Ettl | Svarty | Buch | 978-3-937037-88-2 | www.sack.de

Buch, Deutsch, 548 Seiten, Format (B × H): 135 mm x 205 mm, Gewicht: 770 g

Ettl

Svarty

Der schwarze Kranich vom Hornborgasjön
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-937037-88-2
Verlag: Silver Horse Edition

Der schwarze Kranich vom Hornborgasjön

Buch, Deutsch, 548 Seiten, Format (B × H): 135 mm x 205 mm, Gewicht: 770 g

ISBN: 978-3-937037-88-2
Verlag: Silver Horse Edition


Am schwedischen Hornborgasjön geschieht etwas Ungewöhnliches. Der 16-jährige Dain entdeckt
eine seltsame Farbanomalie unter den Tausenden von Kranichen, die den See als Brut- und Rastplatz
nutzen. Dain erkennt im Verhalten des Kranichs Parallelen zu seinem eigenen Leben.
Im Moorwald begegnet der Junge zudem einer geheimnisvollen Frau, die ihn in die Geheimnisse
der Natur einführt. Während der schwarze Kranich nach seinem Flug ins Winterquartier vermisst
wird, durchlebt der Junge die Turbulenzen des Erwachsenwerdens: eine neue Beziehung, Streit
mit der Mutter und das Geheimnis um seinen unbekannten Vater.
Als Svarty nach seinem abenteuerlichen Irrweg zum Hornborgasjön zurückkehrt, wird er von Vogelhassern
gejagt. Dain versucht den Kranich zu retten, gerät dabei selbst in Gefahr und muss
schmerzhafte Verluste verkraften.
Ein packender und tiefgründiger Roman, der sowohl die Abgründe menschlichen Handelns als
auch die faszinierende Tierwelt auf eindrucksvolle Weise beleuchtet.
Was ein Junge von einem außergewöhnlichen Kranich, aber auch von den Menschen in seinem
Umfeld lernt, packt die Autorin Renate Ettl in eine abenteuerliche, lehrreiche, spannende und
emotionale Geschichte, die den Leser von der ersten bis zur letzten Zeile fesselt.
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Zielgruppe


Erwachsene, Jugendliche, Naturliebhaber, Coming-of-age, Jugenddrama, Beziehung Mensch-Natur, Liebhaber moderner Romane


Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


– 20 –
Fehltritte

Seit der Morgendämmerung sitzt Dain in seinem Versteck unter dem Hängestrauch. Er hat es einfach nicht mehr ausgehalten, er konn- te nicht schlafen und ist deshalb mitten in der Nacht aufgebrochen, um ins Kranichgebiet zu fahren. So richtig dunkel wird es jetzt im Früh- sommer nicht mehr, so dass sich der Junge ohne Taschenlampe orien- tieren konnte. Er glaubt nicht, dass Silja oder jemand anderer um 3 Uhr in der Frühe unterwegs ist. Und er behielt recht, denn der Junge konnte sein Versteck problemlos erreichen. Den ganzen Tag will er hier verbringen und erst wieder im Schutz der Dämmerung gegen Mitter- nacht zurückgehen.
Er hat genügend Proviant und die Survivalgegenstände, die er von Silja bekommen hat, eingepackt. So ist Dain für seine Unternehmung gut gerüstet. Nicht einmal Leah hat er von seinem Vorhaben erzählt. Er will nicht, dass sie sich Sorgen macht oder als Mitwisserin ein schlechtes Gewissen hat. Außerdem galt es zu verhindern, dass sie versucht, ihm die Idee auszureden.
Die Kraniche stehen noch auf einem Bein im seichten Schlafgewäs- ser. Dain kann deren Umrisse in der Morgendämmerung nur vage aus- machen. Nach etwa einer Stunde jedoch kommt Leben in den Trupp und die ersten Vögel recken sich, stolzieren ihre steifen Glieder warm und krächzen ein Gähnen in den Himmel.
Der junge Hobbyforscher versucht vergeblich, die Schreitvögel zu zählen. Immer wieder muss er von vorne beginnen, weil sich die Tiere mit fortgeschrittenem Morgen vermehrt bewegen und er nicht erfassen kann, welche Kraniche er schon gezählt hat. Nach einiger Zeit gibt er es auf und schreibt in sein Notizbuch: Es sind viele, sehr viele, unzählig

viele. Svarty kann er noch nicht entdecken. Da er weiß, dass er sich meist nur am Rande der Gruppe aufhalten darf, sucht er vor allem die Flankenbereiche ab. Dort, wo die Feuchtwiese zum Schilfgürtel hin wie ein offener Trichter ausläuft, und die Tiere nicht mehr so eng beieinan- der stehen, sind die Chancen am größten, Svarty zu entdecken.
Tagsüber verstecken sich die Kranicheltern mit ihren noch flugun- fähigen Jungtieren im Schilf oder in den Auwäldern. Zum Fressen ver- bleiben sie auf den angrenzenden Wiesenflächen und genau dort hofft Dain, Svartys Familie ausfindig zu machen.
Die kinderlosen Kraniche hingegen starten nach lautem Trompeten in die Lüfte und fliegen zu den umliegenden Wiesen und Äckern, um nach Nahrung zu suchen. Dabei legen sie bis zu 15 Kilometer zurück. Die Kranichschützer streuen auch Futter aus, damit die Tiere die von den Bauern ausgebrachte Saat verschonen. Sie nennen das Ablenkfütte- rung, was auch ziemlich gut funktioniert. Dennoch können nicht alle Kraniche in ihrem Verhalten gesteuert werden, so kommt es doch im- mer wieder zu Konflikten mit den Landwirten.

