Buch, Deutsch, 619 Seiten, PB, Format (B × H): 125 mm x 187 mm
Buch, Deutsch, 619 Seiten, PB, Format (B × H): 125 mm x 187 mm
ISBN: 978-3-86827-522-3
Verlag: Francke-Buch
Als Luisa Ende des 19. Jahrhunderts aus dem deutschen Kaiserreich in die Vereinigten Staaten emi-griert, ahnt sie nicht, dass sie damit einen Strom von Ereignissen in Gang setzt, der selbst ihre Urenkelin Suzanne noch beeinflussen wird. Ein mitreißender Generationenroman!
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Kapitel 1
Deutschland, im Rheintal, 1894
Zunächst war alles wie an jedem anderen Weihnachtsfest gewesen. Gelächter war aus Vaters Bauernhaus gedrungen, zusammen mit dem Duft nach gebratener Gans und Apfelkuchen. Ich war zu Hause und verbrachte das Weihnachtsfest bei meiner Familie, nachdem ich vor nur vier Monaten Friedrich Schröder geheiratet hatte. Auch meine Schwestern, Anna und Marie, waren mit ihren Familien hergekommen, und mein Bruder Kurt hatte seine Familie aus dem eigenen Bauernhaus quer über die Felder zum Feiern in das Haus geführt, in dem er aufgewachsen war. Emil, der noch bei den Eltern lebte, sprang aufgeregt um uns alle herum und war glücklich, dass er alle seine Geschwister auf einmal sah und das Haus zur Abwechslung einmal wieder so voller Leben war.
Ich verbrachte natürlich den ganzen Morgen in der Küche, in der drei Generationen von Fischer-Frauen sich bei dem Versuch, das Weihnachtsessen fertig zu machen, gegenseitig auf die Füße traten. An den Rockzipfeln meiner Schwestern hing eine Schar kleiner Kinder, als wir arbeiteten, und ihr Schniefen und Heulen vermischte sich mit dem Klappern der Pfannen und dem Blubbern in den Töpfen. Ich liebte diesen fröhlichen Lärm und schälte an einem Küchentisch glücklich einen riesigen Berg Kartoffeln. Die sieben Kilometer, die zwischen Vaters Hof und dem Dorf lagen, in dem ich jetzt lebte, hatten die Verbindung zwischen mir und den anderen Frauen nicht schwächen können. Wir waren wie aus einem Guss, und die drei K – Kinder, Küche und Kirche – verbanden uns miteinander, wie auch mit allen Frauen in Deutschland. Wie die anderen Frauen in meiner Familie lebte ich mein Leben in diesen drei Bereichen und war glücklich dabei.
„Ihr kriegt gleich was mit diesem Holzlöffel hinter die Ohren“, warnte Anna, als ihre zwei Kinder mit einem ihrer Vettern durch die Küche fegten und versuchten, eine der eingelegten Gurken zu stibitzen, die in einer Schale auf der Anrichte standen.
„Ach, lass sie doch“, meinte Mutter. „Ein Gürkchen verdirbt ihnen schon nicht den Appetit. Außerdem ist schließlich Weihnachten.“ Sie hielt den Kindern die verbotene Schale hin. Ich wunderte mich wieder einmal, wie Mutter, die ihre eigenen fünf Kinder mit Strenge und eiserner Disziplin großgezogen hatte, sich in eine völlig andere Frau verwandelt hatte, seit sie Großmutter war.
„So, das reicht jetzt! Raus aus der Küche!“, befahl Anna, als die Kinder davonhüpften und zufrieden an ihren Gürkchen kauten. „Immerhin sind die Männer schlau genug, hier nicht auch noch ihre Nase hereinzustecken“, grummelte sie.
„Wo stecken die alle überhaupt?“, wunderte ich mich.
„Drüben in der Stube“, vermutete Mutter, „und bestimmt reden sie über Politik und Viehpreise.“
Marie schüttelte den Kopf. „Glaub das bloß nicht, Luisa. Ich wette, sie rauchen Zigarren und trinken ein Glas Schnaps nach dem anderen. Und vermutlich bringen sie deinem Friedrich das auch gerade bei.“
„Oh oh“, meldete sich Großmutter. „Da würde ich aber zusehen, dass ich den schnell nach Hause schaffe, wenn ich du wäre, Luisa.“ Alle lachten. Weil ich die Letzte war, die geheiratet hatte, wurde ich von allen aufgezogen. Das gehörte einfach dazu, und ich wusste, dass das nicht der letzte Spaß an diesem Abend sein würde, der auf meine Kosten ging.
