Schiller | Wilhelm Tell | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 130 Seiten

Reihe: Fischer Klassik Plus

Schiller Wilhelm Tell

Schauspiel
1. Auflage 2011
ISBN: 978-3-10-401811-9
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Schauspiel

E-Book, Deutsch, 130 Seiten

Reihe: Fischer Klassik Plus

ISBN: 978-3-10-401811-9
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Mit dem Werkbeitrag aus Kindlers Literatur Lexikon. Mit dem Autorenporträt aus dem Metzler Lexikon Weltliteratur. Mit Daten zu Leben und Werk, exklusiv verfasst von der Redaktion der Zeitschrift für Literatur TEXT + KRITIK. In Friedrich Schillers ?Wilhelm Tell? beginnt das Drama mit einer Lappalie: Als der berühmte Armbrustschütze Tell sich weigert, vor dem aufgepflockten Hut des Reichsvogts zu grüßen, wird er festgesetzt und dazu gezwungen, seine sagenhafte Treffsicherheit einer gefährlichen Probe zu unterziehen: Er muss einen Apfel vom Kopf seines Sohnes schießen. Der Apfelschuss Tells wird zum Symbol des Widerstandes gegen Tyrannenherrschaft. In dem letzten vor seinem Tod fertig gestellten Stück hält Schiller ein engagiertes Plädoyer für die Freiheit.

Friedrich Schiller wurde 1759 in Marbach geboren. Auf Befehl des Herzogs Karl Eugen musste der junge Schiller 1773 in die 'Militär-Pflanzschule' eintreten, wo er ab 1775 Medizin studierte; später wurde er Regimentsmedicus in Stuttgart, das er 1782 nach Arrest und Schreibverbot wegen seines Stückes 'Die Räuber' jedoch fluchtartig verließ. 1789 wurde er zum Professor der Geschichte und Philosophie in Jena ernannt, 1799 ließ er sich endgültig in Weimar nieder. Schiller starb am 9.5.1805 in Weimar.
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Erster Aufzug


Erste Szene


Hohes Felsenufer des Vierwaldstättensees, Schwyz gegenüber. Der See macht eine Bucht ins Land, eine Hütte ist unweit dem Ufer, Fischerknabe fährt sich in einem Kahn. Über den See hinweg sieht man die grünen Matten, Dörfer und Höfe von Schwyz im hellen Sonnenschein liegen. Zur Linken des Zuschauers zeigen sich die Spitzen des Haken, mit Wolken umgeben; zur Rechten im fernen Hintergrund sieht man die Eisgebirge. Noch ehe der Vorhang aufgeht, hört man den Kuhreihen und das harmonische Geläut der Herdenglocken, welches sich auch bei eröffneter Szene noch eine Zeitlang fortsetzt

FISCHERKNABE (singt im Kahn)

(Melodie des Kuhreihens)

Es lächelt der See, er ladet zum Bade,

Der Knabe schlief ein am grünen Gestade,

Da hört er ein Klingen,

Wie Flöten so süß,

Wie Stimmen der Engel

Im Paradies.

Und wie er erwachet in seliger Lust,

Da spülen die Wasser ihm um die Brust,

Und es ruft aus den Tiefen:

Lieb Knabe, bist

Ich locke den Schläfer,

Ich zieh ihn herein.

HIRTE (auf dem Berge)

(Variation des Kuhreihens)

Ihr Matten lebt wohl!

Ihr sonnigen Weiden!

Der Senne muss scheiden,

Der Sommer ist hin.

Wir fahren zu Berg, wir kommen wieder,

Wenn der Kuckuck ruft, wenn erwachen die Lieder,

Wenn mit Blumen die Erde sich kleidet neu,

Wenn die Brünnlein fließen im lieblichen Mai.

Ihr Matten lebt wohl!

Ihr sonnigen Weiden!

Der Senne muss scheiden,

Der Sommer ist hin.