Es dauert bis zum späten Vormittag, bis Dain seinen Svarty end- lich entdeckt. Er spaziert mit seiner Schwester Vity und seinen Eltern am Waldstreifen entlang. Hin und wieder picken die Eltern ein Saat- korn auf. Dann stürmt eines der Jungtiere sofort auf den Finder zu und bettelt um das Futter. Obwohl die beiden Jungkraniche schon selbst wissen, wie sie an die Nahrung gelangen, lassen sich die Eltern oft er- weichen und übergeben mit äußerster Präzision das Samenkorn einem Jungtier.
Dain notiert dabei, wie oft Svarty von seinen Eltern gefüttert wird und wie viele Körner er selbst findet. Der Eigenanteil – so zieht er inner- halb einer Stunde Bilanz – beträgt etwa 70 %. Nun, er könnte sich also gut und gerne schon eigenständig ernähren, aber sich Futter von den Eltern zu holen, ist ja viel praktischer, schreibt er in sein Buch.
Der Jungforscher beobachtet auch, dass Svartys Artgenossen ihn wei-

terhin nicht in ihrer Nähe dulden. Seine Eltern schreiten dabei nicht ein. Sie selbst jedoch versorgen Svarty genauso wie seine Schwester. Die Eltern machen keinen Unterschied zwischen den Geschwistern, ihnen ist es egal, dass Svarty schwarz ist, nur die anderen Kraniche mögen ihn nicht, ist Dains nächste Notiz.
Mit den Beobachtungen vergeht die Zeit wie im Flug. Der Hun- ger muss Dain daran erinnern, dass es bereits Abend geworden ist. Er verdrückt noch ein mit Käse, Gurken und Tomaten belegtes Brot und nimmt einen Schluck Tee aus seiner neu erstandenen Thermosflasche.
Svarty hat sich mit seiner Familie bereits in die Wälder verabschiedet, doch halten sich noch viele andere Kraniche auf der Feuchtwiese vor seinem Versteck auf, so dass der Junge deren Verhalten ungestört studie- ren kann. Langsam jedoch verdunkelt sich das Bild vor seinem Unter- schlupf und die Kraniche ziehen sich langsam in die seichten Gewässer zurück. Die Tagesausflügler schweben aus allen Himmelsrichtungen ein und kündigen ihre Ankunft lautstark an. Sie landen auf der Wiese und marschieren eiligen Schrittes ins flache Wasser, das sie vor feindlichen Übergriffen während der Nachtruhe schützt.
Dain überlegt schon, seinen Platz zu räumen. Doch er will sicher- heitshalber noch ein wenig abwarten, bis es dunkel genug ist und sich alle Kraniche in ihre Schlafbereiche zurückgezogen haben.

Eine Stunde später sieht er im Halbdunkel plötzlich eine Bewe- gung im gegenüberliegenden Waldabschnitt. Kurz blitzt ein Licht auf, dann weichen ein paar Kraniche zurück. Schließlich zeichnen sich zwei dunkle Gestalten im Buschwerk ab. Zwei Jungkraniche flitzen aus dem Unterholz auf die Lichtung. Ein Schatten springt seitlich auf einen der Kraniche zu, dann packen handschuhbekleidete Hände den Vogel und drücken ihn auf den Boden. Panisch trompetet der junge Kranich nach seinen Eltern, die vor Schreck auffliegen. Der zweite Jungvogel flieht über die Wiese und geht im nächsten Gebüsch in Deckung.
»Hab ihn!«, hört Dain eine Männerstimme rufen. Die zweite Gestalt