Großmutter stand einer Küche voller Frauen vor. Ihre grauen Augen leuchteten, und ihr faltiges Gesicht strahlte. Bei der Arbeit am warmen Herd hatte sich eine Strähne weißen Haars aus dem Knoten gelöst, den sie mit unendlich vielen Haarnadeln an ihrem Kopf befestigt hatte. Sie war ganz in ihrem Element, als sie die letzten Fäden um die Weihnachtsgans wickelte und die Ofentür schloss. Sie blieb neben dem Küchentisch stehen und streichelte mir die Wange. Ich mochte ihre weichen, fülligen Hände. Heute rochen sie nach Zimt und Nelken.
„Wie hübsch du heute aussiehst, Liebchen“, sagte sie zu mir. „Und so erwachsen, wenn du dir das Haar hochsteckst.“ Ich hatte mich nie für hübsch gehalten, bis Friedrich behauptete, dass ich es sei. Und obwohl ich neunzehn und schon verheiratet war, kam ich mir kaum erwachsen vor. Immer wenn ich mein Gesicht im Spiegel betrachtete und hoffte, dass mir dort endlich eine Frau entgegenschauen würde, war ich enttäuscht, doch wieder nur das vertraute runde, unschuldige Gesicht eines jungen Mädchens zu sehen, mit Sommersprossen auf der Nase und einem Schmollmündchen. Statt des schmalen Gesichts mit den betonten Wangenknochen, das ich mir so gewünscht hätte, hatte ich Grübchen, wenn ich lachte, und wurde immer so schnell rot.
Großmutter beugte sich vor und küsste mich auf die Stirn. „Woher hast du eigentlich diese gesunde Farbe im Gesicht, und warum lächelst du so selig?“
„Das muss dieser gut aussehende Mann sein, mit dem sie verheiratet ist“, zog Anna mich auf. „So lange sind Friedrich und sie ja noch nicht verheiratet.“ Sie zwinkerte mir zu, und ich merkte, wie mir gegen meinen Willen die Röte ins Gesicht schoss.
Marie, die im achten Monat schwanger war, lächelte mit wissendem Blick. „Könnte es sein, dass da schon kommendes Mutterglück aus dir strahlt, Schwesterchen?“
Ich tat so, als erforderten die Kartoffelschalen meine volle Aufmerksamkeit, aber ich merkte, dass mein Gesicht nur noch röter wurde. Ich wäre am liebsten mit den Kindern aus der Küche gerannt, um mich irgendwo im Haus zu verstecken. Ich war mir ziemlich sicher, dass ich ein Kind erwartete, aber Friedrich und ich waren übereingekommen, noch niemandem davon zu erzählen. Es war unser Geheimnis, das wir wenigstens noch eine Weile hüten wollten.
„Hör nicht auf meine neugierigen Schwestern, Großmutter“, sagte ich. „Die Farbe kommt bestimmt vom Kohleofen her. Die Gans ist nicht die Einzige, die hier geröstet wird.“ Ich schnitt die letzte Kartoffel klein und warf sie zu den anderen ins Wasser. Dann trug ich den Topf zum Herd hinüber, um sie zu kochen. In der Küche war es wirklich unerträglich heiß, und ich wischte den Dampf von dem angelaufenen Fenster, um nach draußen zu sehen.
Der Hof des alten Bauernhauses lag unter einer Decke von frischem Schnee, und in all dem Weiß konnte man den Stall sehen, in dem Vaters Rinder den Winter über standen. Ich musste lächeln, als ich daran dachte, wie diese einfältigen Tiere Friedrich und mich zusammengebracht hatten; sein Vater besaß die Metzgerei, in der mein Vater sein Fleisch verkaufte. Vater und Herr Schröder waren schon seit Ewigkeiten befreundet, und so war es nichts Ungewöhnliches, dass der vierte Sohn des Metzgers Vaters jüngste Tochter heiratete.
Ich wandte mich vom Fenster ab, als Mutter ihre Arbeit unterbrach und sich in der vollgestopften Küche umsah. „Hmm, irgendwas hab ich ganz bestimmt vergessen“, murmelte sie. „Was war es denn nur?“
Alle lachten. Bei Familientreffen gab es immer so viele verschiedene Gerichte, dass Mutter mit schöner Regelmäßigkeit eines von ihnen auf den Tisch zu stellen vergaß. Wir fanden es dann immer, lange nachdem das Essen vorbei war, auf irgendeiner Anrichte oder im Ofen, wo es immer noch warm gehalten wurde.
