E-Book, Deutsch, 169 Seiten
Neely ZWANZIG JAHRE NACH DEM MORD
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-7438-9990-2
Verlag: BookRix
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Der Krimi-Klassiker!
E-Book, Deutsch, 169 Seiten
ISBN: 978-3-7438-9990-2
Verlag: BookRix
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Zwanzig Jahre lang hatte er um Cathie getrauert. Erst dann musste der Werbefachmann Paul Sevrance erkennen, dass seine Frau vor ihrem Selbstmord einem anderen Mann gehört hatte. Aber hatte ihr Freitod dann noch irgendeinen Sinn? Lag es nicht sehr viel näher zu vermuten, dass Cathie ermordet wurde? Ein wiedergefundener Brief gibt Paul Sevrance schließlich letzte Gewissheit... Der Thriller Zwanzig Jahre nach dem Mord von Richard Neely - erstmals im Jahr 1969 veröffentlicht - ist ein klassischer, düsterer Rätsel-Krimi, spannend von der ersten bis zur letzten Seite.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Zweites Kapitel
Mantovanis Musik erfüllte den Raum. Ich las den Brief ein zweites Mal. Die Wärme, die von ihm ausging, umfing mich und ließ mich den Tag vergessen, an dem er geschrieben wurde. Ich lehnte mich zurück und dachte an Cathie. Februar 1943. Es schneite an dem Tag, an dem ich Tom Landons neue Sekretärin vor dessen Büro traf: Catherine Hunter, gerade neunzehn Jahre alt und von einem Bürokurs direkt zu uns gekommen. Sie war ein nicht sehr großes, fast zerbrechlich wirkendes Mädchen. Ein sensibler Mund, der sich schnell zu einem Lächeln verzog, große ovale Augen in einem feingeschnittenen Gesicht, die hohe, geschwungene Stirn, die unter dem wundervollen schwarzen gewellten Haar verschwand. Der Blick und das Lächeln waren einladend. Und ich war doch nur ein angehender Texter und wurde außerdem bald eingezogen. Ich hatte das Gefühl, als würde etwas ganz Besonderes auf mich zukommen. Und es kam. Bei unserer dritten Verabredung. Es war an einem Samstag, und wir blieben die Nacht über in der Wohnung eines Ehepaares, das ich kannte. Cathie schlief auf dem Sofa und ich hatte mir aus Stuhlkissen auf dem Boden ein Bett gemacht. Am nächsten Morgen lagen wir beide auf dem Sofa, und Cathies Unterrock war total zerknüllt über ihre Brüste hochgeschoben. Der Ausbruch einer großen Leidenschaft, die schon vom ersten Tag an geschwelt hatte. Zwei Wochen später dann die Hochzeit - sie fand während unserer Mittagspause statt. Die Trauzeugin (eine Diane soundso, die mit Cathie im Barbizon gewohnt hatte) kicherte und heulte wechselweise in einem fort. Den Trauzeugen spielte Cathies Boss, Tom Landon. Und dann kamen Cathies Sachen in mein kleines Appartement in der West 90th. Street. Ich fing an, sie kennen und verstehen zu lernen. Cathies Lachen. Es verging so schnell wie es kam, und ebenso schnell wurde ein Weinen daraus. Ihr ständiges Gefühl von Unsicherheit. Ihre Obernervosität, die sie mit Phenobarbiton zu beruhigen versuchte. Keiner von uns nahm das besonders ernst, wo uns doch so viel Erfreulicheres beschäftigte. Und dann als Hochzeitsgruß vom Präsidenten der Vereinigten Staaten und von ihm persönlich unterschrieben: der Einzugsbefehl. Zur Luftwaffe. Cathie gab ihren Job auf, um mir nach Sheppard Field bei Wichita Falls, Texas, zu folgen. Neun Wochen Grundausbildung unter der heißen Sonne der beiden Monate Juli und August. Aber ich brachte sie spielerisch hinter mich, weil es Cathie gab, die daheim auf mich wartete. Daheim: Das war ein möbliertes Zimmer mit Küchenbenutzung, irgendwo am Stadtrand. Und dann ging alles überstürzt: