E-Book, Deutsch, 220 Seiten
McAdams Grüneres Gras
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-384-32819-9
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 220 Seiten
ISBN: 978-3-384-32819-9
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Morag McAdams wurde 1987 in Heidelberg geboren. Bereits in der Gymnasialzeit unternahm sie erste schriftstellerische Gehversuche. Ihr erster Roman "Eine Heimat in den Highlands" erschien 2019 (Neuauflage 2023), daraufhin folgten mehrere Veröffentlichungen in den Bereichen Romance, Fantasy und Jugendbuch.
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1
„Samantha!“
Sam rollte mit den Augen und ignorierte die Stimme ihres Vaters. Sie trug die letzte Ziffer in die Tabelle ein. „Samantha!“
Sie erlaubte sich ein Lächeln. Es reichte. Ihre Laune besserte sich schlagartig und sie beschloss, auf den Namen zu reagieren, mit dem ihr Vater sie rief.
„Nenn mich nicht so“, sagte sie trotzdem, als sie aus ihrem Zimmer trat.
„Spätzchen, kannst du …“
„Papa, echt jetzt? Ich bin doch keine fünf mehr.“
„Okay. Sam. Besser?“
„Müssen wir diese Diskussion eigentlich jeden Tag führen?“ Sie gab sich mehr aus Reflex als aus Ärger widerspenstig.
„Was ist schlecht an deinem Namen?“
Sam zuckte mit den Schultern.
„Sam passt besser. Ich bin doch kein Mädchen.“ Sie grinste. „Also kein Mädchen-Mädchen. Du kannst mich Samantha rufen, wenn mir blonde Locken wachsen und ich mir die Fingernägel lackiere.“
Eher würde der See im März trocken liegen, dachte sie und fuhr sich durch das stoppelkurze Haar. Es war nicht so, dass sie kein Gespür für Mode hatte. Der Pixiecut stand ihr ausgezeichnet und betonte ihr kantiges Gesicht. Sie war klein und zierlich und machte sich nichts aus Rüschenkleidchen. Jeans und ein Hemd waren viel praktischer. Und es nervte ihre Mutter, wenn sie sich so kleidete. Nicht, dass sie sie oft sah; es ging ihr nur ums Prinzip.
Abwartend stemmte sie die Hände in die Hüften. Ihr Vater runzelte die Stirn.
„Was wolltest du?“, fragte er.
„Papa. Du hast mich gerufen.“
„Ach. Ja. Richtig.“
Sam seufzte. Thomas Küfer vergaß vieles in der letzten Zeit. Er vergaß, die Milch zurück in den Kühlschrank zu stellen. Er vergaß das Weißbrot im Toaster. Er hatte in der vergangenen Woche sogar vergessen, die Pferde von der Weide zu holen. Sam hatte morgens einen furchtbaren Schrecken bekommen, als die Boxen im Stall leer waren.
„Ist etwas mit den Pferden?“, versuchte sie ihm mit einem Stichwort zu helfen. Ihr Vater schüttelte den Kopf.
„Nein. Die Hühner. Ja. Genau. Kannst du bitte die Hühner später füttern. Ich habe noch einen Termin in Bad Wildungen.“
„Klar, mache ich.“ Sam fragte nicht, was er für eine Verabredung hatte. Vielleicht traf er sich mit einer Frau. Darüber wollte sie nicht nachdenken. Sie überlegte kurz, ihm zu erzählen, dass sie sich endlich den Führerscheinlehrgang leisten konnte, doch ihr Vater wirkte sehr zerstreut. Mit einem Nicken ließ sie ihn stehen und verzog sich wieder in ihr Zimmer. Die Hühner würde sie erst im letzten Licht des Tages in den Stall holen.
Sam liebte den Bauernhof, auf dem sie aufgewachsen war. Ein paar Pferde standen im Stall. Keines davon gehörte ihnen, sondern sie bekamen Miete für den Boxenplatz mit Weide. Meistens übernahm ihr Vater auch das Füttern, doch um das Kraftfutter oder das Ausmisten mussten sich die Besitzer selbst kümmern. Das Geld, das Sam sorgsam in ihre Tabelle eingetragen hatte, war deren Bequemlichkeit geschuldet. Sie hatte die Pferdeäpfel aus den Boxen geholt und den Reitern dafür einen kleinen Obolus abgeknöpft. Es hatte lange gedauert. Die meisten ihrer Freundinnen fuhren schon im Auto ihrer Eltern zur Schule. Hannah besaß sogar ein eigenes Fahrzeug. Es war grün und verbeult, mit durchgesessenen Polstern, und stank nach Zigaretten, doch Sam beneidete ihre beste Freundin um die Freiheit. Das ganze Waldecker Land stand ihr damit offen. Für Sam blieb nur der Bus, der jede Stunde einmal an der Haltestelle in der Dorfmitte auftauchte. Doch bald säße auch sie hinter dem Steuer. Sie grinste ihrem Gesicht zu, das sich im schwarzen Bildschirm des Laptops auf ihrem Schreibtisch spiegelte. Das Leben war schön.
Der Morgen brach trübe und nasskalt an.
„Typisch“, murmelte Sam, während sie zu den Pferdeboxen stapfte. Auf dem unebenen Hof stand Wasser. „Sommer ist, wenn das Eis auf den Pfützen taut.“
Der Bauernhof am Rand des Edersees war ihr Zuhause. Sie hatte nicht vor, ihre Heimat zu verlassen. Obwohl sie gern über das Wetter und den Dorfklatsch meckerte, war sie glücklich, hier zu leben.
