E-Book, Deutsch, 192 Seiten
Schendel Mordskäfer
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-86358-431-3
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: PC/MAC/eReader/Tablet/DL/kein Kopierschutz
E-Book, Deutsch, 192 Seiten
ISBN: 978-3-86358-431-3
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
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Die Ankunft der exzentrischen Scarabea von Maarstein im beschaulichen Örtchen Hummelstich stellt das Leben der Dorfbewohner gehörig auf den Kopf: Scarabea behauptet ihre Freundin Henrietta sei keines natürlichen Todes gestorben. Als dann noch zwei Wirtsleute ermordet werden, ist es vorbei mit der Dorfidylle. Gemeinsam mit dem Halbtagspolizisten Sven Grüneis und ihrem persönlichkeitsgestörten Papagei wagt Scarabea einen Blick in die Abgründe hinter den Bilderbuchfassaden - und gerät dabei selbst in größte Gefahr...
Katharina Schendel wurde 1979 in einem winzigen Dorf an der Küste geboren, hat fränkische Vorfahren und mag alles, was schief ist. Nach ihrer Schulzeit verbrachte sie mehrere Jahre in Metropolen wie Tokio und London. Heute lebt sie mit ihrer Familie in einer thüringischen Kleinstadt und fühlt sich dort pudelwohl.
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Ein Dorf in Thüringen Es war ein ganz normaler Sonntagnachmittag in Hummelstich. Die milde Maisonne strahlte auf das kleine nordthüringische Dorf am Fuße des Kyffhäusergebirges hinab und ließ die Dächer der niedlichen kleinen Häuser funkeln und glitzern. Der Himmel war strahlend blau, und die unverhohlene Glückseligkeit der Dorfbewohner thronte wie ein frühsommerliches Hochdruckgebiet über der Gemeinde. In den penibel bepflanzten Vorgärten und aufgeräumten Hinterhöfen herrschte emsige Betriebsamkeit. Fröhliches Geklimper von allerlei Werkzeugen drang aus Scheunen, Kellern und von Dachböden auf die Straße und mischte sich mit dem Muhen, Gackern und Blöken von Kühen, Hühnern und Schafen. Hier klopfte ein Hammer im Einklang mit einer Bohrmaschine, dort erklang ein Duett von Winkelschleifer und Schweißgerät, wieder woanders heulte kurz ein Motor auf. Die frische Landluft roch nach Schmieröl und Benzin. Wohin man auch blickte, das ganze Dorf war auf den Beinen und werkelte wie ein übereifriger Ameisenstaat. Jeder Bewohner, ob jung oder alt, ging mit emsiger Betriebsamkeit an sein Tagwerk. Es gab niemanden, der einfach nur faulenzte, sich in die Sonne legte und alle fünfe gerade sein ließ. Müßiggang war nicht die Sache der Hummelstichler. Dafür, so sagten sie, sei das Leben zu kurz. Und die Arbeit mache sich schließlich nicht von allein. So schraubten, bastelten und montierten sie; friemelten, lackierten, sägten, schweißten, schmierten, schliffen und polierten. Das taten sie mit solchem Enthusiasmus und derlei Leidenschaft, dass es beinahe unheimlich war. Ein Außenstehender mochte es sogar als Fanatismus bezeichnen. Kein Zweifel, die Hummelstichler trugen wieder einmal einen Wettstreit aus, und dabei waren sie ebenso beispiellos wie unerbittlich. Tatsächlich waren es nur noch wenige Tage bis zum alljährlichen Mopsrennen, einer heiß geliebten lokalen Tradition, die so gar nichts mit Hunden, Heringen oder weiblichen Oberweiten zu tun hatte. Nein, beim Mopsrennen ging es um selbst gebaute Fahrzeuge, die zum einen schnell wie ein geölter Blitz sein sollten und zum anderen das größtmögliche Maß an Originalität vorweisen mussten. Dabei kamen oft die abenteuerlichsten Gefährte zum Vorschein, und es gab kaum ein Haushalts- oder Gartengerät, das beim Bau eines Gabel- oder Gelenkmopses noch nicht Verwendung gefunden hatte. Die ausgefallenen Kreationen, die von ihren Schöpfern