ALPENJÄGER (erscheint gegenüber auf der Höhe des Felsen)

(Zweite Variation)

Es donnern die Höhen, es zittert der Steg,

Nicht grauet dem Schützen auf schwindlichtem Weg,

Er schreitet verwegen

Auf Feldern von Eis,

Da pranget kein Frühling,

Da grünet kein Reis;

Und unter den Füßen ein neblichtes Meer,

Erkennt er die Städte der Menschen nicht mehr,

Durch den Riss nur der Wolken

Erblickt er die Welt,

Tief unter den Wassern

Das grünende Feld.

(Die Landschaft verändert sich, man hört ein dumpfes Krachen von den Bergen, Schatten von Wolken laufen über die Gegend)

(Ruodi der Fischer kommt aus der Hütte, Werni der Jäger steigt vom Felsen, Kuoni der Hirte kommt, mit dem Melknapf auf der Schulter. Seppi, sein Handbube, folgt ihm)

RUODI

Mach hurtig, Jenni. Zieh die Naue ein.

Der graue Talvogt kommt, dumpf brüllt der Firn,

Der Mythenstein zieht seine Haube an,

Und kalt her bläst es aus dem Wetterloch,

Der Sturm, ich mein, wird da sein, eh wirs denken.

KUONI

’s kommt Regen, Fährmann. Meine Schafe fressen

Mit Begierde Gras, und Wächter scharrt die Erde.

WERNI

Die Fische springen, und das Wasserhuhn

Taucht unter. Ein Gewitter ist im Anzug.

KUONI (zum Buben)

Lug, Seppi, ob das Vieh sich nicht verlaufen.

SEPPI

Die braune Lisel kenn ich am Geläut.

KUONI

So fehlt uns keine mehr, die geht am weitsten.

RUODI

Ihr habt ein schön Geläute, Meister Hirt.

WERNI

Und schmuckes Vieh – Ists Euer eignes, Landsmann?

KUONI

Bin nit so reich – ’s ist meines gnädgen Herrn,

Des Attinghäusers, und mir zugezählt.

RUODI

Wie schön der Kuh das Band zu Halse steht.

KUONI

Das weiß sie auch, dass sie den Reihen führt,

Und nähm ich ihrs, sie hörte auf zu fressen.

RUODI

Ihr seid nicht klug! Ein unvernünftges Vieh –

WERNI

Ist bald gesagt. Das Tier hat auch Vernunft,

Das wissen , die wir die Gemsen jagen,

Die stellen klug, wo sie zur Weide gehn,

’ne Vorhut aus, die spitzt das Ohr und warnet

Mit heller Pfeife, wenn der Jäger naht.

RUODI (zum Hirten)

Treibt Ihr jetzt heim?

KUONI

 Die Alp ist abgeweidet.

WERNI

Glückselge Heimkehr, Senn!

KUONI

 Die wünsch ich Euch,

Von Eurer Fahrt kehrt sichs nicht immer wieder.

RUODI

Dort kommt ein Mann in voller Hast gelaufen.

WERNI

Ich kenn ihn, ’s ist der Baumgart von Alzellen.

(Konrad Baumgarten atemlos hereinstürzend)

BAUMGARTEN

Um Gottes willen, Fährmann, Euren Kahn!

RUODI

Nun, nun, was gibts so eilig?

BAUMGARTEN

Bindet los!

Ihr rettet mich vom Tode! Setzt mich über!

KUONI

Landsmann, was habt Ihr?

WERNI

Wer verfolgt Euch denn?

BAUMGARTEN (zum Fischer)

Eilt, eilt, sie sind mir dicht schon an den Fersen!

Des Landvogts Reiter kommen hinter mir,

Ich bin ein Mann des Tods, wenn sie mich greifen.

RUODI

Warum verfolgen Euch die Reisigen?

BAUMGARTEN

Erst rettet mich, und dann steh ich Euch Rede.

WERNI

Ihr seid mit Blut befleckt, was hats gegeben?

BAUMGARTEN

Des Kaisers Burgvogt, der auf Rossberg saß –

KUONI

Der Wolfenschießen? Lässt Euch verfolgen?

BAUMGARTEN

schadet nicht mehr, ich hab ihn erschlagen.

ALLE (fahren zurück)

Gott sei Euch gnädig! Was habt Ihr getan?

BAUMGARTEN

Was jeder freie Mann an meinem Platz!