Sie griff nach drei Halftern, dann tätschelte sie die Hälse der Pferde, die neugierig über die Boxentüren schauten. Sie hatten Glück, dass sich die kleine Herde gut verstand. Das machte die Arbeit leichter. Sam brachte erst die drei Warmblüter auf die Weide, dann holte sie die beiden Haflinger. Ihr Liebling war die Stute mit dem dunklen Fell, das verriet, dass nicht nur Haflinger in ihrem Blut steckte. Die kleinen Tiroler Ponys waren normalerweise gut am hellroten Fell und der weißen Mähne zu erkennen. Matilda hatte zwar helles Langhaar, doch ihr Körper war beinahe dunkelbraun. Sam klopfte der Stute den Hals, als sie nach dem Wallach schnappte, der sich an sie drängte.
„Ach Tilli, stell dich nicht so an. Du liebst ihn doch.“ Sam grinste, als Matilda schnaubte. Geschickt hakte sie die Griffe des Elektrozauns ineinander und schlug die Litze in einem Bogen an die Seite. Dann ließ sie die Ponys frei. Die Nässe des Grases drang durch ein Loch in ihren Schuh. Seit Monaten schob sie den Kauf neuer Stallschuhe vor sich her. Erst der Führerschein, sagte sie sich.
In der Küche brannte Licht, als sie zurück ins Haus kam, doch ihr Vater war nirgends zu sehen. Auf dem Herd stand ein Topf mit Eiern. Wasser war keines darin, und Sam schaltete die Herdplatte aus. Sie schloss für einen kurzen Moment die Augen. Ihr Vater war sehr schusselig in letzter Zeit. Dass er ab und zu die Hühner vergaß, war in Ordnung. Aber diese Situation hätte leicht gefährlich werden können. Sam schob den Topf mit spitzen Fingern von der Platte, die noch heiß war. Selbst die Griffe waren warm geworden. Ob ihr Vater wütend würde, wenn sie ihn darauf ansprach? Sam schüttelte den Kopf. Jetzt war er ohnehin nicht da.
„Hi Sam!“
Hannah winkte ihr vom Hoftor zu. Sam scheuchte gerade die Hühner vom Paddock und begrüßte ihre beste Freundin nur kurz.
„Ich komme gleich!“
Sie verriegelte die Brettertür, damit die Hühner nicht erneut von ihrem Auslauf entkommen konnten. Sie wunderte sich schon seit längerer Zeit nicht mehr über offenstehende Gatter und Türen, sondern räumte still hinter ihrem Vater auf.
„Ich geh schon rein, okay?“
„Klar, geh vor. Ich bin gleich fertig. Mach meinen Laptop schon mal an.“ Sam sah Hannah hinterher, deren weiße Turnschuhe nicht geeignet waren, über den dreckigen Hof zu laufen. Sie waren ein seltsames Gespann, ein Freundinnenteam aus Barbiepuppe und androgynem Arbeitstier. Aber ihre Freundschaft war echt und sie taten einander gut. Sam bekam durch Hannah oft neue Perspektiven und eckte weniger an. Nachdem sie einen letzten prüfenden Blick über die Stalltore und den großen Hof geworfen hatte, gesellte sie sich zu Hannah ins Wohnhaus.
„Hi Süße. Ich habe Kekse mitgebracht.“
Sam hängte ihr Hemd an einen Haken hinter der Tür, dann ließ sie sich auf ihr Bett fallen.
„Danke. Ich bin am Verhungern.“ Sie stopfte sich zwei Butterkringel in den Mund. „Papa wollte einkaufen. Keine Ahnung, wo er bleibt“, nuschelte sie. „Also, Geschichte. Was ist das Thema?“
„Mann, Sam. Pass doch mal im Unterricht auf.“
„Tschuldigung. Ich hab den Kopf voll mit wichtigeren Dingen. Außerdem ist das doch echt Quatsch, so kurz vor den Ferien noch Referate halten zu müssen.“ Sie zog an einer von Hannahs lockigen Strähnen. Zurzeit waren sie blond gefärbt, was Sam nicht besonders gefiel. Aber sie ließen einander, wie sie waren. „Ich hab dich lieb, Hannah, weißt du das?“
„Ach Süße, so anstrengend ist es gerade bei dir?“
Sam runzelte die Stirn und Hannah erklärte: „Du sagst mir nur, dass du mich magst, wenn du im Stress bist. Kann es sein, dass du das als emotionale Bestätigung brauchst? Aber ja, ich hab dich auch lieb. Und jetzt lass meine Haare los und fang an zu tippen. Das Thema ist industrielle Revolution und die Auswirkungen auf die verschiedenen Gesellschaftsschichten.“
„In Ordnung, Frau Psychologin.“
Die beiden Mädchen hörten auf, herumzualbern. Konzentriert arbeiteten sie an der Aufgabe für ihren Geschichtskurs, von der ihr Lehrer gesagt hatte, dass sie beinahe so schwer wie die mündliche Prüfung war. Nach einiger Zeit unterbrach sie das Klingeln von Sams Handy.
„Hier ist Meike. Kommst du mal raus?“ Sam verzog wegen der fehlenden Begrüßung, Abschiedsfloskel und grundsätzlichen Höflichkeit das Gesicht. Dann gab sie sich einen Ruck.
„Kommst du mit?“, fragte sie. „Meike ist da.“
„Was will sie denn?“
Sam zuckte mit den Schultern. Meike war Matildas und Salazars Besitzerin. Sie war diejenige, die sie gut bezahlte, wenn sie ihr dieArbeit abnahm, also sprang Sam, wenn Meike...




