E-Book, Deutsch, 450 Seiten
Hildebrand Eisbrand
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-7597-2780-0
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 450 Seiten
ISBN: 978-3-7597-2780-0
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
»Wir haben mit der Vergangenheit abgeschlossen, aber die Vergangenheit nicht mit uns«, heißt es in Wes Andersons Film "Magnolia". Davon handelt die Geschichte. Ein Liebespaar verbringt zwei leidenschaftliche, turbulente Jahre miteinander. Es endet im Desaster, die Phantasmen zerspringen. Für jeden beginnt ein eigener, durchwachsener Lebensroman. Nach zwei Jahrzehnten begegnen sie sich wieder und stellen sich ihrer Vergangenheit. Sie müssen erkennen: was sie für ihre Erinnerung hielten, war ein Konstrukt, mit dem sie einigermaßen zurechtkamen. In Rede und Gegenrede verschwimmen die Grenzen zwischen Fakt und Behauptung, Lüge und Missverständnis, Verantwortung und Verrat. Am Ende wissen sie weniger denn je, was sich damals tatsächlich zugetragen hat.
Florian Hildebrand, geboren in Potsdam-Babelsberg, Studium der Journalistik und Germanistik, arbeitete jahrzehntelang als Wissenschaftsjournalist. Über viele Jahre verfolgte er, wie die Forschung erst lernen musste, komplexe Umweltprobleme zu analysieren, wie also z.B. Schadstoffe sich in Boden, Luft und Wasser verhalten und die Gesundheit des Menschen beeinträchtigen können. Für den Bayerischen Rundfunk und andere ARD-Sender schrieb er viel beachtete Features und Dokumentationen. Seine Recherchen reichten bis hin zur Evolution des Lebens und des Universums. Dafür wurde er mehrfach mit renommierten Preisen ausgezeichnet. In der Universität hielt er Seminare zum Wissenschaftsjournalismus. In öffentlichen Foren diskutierte er mit Fachleuten die herausfordernden Themen zur Zukunft von Menschheit und des Planeten Erde. In diesem Sinne veranstaltet er seit 25 Jahren mit Wissenschaftlern in München regelmäßig einen Salon. Veröffentlichung: "Satellitenbilder - mehr als tausend Worte", in: Hannes Taubenböck u.a.Hrsg. "Globale Urbanisation, Perspektive aus dem All", 2015 Ohne diesen Hintergrund aus den Augen zu verlieren, schreibt er inzwischen belletristische Romane über einschneidende menschliche Erfahrungen. "Der Bucklige von Mossul", 2020 erschienen als BoD "Eisbrand " erscheint 2024 als zweiter Roman.
Autoren/Hrsg.
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2 »Frau Terwag?« Meine Gruppe begann auseinanderzulaufen. Ich schaute mich um. Ein kleinerer, älterer, kompakter Mann kam stracks und mit leuchtenden Augen auf mich zu, als habe er die Abwechslung herbeigesehnt. im Schlepptau offenbar seine Frau, eher gehetzt als interessiert. »Bitte?« »Erinnern Sie sich an mich?« Ich hatte für das Gesicht nicht sofort Ort und Zeit. »Sie haben als Studentin bei mir gearbeitet. Vanessa Terwag, nicht wahr?« »Ja...?« »Stadtplanung München.« Im alten Hochhaus, nahe dem Viktualienmarkt. »Ich erinnere mich, Herr ...« Der Name ging unter. Eine Frau aus meiner Gruppe platzte mit einer Essenseinladung für den Abend dazwischen. Ich musste an mich halten, die Kundin nicht unwirsch abzuweisen. Derlei Annäherungen mochte ich nicht; bei Pasta und Primitivo stellte sich oft genug heraus, dass ich den Paaren die eheliche Langeweile vertreiben oder eine Privatvorlesung halten sollte. Zum Dank gaben sie mir ihre leise Verachtung für eine promovierte Kunsthistorikerin zu verstehen, die sich nicht zu schade für derlei Führungen war. Dieses Mal sagte ich zu. Weniger wegen der vorlauten Frau als ihres Ehemanns, eines zurückhaltenden älteren Herrn mit verstrubbeltem Schnauzer. Er war mir während des Rundgangs mit anregenden Bemerkungen aufgefallen, während seine Frau ihn kleinzureden versuchte. Von ihm ging die diskrete Anziehungskraft eines altmodischen Bildungsbürgers aus. »Verzeihung, Herr ..., wir sind unterbrochen worden. Wollen wir einen Kaffee trinken? Ich habe in einer Stunde die nächste Führung.