Granin | Mein Leutnant | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 288 Seiten

Granin Mein Leutnant

Roman
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-8412-0885-9
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 288 Seiten

ISBN: 978-3-8412-0885-9
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Sie haben uns einen fremden Krieg zugeschrieben.

70 Jahre nach Kriegsende setzt sich der große russische Autor Daniil Granin mit seiner 'Schützengrabenwahrheit' (1941-1944) auseinander und entwirft das vielstimmige, erschreckende und bisher unbekannte Bild eines Krieges, wie ihn weder russische noch deutsche Historiker beschreiben könnten.

Sofort nach dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion im Juli 1941 meldete sich Daniil Granin als Kriegsfreiwilliger. Unerfahren und unbewaffnet wurde er 'in den Fleischwolf' des Krieges geworfen. Aus der Perspektive des jungen Leutnants D. und aus heutiger Sicht hinterfragt Granin die Wahrheiten der Vergangenheit und der Gegenwart. Unbewältigte Kriegstraumata, unsinnige Menschenopfer und Verluste, die Opferung ganzer Armeen aus ideologischen Gründen, aber auch die tragische Heimkehr traumatisierter Kriegsveteranen, die mit ihren physischen und psychischen Schäden allein gelassen wurden, mit all diesen lange verschwiegenen Seiten des Krieges setzt sich Granin in diesem zutiefst beeindruckenden Roman auseinander.

Der Roman wurde 2012 mit dem Preis 'Großes Buch' ausgezeichnet.

'Unser Krieg war ungeschickt, unsinnig, aber das wurde nicht gezeigt und darüber wurde nicht geschrieben. Unser Krieg war ein anderer.' Daniil Granin.

'Ein guter Schriftsteller! Diese Leute sterben aus, die den Krieg mitgemacht haben. Wir sind die letzten.' Helmut Schmidt.



Daniil Granin, geboren 1919, studierte Elektrotechnik, arbeitete als Ingenieur, meldete sich 1941 als Kriegsfreiwilliger. Veröffentlichte ab 1949 zahlreiche Romane, von denen viele ins Deutsche übersetzt wurden. Zusammen mit Ales Adamowitsch verfasste er 1987 'Das Blockadebuch'. Am 27. Januar 2014 hielt er eine vielbeachtete Rede vor dem Deutschen Bundestag zum Gedenken an die Opfer der Leningrader Blockade. Daniil Granin starb am 4. Juli 2017 in St. Petersburg.

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Der erste Bombenangriff


Echte Angst, Angst und Schrecken erfuhr ich, als ich noch ganz jung war, im Krieg. Es war der erste Bombenangriff. Unser Volkswehrzug ging Anfang Juli 1941 an die Front. Die deutschen Truppen rückten schnell nach Leningrad vor. Zwei Tage später kam der Zug auf der Station Batezkaja an, etwa 150Kilometer von Leningrad entfernt. Die Volkswehrsoldaten waren gerade dabei auszusteigen, da griff uns die deutsche Luftwaffe an. Wie viele Stukas es waren, weiß ich nicht mehr. Für mich verdunkelte sich der Himmel vor Flugzeugen. Der klare, warme Sommerhimmel begann zu brummen, zu beben, der surrende Ton wurde immer lauter. Fliegende schwarze Schatten bedeckten uns. Ich ließ mich vom Eisenbahndamm hinabrollen, warf mich unter den nächsten Strauch, krümmte mich zusammen und steckte den Kopf ins Gestrüpp. Die erste Bombe fiel, die Erde erzitterte, dann hagelte es Bomben, Explosionen mündeten in donnernden Lärm, alles bebte. Flugzeuge griffen im Sturzflug an, eins nach dem anderen gingen sie auf ihr Ziel los. Und dieses Ziel war ich. Alle versuchten mich zu treffen, rasten direkt auf mich zu, so dass die heiße Luft der Propeller meine Haare zauste.