Unser Lachen wurde zu mitfühlendem Murmeln, als Maries Dreijährige weinend in die Küche stolperte. „Sie hat sich den Finger in der Tür eingeklemmt“, meldete einer ihrer älteren Vettern. Das Mädchen war müde und weinte laut. Es wollte sich einfach nicht beruhigen lassen.
„Ich weiß genau, was das Kind braucht“, verkündete Großmutter. Sie langte nach oben in den Geschirrschrank und förderte die weiße Porzellantasse zu Tage, die ich noch aus meinen eigenen Kindertagen kannte. Das Mädchen, das mit so großer Sorgfalt auf die Vorderseite gemalt war, war in all den Jahren nicht einen Tag älter geworden. Großmutter füllte die Tasse mit dicker Buttermilch aus der Vorratskammer.
„Ist ja gut“, redete sie beruhigend auf das Kind ein. „Ein paar Schlucke aus Urgroßmutters Tränentasse machen alles wieder gut, hmm, Kleine?“
Ich sah zu, wie die Tasse ihren Zauber vollbrachte. Als sie leer war, waren auch alle Tränen aus dem Gesicht meiner Nichte verschwunden. Lachen und Weinen. und dann wieder Lachen. Die Worte, die auf Großmutters liebstes Sofakissen gestickt waren, stimmten wirklich: Lachen und Weinen, Böse und Gut kommen und gehen wie Ebbe und Flut.
„Es ist Zeit für die Geschenke“, flüsterte Mutter mir zu. „Du hast doch gerade nichts zu tun. Kannst du bitte schon mal die Christbaumkerzen für mich anzünden? Friedrich kann dir bei denen ganz oben helfen. Und sag Vater, er soll die Glocke läuten, wenn alles fertig ist.“
Ich spürte, wie ich vor lauter Aufregung selbst erschauderte, als ich meine Schürze ablegte und aus der Küche schlüpfte. Vor gar nicht so vielen Jahren war ich selbst unter den Kindern gewesen, die bald in die Stube gelassen werden würden, wo sie staunend auf den geschmückten Baum starrten und sich fragten, woher plötzlich all die Geschenke kamen, die dort unter dem Baum lagen. Und jetzt war ich eine der Erwachsenen, die diesen Zauber schufen. Ich war mir noch nicht sicher, welche Rolle mir eigentlich lieber war.
Die Tür zur Stube war geschlossen, um neugierige Kinder draußen zu halten, aber ich konnte drinnen schon Männerstimmen hören, bevor ich die Tür öffnete. Die Stimmung in der Stube war angespannt, ganz anders als in der Küche, und die Stimmen waren hier laut und erregt. Die Männer waren so in ihre Diskussion versunken, dass sie kaum bemerkten, dass ich hereingekommen war.
„Nein, da kann ich dir nicht zustimmen“, sagte Friedrich gerade. Seine Stirn legte sich in Falten, als er sich jetzt eine Strähne seines hellbraunen Haars aus dem Gesicht strich. „Das ist überhaupt nicht nötig.“
Vater gestikulierte wild und unterstrich seine Worte noch mit der Zigarre in seiner Hand. „Russland und Frankreich haben sich miteinander verbündet. Wir müssen uns auf einen Zweifrontenkrieg einstellen. Unser Militär muss stärker sein als deren Armeen zusammengenommen.“
„Aber wo soll das denn hinführen?“, wandte Friedrich ein. „Wenn wir unser Heer vergrößern, werden sie das Gleiche tun. Europa ist doch schon ein Pulverfass, und der kleinste Funke wird genügen, einen Krieg anzuzetteln.“
„Eine starkes Heer ist das beste Mittel gegen einen Krieg“, beharrte Kurt.
Ich ging zu der frisch geschlagenen Fichte in der Ecke der Stube hinüber und begann, die Klammern zu überprüfen, die die Kerzen an Ort und Stelle hielten. Es war wichtig, dass die Kerzen den Zweigen nicht zu nahe kamen. Als ich der Diskussion weiter lauschte, war ich bestürzt zu hören, dass Vater, meine Brüder Kurt und Emil und meine beiden Schwager Ernst und Konrad sich einig waren, dass das Deutsche Reich ein starkes Heer brauchte. Und sie stimmten darin überein, dass es eine ehrenvolle Pflicht war, für das Vaterland zu kämpfen und zu sterben. Nur mein Mann war anderer Ansicht.
