E-Book, Deutsch, 224 Seiten
Kreft Was ist Liebe, Sokrates?
19001. Auflage 2019
ISBN: 978-3-492-99499-6
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die großen Philosophen über das schönste aller Gefühle
E-Book, Deutsch, 224 Seiten
ISBN: 978-3-492-99499-6
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Nora Kreft ist Philosophin und forscht zu den Themenbereichen Liebe und Autonomie. Sie promovierte in Erfurt und Graz und ist als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Philosophische Anthropologie der Humboldt-Universität in Berlin tätig. Zum Thema »Philosophie der Liebe« trat sie in den Medien vielfach als Expertin auf.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
3 Die Unersetzbarkeit des Geliebten
Max Scheler beruft sich auf die Unersetzbarkeit des Geliebten und die Runde gerät in eine Diskussion.
»Sokrates, dir zufolge ist eine geliebte Person für den Liebenden nur ein Mittel zu einem bestimmten Zweck, eine Hilfe auf dem Weg zur Weisheit und nichts weiter. Als solche ist die Geliebte aber ganz und gar ersetzbar! Denn was ich als Mittel erachte, finde ich nicht für sich allein genommen wertvoll, sondern nur insofern und so lange es seinen Zweck erfüllt. Deshalb würde ich es leichten Herzens gegen alles eintauschen, das den Zweck ähnlich effektiv erfüllt, und ich wäre geradezu froh, wenn ich statt seiner ein noch besseres Mittel fände.«
Max hatte laut und schnell gesprochen. Jetzt holte er kurz Luft und rief dann: »Ein Liebender würde seine Geliebte aber nie eintauschen! Nicht in dieser Weise. Es ist ihm nicht egal, ob er seine Geliebte oder eine ihr ähnliche Person vor sich hat. Und er denkt auch nicht ernsthaft darüber nach, ob es noch bessere Kandidaten geben könnte. Wenn doch, würde er nicht wahrhaft lieben. Denn wahrhaft Liebende halten ihre Geliebten für unersetzbar.«
Er wischte sich über den Mund und nahm einen Schluck Wasser aus dem Glas, das Immanuel ihm hingestellt hatte.
»Denkt nur an liebende Eltern: Sie würden ihre Kinder niemals gegen ähnliche oder irgendwie ›bessere‹ Kinder eintauschen. Es würde uns erschrecken, wenn es doch so wäre. Stellt euch das mal vor. Eltern, die ihr Kind hergeben würden, wenn sie dafür ein noch hübscheres oder noch klügeres haben könnten. Oder eins, das durchschläft! Wir würden mit Recht an ihrer Liebe zweifeln. Das Gleiche gilt auch für die erotische Liebe, über die Sokrates gesprochen hat, und auch für tiefe Freundschaft, Geschwisterliebe und so weiter. Liebende aller Art haben gemeinsam, dass sie ihre Geliebten nicht einfach auf der Basis von vergleichenden Werturteilen eintauschen würden.«
»Ich habe nicht nur von einer Art der Liebe gesprochen«, wandte Sokrates höflich ein. »Liebende Eltern werden von ihren Kindern auch an die Ideen erinnert, und bei Freunden ist es ebenfalls so. Ich glaube, verschiedene Arten der Liebe gibt es gar nicht, Liebe ist Liebe. Oder anders: Jede Liebe ist erotisch …«
