E-Book, Deutsch, 336 Seiten
Gadner / Androsch Europa vor der Entscheidung
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-7106-0371-6
Verlag: Brandstätter Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Warum ein geeinter Kontinent unsere Zukunft ist
E-Book, Deutsch, 336 Seiten
ISBN: 978-3-7106-0371-6
Verlag: Brandstätter Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Dr. Johannes Gadner ist stv. Geschäftsführer des Österreichischen Rates für Forschung und Technologieentwicklung. Er war mehrere Jahre im Bereich der sozialwissenschaftlichen Forschung an der Universität Wien, der Universität Innsbruck und dem University College London (UCL).
Autoren/Hrsg.
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EINLEITUNG
IMMANUEL KANT
DONALD TUSK
HANNES ANDROSCH
Bereits Mitte der 1980er-Jahre konstatierte der deutsche Philosoph Jürgen Habermas angesichts der globalen Entwicklungen in einer zunehmend vernetzten Welt eine neue Unübersichtlichkeit sowie die Erschöpfung utopischer Energien.1 Mehr als 30 Jahre später hat die Komplexität unserer Welt noch weiter zugenommen und ist zudem fixer Bestandteil unseres Alltags. In gleichem Ausmaß aber, wie die Unübersichtlichkeit größer geworden ist, hat die Bedeutung utopischer Entwürfe und großer, visionärer Erzählungen abgenommen.
Dabei hatte es wenige Jahre nach Habermas‘ Feststellung ganz anders ausgesehen. Schon unmittelbar nach dem Fall des Eisernen Vorhangs war die Rede vom „Ende der Geschichte“2. Euphorischer Optimismus machte sich breit, der die hegemoniale Dichotomie zwischen Ost und West für endgültig überwunden erklärte und davon überzeugt war, dass sich die Prinzipien des Liberalismus und damit auch Demokratie und Marktwirtschaft ein für allemal global durchsetzen würden. Die Vorstellung einer geeinten, freien und demokratischen Welt unter dem alleinigen Führungsanspruch der USA – sowohl in wirtschaftlicher wie in militärischer Hinsicht – hatte Hochkonjunktur. Inzwischen ist von dieser optimistischen Perspektive nur wenig übrig, und der Rückblick zeigt, dass sie schon damals global betrachtet bei Weitem nicht so attraktiv war, wie im Westen vermutet.3
Das heute vor allem in westlichen Gesellschaften4 dominierende Unbehagen speist sich aus einer unübersichtlich gewordenen Welt, einer aufgewühlten und aus den Angeln geratenen Welt voller Umbrüche und Umwälzungen. Unsere Gegenwart ist gekennzeichnet durch Umweltverschmutzung und Klimawandel, durch explosives Bevölkerungswachstum einerseits und schrumpfende, alternde Gesellschaften andererseits, durch ungelöste Probleme der Weltwirtschaft und des Finanzwesens, und nicht zuletzt durch eine Vielzahl an Kriegen und Konflikten, die nicht lösbar erscheinen. Unsere Zeit ist aber auch gekennzeichnet durch eine unvergleichliche Verbesserung des Lebensstandards großer Teile der Menschheit sowie bis dato ungeahnte Chancen, die der wissenschaftliche, medizinische und technologische Fortschritt eröffnet. Diese Paradoxie des Fortschritts hat dazu geführt, dass tiefgreifende Veränderungen an der Tagesordnung und alte Gewissheiten brüchig geworden sind. Gleichzeitig greifen einfache Lösungsansätze nicht mehr.
Die Erfolge im Bereich von Medizin, Hygiene und Nahrungsmittelversorgung haben zu einem beispiellosen Bevölkerungswachstum geführt. Lebten im Jahr 1500 rund 500 Millionen und um 1800 rund eine Milliarde Menschen auf der Erde, sind es heute bereits mehr als sieben Milliarden. Die UNO geht davon aus, dass bis zum Jahr 2030 jährlich rund 83 Millionen Menschen geboren werden. Aufgrund der gleichzeitig steigenden Lebenserwartung werden laut UN-Prognosen bis 2050 rund 9,7 Milliarden und bis 2100 sogar über elf Milliarden Menschen auf der Erde leben. Das bleibt nicht ohne Folgen, denn eine wachsende Weltbevölkerung erhöht den Druck auf die ohnehin bereits knappen Ressourcen wie Wasser, Nahrung oder Energie und befeuert zudem den Klimawandel und die Umweltverschmutzung. Doch auch der Flächendruck steigt, denn eine wachsende Bevölkerung benötigt mehr Siedlungsraum sowie Acker- und Weideland.
Umweltverschmutzung, Klimawandel und die Ausbeutung von Ressourcen haben allerdings bereits heute so dramatische Ausmaße angenommen, dass einige Wissenschaftler von einem neuen Erdzeitalter, dem , sprechen – und damit den mit einer globalen Naturkatastrophe gleichsetzen. Die Auswirkungen der anthropogenen, d.h. vom Menschen verursachten Eingriffe in die biologischen, geologischen und atmosphärischen Prozesse auf der Erde sind bereits so groß, dass dadurch – sofern nicht bald ein konsequentes Gegensteuern der Staatengemeinschaft erfolgt – selbst konservativen Einschätzungen zufolge alle Errungenschaften des 20. Jahrhunderts zunichte gemacht werden könnten.
