Lebedew | Menschen im August | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 368 Seiten

Lebedew Menschen im August

Roman
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-10-402029-7
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 368 Seiten

ISBN: 978-3-10-402029-7
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Russland im August 1991: ein Putsch bringt das Land zum Beben, Gorbatschow wird abgesetzt, Jelzin übernimmt die Macht und Putin kann kaum erwarten, der Nächste zu sein. Das Land zerfällt. Nichts ist mehr, wie es Jahrzehnte lang war. Die einen verscherbeln Bodenschätze und Panzer und werden Multimillionäre, die anderen versinken in bitterer Armut. In dieser Zeit des totalen Umbruchs entdeckt der Ich-Erzähler das Tagebuch seiner Großmutter und erkennt, dass das Schweigen über die Vergangenheit gebrochen werden muss, wenn Russland eine Zukunft haben will. Ein hochaktueller, ein spannender Roman über ein Land, das schon lange keine Weltmacht mehr ist.

Sergej Lebedew arbeitete nach dem Studium der Geologie als Journalist. Gegenstand seiner Romane sind für den 1981 Geborenen die russische Vergangenheit, insbesondere die Stalin-Zeit mit ihren Folgen für das moderne Russland. Bei S. FISCHER sind seine Romane »Der Himmel auf ihren Schultern« (2013), »Menschen im August« (2015), »Kronos' Kinder« (2018) und »Das perfekte Gift« (2021) erschienen. Zuletzt erschien der Erzählband »Titan oder Die Gespenster der Vergangenheit« (2023). Sergej Lebedew lebt zurzeit in Potsdam.
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Teil I


1


Nur ein Fragment, eine Episode in diesem Buch war anders geschrieben als der übrige Text. Hier war Großmutter Tanja keine Familienchronistin und moralisierte nicht, sondern wurde emotional und schien sogar mit dem Kugelschreiber stärker aufgedrückt zu haben.

Manchmal kam es mir so vor, als habe sich meine Großmutter beim Verfassen dieses Fragments gezügelt und zur Rückkehr zur Normalität des übrigen Schreibens gezwungen, habe den Text »entfiebert«. Absichtlich hatte sie ihre Emphase durch Auslassungspunkte gebremst, phonetisch missratene Konstruktionen übereinandergetürmt, Barrikaden aus drei, vier aufeinanderfolgenden Konsonanten errichtet. Hatte sie sich in oberflächlichen Vergleichen verfangen, versuchte sie, auf den Pfad der Sinnsprüche zurückzukehren, übersprang eine Tatsache oder einen Gedanken und versuchte, sich mit einer flüchtigen Bemerkung aus der Affäre zu ziehen. Aber – und das war ein phantastisches Schauspiel – der Text hatte sie immer wieder gezwungen, einen Gedanken zu Ende zu führen.

Ein Fragment betraf zwei miteinander verknüpfte Ängste, die meine Großmutter ein Leben lang verfolgten, ihre Persönlichkeit in einen Zustand der Furchtsamkeit versetzt und gehalten hatten. Sie gründeten in ihren Mädchenjahren, kehrten danach aber nicht als eingebildete Gespenster vergangener Jahre wieder, sondern wurden jedes Mal real, wählten neue Masken und führten dasselbe Drama in anderer Inszenierung und mit neuen Protagonisten auf. Meine Großmutter brachte große Anstrengungen auf, nährte sie mit sich selbst und opferte sich, damit aus den Ängsten kein wirkliches Unheil wurde.

Das Jahr 1921, eine kleine Kreisstadt im Gouvernement Tambow, der Höhepunkt von Antonows Bauernaufstand[7]. Städte, Siedlungen und Eisenbahnschienen gehörten den Roten, und die gesamte Umgebung, besonders Wälder und abgelegene Dörfer – den »Grünen«[8]. Mein Urgroßvater Nikolaj, der Vater von Großmutter Tanja, arbeitete dort als Arzt in einem Lazarett und diente nebenamtlich in der »Gubkomdesertir«, der Gouvernementskommission zum Kampf gegen die Fahnenflucht, wo er jene untersuchte, die sich krank stellten. Meine achtzehnjährige Großmutter arbeitete in der Lazarettverwaltung. Manchmal vertrat sie Sanitäterinnen – es fehlte an medizinischem Personal, und sie, die Tochter eines Arztes, war erfahrener und geschickter als viele andere.

Ein junger Soldat nach dem anderen zog an ihr vorüber – aus irgendeinem Grund kämpften dort gegen die Rebellen nur Rekruten, die gerade das Einberufungsalter erreicht hatten, während die Mehrheit der erfahrenen Veteranen des Ersten Weltkriegs auf der Seite der »Grünen« stand. Selten wurde jemand mit Schrot verletzt und noch seltener mit Kugeln aus einem Gewehr, an echten Waffen fehlte es sowohl den einen als auch den anderen, und den Ausgang eines Gefechts konnte allein das Vorhandensein eines Maschinengewehrs entscheiden.