Mein gutes Hausrecht hab ich ausgeübt

Am Schänder meiner Ehr und meines Weibes.

KUONI

Hat Euch der Burgvogt an der Ehr geschädigt?

BAUMGARTEN

Dass er sein bös Gelüsten nicht vollbracht,

Hat Gott und meine gute Axt verhütet.

WERNI

Ihr habt ihm mit der Axt den Kopf zerspalten?

KUONI

O, lass uns alles hören, Ihr habt Zeit,

Bis er den Kahn vom Ufer losgebunden.

BAUMGARTEN

Ich hatte Holz gefällt im Wald, da kommt

Mein Weib gelaufen in der Angst des Todes.

»Der Burgvogt lieg in meinem Haus, er hab

Ihr anbefohlen, ihm ein Bad zu rüsten.

Drauf hab er Ungebührliches von ihr

Verlangt, sie sei entsprungen, mich zu suchen.«

Da lief ich frisch hinzu, so wie ich war,

Und mit der Axt hab ich ihm’s Bad gesegnet.

WERNI

Ihr tatet wohl, kein Mensch kann Euch drum schelten.

KUONI

Der Wüterich! Der hat nun seinen Lohn!

Hats lang verdient ums Volk von Unterwalden.

BAUMGARTEN

Die Tat ward ruchbar, mir wird nachgesetzt –

Indem wir sprechen – Gott – verrinnt die Zeit –

(Es fängt an zu donnern)

KUONI

Frisch, Fährmann – schaff den Biedermann hinüber.

RUODI

Geht nicht. Ein schweres Ungewitter ist

Im Anzug. Ihr müsst warten.

BAUMGARTEN

Heilger Gott!

Ich kann nicht warten. Jeder Aufschub tötet –

KUONI (zum Fischer)

Greif an mit Gott, dem Nächsten muss man helfen,

Es kann uns allen Gleiches ja begegnen.

(Brausen und Donnern)

RUODI

Der Föhn ist los, Ihr seht, wie hoch der See geht,

Ich kann nicht steuern gegen Sturm und Wellen.

BAUMGARTEN (umfasst seine Knie)

So helf Euch Gott, wie Ihr Euch mein erbarmet –

WERNI

Es geht ums Leben, sei barmherzig, Fährmann.

KUONI

’s ist ein Hausvater, und hat Weib und Kinder!

(Wiederholte Donnerschläge)

RUODI

Was? Ich hab auch ein Leben zu verlieren,

Hab Weib und Kind daheim, wie er – Seht hin,

Wies brandet, wie es wogt und Wirbel zieht,

Und alle Wasser aufrührt in der Tiefe.

– Ich wollte gern den Biedermann erretten,

Doch es ist rein unmöglich, Ihr seht selbst.

BAUMGARTEN (noch auf den Knien)

So muss ich fallen in des Feindes Hand,

Das nahe Rettungsufer im Gesichte!

– Dort...


Schiller, Friedrich
Friedrich Schiller wurde 1759 in Marbach geboren. Auf Befehl des Herzogs Karl Eugen musste der junge Schiller 1773 in die "Militär-Pflanzschule" eintreten, wo er ab 1775 Medizin studierte; später wurde er Regimentsmedicus in Stuttgart, das er 1782 nach Arrest und Schreibverbot wegen seines Stückes "Die Räuber" jedoch fluchtartig verließ. 1789 wurde er zum Professor der Geschichte und Philosophie in Jena ernannt, 1799 ließ er sich endgültig in Weimar nieder. Schiller starb am 9.5.1805 in Weimar.

Friedrich SchillerFriedrich Schiller wurde 1759 in Marbach geboren. Auf Befehl des Herzogs Karl Eugen musste der junge Schiller 1773 in die "Militär-Pflanzschule" eintreten, wo er ab 1775 Medizin studierte; später wurde er Regimentsmedicus in Stuttgart, das er 1782 nach Arrest und Schreibverbot wegen seines Stückes "Die Räuber" jedoch fluchtartig verließ. 1789 wurde er zum Professor der Geschichte und Philosophie in Jena ernannt, 1799 ließ er sich endgültig in Weimar nieder. Schiller starb am 9.5.1805 in Weimar.



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