E-Book, Deutsch, 400 Seiten
Rappaz Der Pionier
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-03788-513-0
Verlag: Nachtschatten Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die abenteuerliche Lebensgeschichte eines Hanfrebellen
E-Book, Deutsch, 400 Seiten
ISBN: 978-3-03788-513-0
Verlag: Nachtschatten Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Bernard Rappaz (*1953 in Saxon) ist schon in seiner Jugend ein Pioniergeist und Rebell, dazu ein Dienstverweigerer aus Gewissensgründen. Nach seiner Ausbildung zum Weinbauern und Önologen sieht er im Mai 68 die Bestätigung, dass eine Revolution fast gewaltfrei verlaufen kann und dass sein beruflicher Werdegang nicht auf das elterliche Weingut beschränkt bleiben muss. Er engagiert sich, kämpft im heimischen Wallis und anderswo. Er beginnt mit dem Anbau und der Herstellung von Hanfprodukten, wird wegen zahlreicher Gesetzesverstösse verurteilt und verbringt mehrere Jahre im Gefängnis, wo er seine Autobiografie schreibt.
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KAPITEL II
Kindheitserinnerungen
Meine Mutter arbeitet hart und hilft meinem Vater bei der Feldarbeit, daneben kocht sie für fünf Personen. Zu dieser Zeit öffnet sich die Rhone-Ebene, die von Weiden bedeckt ist, rasch für den Anbau verschiedener Kulturen.
Papa, ein hartnäckiger Arbeiter, pflanzt Spargeln, Erdbeeren, Tomaten und Fruchtbäume. Er erntet gelegentlich, aber hauptsächlich spekuliert er. In der Tat erweisen sich der Kauf und Wiederverkauf der Ländereien als besonders rentabel. Dieses System wird laufend praktiziert. So beginnt er häufig mit dem Anbau – beispielsweise Spargeln – und verkauft das Land, ohne je geerntet zu haben.
Der Preis der Grundstücke liegt zu Beginn bei weniger als 50 Rappen pro Quadratmeter, um sich dann zu verdoppeln und wieder zu verdoppeln – bis zu dem Tag, an dem die Spekulation die Preise für Landwirtschaftsland auf einen unglaublichen Höchstbetrag von 30 Franken pro Quadratmeter hochgetrieben hat. Eine Generation spekuliert, und die nächste muss es ausbaden. Schliesslich wird das Gesetz geändert, um den Prozess zu stoppen, damit die Schweizer Landwirtschaft weiterhin überleben kann, und nach den Neunzigerjahren wird der Boden wieder zu landwirtschaftlichen Preisen zugänglich, zum Ertragswert.
Und doch! Wie viele Bauern meiner Generation oder der folgenden mussten sich verschulden, nur um unseren edlen Beruf ausüben zu können! Heute ist es für einen jungen Bauern möglich, sein Arbeitsgerät wieder zu finden: die Erde. Und dies zu einem vernünftigen Preis, vorausgesetzt, er besitzt ein Startkapital.
Leider hat sich eine ganze Generation verschuldet, und die Konkurse sind nicht mehr zu zählen. Für einige bedeutet das Selbstmord, denn es gibt da einen hartnäckigen Stolz, wenn er auch nicht angebracht ist. Es ist besser, einen Konkurs als Möglichkeit für einen Neustart im Leben zu sehen. Die Banken beharren unnachgiebig auf den Schulden und zerstören Situationen, die unhaltbar geworden sind. Sie als Einzige holen ihre Kastanien aus dem Feuer.
Früher zahlten die Leibeigenen (Bauern) den Zehnten (10 Prozent) an die Herren oder an die Kirche. Heutzutage zahlen sie dasselbe in Form von Bankzinsen. Der Fortschritt geht weiter, nicht wahr?