Es war das vierte Jahr des Bürgerkriegs, und jegliche Grausamkeit hatte längst den Sinn von Grausamkeit verloren, alles hatte es schon gegeben – mit Putzstöcken zu Tode Geprügelte, von Pferden Auseinandergerissene, in Heizkesseln und Öfen Verbrannte, bei lebendigem Leib Gehäutete. Aber auch im fünften Jahr fanden die Menschen noch die Kraft, anderen die Genitalien abzutrennen, ihnen mit Bajonetten die Augen auszustechen und mit Messern Sterne und Kreuze in den Rücken zu schneiden; als foltere man keine Fremden, sondern Menschen vom eigenen Blut – weswegen man dreimal so grausam vorging, weil man zuerst alles Brüderliche in sich töten musste und erst dann den anderen umbringen konnte.

In das Lazarett wurden Schwerstverletzte eingeliefert, Verstümmelte mit ausgerissenen Zungen, mit Brandwunden von glühenden Hufeisen an den Füßen, mit Verletzungen durch Messer, Äxte, Sägen, Keulen. Sie waren auf Eggen gesetzt, von Pferden zertrampelt, von Sensen zerfetzt, mit Dreschflegeln verprügelt worden – als hätte das gesamte Dorf der Roten Armee den Krieg erklärt, als wären die bäuerlichen Gerätschaften selbst gegen die Soldaten losgegangen.

Verstört von Karbol, Äther, Jod, Wundbrand, Eiter, Exkrementen, die bei Operationen hervortraten, sah meine Großmutter nur eine Seite des Zusammenstoßes: die entstellten Rotarmisten. Die Ablieferungspflicht, die Eintreibungstruppen, die den Bauern das Korn wegnahmen, der Hunger in den Dörfern – all die Gründe für den Aufstand und die Sicht der Aufständischen blieben ihr verborgen. Antonows Rebellen waren für Großmutter Tanja einfach nur Raubmörder aus dem »finsteren Dorf« der klassischen russischen Literatur. Die jungen Soldaten der Roten Armee hingegen, ihre Altersgenossen, waren gewissermaßen die ; und diese neuen Menschen wurden nun von den alten, den früheren Menschen erstochen, niedergesäbelt und aufgeschlitzt, wobei man ihr freilegte, sie mit Feuer und Wasser folterte; und meine Großmutter litt für die Getöteten mit ganzer Seele, als würde man in ihrer Person die Zukunft töten.

Die Gouvernementskommission zum Kampf gegen die Fahnenflucht sammelte inzwischen jene, die einer Einberufung entgehen wollten – es waren einige Hunderte. Man konnte sie ihren Militärdienst nicht in der Kleinstadt leisten lassen, sie wären nach Hause gelaufen, mancher auch direkt zu den Antonow-Leuten. Man musste sie wegbringen aus den aufständischen Gebieten, dorthin, wo sie keine Verwandten hatten, wo niemand ihnen Obdach gewähren oder sie verstecken würde, um sie dort zu drillen und Soldaten aus ihnen zu machen. Mit großer Mühe fand die Kommission Waggons und eine Lokomotive, bekam Kohle zugeteilt und setzte den Abreisetag fest; mein Urgroßvater Nikolaj sollte den Transport begleiten. Er wollte die jungen Männer wohl retten, sie vor einer Beteiligung an einem hoffnungslosen Aufstand bewahren, und verpflichtete daher sogar jene zum Militärdienst, die wegen ihres Gesundheitszustands oder Alters untauglich waren – nur um sie in eine ungefährliche Gegend schicken zu können.

Die meisten Rekruten waren Einheimische, aber es befanden sich auch etwa zwei Dutzend unter ihnen, die sich hierher verirrt hatten – manche aus dem Kaukasus, andere von der Wolga.

Viele Rekruten versuchten, sich krank zu stellen, in der Stadt tauchte eine Gruppe von Tataren auf, ehemalige Pferdezüchter, die den Eingezogenen falsche Geschwüre aufmalten und – gegen Bezahlung! – den Auswurf von Tuberkulosekranken besorgten; die Ärztekommission tagte oft, und meine Großmutter (es gab nur wenige Schriftkundige) wurde zur Schriftführerin der Kommission ernannt.

Sie sah demnach alle diese Rekruten ohne Unterwäsche, sah die mageren Körper der Jungen, jeden kannte sie dem Namen und den Merkmalen seines Körpers nach, einer hatte eine Narbe, der andere ein Muttermal; alle zogen an ihr vorüber, und Mitleid, großes Mitleid wuchs in ihr; die hervortretenden Rippen, die eingefallenen Bäuche, die spitzen Schlüsselbeine, die dünnen Arme und Schultern – all das konnte vom Schlag eines Säbels in erfahrener Hand durchkreuzt werden, derart zerhackt, dass das Leben augenblicklich entwich, noch bevor Blut hervorschießen konnte.

Nur ein junger Mann, der zwei Jahre älter als seine Kameraden war, sagte von sich aus, er wolle dienen. Er kam von irgendwo aus dem Kaukasus, sein Vater entstammte einem Bergvolk, seine Mutter war Kosakin, ein Halbblut also, sowohl in den Aulen als auch in den Kosakensiedlungen ein Fremder; irgendwo hatte er auch schon in einer roten Einheit gekämpft.

