Heßelmann | Nebelsch(w)aden | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 2, 172 Seiten

Reihe: Eine Art Alpen-Krimi

Heßelmann Nebelsch(w)aden

oder erst 2 dann 3 und 1 am Schluss
1. Auflage 2026
ISBN: 978-3-6957-6974-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

oder erst 2 dann 3 und 1 am Schluss

E-Book, Deutsch, Band 2, 172 Seiten

Reihe: Eine Art Alpen-Krimi

ISBN: 978-3-6957-6974-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ferdinand Kerber ist tot. Dort, wo sonst seine Tiere weiden, sitzt er mit einer klaffenden Wunde am Kopf in einem Seitental bei Holzbach auf einem Bänkchen. Natürlich haben keine Stunde später die üblichen Verdächtigen aus "Schneegestöber" die üblichen Verdächtigen unter Verdacht. Es wird also wieder getuschelt im Ort. Dieses Mal scheint der Fall tatsächlich anders zu liegen. Bezirksinspektor Roggmann und sein polizeilicher Gehilfe Haselberner machen sich an die Arbeit und finden allerlei Merkwürdigkeiten heraus. Der unterhaltsame zweite Teil der Alpen-Krimi-Reihe. - Dieses Mal mit passendem Wörterbuch.

1958 Duisburg, Niederrhein. Von 1980 an war ich Buchhändler in der Nähe von Stuttgart. Nun im Ruhestand. Seit 1991 schreibe ich Bücher. Was zunächst ein abendlicher Ausgleich für den Alltag war, wurde in wenigen Jahren zu einer Leidenschaft. Das Gefühl, mit den eigenen Gedanken und Worten Menschen und Situationen zu erschaffen, ist im Moment des Schreibens unübertroffen. Dann aus diesen Büchern vorzulesen und die Zuhörer fesseln zu können erst recht.
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II. Kapitel


Petrus, oder wer auch immer, hatte den Schalter umgelegt und den Altweibersommer vor einigen Tagen jäh zu Ende gebracht. Seitdem erreichten die Temperaturen in der Nacht nur noch niedrige einstellige Werte und über Tag folgte ein kalter Nieselregen nach dem anderen. Der eine Teil der Natur ging fast nach Indian-Summer-Manier gelb-rot-gold in Warteposition und sprenkelte so die Umgebung. Der andere nutzte seine letzten Chancen: Spätabends röhrten die Hirsche um die Wette. War der Lärm des Autoverkehrs auf der Bundesstraße im Tal dann gänzlich verschwunden, hörte man manchmal sogar das Aneinanderkrachen ihrer Geweihe, wenn sie glaubten, um ihre Auserwählte kämpfen zu müssen.

Inzwischen hatte der fisselige Regen für ein paar Stunden aufgehört und nun, am frühen Morgen, zogen stattdessen lautlos dicke Nebelschleier durchs Tal. Träge und schwer in dicken Schwaden ähnelten sie in Betttücher gehüllten Wesen, die Fangen oder Verstecken spielend die Berge hinunterwehten und dabei zwischen den Bäumen herumhuschten. Passend dazu war alles eintönig grau in grau, ja, zwischen den Stämmen fast noch schwarz und der nasse Boden vollkommen durchweicht. Kein Ast und keine Dachkante, von denen es nicht tropfte. Der an vielen Stellen aufgebrochene Asphalt des Fahrwegs zum im langen Seitental von Holzbach war feucht und glitschig geworden. Die trüben Oberflächen der Pfützen zeigten nicht, wie tief sie waren. Ferdinand Kerbers rechter Schuh und das Hosenbein darüber bewiesen, dass er mindestens eine davon falsch eingeschätzt hatte. Beides war dreckig und klatschnass. Frühestens in einer Stunde würde die Sonne sich bemühen können, die Dunstschleier aufzulösen und beim Trocknen zu helfen. Erst dann wäre sie über die jetzt noch umwölkte Tajenspitze gekrochen.

