Varatharajah | an alle orte, die hinter uns liegen | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 352 Seiten

Reihe: hanserblau

Varatharajah an alle orte, die hinter uns liegen


1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-446-27571-3
Verlag: hanserblau in Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 352 Seiten

Reihe: hanserblau

ISBN: 978-3-446-27571-3
Verlag: hanserblau in Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Eine Frau steht drei Elefanten in einem deutschen Zoo gegenüber. Es ist Sinthujan Varatharajahs Mutter. Die Frau, eine Asyl suchende Tamilin, und die Elefanten haben etwas gemeinsam: Sie haben eine weite Reise hinter sich. Alle vier wurden verschleppt oder vertrieben und treffen in einem sogenannten Elefantenhaus aufeinander.
Von diesem Moment aus begibt sich Sinthujan Varatharajah auf eine intensive Spurensuche und verknüpft Augen öffnend Aspekte globaler Kolonialismen mit europäischer Asylpolitik.
Mit großer Klarheit stellt Sinthujan Varatharajah grundsätzliche Gewissheiten infrage und wählt dabei einen persönlichen Zugang, der sich ins Gedächtnis brennt.

Sinthujan Varatharajah lebt als freie*r Wissenschaftler*in und Essayist*in in Berlin, wo sie*er die Veranstaltungsreihe 'dissolving territories: kulturgeographien eines neuen eelam' kuratiert. Sie*er studierte Politische Geographie und war mit der Forschungs- und Kunstinstallation 'how to move an arche' Teil der 11. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst. 2017 -2018 war sie*er Vorstandsmitglied des Beirats für Asylfragen der Europäischen Kommission und arbeitete über mehrere Jahre hinweg für verschiedene Menschenrechtsorganisationen in London und Berlin.
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1

zur kamera

Ich sitze mit verschränkten Beinen auf einem hellbraunen Laminatboden und halte ein Bild in den Händen. Ein Foto, das über Jahrzehnte in einem verschließbaren Schrank im Dachgeschoss eines Wohnhauses einer mitteldeutschen Neubausiedlung verwahrt lag – umhüllt von einer Schutzfolie, aufbewahrt in einem Fotoalbum. Das Album ist mit einem schwarzen Bild einer Seenlandschaft bedruckt. Diese Landschaft, die in meinen Händen liegt, versetzt mich auf eine Reise. Die feine Linienführung des Drucks erweckt den Anschein, als wäre das Bild ein Versuch, eine vom Ort der Erzählung aus sehr ferne Landschaft einzufangen: östlich, so weit östlich, dass Osten als rein geografische Beschreibung nicht mehr genügt, um dieser Art Osten, dieser Art Landschaft und Welt von hier aus sprachlich gerecht zu werden. Obgleich der Ort im Osten nicht benannt wird, unspezifisch und somit allgemein bleibt, so hat er einen Namen. Für diese Geschichte soll dieser Name jedoch nicht von Bedeutung sein. Was von Bedeutung ist, ist, dass das Albumcover sein Versprechen nicht halten wird – der Inhalt dem Einband widersprechen wird.

Bevor ich dieses Plastikalbum aus seinem provisorischen Archiv entriss, war es Teil einer Ordnung, die auf den ersten Blick nicht als solche erkennbar war: ein wirrer Stapel an Fotoalben, der wie eine Bohrinsel inmitten eines stürmischen Meeres aus wild durcheinander geworfenen Bildern taumelte. Zusammengefügt bildeten diese Fotos eine fast endlose Seenlandschaft, die aus unzähligen Fetzen von Erinnerungen bestand und hinter der geschlossenen Schranktür verborgen lag.

Nur wenige dieser Fotos wurden liebevoll in die gestapelten Alben eingeklebt. Andere schienen wiederum hastig in die hinteren Seiten der Alben gelegt worden zu sein, beinahe als wäre jemand mitten im Prozess des Katalogisierens unterbrochen worden. Sie bleiben fast vergessen und für den unachtsamen Blick unsichtbar. Andere Bilder befinden sich in der Flut an Erinnerungen sogar noch in ihren Netto-Entwicklungsumschlägen. Sie schwimmen wie gelbe Rettungsbote um die Bohrinsel herum, die allesamt diese wackelige Konstruktion im Zentrum umzingeln. Von anderen überlebten nur die Negativfilme, deren Abbildung man* nur im Gegenlicht erahnen konnte. Licht fand jedoch keinen Weg, um in diesen Schrankinnenraum durchzudringen.