ein Monat San Antonio und Cathie, die in der Nähe wohnte. Vier Tage Truppentransport in einem langsam dahinkriechenden Zug nach Camp Stoneman, nördlich von San Francisco. Keinen Ausgang. Aber ich schlüpfte nachts durch den Stacheldrahtzaun, um mich mit Cathie in einem erbärmlichen, gemieteten Zimmer zu treffen. Zehn Tage später fuhr ich mit einem Fährboot zum Einschiffungshafen in San Francisco. Und schließlich war ich unterwegs zu den Kämpfen, die im Süd-Pazifik tobten - auf der Präsident Weigal, zusammengepfercht mit weiteren siebentausend Mann, dampfte ich unter der Golden Gate Bridge hindurch. Aber ich sollte keine Schlacht zu sehen bekommen. Ich hörte nur davon - als Schreiber auf der Schreibstube, mit einem Streifen am Ärmel. Dann wurde ich dem wöchentlich erscheinenden Nachrichtenmagazin MAPTALK zugeteilt, das von der Abteilung Information und Bildung herausgegeben wurde. Nach dem Abwurf der Atombombe und der Kapitulation siedelten wir von Manila nach Tokio über. Ich wurde zum Stabssergeanten und leitenden Redakteur von MAPTALK befördert, hatte eine behagliche Unterkunft im Mitsubishi-Gebäude im Herzen Tokios, einen eigenen Jeep, haufenweise Schnaps, und die Mädchen waren äußerst entgegenkommend. Aber die ganze Zeit über war da eine Einsamkeit, die sich bis zur Panik steigerte. Cathie schrieb zwar oft, aber anders als früher. Waren ihre Briefe anfangs voller Liebe und Sehnsucht, so schrieb sie mir jetzt fast nur noch belanglose Einzelheiten über ihren Tagesablauf und das Büro. Sie war wieder als Tom Landons Sekretärin in der Agentur und hatte zusammen mit Diane, der Trauzeugin, ein Appartement in der East 19th Street genommen. Angestrengt, als würde ich nach Gold schürfen, versuchte ich in ihren Briefen Worte liebender Zuneigung zu entdecken. Gott sei Dank war da Kirby Welles. Er schrieb für MAP- TALK, und er musste mich buchstäblich mitschleppen, um mir etwas Lokalkolorit zu zeigen: Bierkneipen, Tanzbars, das für Militär verbotene Yoshiwara. Kirby wusste überall Bescheid. Kaum hatten die japanischen Mädchen sein blondes Haar, die rosigen Wangen und sein breites Grinsen erspäht, als sie auch schon entzückt zu kichern begannen. Ende Mai war Kirby auf einmal verschwunden. Seine Zeit war um, und er hatte alle die zu seiner Entlassung notwendigen Bedingungen erfüllt. Irgendwie hatte er es geschafft, eine Passage für eine Truppentransportmaschine zu kriegen. Beruflich hatte er keine bestimmten Pläne, nur wollte er irgendwo mit Schreiben zu tun haben. Ich hatte ihm einen Lobgesang von Empfehlungsbrief an den Cheftexter der Phillip Cowan Agentur mitgegeben. Wie er mir zwei Wochen später schrieb, wurde er noch am gleichen Tag, an dem er sich beworben hatte, eingestellt. Außerdem hatte er Cathie getroffen und meinte, ich hätte in meinen Schilderungen bestimmt nicht übertrieben. Meine Entlassung erfolgte erst Ende September. Elf Tage lang war ich auf der überfüllten Marine Serpent eingepfercht. Ich sehnte mich nach Cathie und versuchte meine Gedanken auf unser gemeinsames Leben von damals zu konzentrieren, von dem ich nur noch ein verschwommenes Bild hatte. Schließlich kam Seattle in Sicht - riesige Fahnen mit der Aufschrift Gut gemacht, auf den Decks von weißen Schleppern tanzten langbeinige Mädchen, Musikkapellen spielten und ein Leuchtwunder von Myriaden von Lichtern erstrahlte. Wir gingen das Fallreep hinunter, wurden wie eine Schafherde in Lastwagen verladen, die mit uns nach Fort Lewis rasten. Ich schwitzte voller Ungeduld, als der Sergeant plötzlich brüllte: »T/4 Sevrance zum diensthabenden Offizier!