Auf den mageren Wiesen oberhalb des nach dem letzten Sturm geschundenen Walds auf der anderen Seite des tosenden Baches würden sich auch die Schafe und Ziegen über die wärmenden Strahlen freuen, bevor sie in die Arena am Ende des Tals zurückkehrten, um im Windschatten von Mahdberg, Rauer Spitze und all den anderen Gipfeln wieder in Ruhe und vielleicht noch mit etwas mehr Sonne weitergrasen zu können.

Zu dieser Zeit saß der Kerber Ferdinand, im Ort meist kurz Ferdl genannt, jedoch bereits seit mindestens drei Stunden auf dem Bänkle am Putzbrinnle unter einem schüchtern wirkenden Bergahorn und schaute, vielleicht wegen des trüben Wetters vollkommen frustriert, enttäuscht oder gar angesäuert, mit halb offenen Augen und zur Seite gelegtem Kopf in das trübe Grau vor sich. Neben ihm lag das für solche Witterungen nutzlose Karoly Györ, der alte Feldstecher seines Großvaters, den dieser schon während des Ersten Weltkriegs benutzt hatte, um den möglichen Feind früh zu erkennen. Angesichts der Bagatelle eines nassen Hosenbeins war der Nebel aber wohl nicht der wahre Grund für Ferdls mürrischen Blick. Dann doch eher die klaffende und auch tiefe Wunde oberhalb seiner linken Schläfe, von der ein breiter Strom aus inzwischen zäh geronnenem Blut bis unter den Kragen seines dicken Flanellhemdes reichte. Warum er jedoch mit dieser Verletzung nicht zu einem Arzt gefahren war, zumal sein alter Lada keine fünfzig Meter weiter am Rand zur Schlucht stand, sondern stattdessen hier auf der Bank saß, versuchte seit wiederum dreißig Minuten der alte Amtsarzt aus der Kreisstadt herauszufinden.

Währenddessen kickte Pfitzenmayr, der immer etwas steif wirkende Polizei-Häuptling aus Innsbruck, wie einst der Polster Toni – immerhin hatte dieser bis dato die meisten Länderspieltore für Österreich geschossen – alleweil mit seinen Schuhen abwechselnd links wie rechts in der Luft herum, um Tannennadeln, Erdkrumen und Regenwasser von seinen teuren, handgenähten und cognacfarbenen herunterzuschütteln, was wiederum eher einem ungelenken und kantig wirkenden Tanz aus den 60er-Jahren glich. So fein seine Schuhe waren, so unfein waren seine Flüche in fast astreinem Hochdeutsch. „A schaß Wetter ist das!“ Und der nächste Dreckbollen flog herum.

Roggmann, der Bezirksinspektor aus der Kreisstadt, und Haselberner, den alle nach wie vor nur Schandi nannten, obwohl die Gendarmerie seit Jahren längst in eine Polizei verwandelt worden war, schauten sich mit verzogenem Gesicht und hochgezogenen Brauen an und schüttelten kaum merklich den Kopf.

„It amål fluacha kå der und Fuaßbållspiela o ita. Iatz kickt dr scho den Letten umanand. Des då wår jedenfalls a klårs Foul, såg i dir! Luag dir dia Joppe vom årma Luatschar då o“, murmelte Haselberner, dreht sich um und schwang eine Hand vor seinem Gesicht hin und her. Roggmann verfolgte das Schauspiel und grinste Haselberner an.

Um sie alle herum in großzügigster Manier rot-weiß flatternde Polizeiabsperrbänder, zweihundert Meter die Straße rauf und zweihundert Meter die Straße runter. Und die drei Kilometer vorher, am Bergfriedhof, stand wie beim letzten Mal vor der Oberen Brücke, als sie dem armen, toten Huber Alois einen Mörder andichten wollten, eine ganze Armada Polizeiautos mit blinkenden Blaulichtern und gewichtig dreinschauenden Beamten. Allesamt bewaffnet, als gälte es, irgendwelche Geiselnahmen zu beenden. Das Claim, das es zu sichern galt, war somit abgesteckt.

