnte sich herein; ihre lumineszierenden Brüste berührten den Rahmen. »Oh, tut mir leid, dass ich Sie stören muss, Doktor, aber Jonas Ackerman möchte Sie sprechen.«
Eric streckte die Hand aus und begrüßte den Urgroßneffen des Firmenbesitzers. »Was machen die Brüter, Jonas? Ist während der Nachtschicht irgendetwas herausgesprudelt?«
»Wenn ja«, erwiderte Jonas, »dann hat es die Gestalt eines Arbeiters angenommen und ist durch den Vordereingang verschwunden.« Er bemerkte Kathy. »Guten Morgen, Mrs. Sweetscent. Sagen Sie, ich habe dieses neue Objekt gesehen, das Sie für unser 35er Wash erworben haben, dieses käferartige Auto. Was ist es? Ein Volkswagen?«
Kathy drückte ihre Zigarette aus. »Ein luftgekühlter Chrysler. Ein gutes Auto, aber viel zu viel sprödes Metall. Ein Konstruktionsfehler, der verhinderte, dass es sich auf dem Markt durchsetzen konnte.«
»Beeindruckend. Wie es wohl ist, wenn man sich in einer Sache wirklich auskennt? Ich … Entschuldigung, habe ich Sie beide bei etwas unterbrochen?«
»Nein«, entgegnete Eric. »Das Geschäft ist wichtiger als unsere persönlichen Angelegenheiten.« Er war froh über das Erscheinen des jüngsten Mitglieds der Eigentümerfamilie. »Bitte, Kathy, verschwinde jetzt«, sagte er...