« Als ich im Zimmer des Captains allein war, griff ich nervös zum Hörer und wählte die Nummer einer New Yorker Vermittlung. Wer außer Cathie sollte mich hier anrufen? Das Herz klopfte mir bis zum Halse... Aber es war nicht Cathie. Es war mein Bruder Rick, der schon seit vier Monaten entlassen war. Seine Stimme klang rau vor unterdrückter Bewegung. Er wusste, wann ich ankommen würde, denn er hatte über das Rote Kreuz nach Yokohama telegrafiert. Schließlich musste er es sagen: »Gott, Paul, es bleibt mir nichts anderes übrig... Cathie, Paul... sie...« »Cathie! Was ist mit Cathie?« Es war vor acht Tagen geschehen, drei Tage nachdem ich an Bord gegangen war; er hatte durch Beziehungen erreicht, dass die Behörden mich nicht gleich benachrichtigten - nicht ehe ich wieder in den Staaten war und er mir die Nachricht selber überbringen konnte. »Rick, Rick, wovon zum Teufel sprichst du denn überhaupt?« Und dann erfuhr ich es: In der Nacht des 4. Oktober hatte Cathie sich in die Küche ihrer Wohnung in Jackson Heights eingeschlossen, die Fenster verriegelt, nasses Zeitungspapier unter die Tür geklemmt und den Gashahn geöffnet. Ungefähr um zwanzig Uhr dreißig hatte eine Mrs. Kantakulos, die über ihr wohnte, Gas gerochen, war hinuntergeeilt und hatte Cathie ausgestreckt auf dem Boden liegend vorgefunden. Sie war tot. Ihre Leiche lag jetzt in der Leichenhalle von Jackson Heights. Adlai Marston, damals stellvertretender Geschäftsführer, hatte darauf bestanden, dass die Agentur für die Kosten des Begräbnisses aufkommen sollte. (Später habe ich erfahren, dass er mit eigenem Scheck bezahlt hatte.) Eine Stunde später war ich schon im Flugzeug - für Rick und mich war am Ende der Reise ein im Regen aufgeweichter Friedhof. Wie betäubt griff ich nach meinem Martini und leerte das Glas mit einem Zug. Ich dachte an meinen rasenden Schmerz, der nicht weichen wollte, den weder Zeit noch Frauen mildern konnten. Auch Trinken half nicht. Drei schreckliche Jahre gab es kein Entrinnen. Ich tat meine Arbeit so nachlässig, dass meine Freunde mich schließlich nicht mehr decken konnten. Da schaltete sich Adlai Marston ein. Er war inzwischen Präsident und leitender Geschäftsführer der Firma (Phillip Cowan war zurückgetreten), die jetzt Cowan und Marston hieß. Dankbar erinnerte ich mich jetzt an Adlais Toleranz und Mitgefühl. Obwohl er starke Anteilnahme für meinen großen Verlust bewies, machte er mir klar, dass es an der Zeit wäre, sich wieder unter Kontrolle zu bringen. Von der Firma könnte ich jede Hilfe erwarten. Adlai schlug eine psychotherapeutische Behandlung vor, für deren Kosten die Firma aufkommen würde. Elend und voller Selbsthass, lehnte ich ab. Ich würde damit schon allein fertigwerden, versprach ich ihm. Aber es war mir nicht gelungen. Einen Monat später heiratete ich im Rausch das Mädchen, mit dem ich gerade befreundet war. Schon nach ein paar Monaten hatte Linda herausgefunden, dass das wilde Allesauskostenwollen, das sie an mir so faszinierend fand, nicht für die Ehe taugte. Nach nicht ganz einem Jahr floh sie nach Florida und reichte die Scheidung ein, und mit der Zeit erinnerte ich mich an sie nur mehr wie an jemanden, den ich einmal kurz auf einer Party getroffen hatte. Als mich Adlai erneut drängte, mich doch behandeln zu lassen, gab ich nach. Vier Jahre lang, viermal die Woche, lag ich flach ausgestreckt auf einer schwarzen Ledercouch und redete. Was zum Schluss dabei herauskam, war ein Mann, der wieder seine Identität gefunden...