Die unterschiedlichen Arten, wie die Fotos im Schrank organisiert lagen, lassen vermuten, dass ihnen vielleicht weniger Wert und Bedeutung beigemessen wurde. Warum sonst waren sie in einen dunklen Schrank verbannt, statt wie andere Bilder eingerahmt auf einem Schreibtisch, auf einer Kommode oder einem Fernseher zu stehen? Und dennoch waren die Erinnerungen an Momente, Orte und Leben, die auf diesen Bildern festgehalten wurden, anscheinend wichtig genug, um überhaupt festgehalten zu werden. Denn Dokumentation war schon immer, und vor allem vor der Einführung der Digitalfotografie, eine Frage der Ressourcen, ob finanzieller oder zeitlicher Natur. Zu dokumentieren hieß, zu selektieren und zu investieren. Zu dokumentieren hieß nicht nur, einen Raum festzuhalten, sondern auch einen anderen Raum mit diesen Räumen zu füllen.

Die Bilder vor mir liegen zwar präserviert aber größtenteils unkatalogisiert hinter dieser schmalen hölzernen Schranktür. Sie sind Teil eines persönlichen Archivs, das weder über einen Namen, eine Anschrift, noch eine Webseitenadresse verfügt. Ähnliches gilt für die Bilder darin. Nur wenige sind durch Bemerkungen, Jahreszahlen oder andere Informationen gekennzeichnet. Und dennoch tragen sie eine Vielzahl an Bedeutungen und Hinweisen. Ihre Bedeutung ist unabhängig von der Ordnung, den fehlenden Erläuterungen oder der physischen Abwesenheit der Fotografierenden und der Fotografierten im Schrank deutlich erkennbar. Die vermeintliche Willkür und Unzuortbarkeit der Bilder werden einerseits durch die Technik aufgebrochen, die ihre Materialisierung erst ermöglichte, andererseits durch die Handschriften, anhand derer in, auf und hinter den Fotos Markierungen hinterlassen wurden, die erst bei genauerem Hinsehen eine historische Einordnung zulassen. So auch dieses Foto, das mir plötzlich ins Auge fällt, als ich das Album mit der schwarzen Seenlandschaft öffne und zu durchblättern beginne.

Ich entnehme es zaghaft aus seinem Album, aus seiner Ordnung, aus diesem Meer und diesem fernen Osten, und halte es nah an meine Augen, um es näher, immer näher zu betrachten. Im Vordergrund sind die Konturen einer Person mit krausem schwarzem Haar zu sehen. Sie steht am linken Rand des Fotos, fast als würde sie aus dem Bild fallen oder als wäre sie bewusst aus dem Bild verdrängt worden. Ihre Anwesenheit ist ein Störfaktor, vielleicht auch Zufall. Womöglich hat sie sich auch selbst in das Bild, in die Szene gestellt, die der Fotograf einzufangen versuchte. Die rechte Wange der Person ragt am Rand in dieses Bild hinein. Abgesehen von ihrer Hautfarbe, ein dunkler Hautton, bleiben alle weiteren Indizien über ihr Gesicht im Dunkeln, darüber wer sie ist, woher sie ist, was sie ist, warum sie dort ist. Sie ist der Kameralinse und dem Fotografen abgewandt und schaut in die gleiche Richtung, in die auch die Kamera blickt, über einen kleinen Graben hinweg, in Richtung dreier anderer Lebewesen, die auf der gegenüberliegenden Seite des Grabens stehen: Elefant*innen. Anders als die Frau, stehen zwei der drei Elefant*innen mittig im Bild. Sie scheinen nicht durch Zufall in das Bild geraten zu sein. Dafür nehmen sie insgesamt zu viel Raum auf der Bildfläche ein. Allein aufgrund ihrer Körpergröße waren sie selbst auf Distanz nur schwer zu übersehen. Ihnen fehlte es zusätzlich – anders als den Betrachtenden auf der anderen Seite des Grabens – an Bewegungsfreiheit. Sie waren nicht nur im Bild gefangen, sondern tatsächlich auch im Raum, der im Bild festgehalten wurde. Der Fotograf hat die Elefant*innen bewusst zum zentralen Objekt des Bilds gemacht. Sie waren der Grund dieser Momentaufnahme einer Begegnung.