Meine erste Erinnnerung spielt ungefähr im Alter von drei Jahren in einem Erdbeerfeld in der Ebene von Riddes, als ich einen ganzen Nachmittag lang einer Schneckenmutter dabei zusah, wie sie sorgfältig ein Ei nach dem anderen legte. Später, als die kleinen Kanäle in der Ebene vor Leben wimmelten und von wunderschönen Forellen, als ich ungefähr sieben Jahre alt war, erinnere ich mich an einen Tag, an dem ich beim Angeln ein Wunder erlebte; ich hatte fast zwanzig grosse Forellen von Hand gefangen. Grosse Enttäuschung, die diesen einfachen Fang erklärt: Sie sind vergiftet! In der Tat beginnen chemische Produkte die Landwirtschaft zu überschwemmen. Oft leert der Bauer die Reste in den Tanks direkt am Ufer der Kanäle. Eine allzu frühe ökologische Katastrophe; ein ausgeglichenes Ökosystem wird innert weniger Minuten zerstört. Es wird noch viel brauchen, bis sich die Fischer zusammentun, die Kläranlagen aufkommen und sich endlich eine Bewegung und ein ökologisches Bewusstsein entwickelt.
In der Ebene von Saillon pflanzt mein Vater Reben an einem Ort, der Tobrouk genannt wird, nach einem polnischen Gefangenenlager, das sich während des letzten Krieges dort befand. Mehrere von ihnen waren geflohen und hatten versucht, nach Italien zu gelangen, einige liessen dabei ihr Leben.
In der Nähe der Reben ein kleiner Teich: die Brêche. Dort hat mein Vater schwimmen gelernt. Und dort hat er mich auch ins Fischen eingeführt. Ich werde ihm nie genug dafür danken können. In der Tat hat mich dieser Virus nie verlassen, im Gegenteil, denn diese Leidenschaft entwickelt sich weiter bis zu dem Tag, an dem ich zum «Moucheur» werde, zum Fliegenfischer.
Ein wiedergeborenes Kind?
Während einiger Jahre lebe ich im Kanton Waadt, da mein Vater dort Reben kauft. Eines Sonntags, als wir an der Riviera dem Rebberg entlang mit Blick hinunter auf den Genfersee spazieren gehen, setze ich mir in den Kopf, in eine andere Richtung zu gehen als meine Eltern. Sie lassen mich gehen, überzeugt, dass ich schnell zurückkommen werde. Doch nein! Schliesslich müssen sie mehrere Kilometer zurückgehen, um mich zu finden. Ich bin acht Jahre alt.
Ab 10 Jahren beschäftigt mich etwas … In diesem Alter mache ich häufig Dinge zum ersten Mal. Und doch habe ich das Gefühl, eben diese Dinge schon oft gemacht zu haben. Im Rückblick handelt es sich für mich um Erinnerungen an ein oder mehrere frühere Leben. Dies an einem Punkt, wo ich mir vorstelle, ohne Einfluss durch Erwachsene immer gelebt zu haben und irgendwie ewig zu sein!
Mein Vater, ein eingefleischter Kommunist, entwickelt innerhalb der Familie einen starken Antiklerikalismus, von seinem Vater geerbt oder mit seinem Bruder geteilt. Ausserdem habe ich das Glück, seine pazifistischen und antimilitaristischen Ideen kennenzulernen. Meine Eltern gewöhnen mich auch an den Nudismus. Dieses Bildungsumfeld, das aussergewöhnlich war für diese Zeit und Region – der Kanton Wallis ist besonders konservativ und verschlossen –, wird gewiss meine Zukunft bestimmen. Damit hatte ich viel Glück im Vergleich mit meinen kleinen Kameraden, denn im Alter von zwölf Jahren öffnet sich dank meiner grossen Sensibilität mein Geist, und ich werfe einen neuen Blick auf die Gesellschaft, die mich umgibt, in aller Objektivität und ohne voreingenommen zu sein. Dass mein Vater anders ist als die Mehrheit, zeigt mir, dass ein Unterschied besteht. Ich werde einige seiner Ideen übernehmen, aber ich schliesse aus seiner Haltung, dass sich zu jeder Wahrheit eine Gegenwahrheit öffnet. Dies beschert mir einen neuen und offenen Geist.