meist mit phantasievollen Namen bedacht wurden, zeugten von handwerklichem Geschick und Einfallsreichtum. Prunkvoll, aber niemals verschwenderisch, farbgewaltig und formspektakulär, lautete die Devise. Dass die Hummelstichler eine künstlerische Ader besaßen, ließ sich nicht bestreiten. Natürlich wurde es über die Jahre immer schwieriger, etwas ganz und gar Neuartiges oder Einzigartiges zu konstruieren. Deshalb spähte in diesen Tagen so manch einer argwöhnisch über den Zaun zu seinem Nachbarn, horchte an Türen, linste durch Schlüssellöcher oder versuchte mit Hilfe vermeintlich beiläufiger Fragen an nutzbringende Informationen über die Konkurrenzfahrzeuge zu gelangen. Je näher der Tag des Rennens rückte, umso stärker wurde der Spionagetrieb. Kurz vor dem Wettkampf war ganz Hummelstich stets ein einziger Horch- und Guckverein. Hatte man endlich seine Neugier gestillt und war hinter die Geheimnisse der gegnerischen Mopse gekommen, schlief man bedeutend ruhiger. Hatte man jedoch das Gefühl, dass einem die anderen um einen entscheidenden Schritt oder eine kreative Idee voraus waren, so ließ man sich den Schreck nicht anmerken, sondern rümpfte stattdessen empört die Nase, warf einen verächtlichen Blick auf das konkurrierende Gefährt und wendete sich schließlich mit zärtlichen Gesten wieder der eigenen Konstruktion zu. In den umliegenden Dörfern und Städten eilte den Hummelstichlern der Ruf voraus, verschroben und kauzig, ja bisweilen etwas weltfremd zu sein. Man erzählte sich allerlei skurrile Geschichten über die Dorfbewohner; munkelte sogar von Füchsen und Hasen, die sich hier Gute Nacht sagten. Meistens belächelte man sie. Doch das kümmerte die Hummelstichler wenig. Sie mochten ihren Ort und waren stolz darauf, sich mit ihrem Wetteifer und Einfallsreichtum von den Bewohnern anderer Ortschaften zu unterscheiden. Zugegeben, etwas naiv und blauäugig waren sie schon. Denn sie ahnten nicht, welch gefährdete Spezies sie waren. Wären sie Nasenaffen gewesen oder eine andere seltene Tierart, hätte man sie längst auf die Rote Liste gesetzt und ihnen den Stempel »Vom Aussterben bedroht« auf die Stirn gedrückt. Man hätte vielleicht Geld und Unterschriften zu ihrem Schutze gesammelt und bunt bedruckte Recyclingbroschüren verteilt. Sah man den Tatsachen nämlich einmal ins Auge, so musste man feststellen, dass die Hummelstichler hoffnungslos überaltert waren. Von insgesamt sechshundertneunundvierzig Einwohnern waren zwei Drittel bereits jenseits der fünfzig. Auf eine Taufe kamen sechsunddreißig Begräbniszeremonien, ein Umstand, der gleich zwei Bestatter und deren Familien ernährte und den Pfarrer regelmäßig in Depressionen stürzte. Mit dem Nachwuchs sah es in Hummelstich tatsächlich nicht sehr rosig aus, und es war nur noch eine Frage der Zeit, bis sich die erste spitze Zunge das Wort »Greisendorf« nicht mehr verkneifen können würde. Die Fortpflanzung war dabei nicht das Problem. Sie funktionierte so gut und so schlecht wie in anderen Gegenden auch. Vielmehr lockte ein neuzeitlicher gestaltloser Rattenfänger das Jungvolk aus dem Dorf. In der Fremde suchte es nach Dingen, die man hier oft nicht mehr fand: Reichtum, Perspektiven und eine Festanstellung. Laut einer statistischen Erhebung gab es in Hummelstich nur noch dreiundvierzig Kinder und eins Komma fünf Säuglinge. Der sechs Wochen alte Knirps, der die dörfliche Altersstruktur so schamlos nach unten drückte, hieß Jonathan Krummbein, war kerngesund und konnte weder ein Komma noch eine Fünf vorweisen. Es gab auch nirgendwo sonst im Ort einen schauerlichen halben Säugling, doch das war den Behörden, die die Zahlen in regelmäßigen Abständen veröffentlichten, bisher