Anders als die anderen war er unbefangen und verabredete sich mit meiner Großmutter für den Vorabend der Abreise des Transports. Sie spazierten durch die kleine Stadt, wo man auf den künftigen Rotarmisten leicht aus einem abgesägten Gewehrlauf hätte schießen können. Und mit draufgängerischem Hochmut erzählte er von seinem Dienst in einer Einheit, die keinem Befehl unterstellt und unabhängig gewesen war, auch wenn man sie zu den Roten gezählt hatte; entweder war sie von jemandem aus den Eintreibungstruppen aufgestellt worden, oder es war ein Agent der WeTscheKa[9] gewesen, oder gar ein selbsternannter roter Kommissar, ein Autokrat zweier oder dreier kleiner Städte – derartige Regenten waren in jenen Jahren keine Seltenheit. Er erzählte, wie ein Aufruf an die Freiwilligen ergangen war – die Weißen besaßen eine Ikone, die sie verehrten und die angeblich die schützte und Wunder vollbrachte, den Glauben der Weißgardisten stärkte. Diese Ikone sollte zerstört werden, und niemand wollte es tun, aber er schlich sich nachts allein an, erstach den Wachposten, nahm die Ikone von der Wand der entlegenen Einsiedelei und versenkte sie im Sumpf. Wie viel davon geprahlt und wie viel echt war, konnte man nicht wissen, aber offensichtlich traf einiges zu, denn Großmutter Tanja hatte immer ein feines Gespür für Lügen gehabt; und sie dachte auch nicht an Gotteslästerung – eine Ikone zu versenken –, eher hatte sie, ein Mädchen aus einer bibelkundigen, die Glaubensrituale pflegenden Familie mit vielen Geistlichen, nun endlich einen wirklich Menschen getroffen.

Während ihres Spaziergangs wedelten sie mit Räucherfunzeln, kleinen Blechdosen an einer Schnur, die aussahen wie Weihrauchfässchen, in denen beißender Torf glomm – in jenem Sommer gab es in der nahe gelegenen Flussniederung sehr viele Mücken und...


Zwerg, Franziska
Franziska Zwerg, geboren 1969, studierte in Berlin und Moskau Slawistik, Germanistik und Theaterwissenschaft und übersetzt zeitgenössische russische Literatur, neben den Romanen von Sergej Lebedew auch die Werke von German Sadulajew, Grigori Kanowitsch und Dina Rubina.

Lebedew, Sergej
Sergej Lebedew arbeitete nach dem Studium der Geologie als Journalist. Gegenstand seiner Romane sind für den 1981 Geborenen die russische Vergangenheit, insbesondere die Stalin-Zeit mit ihren Folgen für das moderne Russland. Bei S. FISCHER sind seine Romane 'Der Himmel auf ihren Schultern' (2013), 'Menschen im August' (2015) und 'Kronos' Kinder' (2018) erschienen. Zuletzt erschien 2021 der Roman 'Das perfekte Gift'. Sergej Lebedew lebt zurzeit in Berlin.

Sergej LebedewSergej Lebedew arbeitete nach dem Studium der Geologie als Journalist. Gegenstand seiner Romane sind für den 1981 Geborenen die russische Vergangenheit, insbesondere die Stalin-Zeit mit ihren Folgen für das moderne Russland. Bei S. FISCHER sind seine Romane 'Der Himmel auf ihren Schultern' (2013), 'Menschen im August' (2015) und 'Kronos' Kinder' (2018) erschienen. Zuletzt erschien 2021 der Roman 'Das perfekte Gift'. Sergej Lebedew lebt zurzeit in Berlin.
Franziska ZwergFranziska Zwerg, geboren 1969, studierte in Berlin und Moskau Slawistik, Germanistik und Theaterwissenschaft und übersetzt zeitgenössische russische Literatur, neben den Romanen von Sergej Lebedew auch die Werke von German Sadulajew, Grigori Kanowitsch und Dina Rubina.

Sergej Lebedew arbeitete nach dem Studium der Geologie als Journalist. Gegenstand seiner Romane sind für den 1981 Geborenen die russische Vergangenheit, insbesondere die Stalin-Zeit mit ihren Folgen für das moderne Russland. Bei S. FISCHER sind seine Romane »Der Himmel auf ihren Schultern« (2013), »Menschen im August« (2015), »Kronos' Kinder« (2018) und »Das perfekte Gift« (2021) erschienen. Zuletzt erschienen der Erzählband »Titan oder Die Gespenster der Vergangenheit« (2023) und der Roman »Die Beschützerin« (2025). Sergej Lebedew lebt zurzeit in Potsdam.
Franziska Zwerg, geboren 1969, studierte in Berlin und Moskau Slawistik, Germanistik und Theaterwissenschaft und übersetzt zeitgenössische russische Literatur, neben den Romanen von Sergej Lebedew u.a. Werke von Dmitry Glukhovsky, Viktor Martinowitsch, Viktor Remizov.



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