Der Raum, der die Elefant*innen auf dem Foto umgibt, ist oval. Seine Wände sind mit orange-braunen Fliesen verziert. Die kuppelförmige Decke, die den Himmel über ihren Köpfen verdeckt, erstrahlt in frischem Weiß. Der Raum wirkt groß. Es gibt weder Gitter noch Zäune, die ihn zerteilen und dem Blick in die Tiefen des Raumes im Wege stehen. Der menschliche Körper, wenn auch nur am linken Bildrand abgebildet, erlaubt es uns trotz seiner Unvollständigkeit, die räumlichen Dimensionen und Differenzen dieses Raumes besser zu verstehen. Denn erst durch einen Körper der uns ähnelt, erlangen wir Erkenntnis, Verständnis und ein Gefühl dafür, wie groß, klein, nah oder weit entfernt etwas von uns und damit für uns ist. Unser Körper, aus dem heraus wir die Welt wahrnehmen, ist der Maßstab, an dem wir die Welt vermessen, sie um uns herum greif- und spürbar machen. Er ist unsere Referenz, unser Standard und unser Rahmen, der zu einem Raumgefühl wird.

Doch die Grenzen des menschlichen Maßstabs, dieser Selbstzentrierung, werden ebenfalls in diesem Bild deutlich. Denn auch wenn dieser Raum aus der Perspektive, den Augen und den Körpern des Menschen groß erscheint, so mutet er gleichzeitig klein, eng und bedrückend an. Die Elefant*innen dominieren das Bild und den Raum um sich herum, allein durch ihre Körper, deren Größen und Volumen. Die Präsenz dieser Lebewesen lässt uns die Proportionen des Raumes anders wahrnehmen. Sie verzerren unser Raumverständnis und erinnern uns an die Größe und Grenzen unseres menschlichen Körpers und unseres Blickes. Eine Welt, die für uns groß und adäquat erscheint, kann gleichzeitig klein und inadäquat für andere sein. Die Körper der Elefant*innen sprengen in diesem Bild den menschlichen Rahmen.

Im hinteren Teil des Fotos ist ein halb geöffnetes Tor zu sehen. Es gewährt einen Blick ins Freie und die Umgebung. Dort stehen Bäume und Sträucher, deren sattes Grün durch die unterschiedlichen Lichtverhältnisse im Innen- und Außenraum nicht korrekt belichtet werden konnte. Sie sind auf dem Bild erblasst. Das schemenhafte Grün des Laubes deutet darauf hin, dass der Raum sich irgendwo inmitten der Natur befand. Die Helligkeit des Laubes wiederum lässt auf warme Temperaturen schließen. Auch Teile der Außenfassade des Gebäudes sind in diesem Bild erkennbar. Ein heller Bogen scheint wie eine Stütze die Wände des Raumes zu halten und ihn zu umschließen. Die Elefant*innen sind an ihren Hinterbeinen angekettet. Somit sind sie in ihrer Bewegungsfreiheit nicht nur durch die Wände, Tore und Gräben, die sie umringen, eingeschränkt, sondern zusätzlich von der Länge der Ketten.

Von den jeweils vier Elefant*innenbeinen sind zwei mit massiven Metallketten befestigt. Die Vorderbeine der Elefant*innen sind dagegen frei. Sie stehen auf einem unebenen Haufen von grüngoldenem Stroh. Es könnte Futter sein, aber auch eine freie Natur darstellen, die den Betonboden unter ihren Beinen zu bedecken versucht. Ob für sie, die Elefanten, sie, die Person auf dem linken Rand des Bilds, für uns, die Betrachtenden, oder für gar niemanden lässt sich anhand des Fotos nicht ablesen.

Gebannt blicke ich auf das Szenario in meinen Händen. Ich betrachte die multiplen Bilder – die Bilder im Bild, die vor mir in diesem einzigen Foto leben. Meine Augen sind beim Anblick der Aufnahme gefangen in dem Raum, der Zeit und in dem Moment des Klicks der Kamera. Sie verlieren sich in den verschiedenen Ebenen des...


Varatharajah, Sinthujan
Sinthujan Varatharajah lebt als freie*r Wissenschaftler*in und Essayist*in in Berlin, wo sie*er die Veranstaltungsreihe "dissolving territories: kulturgeographien eines neuen eelam" kuratiert. Sie*er studierte Politische Geographie und war mit der Forschungs- und Kunstinstallation "how to move an arche" Teil der 11. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst. 2017 –2018 war sie*er Vorstandsmitglied des Beirats für Asylfragen der Europäischen Kommission und arbeitete über mehrere Jahre hinweg für verschiedene Menschenrechtsorganisationen in London und Berlin.



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