Die Flugzeuge heulten, die fallenden Bomben heulten noch durchdringender. Dieser Ton bohrte sich ins Gehirn, drang in Brust und Bauch, wühlte das Innerste auf. Der wütende Schrei fliegender Bomben füllte alles ringsumher, ließ keinen Platz für etwas anderes. Das Heulen brach nicht ab, es saugte alle Gefühle aus mir heraus, unmöglich, an etwas anderes zu denken. Entsetzen packte mich. Das Donnern der Explosion klang fast erleichternd. Ich presste mich an die Erde, damit die Splitter über mich hinwegpfiffen. Die Angst war mein Lehrer. Pfeifen heißt – eine Sekunde Pause. Um den klebrigen Schweiß abzuwischen, einen ekelhaften, stinkenden Angstschweiß, um den Kopf zum Himmel zu heben. Doch dort, im sonnigen, friedlichen Blau entstand ein neues, noch tieferes vibrierendes Heulen. Diesmal fiel das schwarze Kreuz des Flugzeugs genau auf meinen Strauch. Ich versuchte mich zusammenzukauern, mich kleinzumachen. Ich fühlte geradezu, wie sichtbar meine Gestalt im Gras war, wie meine in Fußlappen gewickelten Füße in den Schuhen und der Buckel des auf dem Rücken zusammengerollten Soldatenmantels herausragten. Erdklumpen prasselten auf meinen Kopf. Ein neuer Anflug. Der Ton des im Sturzflug angreifenden Flugzeugs presste mich nieder. Mit diesem Heulen nahte der letzte Augenblick meines Lebens. Ich betete. Ich kannte kein einziges Gebet. Ich hatte nie an Gott geglaubt und wusste dank meiner nagelneuen Hochschulbildung, der Astronomie, der erstaunlichen Gesetze der Physik, dass es keinen Gott gibt, und dennoch betete ich.

Der Himmel hatte mich verraten, weder Diplome noch Wissen konnten mir helfen. Ich blieb allein, Auge in Auge mit diesem von allen Seiten auf mich zufliegenden Tod. Meine verkrusteten Lippen flüsterten: Herrgott, erbarme Dich meiner! Rette mich, lass mich nicht sterben, ich bitte Dich, lass es daneben gehen, mach, dass es nicht trifft, Herrgott, erbarme Dich meiner! Mir erschloss sich plötzlich der Sinn dieser von alters her überlieferten Worte– Herrgott… erbarme Dich meiner! In einer mir unbekannten Tiefe öffnete sich etwas, und von dort strömten heiße Worte hervor, die ich nie zuvor gehört, nie ausgesprochen hatte – Herrgott, schütze mich, ich bete zu Dir, im Namen all dessen, was heilig ist… Eine Detonation warf nicht weit von mir einen blutigen Körper empor, etwas klatschte neben mir auf. Das hohe Pumpenhaus aus verrußten Ziegeln neigte sich langsam, lautlos, wie im Traum, und fiel auf den Eisenbahnzug. Eine Detonation ging vor der Dampflok hoch, und die Dampflok hüllte sich daraufhin in weißen Dampf. Detonationen verbogen die Gleise, Schwellen wurden hochgeschleudert, Waggons kippten um, die Fenster der Bahnstation leuchteten purpurrot. Doch all das geschah irgendwo weit weg, ich bemühte mich, nichts zu sehen, nicht hinzuschauen, ich schaute auf die grünen Halme, wo zwischen Gräsern eine rote Ameise kroch und eine dicke blasse Raupe sich von einem Zweig herabhängen ließ. Im Gras ging das gewöhnliche sommerliche Leben weiter, langsam, wunderschön, vernünftig. Gott konnte nicht in diesem Himmel sein, der von Hass und Tod erfüllt war. Gott war hier, inmitten von Blumen, Larven, Käfern…

Die Flugzeuge flogen wieder und wieder an, dieser höllische Kreislauf nahm kein Ende. Er wollte die ganze Welt vernichten. Sollte ich nicht im Kampf fallen, sondern einfach so, erbärmlich, ohne gekämpft zu haben, ohne ein einziges Mal geschossen zu haben? Ich hatte eine Handgranate, aber die konnte ich doch nicht auf ein im Sturzflug angreifendes Flugzeug werfen. Ich war zerschmettert vor Angst. Wie viel Angst in mir war! Der Bombenangriff trieb immer neue und neue Wellen von Angst heran, gemeine, beschämende, allmächtige, ich konnte sie nicht bezwingen.

Es vergingen Minuten, sie töteten mich nicht, sie verwandelten mich in zitternden Schleim, ich war kein Mensch mehr, ich wurde zu einer erbärmlichen, schreckerfüllten Kreatur.

Die Stille kehrte langsam zurück. Flammen brannten knisternd, zischend. Verwundete stöhnten. Das Pumpenhaus fiel in sich zusammen. Es roch verbrannt, Rauch und Staub standen in der windstillen Luft. Der unversehrte Himmel erstrahlte in derselben teilnahmslosen Schönheit wie zuvor. Vögel begannen zu zwitschern. Die Natur kehrte zu ihrem gewohnten Rhythmus zurück. Sie kannte keine Angst. Ich konnte lange nicht zu mir kommen. Ich war leer, widerte mich an, niemals hätte ich gedacht, dass ich so ein Feigling bin.