Nach ihrem Ausbruch 2008 bewirkte die weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise über Jahre hinweg ein niedriges Wirtschaftswachstum und förderte dadurch die Instabilität in vielen Regionen – vor allem auch in wohlhabenden Ländern. Zudem vergrößerte sich die Kluft zwischen Arm und Reich: Die soziale Ungleichheit hat sich im letzten Jahrzehnt weltweit verschärft – nicht nur zwischen, sondern auch innerhalb der Staaten – und befeuert damit zusätzlich gesellschaftliche Spannungen. Die zunehmende Digitalisierung der Wirtschaft – mit weitreichenden, in ihrem tatsächlichen Ausmaß noch gar nicht absehbaren Veränderungen der Arbeitsprozesse –, steigende Qualifikationsanforderungen sowie die Globalisierung der Arbeits- und Kapitalmärkte werden diesen Trend weiter beschleunigen. Denn der technologische Wandel – Stichwort Digitalisierung – und die treiben einen fundamentalen Transformationsprozess von Wirtschaft und Gesellschaft an, der einerseits bislang ungeahnte Chancen und Möglichkeiten eröffnet, andererseits aber auch Risiken birgt, die bis dato nicht abschätzbar sind. Nimmt man das Voranschreiten der Digitalisierung nahezu aller Lebensbereiche als gegeben an, so wird es eine systematische Auseinandersetzung mit der Frage geben müssen, wie Produktionsbedingungen, Arbeitswelt und Gesellschaft gestaltet werden sollen und können, um die Chancen zu nutzen und die Risiken zu minimieren.
Diese Umbrüche und Umwälzungen sind ein Resultat der wissenschaftlichen und industriellen Revolution, die nach der neolithischen Revolution und der Erfindung des Ackerbaus vor rund 10.000 Jahren die zweite große Zäsur der Menschheitsgeschichte darstellte. Durch den Ersatz der Muskelkraft durch Maschinen und die damit angestoßenen Möglichkeiten des Industriezeitalters begann eine einzigartige Entwicklung, die zu unvergleichlichem Wirtschaftswachstum und Wohlstandszuwachs geführt hat. Mit den rezenten wissenschaftlichen Erfolgen und technologischen Innovationen befinden wir uns nun aber in einer neuen Revolution – der digitalen –, die unsere Art zu leben und zu arbeiten grundlegend verändern wird. Das transformative und disruptive Potential dieses technologischen Wandels ist so weitreichend, dass es nicht nur unsere gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Strukturen grundlegend verändern, sondern den selbst revolutionieren könnte.5 Die digitale Revolution birgt das Potential einer Epochenwende. Mit ihr steht die Menschheit nach dem erst kürzlich erfolgten Übergang vom Holozän ins nun vor dem Eintritt in das digitale Zeitalter.
Und auch die geopolitischen Veränderungen durch die Erosion der globalen Nachkriegsordnung stellen die Staatengemeinschaft fast täglich vor neue Schwierigkeiten.6 Das absehbare Ende der monopolaren Hegemonie der USA ließ in vielen Weltregionen hybride Kriege und terroristische Aktivitäten aufflammen, die zu einer neuen WeltUNordnung führten und damit zu einer massiven Verunsicherung, mancherorts gar zur Destabilisierung ganzer Gesellschaften.
All diese Entwicklungen bewirken unter anderem eine dramatische Zunahme weltweiter Migrationsbewegungen. Allein im Jahr 2015 wurden aufgrund kriegerischer Auseinandersetzungen mehr als 20 Millionen Menschen gewaltsam vertrieben. Die Zahl der Menschen auf der Flucht war mit insgesamt über 65 Millionen so hoch wie nie zuvor. Es sind allerdings eher wirtschaftliche Perspektivenlosigkeit, politische Instabilität, soziale Ungleichheit oder die Auswirkungen von Umweltverschmutzung und Klimawandel, die Menschen dazu motivieren, ihre Heimatländer zu verlassen. Schätzungen zufolge lebten 2015 rund 250 Millionen Menschen in Ländern, in denen sie nicht geboren wurden – Tendenz: stark steigend.
Europa7 ist in besonderer Weise mit den Auswirkungen dieser neuen Weltunordnung und der daraus resultierenden sogenannten „Flüchtlingskrise“8 konfrontiert, liegt es doch in unmittelbarer Nachbarschaft zu diesem Krisenbogen an Instabilität, der sich von der Ukraine und den Konfliktregionen im Kaukasus über den Nahen und Mittleren Osten bis nach Nordafrika zieht.
Das sind nur einige Stichworte zu den Themen, die über die Medien täglich verbreitet werden und den Blick auf die Welt zu Beginn des 21. Jahrhunderts prägen. Unter der Mannigfaltigkeit der Ereignisse droht dieser Blick bisweilen trüb zu werden. Dies spiegelt sich in den öffentlichen...




