E-Book, Deutsch, 460 Seiten
Diell Die Melodie der Villa Winter
22001. Auflage 2022
ISBN: 978-3-492-98931-2
Verlag: between pages by Piper
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman | Historischer Liebesroman im Berlin der 20er Jahre und in der Gegenwart
E-Book, Deutsch, 460 Seiten
ISBN: 978-3-492-98931-2
Verlag: between pages by Piper
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Anett Diell lebt mit ihrem Partner im Süden Deutschlands, umgeben von Natur und Kreativität. Bereits in der Grundschule entwickelte sie eine besondere Faszination für das geschriebene und gesprochene Wort, und drückte es in Geschichten und Darstellung aus. Später war für ihre Entwicklung als Mensch und Autorin besonders ihre vierjährige Schauspielausbildung von großer Bedeutung, die ihr gezeigt hat, dass sie ihre Träume mit Entschlossenheit leben möchte. Diesem Motto folgend, veröffentlicht sie ihre Werke seit 2021 unter Pseudonym. Alle ihre Projekte vereint die Idee von HeldInnen, die noch solche werden müssen.
Autoren/Hrsg.
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Berlin, August 2004
Das war der Augenblick. Der, auf den sie gewartet hatte, den sie genießen würde, und nichts konnte sie davon abhalten. Weder Lampenfieber noch der erwartungsvolle Blick ihres Vaters oder das selige Lächeln ihrer Großmütter und schon gar nicht die unwirsche Kuh von der Presse, die immer aussah, als würde sie einen in ihrer Kritik verreißen, um letztlich doch ganz nettes Zeug zu schreiben. Dieser Moment gehörte ihr, ihr ganz allein. Sie spielte nicht für eine große Karriere, nicht, um ihren Vater glücklich oder ihre Dankbarkeit gegenüber ihren großmütterlichen Mentorinnen geltend zu machen, sie spielte nicht für die Zuschauer und die Pressemitteilung. Sie spielte für sich. Und für die Musik selbst. Für das Erfüllende, das sie gemeinsam erlebten. Weil sie es liebte und sie für diesen Auftritt einen langen, anstrengenden und wunderschönen Weg zurückgelegt hatte.
Sie spürte sämtliche Blicke auf sich, mehr als zweitausend Menschen, die gespannt darauf warteten, ihren ersten Ton zu hören. Das Scheinwerferlicht, das einzig auf sie gerichtet war, verhinderte, dass sie die Gesichter der Menschenmasse sehen konnte, denn das wäre ziemlich sicher der Moment gewesen, in dem die Nervosität sie so weit gehabt hätte, unter ihr zu erzittern. So aber stand sie völlig ruhig da – ein junges Ding von zwanzig Jahren in einem hübschen roten Abendkleid und einer Stradivari-Violine in der Hand. Zaghaft klemmte sie ihre Gefährtin zwischen Kinn und Schulter, schloss die Augen und hob den Bogen an. Sie konnte beinah hören, wie in der gesamten Berliner Philharmonie der Atem angehalten wurde.
Ganz ruhig.
Und dann legte Elodie Wagner los, und alles um sie herum verschwand, sie versank in jenem Zustand, den sie den goldenen Rausch nannte. Es existierten nur sie, ihre Violine und das, was sie zusammen erschufen.
Sie erwachte erst wieder aus ihm, als sie das Meeresrauschen hörte, das sich in das Geprassel aufeinanderschlagender Hände und trampelnder Füße verwandelte. Sie schlug die Augen auf und sah sich inmitten von ihnen. Inmitten der Zuschauer (die meisten davon hatten sich von ihren Plätzen erhoben), inmitten ihrer Mitspieler (die meisten davon alte Hasen, die wussten, wie man dem Applaus entgegentrat) und am Anfang ihrer Karriere. Scheinbar hatte sie einen erfreulichen Auftakt hingelegt.
Ihr Vater sah das anders, seiner Meinung nach war sie längst über das Anfangsgeplänkel hinaus und rangierte unter den besten Newcomern dieses Jahrzehnts – allein dieser Abend sei der Beweis dafür. Elodie wusste es besser. Sie war zwanzig Jahre alt, unerfahren und musikvernarrt, das machte noch keinen Weltstar aus ihr. Was nicht bedeutete, dass es sie nicht mit Stolz erfüllte, heute Abend hier zu stehen und die Violinromanze Nr. 1 G-Dur von Beethoven ohne Orchesterbegleitung eingeleitet zu haben. Das Stück zählte immerhin zu einem der schwierigsten für die Violine, und gewiss gab es nicht viele Zwanzigjährige, die diesen Part spielen konnten.
Es stimmte auch, dass sie nicht zum ersten Mal hier auftrat. Ihre Bühnenkarriere hatte bereits im Alter von vierzehn Jahren begonnen, damals auf der Parkbühne Wuhlheide. Wahrscheinlich hatte sie schon auf fast jeder Bühne Berlins gestanden, angetrieben von einem Ehrgeiz, der nicht immer ihr eigener war, aber hier in der Berliner Philharmonie fühlte sie sich am wohlsten. Sie mochte die subtile Asymmetrie der Architektur, die terrassenartige, in fünf Blöcken unterteilte Zuschauerloge – und dass die Bühne mittendrin war und damit kaum eine Trennung zu den Zuschauern bestand. Sie alle wurden durch die Aufführung eins – umfangen von der Schönheit der Musik.