Dieser Bombenangriff hatte seinen Zweck erfüllt, er hatte mich auf einmal in einen Soldaten verwandelt. Alle anderen auch. Der durchlebte Schrecken hatte den Organismus verändert. Die folgenden Bombenangriffe empfand man anders. Ich entdeckte plötzlich, dass sie wenig effektiv waren. Sie wirkten vor allem auf die Psyche, in Wirklichkeit ist es gar nicht so leicht, einen einzelnen Soldaten zu treffen. Ich begann, an meine Unverwundbarkeit zu glauben. Das heißt daran, dass ich unverwundbar sein könnte. Das ist ein besonderes Soldatengefühl, welches es möglich macht, in Ruhe Deckung zu suchen, nach dem Geräusch einer hochgehenden Mine oder eines Geschosses den Ort der Explosion festzustellen, nicht das Warten eines Verurteilten auf den Tod, sondern Kampf.

Wir überwanden die Angst, indem wir uns wehrten, schossen, dem Gegner gefährlich wurden.

In den ersten Monaten des Krieges jagten uns die deutschen Soldaten mit ihren Stahlhelmen, den feldgrauen Mänteln, mit ihren Maschinenpistolen, Panzern und der Herrschaft über den Himmel Angst ein. Sie schienen unbesiegbar zu sein. Der Rückzug erklärte sich vor allem aus diesem Gefühl. Ihre Waffen waren den unseren überlegen, und es umgab sie außerdem die Aureole professioneller Kämpfer. Wir von der Volkswehr sahen dagegen bemitleidenswert aus: blaue Reithosen der Kavallerie, anstelle von Stiefeln – Schuhe und Fußlappen, Soldatenmäntel, die uns nicht passten, und Schiffchen auf dem Kopf…

Es vergingen drei Wochen, ein Monat, und alles begann sich zu ändern. Wir sahen, dass auch unsere Geschosse und Kugeln den Gegner trafen und dass die verwundeten Deutschen genauso schrien und starben. Schließlich erlebten wir, wie die Deutschen den Rückzug antraten. Es gab erste vereinzelte, kleinere Kämpfe, nach denen sie flohen. Das war eine Offenbarung. Von den Gefangenen erfuhr man, dass wir von der Volkswehr in unseren unsinnigen Reithosen ihnen offenbar auch Angst einflößten. Die Standhaftigkeit, der Ingrimm der Volkswehr stoppte den unaufhaltsamen Vormarsch am Lugaer Verteidigungsabschnitt. Hier blieben die deutschen Truppen stecken. Das bedrückende Gefühl nach den ersten niederschmetternden Schlägen verging. Wir hörten auf, Angst zu haben.

Während der Blockade glich sich das militärische Können aus. Unsere hungrigen, schlecht mit Waffen ausgerüsteten Soldaten hielten die Stellungen im Verlauf der gesamten 900Tage gegen einen satten, waffenstarrenden Feind kraft ihrer moralischen Überlegenheit.

Ich gehe von meiner persönlichen Erfahrung aus, doch wahrscheinlich überwand man die Angst überall an unseren Fronten auf ähnliche Art. Angst ist im Krieg immer vorhanden. Sie begleitet auch kampferfahrene Soldaten, die wissen, wovor man Angst haben muss, wie man sich verhält, die wissen, dass Angst einem die Kraft raubt.

Man muss persönliche Angst und kollektive Angst unterscheiden. Letztere führt zur Panik. So zum Beispiel die Angst vor der Einkesselung. Sie entsteht im Augenblick. Das Krachen der deutschen Maschinenpistolen im Hinterland, ein Schrei »Wir sind eingekesselt!« – schon begann man zu fliehen. Man floh zurück, rannte, ohne auf den Weg zu achten, Hauptsache aus dem Kessel rauskommen. Es war unmöglich, sich dem zu entziehen, und es war unmöglich, die Fliehenden aufzuhalten. Massenhysterie paralysiert das Denken. Während des Kampfes, wenn die Nerven äußerst angespannt sind, reichen ein Schrei und ein Feigling aus, um eine Massenpanik auszulösen. Die Angst vor der Einkesselung war eine Erscheinung der ersten Kriegsmonate. Später lernten wir, aus dem Kessel auszubrechen, die Einkesselung hörte auf, uns Angst zu machen.

Gegen Angst hilft seltsamerweise Lachen. Wer Angst hat, lacht nicht. Doch wenn man lacht, vergeht die Angst, sie verträgt kein Lachen, Lachen tötet sie, negiert sie, verjagt sie, jedenfalls für eine gewisse Zeit. Aus diesem Anlass möchte ich eine Geschichte erzählen, die ich von dem wunderbaren Schriftsteller Michail Soschtschenko gehört habe.

Kurz vor seinem Tod veranstaltete man im Haus des...



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