»Wie dem auch sei«, erwiderte Max ungeduldig. »Mein Punkt ist: Du kannst die Unersetzbarkeit des Geliebten nicht erklären. Noch schlimmer: Deiner Theorie zufolge sollten Liebende prinzipiell willens sein, ihre Geliebten gegen all die einzutauschen, die sie in ähnlicher Weise an die Ideen erinnern. Wenn Diotima genauso schön ist wie – na ja, wer fällt mir da jetzt ein – na, sagen wir die schöne Helena, dann sollte es dir egal sein, ob du mit Diotima oder mit Helena Umgang hast. Aber angenommen du liebst Diotima, dann ist das doch eine absurde Vorstellung! Oder etwa nicht?«
»Hmm …«, machte Sokrates und wiegte den Kopf hin und her. »Darüber muss ich nachdenken, Max. Jedenfalls ist das ein wichtiger Punkt.«
»Bist du sicher?«, fragte Sigmund spöttisch. »Ist das so wichtig? Ich weiß nicht … Wenn Max recht hätte, dann gäbe es so etwas wie ›echte Liebe‹ womöglich gar nicht.«
Søren sah Sigmund entgeistert an. Immanuel schritt ein: »Warte, Sigmund. Lasst uns Max erst noch genauer befragen. Ich verstehe noch nicht ganz, wie er das mit der Unersetzbarkeit meint.«
Max hob trotzig den Kopf: »Was willst du wissen, Immanuel?«
»Zunächst müssten wir nur ein paar Dinge klären: Wenn du sagst, die Geliebte sei für den Liebenden unersetzbar, dann meinst du nicht, dass wir nur eine Person lieben können, nicht wahr? Es geht dir hier nicht um Exklusivität …«
»Oh nein, ganz und gar nicht! Natürlich kann man mehrere Personen gleichzeitig lieben. Bei Eltern, die mehrere Kinder haben, ist das ja ganz offensichtlich. Und viele haben auch mehrere Freunde. Man kann auch zur gleichen Zeit in mehrere Menschen romantisch verliebt sein. In diesen Fällen sind eben entsprechend viele Personen unersetzbar für den Liebenden: Für jeden und jede unserer Geliebten gilt, dass man sie nicht gegen andere eintauschen würde, noch nicht einmal gegen solche, die man ebenfalls liebt.«
»Und was genau heißt das nun, dass man sie nicht eintauschen würde?«
»Ich erzähle euch eine kleine Geschichte. Stellt euch vor, ihr habt ein kleines Kind. Eines Tages wird das Kind entführt. Im Briefkasten findet ihr ein Schreiben der Entführer: Sie haben nicht vor, das Kind je zurückzubringen. Stattdessen haben sie euch ein anderes Kind in die Wiege gelegt, das dem euren verblüffend ähnlich ist. Die beiden sind wirklich schwer auseinanderzuhalten. Trotzdem wärt ihr vermutlich vor Schmerz über den Verlust eures Kindes ganz außer euch. Vielleicht würdet ihr mit der Zeit beginnen, auch das neue Kind zu lieben. Aber die Liebe zu dem neuen Kind kann den Verlust des ersten nicht aufwiegen, so wie auch die Geburt eines zweiten Kindes den Tod eines ersten nicht aufwiegen kann. Das zweite Kind macht es unter Umständen leichter, mit dem Schmerz umzugehen, aber das ist etwas anderes als eine Wiedergutmachung.
Wenn wir ein paar Geldscheine verlieren, dann ist dieser Verlust durch neue Scheine im gleichen Wert wiedergutgemacht – wir stehen genauso gut da wie vor dem Verlust. Aber den Verlust eines Kindes kann nichts wiedergutmachen … Man kann nur lernen, irgendwie damit zu leben.