Plötzlich, im Alter von zwölf Jahren, treffe ich eine bedeutsame Entscheidung: Kriegsdienstverweigerer aus Gewissensgründen zu werden und den Dienst in der Armee zu verweigern. Ich notiere mir dazu aus einer Zeitung, die mein Vater erhält – –, dass sich in Sion der Vertreter für das Wallis aufhält, der Abt Clovis Lugon. Ohne viel nachzudenken, setze ich mich in den Zug und steige in der Hauptstadt aus, um ihn ein erstes Mal kennenzulernen. Etwas überrascht über mein jugendliches Alter, begleitet mich der Abt Lugon zurück zum Bahnhof, nicht ohne die Unschuld meines Vorhabens bemerkt zu haben. Er sagt mir noch: «Du hast genug Zeit, deine Verweigerung reifen zu lassen. Während du auf deine Rekrutierung wartest, kann ich dir dieses Buch empfehlen.» So komme ich mit einem Buch zurück, das meine gesamte Existenz über den Haufen werfen wird: die Autobiographie von Mahatma Gandhi. Noch heute kommt es vor, dass ich darauf zurückgreife, um daraus unzählige Kräfte zu schöpfen, die meine Kämpfe entwickeln und unterstützen. Ich entdecke die aktive Gewaltlosigkeit und werde mein ganzes Leben versuchen, sie bei jeder Situation anzuwenden. Einstein sagte über Gandhi: «Kommende Generationen werden kaum glauben können, dass ein solcher Mann je in Fleisch und Blut auf dieser Erde gelebt hat.» Anscheinend haben sie ihn immer noch nicht entdeckt!
Mein Onkel Raymond vergöttert mich und lädt mich oft ins Café des Vergers ein, das sich nahe beim Elternhaus befindet. Dort lese ich mit Leidenschaft Dies entwickelt meinen Geist weiter, und ich entdecke die Welt und ihre Probleme. Dieser Onkel, der dickste Rekrut seines Jahrgangs, hat einen feinen Geist und einen ausgeprägten Humor. Ein Lebemann, der unverheiratet bleiben wird und in bestmöglicher Weise vom Leben profitiert, bevor er frühzeitig stirbt, ein Opfer seines Übergewichts.
In der Primarschule fällt mir das Lernen leicht, und ich bin fast bis zum Schluss Klassenbester – dies, ich muss es zugeben, hauptsächlich aus einem Konkurrenzdenken heraus, das zu jener Zeit durch das Schulsystem sehr gefördert wurde.
Spirituelles Leben
Meine peinlichen Fragen an den Pfarrer ersparen mir seinen obligatorischen Unterricht. Manchmal mit väterlicher Hilfe, das macht mir mächtig Spass. Es hat mich jedoch nicht daran gehindert, grundlegende Fragen zur Existenz zu erahnen. Ich erinnere mich daran, an einer Retraite in der Kirche Notre-Dame du Silence in Sion teilgenommen zu haben, nur um zu sehen und mir eine Meinung zu bilden. Dabei leben die Teilnehmer zurückgezogen und dürfen während einer Woche kein einziges Wort sprechen. Die Pfarrer hingegen reden täglich stundenlang über Religion. Ich verschlinge alles, was ich über Religion und Philosophie finden kann. Mit dreizehn Jahren festigt sich meine Meinung. Sie hat sich bis heute kaum geändert. Kurz gesagt, ich werde niemals Christ sein, obwohl ich zahlreiche praktizierende Christen als Freunde hatte, seien sie nun Bürger, Pfarrer, Kapuziner oder Pastoren; die Suche nach Gerechtigkeit ist der Zement, der uns...