noch nicht aufgefallen. Überhaupt waren Gewalttaten und kapitale Verbrechen im Dorf gänzlich unbekannt. Selbst die Ältesten der Ältesten konnten sich nicht an Mord oder dergleichen erinnern. Gemeuchelt wurde nur das Vieh, denn eines waren die Hummelstichler nicht: Vegetarier. Außer Wilderei, Viehdiebstählen und gelegentlichen Jagdunfällen passierte also nicht viel. Aus diesem Grund war der junge Dorfpolizist Sven Grüneis Inhaber einer halben Arbeitsstelle geworden, womit er es zu einem Kuriosum innerhalb des deutschen Polizeiapparates geschafft hatte. Besonders zufrieden war er damit nicht, schließlich drehte er nicht gern dienstlich Däumchen, sondern verbrachte seine Zeit lieber mit Brautschau und Landwirtschaft. Er besaß einen großen baufälligen Hof mit Fuhrwerken und allerlei Getier, dazu Wiesen, Äcker und Felder. Was ihm aber am meisten fehlte, war eine treu sorgende Ehefrau. Auch der Montag war in Hummelstich ein Tag wie jeder andere. Metzgermeister Erwin Meuselböck wetzte fleißig seine Messer und kam bei seinen Bemühungen, den immensen Fleischkonsum der Dorfbevölkerung zu decken, wie immer mächtig ins Schwitzen. Er gehörte zu den wenigen seiner Zunft, die das Schlachten noch selbst übernahmen. Die Tiere, denen er mit Bolzenschuss und sauberem Schnitt durch die Halsschlagader den Garaus machte, kannte er meist mit Namen, denn den Respekt vor der Kreatur, die er da meuchelte, hatte er beim Schlachten nie verloren. Im Gegenteil, sein Beruf hatte ihm die Auseinandersetzung mit dem Tod und damit auch seiner eigenen Sterblichkeit nähergebracht. Mit der Präzision eines Pathologen schnitt er die Leiber von Rindern und Schweinen auf; trennte Köpfe von Rümpfen, zerteilte Gliedmaßen und sortierte sorgfältig die verschiedenen Innereien. Das Ausweiden ging ihm besonders gut von der Hand. Widerwillen oder gar Ekel vor Blut und rohem Fleisch waren ihm fremd, denn das Handwerk war ihm in die Wiege gelegt worden. Unbeschwert drehte er, wie es schon sein Vater und dessen Vater getan hatten, faustgroße Fleischstücke durch den Wolf, würzte die zerhäckselte blassrote Masse nach einem streng gehüteten Rezept und stopfte sie in meterlange Därme. Das Endprodukt, die berühmte Thüringer Bratwurst, wurde von seiner Frau Brunhilde im angrenzenden Laden verkauft. Ihr kleines Geschäft präsentierte nicht nur ein umfangreiches Wurst- und Fleischsortiment, sondern bot auch zahlreiche andere Waren des alltäglichen Bedarfs. Dieses vielfältige Angebot, oft verbunden mit einem kostenlosen Lieferservice der Metzgerei, wussten die Kunden der Meuselböcks sehr zu schätzen. In der Gunst der Bewohner stand auch der Apotheker Carl Feigenbaum, der zwar kein echter Arzt, aber der einzige Doktor im Dorf war. Da er in einem früheren Leben einmal Medizin studiert hatte und es in unmittelbarer Entfernung niemanden gab, der über mehr humanmedizinisches Fachwissen als der Apotheker verfügte, wurde er bei allen kleinen und großen Wehwehchen um Rat gefragt. Er kümmerte sich zuverlässig um seine Mitmenschen und stellte unzählige Totenscheine aus. Doch an diesem Montag war er tief über seine Finanzbücher gebeugt und fragte sich, was er denn bloß noch tun könne, um noch mehr Geld zu verdienen. Die Gläubiger rannten ihm bereits die Tür ein, und auch bei der Bank waren mehrere Raten überfällig. Er erhaschte einen kurzen Blick auf seine Frau Frieda, die gerade ein Mittel gegen Migräne verkaufte und dabei so schön und so traurig aussah wie jeden Tag. Er wusste, dass er als Ehemann versagt hatte, und fragte sich, warum seine Frau ihn nicht schon längst verlassen hatte. Dann wandte er sich wieder seinen Geldsorgen zu. Gegenüber der Apotheke...