So ist es nicht nur mit Kindern, sondern auch mit anderen Menschen, die wir lieben. Ihr Verlust ist durch nichts wiedergutzumachen, es gibt keinen Ersatz. Deshalb wirft uns auch der Tod von geliebten Menschen so aus der Bahn. Wenn wir in der Zeitung lesen, dass jemand gestorben ist, den wir gar nicht kennen, sind wir zwar betroffen und halten auch kurz in unserem Tun inne, aber wir müssen nicht erst mühsam wieder leben lernen.«
»Aber manchmal verlassen wir unsere Geliebten doch …«
»Ja natürlich!« Max sah ungehalten aus. »Ich will nicht sagen, dass Liebende ihre Geliebten nie verlassen würden, zum Beispiel, weil sie den Alltag nicht gemeinsam bewältigen können und so weiter. Aber erstens ist ›verlassen‹ mehrdeutig und nicht jedes Verlassen auch ein Verlieren. Zweitens, selbst wenn der Liebende Entscheidungen treffen muss, die den Verlust der Geliebten mit sich bringen, ist das nicht unbedingt unvereinbar mit seiner Liebe. Stellt euch vor, wir müssten uns entweder für immer von der Geliebten trennen oder eine Insel mit Tausenden von Einwohnern würde vom Meer verschlungen. Es wäre wohl moralisch geboten, in dieser Situation den Verlust der Geliebten in Kauf zu nehmen, und Liebende, die sich so entscheiden, sind deshalb nicht minder Liebende. Es würde eben bedeuten, dass sie die Schmerzen der Trennung auf sich nehmen, wohl wissend, dass es keinen Ersatz für die Geliebte gibt. Die Quintessenz bleibt also, dass es zur Liebe gehört, die Geliebte für unersetzbar zu halten. Und dass es Liebenden deshalb nicht egal ist, ob sie es mit ihrer Geliebten oder einer in relevanter Hinsicht ähnlichen Person zu tun haben. Eine Theorie, der zufolge Liebe eine Art Nutzenabwägung ist, impliziert aber das Gegenteil. Deshalb muss sie falsch sein. Liebe ist keine Nutzenabwägung und die Geliebte kein Mittel zum Zweck. Punkt, aus.«
Ähnlich wie andere Wissenschaften bedient sich die Philosophie oft sogenannter »Gedankenexperimente«, die unsere Intuitionen zu den jeweiligen Untersuchungsgegenständen testen sollen: Man stellt sich bestimmte Situationen vor, unter Umständen auch völlig unrealistische, und überprüft die eigenen Reaktionen. Je nachdem, welche Theorie von Intuitionen sie vertreten und für wie angemessen sie die jeweiligen Experimente halten, verwenden Philosoph*innen die Ergebnisse dann, um eine These zu untermauern oder zu entkräften.
»Eigentlich triffst du mit deiner Kritik ja noch mehr Theorien«, meinte Immanuel. »Angenommen, Paris liebt Helena, weil sie schön ist. Er schätzt ihre Schönheit aber nicht als Mittel zur Weisheit, sondern um ihrer selbst willen, ganz ohne weitere Zwecke im Sinn. Dann ist es immer noch unerklärlich, warum ihn der Verlust von Helena so treffen würde, wenn er dafür die ebenso schöne … eh … Diotima haben könnte. Mit anderen Worten: Ansätze, bei denen Liebe einfach ein Werturteil über die Eigenschaften des Geliebten ist (oder wenigstens auf nichts anderem als auf einem solchen beruht), scheinen allesamt Probleme mit der Unersetzbarkeit des Geliebten zu haben.«
Max sprang halb vom Stuhl auf: »Genau! Liebe ist nicht nur keine Nutzenabwägung, sondern ganz allgemein kein Urteil über die Eigenschaften der Geliebten. Bei den möglichen Urteilen, die mir einfallen – dass die Geliebte schön ist oder witzig oder was auch immer – stellt sich das Unersetzbarkeitsproblem. Und hier auf einzigartige Eigenschaften zu rekurrieren hilft auch nicht weiter: Menschen haben nur wenige wirklich einzigartige Eigenschaften, darunter womöglich ihre partikularen Raum-Zeit-Koordinaten. Oder vielleicht schlürft jemand zufällig seine Suppe wie kein anderer. Aber solche Eigenschaften eignen sich nicht, um Liebe zu erklären, weil sie nicht besonders wertvoll sind. Warum sollte ich jemanden lieben, nur weil er zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort ist oder weil er seine Suppe ganz einmalig schlürft? Nein, aus all diesen Gründen muss Liebe etwas anderes sein, als Sokrates uns weismachen will.«
»Ein Werturteil dieser Art ist Liebe bei Sokrates ja auch nicht …«, bemerkte Iris, wurde aber unterbrochen: »Was ist Liebe denn dann?«, fragte Simone. »Völlig losgelöst von den besonderen Eigenschaften des Geliebten kann Liebe ja auch nicht sein. Denkt nur an Romeo und Julia. Ihre Liebe...