„Sakrament!“, zischte Roggmann, mit dem Schandi etwas abseits stehend, leise in dessen Richtung, schüttelte abermals unmerklich den Kopf und zog den daraufhin zwischen die Schultern. Dann ballte er in seinen Hosentaschen die Fäuste und meinte: „Jedes Mal haben wir mit dem so eine Ramasuri.“

Einige Polizisten latschten ohne Rücksicht, als gäbe es nicht noch andere Spuren aufzuklären, zwischen den Büschen und Bäumen hindurch; und das ziemlich übertrieben auf der Suche nach der Mordwaffe. Ein Duft von frisch gesägtem Holz, Moder und nassem Laub wirbelte dem aufgeregten Trupp hinterher und die Summe dieser Gerüche um sie herum ähnelte dann doch eher einer ausgelassenen Morgenhygiene. Währenddessen meinte der ältliche Amtsarzt wohl, er müsste mit einer lauten Beschreibung die Suche dieses nervösen Haufens unterstützen:

„Es war vermutlich ein stumpfer Schlag mit einem Scheit, dicken abgebrochenen Ast oder einer Latte“, rief er, als stünden alle anderen irgendwo tief im Wald und hob unschlüssig die Achseln: „Den Rest kann ich sagen, wenn ich ihn genauer untersucht hab. Vielleicht morgen oder übermorgen. Im Moment finde ich aber keine weiteren Verletzungen.“

Keine fünf Minuten später hetzte einer der Beamten mit einem dicken Ast durch das enge Gestrüpp den Abhang hinunter auf Pfitzenmayr zu. Mehrmals blieb er in dem hölzernen Durcheinander hängen, krachte gegen einen der Bäume und walzte mit seinem Getrampel einen kleinen, schüchtern wachsenden Busch nieder. Die Hosenbeine seiner blauen Uniform waren von oben bis unten verdreckt und von seinem Ärmel hing das Abzeichen seiner Tiroler Einsatzeinheit durch seine Aktion fast abgerissen herunter. Er salutierte vor dem Innsbrucker, der deshalb einen entsprechenden, vor allem zurechtweisenden Kommentar unterließ, weil er ohnehin gerade damit beschäftigt war, einen nächsten Batzen Schlamm einem weiteren Polizisten erfolgreich ins Kreuz zu kicken.

„I woaß it, åb’r i denk, då isch Bluat dro, Herr Hauptmann“, sprach er Pfitzenmayr etwas aus der Puste gekommen mit dem richtigen Dienstgrad an, denn Kommissare gibt es trotz Falcos erfolgreichem Hit bekanntlich nicht in Österreich. Der junge Tiroler haute die Hacken zusammen, als sei er tatsächlich beim Militär und Pfitzenmayr lächelte gönnerhaft. Der derangierte Zustand des Polizisten spielte allein schon deswegen keine Rolle mehr. Im Gegenteil, der kassierte sogar ein lobendes Lächeln seines Vorgesetzten. Und Haselberner verdrehte daraufhin die Augen.

„Jå, e i o! – Hauptmann! Håsch des k’heart? Sall i di iatz mit’m Herr Bezirksinschpektor oreda?“, lästerte er und Roggmann grinste. Pfitzenmayr hatte dem Schandi seinen Spruch nicht gehört. Der lächelte und klopfte dem Polizisten sogar noch auf die Schulter:

„Gut gemacht, Aspirant Schiffer.“

Daraufhin nickte er den beiden in seiner typischen aufgeblasenen Art zu, hob den Ast, Knüppel oder Scheit wie einen Pokal in die Luft und nickte wieder blasiert. Roggmann und Haselberner erwarteten fast noch ein: . Doch blieb es nur beim siegesgewissen Nicken und dem Winken, ja, man könnte sagen mit dem Zaunpfahl. Roggmann streckte mit hochgezogenen Mundwinkeln den Daumen in die Höhe, trat ein paar Schritte zur Seite, weil ihm das ständige Getropfe von einem Ast über ihm auf die Nerven ging, und flüsterte zu Haselberner:

„Schade, dass der Herr Aspirant Schiffer nicht noch den Mörder oder wenigstens dessen Hand … wegen der Fingerabdrücke … an den Ast geklebt hat, dann wäre...



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