E-Book, Deutsch, 262 Seiten
Eisner / Ribeaud / Jünger Frühprävention von Gewalt und Aggression
1. Auflage 2007
ISBN: 978-3-7253-0880-4
Verlag: Verlag Rüegger
Format: PDF
Kopierschutz: 1 - PDF Watermark
Ergebnisse des Zürcher Präventions- und Interventionsprojektes an Schulen
E-Book, Deutsch, 262 Seiten
ISBN: 978-3-7253-0880-4
Verlag: Verlag Rüegger
Format: PDF
Kopierschutz: 1 - PDF Watermark
Seit vielen Jahren nimmt die öffentliche Besorgnis über das Ausmass von Gewalt bei Kindern und Jugendlichen zu. Nicht unberechtigt wird daher von der Wissenschaft erwartet, dass sie in Zusammenarbeit mit öffentlichen Institutionen einen Beitrag zur besseren Prävention von Gewaltphänomenen in unserer Gesellschaft leistet. Aus diesem Grund haben Stadt und Universität Zürich im Jahr 2000 ein Projekt gestartet, in dem in enger Zusammenarbeit die Wirkung von Programmen der Frühprävention in Schule und Familie untersucht werden soll.
Hieraus ist die im deutschsprachigen Raum bislang aufwendigste Feldstudie zur Bestimmung der Wirksamkeit von universeller Prävention mit Hilfe eines experimentellen Designs geworden. An der Studie haben 109 Schulklassen und über 1300 Primarschulkinder der Stadt Zürich teilgenommen. Mehr als die Hälfte der teilnehmenden Eltern haben einen Migrationshintergrund und widerspiegeln damit die kulturelle Vielfalt von Familien in heutigen Städten. Das vorliegende Buch stellt die zentralen praxisrelevanten Erkenntnisse aus dem Zürcher Interventions- und Präventionsprojekt an Schulen, zipps, vor. Im Mittelpunkt stehen die Befunde zur Umsetzung und Wirksamkeit der beiden Präventionsprogramme Triple P und PFAD. Darüber hinaus vermittelt es einen Einblick in die theoretischen und methodischen Hintergründe der Studie. Das Buch will damit einen wichtigen Beitrag zur Diskussion um eine effektivere entwicklungsorientierte Präventionspolitik liefern.
Die Autoren
Manuel Eisner ist Reader am Kriminologischen Institut der Universität Cambridge und Privatdozent an der Universität Zürich. Er leitet das Zürcher Projekt zur sozialen Entwicklung von Kindern.
Denis Ribeaud ist promovierter Kriminologe und wissenschaftlicher Projektkoordinator des Zürcher Projektes zur sozialen Entwicklung von Kindern. Er arbeitet am Pädagogischen Institut der Universität Zürich.
Ursula Meidert ist Soziologin. Sie war von 2005 bis 2007 Mitarbeiterin des Forschungsprojektes und hat ihre Lizentiatsarbeit über die Umsetzung des Elterntrainings Triple P verfasst. Rahel Jünger ist Dissertandin am Pädagogischen Institut der Universität Zürich und war im Rahmen des Forschungsprojektes verantwortlich für die Adaption und Umsetzung des Sozialkompetenztrainings PFAD.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
1;Inhaltsübersicht;6
2;Danksagung;8
3;1 Zur Einleitung: Fragestellung und Grundlagen;12
3.1;1.1 Verbreitung von Gewalt und Aggression;13
3.2;1.2 Evidenzbasierte Prävention als wissenschaftspolitische Bewegung;14
3.3;1.3 Das Zürcher Interventions- und Präventionsprojekt an Schulen, zipps: eine Übersicht;18
4;2 Warum Frühprävention?;26
4.1;2.1 Was ist und wie wirkt Prävention?;26
4.2;2.2 Grundlagen für die Frühprävention;29
4.3;2.3 Frühprävention durch Förderung von Erziehungskompetenzen;38
4.4;2.4 Frühprävention durch Sozialkompetenzprogramme;47
4.5;2.5 Folgerungen;54
5;3 Projektdesign, Stichprobenziehung und Datenerhebung;58
5.1;3.1 Zeitliche Abfolge von Datenerhebungen und Interventionen;59
5.2;3.2 Stichprobenziehung und Zuordnung zu den Versuchsgruppen;64
5.3;3.3 Die Befragungen;70
5.4;3.4 Teilnahmeraten und Repräsentativität der Stichprobe;78
5.5;3.5 Die Kinder und ihr sozialer Hintergrund;81
5.6;3.6 Äquivalenz der Versuchsgruppen;88
6;4 Die Umsetzung von Triple P;92
6.1;4.1 Theorie und Inhalt von Triple P;92
6.2;4.2 Triple P als Intervention im Zürcher Projekt;99
6.3;4.3 Instrumente zur Evaluation der Umsetzungsqualität;107
6.4;4.4 Evaluation der Umsetzung von Triple P und Ergebnisse;109
6.5;4.5 Gründe für die Nicht-Teilnahme;126
6.6;4.6 Folgerungen;128
7;5 Die Umsetzung von PFAD;134
7.1;5.1 Hintergrund: Theorie, Inhalt und Studien zur Wirksamkeit ;134
7.2;5.2 PFAD als Intervention im Zürcher Projekt;144
7.3;5.3 Instrumente zur Evaluation der Umsetzungsqualität;149
7.4;5.4 Evaluation der Umsetzung von PFAD und Ergebnisse;151
7.5;5.5 Folgerungen;165
8;6 Wirken die Programme?;168
8.1;6.1 Die Instrumente;168
8.2;6.2 Probleme des Sozialverhaltens – ein empirischer Überblick;177
8.3;6.3 Methodisches Vorgehen;189