löst sich aus dem dunklen Wald und stülpt etwas über den Vogel. Die Schreie des Kranichs verstummen und die schwarz gekleideten Vogel- jäger verziehen sich mitsamt ihrer Beute ins Unterholz.
Dain ist starr vor Schreck. Der Vogelraub dauerte keine zehn Sekun- den. Der Junge ist fassungslos und schnappt nach Luft. In Windeseile packt er seine Sachen in den Rucksack, anschließend wirft er ihn über die Schulter und huscht aus seinem Versteck. Er muss die Diebe unbe- dingt abfangen, sie haben einen Jungkranich gestohlen! Das ist ungeheu- erlich! Eier klauen, ja, das Problem kennt man, aber jetzt auch noch junge Kraniche! Wozu? Wieso? Sind die alle total verrückt geworden?
Dain hetzt durch den Wald in Richtung Zufahrtsstraße zu Siljas Haus. Egal, wenn sie ihn jetzt entdecken, die Rettung des Kranichs ist ihm in dem Moment wichtiger.
Er muss einen größeren Bogen laufen, um den Moortümpel zu um- gehen, dann wendet er in die Fluchtrichtung der Diebe ab. Wieder sieht er kurz eine Taschenlampe aufblitzen, dann bleibt er mit dem Fuß in einem Brombeergestrüpp hängen und fällt lang gestreckt in den sta- cheligen Busch. Schnell rappelt er sich wieder hoch und setzt die Ver- folgung fort. Er spürt weder Schmerz, noch Kälte oder Nässe, seine Gedanken sind nur bei dem Kranich, den diese Verbrecher in ihren Sack gesteckt haben.
Obwohl Dain nur noch schwache Konturen unterscheiden kann, verringert er das Tempo nicht. Er stößt mit seinem Schienbein gegen ei- nen umgestürzten Baum und kann einen Sturz gerade noch verhindern. Nun sieht er einen hellen Streifen zwischen den Bäumen: Die Zufahrts- straße! Er duckt sich hinter dem die Straße flankierenden Steinwall und schleicht sich so schnell wie möglich in westlicher Richtung weiter, in der er die Diebe vermutet. Kurz überlegt er, die andere Richtung zu Siljas Haus einzuschlagen, doch er verwirft die Idee schnell wieder.
Zum einen ist er illegal im Schutzgebiet gewesen, das würde nur Är- ger geben und zum anderen wären die Diebe dann sowieso schon über alle Berge, bis er Silja hätte informieren können.

Jetzt hört er wieder die dunkle Männerstimme: »Hast du den Sack fest zugeschnürt? Dann rein damit in den Kofferraum!«
Ein anderer Mann fragt im Flüsterton: »Wo hast du die Eier?«
»Die sind schon auf dem Rücksitz in der Kiste«, antwortet die tiefe Stimme.
Dain hört Autotüren schlagen und das Starten des Motors. Nun traut er sich auf die Straße und läuft auf dieser so schnell wie möglich in die Richtung, aus der er die Stimmen gehört hat.
Das Motorengeräusch heult auf, die Reifen knistern auf dem Schot- ter, das Auto dürfte nicht sehr weit von dem Jungen entfernt sein, aber er kann es nicht sehen. Erst wenige Sekunden später schaltet der Fahrer die Scheinwerfer ein und so sieht Dain die quadratischen, roten Rück- lichter des Wagens. Er versucht, das Nummernschild zu entziffern und kann die Buchstaben HZW lesen, schließlich noch die Ziffer 5 oder 6, da ist er sich nicht ganz sicher, dann ist das Auto zu weit entfernt, um noch weiteres zu entschlüsseln. Dain drosselt die Geschwindigkeit, bleibt stehen, stützt seine Hände auf seinen Oberschenkeln ab und ringt erst einmal nach Luft. Als er wieder einigermaßen zu Atem ge- kommen ist, flucht er: »Mist! So ein Mist!«
Nach zwei weiteren tiefen Atemzügen schreit er den Verbrechern noch ein »Ihr Arschlöcher!« hinterher und reckt die Faust in die Luft. Dann sackt der Junge vor Enttäuschung und Erschöpfung auf die Knie, zieht seinen Rucksack von seiner Schulter und kramt zitternd nach sei- nem Notizbuch und dem Handy. Er blickt auf die Uhr: 0:23 h. Dann klappt er das Notizbuch auf und schreibt die Zeit, die drei Großbuch- staben des Autokennzeichens und »5 oder 6« auf eine leere Seite. Er setzt noch drei Ausrufezeichen dazu und rahmt seine Aufzeichnungen mit einem Oval ein.

Was jetzt? Silja benachrichtigen? Um diese Zeit? Die Diebe sind eh schon über alle Berge. Die Polizei anrufen? Dann ist er sowieso fäl- lig, weil er sich unerlaubt im Schutzgebiet aufgehalten hat – und das

noch dazu um Mitternacht. Das gibt bloß Ärger! Also beschließt er, den Nachhauseweg anzutreten. Dumm nur, dass er hierzu fast den ge- samten Weg durch den Wald bis zum Beobachtungsturm auf der gegen- überliegenden Seite zurückgehen muss, da er hier sein Rad am Wald- rand versteckt hat.
Erst eine Stunde später kommt er müde und abgekämpft zu Hause an. Völlig erschöpft lässt Dain sich auf sein Bett fallen. Doch an Schlaf war nicht zu denken. Die Gedanken schwirren in seinem Kopf herum. Nach langem Grübeln schickt er Leah eine Mail. Natürlich kommt kei- ne Antwort, sie wird sicherlich nicht mehr wach sein.
Irgendwann aber ist die Müdigkeit stärker als seine Gedanken und Dain taucht ab in die Welt der Träume.



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