« Wir setzten uns zwischen eloxiertes Aluminium und korinthische Gipssäulen, die noch weniger nach Paestum gehörten als der Sphinx nach Las Vegas. Er hatte in seiner Abteilung Werkstudenten eingestellt. Ich war bei ihm beschäftigt, über zwanzig Jahre war das jetzt her, und hatte Robert dazu geholt. Keine glückliche Idee. Wir entfernten uns gerade voneinander. Robert war meist schlecht gelaunt, wenn er mich sah. Aber er ließ mich nicht los. Irgendwie war er gefangen in seiner Unentschiedenheit. Ich litt unter den wechselnden Stimmungen. Noch schliefen wir miteinander. Er besaß ein gewisses Naturtalent, ohne sich dessen bewusst zu sein, jedenfalls nach den Jungs zu urteilen, die zuvor angeberisch in mir herumgestochert hatten. Er konnte nicht genug von mir kriegen. Es fühlte sich gut an, ihn zu reizen, bis er sich kaum noch zurückhalten konnte. Doch irritierte mich, wie er förmlich in mich hineinkriechen wollte. Wir zerrten an den Stellen, wo wir uns ineinander verhakt hatten. Der Stadtplanungsdirektor erzählte wichtig, was er von Robert so alles erfahren hatte. Sie waren sich vor einiger Zeit in einer Ausstellung über den Weg gelaufen, Robert wirkte auf ihn immer noch wie ein unbekümmerter Junge, der die Dinge nehme, wie sie ihm zufielen. Er schwebe über Grund, um sich nicht an den Steinen der Wirklichkeit zu stoßen. Ich fragte nach. Ja, verheiratet sei er, ob gewesen oder noch, wisse er nicht, zwei Kinder habe er beiläufig erwähnt. Es stach leise. Natürlich, ihm fiel immer alles zu. Ich musste los, der Stadtdirektor verabschiedete sich enttäuscht über die Kürze der Abwechslung, ich nahm die nächste Gruppe in Kauf. Robert hatte mich damals fast das Leben gekostet. Jetzt war er wie eine Kröte aus dem mit Wasserlinse bedeckten Teich der Erinnerung hochgeploppt und hockte in der Mitte auf einem besonnten Schwimmblatt, als sei es eigens für ihn gewachsen. Ich mochte an ihn denken, und gleichzeitig widerstrebte es mir. Wir waren wie Kinder übermütig um uns spritzend ins Meer gerannt, hatten darin herumgetobt, dann war es stürmisch geworden, die Wogen warfen uns hart ans Ufer. Robert war der Grund, warum ich nach Italien ausgewichen war. Dachte ich an ihn und nicht nur in der Nacht, war ich um den Schlaf gebracht. Bis heute bekam ich nicht zusammen, was mich dazu getrieben hatte, mir diesen Mann als Schicksal auszusuchen. Das Abendessen mit dem Ehepaar gelang insoweit, als der Elias-Canetti-Bart sich als Spezialist für alte Grabmäler in Rom entpuppte. Er fotografierte sie kantenscharf schwarzweiß und schattenlos. Keines schien ihm unzugänglich. Mit seinem Objektiv grub er sie an Stellen aus, die zu finden man schon ziemlich gewitzt sein musste. Ich rechnete ihn zu diesen stillen Spezialisten, die alles ihrer Leidenschaft unterwarfen und sich damit den Ruf eines enzyklopädischen Fachmenschen erwarben. Jedes ihrer Objekte konnten sie endlos kommentieren. Wenn sie veröffentlichten, wurden es Standardwerke mit begrenzter Öffentlichkeit, aber jahrzehntelanger Referenz. Ihre Ehefrauen zerfielen in Fremdstolz und Eifersucht. Für ihre Kinder waren sie ein Kuchen, den sie anschneiden, aber nicht essen durften. Nachdem ich an dem Tag zwei weitere Gruppen in Paestum niedergeredet hatte, kehrte ich zu meiner Gastfamilie nach Neapel zurück. Mein Zimmer empfing mich mit der kalten Feierlichkeit des italienischen Faschismus. In der Giebelmitte über dem oval geschliffenen Spiegel des Kleiderschranks saßen Rutenbündel und Axt. Gegenüber trumpfte voluminös eine Anrichte mit marmornen Säulchen und kühler Steinplatte auf. Im nachmittäglichen Dämmerlicht