8.4;6.4 Effekte von Triple P;195
8.5;6.5 Effekte von PFAD;206
8.6;6.6 Interpretation und Einordnung der Ergebnisse;217
9;7 Einsichten und Ausblicke: Vorschläge zu einer entwicklungsorientierten Präventionspolitik;228
10;Anhang;236
11;Literaturverzeichnis;246
2 Warum Frühprävention? (S. 25)
Im Zürcher Präventions- und Interventionsprojekt an Schulen wurden Programme umgesetzt, die man als Frühprävention bezeichnen kann. Es gibt keinen einheitlichen Gebrauch des Begriffs. In der Regel sind damit aber Massnahmen gemeint, die vor Beginn der Adoleszenz ansetzen und die das Ziel haben, jugendspezifische Formen des Fehlverhaltens zu vermindern.Hierzu gehören beispielsweise Gewalt, Delinquenz, Drogen- und Alkoholkonsum,Vandalismus, Rowdytum im Verkehr. Frühprävention schliesst Massnahmen während der Schwangerschaft und dem Säuglingsalter, Elterntrainings, Förderungsprogramme im Vorschulalter sowie Präventionsprogramme für die Grundschule ein (für eine Übersicht vgl. Farrington&,Coid, 2003). Oft ist Frühprävention universelle Prävention, das heisst, sie strebt an, alle Eltern und Kinder einer Generation zu erreichen. Damit soll eine breite Grundlage geschaffen werden, um späteren Fehlentwicklungen vorzubeugen.
In diesem Kapitel diskutieren wir:Was ist Prävention und wie wirkt sie? Welche wissenschaftlichen Argumente sprechen für eine früh im Lebenslauf ansetzende Prävention? Und weshalb erwarten wir, dass Elterntrainings und schulische Sozialkompetenzprogramme sinnvolle Präventionsansätze sind?
2.1 Was ist und wie wirkt Prävention?
Ganz allgemein meint Prävention alle Massnahmen mit dem Ziel, zukünftige unerwünschte oder negative Ereignisse zu verhindern. Der vom Lateinischen abgeleitete Begriff Prävention (von lat. praevenire = zuvorkommen) ist sinngleich mit dem neugriechischen Wort Prophylaxe und dem guten alten deutschen Wort Vorbeugen. Von Prophylaxewird eher bei medizinischen Massnahmen gesprochen (z.B.Kariesprophylaxe durch fluoridhaltige Zahnpasta,Prophylaxe von Schilddrüsenerkrankungen durch Jodzugabe in Speisesalz), Prävention hingegen ist eher bei Massnahmen im aussermedizinischen Bereich gängig (z.B. Gewaltprävention, Prävention von Unfällen, Kriminalitätsprävention).
Seit den frühen 1990er Jahren wird häufig zwischen universeller, selektiver und indizierter Prävention unterschieden (Institute of Medicine (IOM), 1994). Universelle Prävention möchte alle Personen einer Bevölkerungsgruppe erreichen, unabhängig davon, ob besondere Risiken vorliegen.Weil sie alle Personen anspricht,wird niemand als besonders gefährdet oder gefährlich hervorgehoben. So wird beispielsweise vermieden, dass Massnahmen zu einer problematischen Stigmatisierung von einzelnen Gruppen führen. Selektive Prävention richtet sich an Teilgruppen, bei denen wegen biologischen, psychischen oder sozialen Faktoren eine erhöhte Gefährdung für spätere negative Folgen besteht. Sie kann daher gezielter wirken. Allerdings besteht oft das Problem, wie diese Personengruppen ohne ein aufwendiges und ethisch problematisches Screening gefunden werden können. Indizierte Prävention richtet sich an Individuen, bei denen bereits problematisches Verhalten zu beobachten ist und die deswegen meist schon mit Hilfsinstitutionen in Kontakt waren. Zwischen indizierter Prävention und Intervention besteht ein fliessender Übergang. Zwar meint man mit Interventionen eher Eingriffe nach einem schon eingetretenen Ereignis. Oft ist es aber ein wichtiges Ziel von Interventionen, eine zukünftige Wiederholung des Verhaltens zu verhindern.
Um zu verstehen,wie Prävention wirken kann, ist die Unterscheidung von Risikofaktoren, Schutzfaktoren und Mechanismen nützlich (Hawkins et al. 2002).
Mit Risikofaktoren sind Prozesse und Merkmale gemeint, welche zu einer erhöhten Wahrscheinlichkeit für ein negatives Ergebnis führen und bei denen man annimmt, dass sie als Ursachen an der Entstehung des Problems beteiligt sind. Kriminalität der Eltern, eine hohe Impulsivität im Kindheitsalter oder das Aufwachsen in sozial benachteiligten Stadtquartieren sind beispielsweise Risikofaktoren für Gewalt im Jugendalter.
Der Begriff Schutzfaktoren wurde eingeführt, weil bei weitem nicht alle Jugendlichen, welche Risikofaktoren ausgesetzt sind, problematische Verhaltensweisen entwickeln. Viele Jugendliche etwa, die als Kinder Aufmerksamkeitsprobleme hatten und in schwierigen familiären Verhältnissen aufgewachsen sind, entwickeln sich völlig normal.