Elodie gestattete sich ein Lächeln, verbeugte sich mit den anderen und verließ mit einem Gefühl der Glückseligkeit den Saal. Dies war der Anfang. Hieran würde sie sich noch lange erinnern.
»Du warst unglaublich!«
»Dein erster Soloauftritt und gleich so souverän!«
»Der Hammer!«
»Warst du nervös?«
»Du standest da, als hättest du nie etwas anderes gemacht. Ich bin so stolz auf dich!«
Elodie nahm das Geplapper ihrer Freundinnen wie durch einen Schleier wahr, beteiligte sich stumm am Gespräch, nickte hier, lächelte da. Sie benötigte immer etwas Zeit, um nach einem Auftritt wieder zu sich zu kommen, zurück in die reale Welt. An diesem Abend allerdings befand sie sich nach dem nur sehr kurzen Moment für sich allein in der Künstlergarderobe immer noch in diesem nebulösen Zustand, der alles um sie herum leicht entsättigte. Stimmen klangen dumpfer, Farben wirkten wie in einem vergilbten Fotobuch. Sie hielt ein Glas in der Hand, ohne zu wissen, wie es da hingekommen war. Sie selbst hatte es sich bestimmt nicht geholt, mochte den Geschmack von Alkohol nicht. Und nervig war es außerdem, denn es stellte sich als unpraktisch heraus, so häufig, wie ihr bekannte und unbekannte Menschen gratulierten und dafür die Hand schüttelten.
»Genau genommen hat sie ja schon etwas Übung, hm?« Die Stimme ihres Vaters, nicht überheblich, lediglich dezent blasiert – wie stolze Väter eben so sind, die zudem einen wichtigen Posten in der Gesellschaft bekleideten.
Emmi und Becca verstummten bei seinem Anblick, Becca aus Höflichkeit, Emmi, weil sie sich das Lachen verkneifen musste. Sie gehörte zu jener Sorte junger Erwachsener, die einer älteren Person nur Respekt zollten, wenn es auch umgekehrt der Fall war, und da Johannes Wagner in Elodies Freundinnen lästige Wesen sah, die seine Tochter davon abhielten, eine virtuose Künstlerin zu werden, fehlte es beiden Parteien an jenem Respekt. Dazu kam, dass sich Emmi schon immer über seinen Beamtenschnauzer lustig gemacht hatte – nicht verbeamteter Beamtenschnauzbartträger nannte sie ihn. Becca warf ihr einen tadelnden Blick zu, den Emmi ignorierte, während Elodie immer noch damit beschäftigt war, eine Möglichkeit zu finden, ihr überflüssiges Glas loszuwerden.
Der nicht verbeamtete Beamtenschnauzbartträger schritt mit einem breiten Lächeln auf den schmalen Lippen zu Elodie hinüber, um ihr ein Küsschen auf die Stirn zu hauchen – sein Zeichen der Anerkennung. »Sehr gut, Liebes.«
Elodie lächelte abwesend.
»Es macht sich bezahlt, früh genug Bühnenluft zu schnuppern«, merkte er an und erntete dafür ein zynisches Lächeln von Emmi.
Sowohl Elodie als auch Becca ahnten, was sie jeden Augenblick äußern würde, und Becca legte vorsorglich eine Hand auf ihre Schulter. Es war nicht der Zeitpunkt für Streitgespräche, vor denen Emmi so gut wie nie zurückschreckte. Selbst dann nicht, wenn sie einem angesehenen Richter und Politiker gegenüberstand, dem man besser nicht unter die Nase rieb, dass es seiner Tochter ja wohl leichter als normalsterblichen Töchtern fallen dürfte, auf den Berliner Bühnen herumzuschnuppern.
»Absolut, und heute hat sie sich selbst übertroffen«, stimmte Becca in ihrem angepassten Konversationston zu und krallte ihre Finger in Emmis Schulterblatt.
»O ja, das Üben hat sich bezahlt gemacht.«
Emmi öffnete wieder den Mund, doch Becca kam ihr zuvor. »Sie sagen es, Elodie ist so fleißig.«
»Ohne Fleiß, kein Preis.«
Emmi kochte sichtlich, Becca lächelte freundlich, Elodie hatte das Gefühl, einer Langspielplatte zu lauschen, die einen Sprung hatte und immer wieder dieselben Sätze verlauten ließ.
»Ah, Richter Wagner, was für ein herrlicher Abend, Ihr Fräulein Töchterchen ist ja wirklich eine Augenweide und eine Künstlerin der Meisterklasse!«
Das waren die eigenartigsten Bewunderer, die es fertigbrachten, mit ihrem Vater über Elodie zu sprechen, während sie nur einen Meter danebenstand. Wer auch immer dieser Mensch war, der sie da in höchsten Tönen lobte, ohne ihr persönlich irgendeine Beachtung zu schenken, die Freundinnen waren allesamt dankbar für seinen Auftritt, denn er schleifte Johannes Wagner von ihnen fort und beendete das alberne Abklatschen von Floskeln zwischen ihm und Becca.
»Aua«, beschwerte sich Emmi prompt und schüttelte Beccas Hand ab. »Was sollte das? Ich darf mich ja wohl dazu äußern, wenn, sorry, Elodie, dieser Volltrottel sein selbstgefälliges Geschwätz vom Stapel lässt. Ich spiele genauso lang wie Elodie, kacke halt, dass mein Vater nur Zugführer ist.«
»Schon klar«, seufzte...