der geschlossenen Fensterläden wirkten die Möbel wie schläfrig hingelagerte Bisons, die dem einstigen Donnern ihrer Hufe nachlauschten. Der Stadtdirektor hatte in seiner unbekümmerten Mitteilsamkeit die Kröte aus dem Teichgrund nach oben gescheucht. Da blinzelte sie nun in die Nachmittagssonne und war in ihrem Warzenkleid nicht mehr dazu zu bewegen, wieder zwischen die Wasserlinse abzutauchen. Robert – ein paar Jahre älter als ich – hatte mich aus dem Kokon herausgeklopft, dem Thomas Bernhard letztlich entronnen war, indem er ihn sich gefügig machte, und mich in eine disparate studentische Gesellschaft bugsiert. Zwar war ich mit meiner Familie wie ein Schlossfräulein aufgewachsen, aber in der großen Universität des Nachbarlandes fühlte ich mich wie ein Provinzei. Wenigstens hatte uns mein Vater, da war er unerbittlich, Dialekt zu sprechen ausgetrieben. Dennoch wurde ich das Gefühl nicht los, wenn ich den Mund aufmachte, hörten die werten Mitstudierenden die heraus gebackene Landpomeranze im Lodenmantel. Das Institut, in dem ich Robert begegnete, war noch nicht vom Massenbetrieb aufgeschwemmt. Das akademische Personal pflegte lockerdirekte Kontakte mit den Studierenden, man ging gemeinsam auf fachliche Exkursion, zum trinkfesten Kegeln, auf Kneipentour und zum Stammtisch. Jährlich fuhren die Semester gemeinsam zum Skifahren. Robert suchte Geselligkeit genauso wie geistige Nahrung. Waren wir allein miteinander, sank seine Spannung rasch, außer wir schlugen die Schenkel umeinander. Er hatte eine unstillbare Rastlosigkeit in sich. Er musste in die Kneipe, ins Kino, ins Jazzlokal, ins Theater, in jedem Fall hinaus, wo er etwas aufnehmen konnte. Er suchte meine Nähe, um aus ihr auszubrechen. Ich sollte ihn bei allem begleiten, aber wonach er verlangte, lag immer außerhalb meiner Reichweite. Ich kam wie sein Sancho Pansa mit, nörgelnd, unverzichtbar. Begegnet waren wir uns in der Hauptvorlesung, der Piazza des Instituts. Suchend stand er vor den Sitzreihen, ein finster dreinblickender Lockenkopf in Jeans und knittrigem Hemd. Der Hörsaal war gestrichen voll, es gab kaum freie Plätze. Er drängelte sich bis zu mir durch, setzte sich neben mich und warf ungeschickt meine Wasserflasche um, sodass sie unter den Tisch rollte. »Origineller geht’s nicht?«, maulte ich ihn an. Er langte nach der Flasche, stellte sie mir mit Aplomb hin, murmelte etwas Unverständliches und beachtete mich nicht weiter. Das hielt ihn aber einige Tage später nicht ab – wir waren zu mehreren beim Baden –, sich neben mich zu stellen, die ich mich gerade zum Sonnenbaden ausgestreckt hatte, mich von oben bis unten zu begutachten und nach einem gemeinsamen Kaffee zu fragen. Seine Begleiterin, eine langschmale Dunkle mit großen traurigen Augen schaute bestürzt. Er erschien in meiner Schwabinger WG, in der Hand einen Strauß handgepflückter Sommerblumen aus dem Englischen Garten. Ich war verblüfft von der altmodische Attitüde. Auf meinem Plattenteller lief eine kongolesische Messe, und als das Kyrie begann, geriet er aus dem Häuschen. Wir tranken Tee, dann lockte ich ihn pflichtschuldig in die Kiste. Er hätte sich damit wohl Zeit gelassen. Auf seine Pubertätsfrage, wie viele Männer ich vor ihm gehabt habe, antwortete ich »siebzehn«. Ich war neunzehn. Er schnappte nach Luft. Ich fragte mich, wie naiv man in seinem Alter sein konnte. Für einen Bafög-Studenten war er einen Tick zu üppig ausgestattet. Er bewohnte ein geräumiges Zimmer in einer Fünfer-WG direkt hinter der Universität und fuhr ein altes VW-Cabrio. Seine Arbeiten schrieb er auf einer elektronischen Schreibmaschine. Die Hemden, die er trug, stammten vom Schneider. Ich konnte ihm wenigstens die Monogramme austreiben. Er war süchtig nach dem Leben. Nacheinander hatte er bereits drei...