Als ich jetzt zu den Männern hinüberschaute und Friedrich unter all meinen stämmigen Brüdern und Schwägern bemerkte, fiel mir auf, dass er tatsächlich auch anders aussah. Er war der Einzige, der zu seinem Anzug eine Weste trug und keine Hosenträger, der Einzige, der einen gepflegten Vollbart hatte und keinen Schnurr- und Backenbart. Und natürlich war Friedrich auch anders als die anderen – er war der Einzige, der am Seminar gewesen war. Mein Vater war so stolz, dass er jetzt „einen Studierten“ in der Familie hatte, sogar einen Lehrer. Nun kämpfte Vater sich aus seinem Lehnstuhl hoch und stand auf, um den anderen in der Diskussion mit seinem neuen Schwiegersohn beizustehen.
„Du willst also allen Ernstes“, begann er, „dass das Reich tatenlos zusieht, wie Frankreich auf der einen Seite einen Krieg beginnt und der Zar auf der anderen?“
„Ich finde nur, dass der Kaiser das viele Geld, das er im Moment in die Bewaffnung des Reichs steckt, besser verwenden sollte, um die Armut in den Elendsvierteln bei den Fabriken zu bekämpfen.“
Ich hatte noch nie gehört, wie Friedrich laut wurde. Ich hielt in der Bewegung inne, um ihn anzustarren. Er war größer als meine Brüder, aber dünner; Kurts und Emils Muskeln waren das Ergebnis von vielen Jahren harter Arbeit auf dem Feld und mit dem Vieh. Als ich das erste Mal gehört hatte, dass Vater plante, dass ich den Sohn des Metzgers – der gerade vier Jahre am Seminar gewesen war – heiraten sollte, war ich im ersten Moment erschrocken. Ich hatte befürchtet, dass Friedrich sich in diesen vier Jahren verändert hatte und nun so aussah wie sein Vater, der genauso dick und rosa war wie die Würste, die in seiner Metzgerei an großen Haken hingen. Ich war erleichtert, dass Metzger Schröders Sohn, der fünf Jahre älter war als ich, sich als schlank und eher blass erwies. Er hatte tief liegende Augen, die so blassblau waren wie der Winterhimmel; seine Augenbrauen und sein Bart waren eine Spur dunkler als sein hellbraunes Haar. Sie hatten die Farbe von Muskat, waren aber von einzelnen blonden, kastanienbraunen und dunkelbraunen Strähnen durchzogen. Friedrich war eigentlich zu eckig gebaut, um als gut aussehend bezeichnet zu werden, aber seine ruhige Stärke und die Art und Weise, wie er sich für die Menschen um ihn herum interessierte, hatten dazu geführt, dass ich mich gleich zu ihm hingezogen fühlte. Er hatte drei Monate um mich geworben, und nun waren wir seit vier Monaten verheiratet, aber ich kannte ihn immer noch nicht besonders gut. Und mir war bisher noch nie aufgefallen, wie sehr er sich von den anderen Männern in meiner Familie unterschied. Plötzlich machte mir das Sorge. Warum konnte er nicht ein bisschen mehr so sein wie Vater oder Kurt?
„Soll das heißen, dass du gegen jeden Krieg bist, junger Mann?“, fragte Vater. „Die Heilige Schrift ist nämlich voll von Schlachten, die im Namen des Allmächtigen geführt werden, weißt du?“
„Das ist wahr, Vater. Aber dieser Krieg, wenn er irgendwann ausbricht, wird nur aus Habsucht geführt werden, nicht um der Gerechtigkeit willen. Christus hat die Nöte der Menschen immer vor Regierungen und Einrichtungen gestellt. Unter seinen Nachfolgern darf es keinen Hass und keine Gewalt geben. Er hat gesagt: ‚Selig sind die Friedensstifter, denn sie werden Kinder Gottes heißen.‘“
Kurt legte Friedrich eine Hand auf die Schulter. „Wenn der Kaiser diesem Gesetz zum Militärdienst zustimmt, wird dir keine Wahl bleiben. Du und ich, wir werden beide eingezogen werden – verheiratet oder nicht.“
Friedrich ließ den Kopf hängen. „Ja. Ich weiß.“
Mein Bruder Emil, der erst siebzehn war, schien von der Aussicht ganz begeistert. „Vielleicht werden wir nach China geschickt. in die Kolonien in Afrika. oder wer weiß wohin!“
„Deine religiösen Überzeugungen werden dem Kaiser wenig bedeuten“, sagte Vater. „Du dienst entweder in seinem Heer oder wanderst ins Zuchthaus.“
„In seinem Heer werde ich jedenfalls nicht dienen.“
Mir fiel die Schachtel Zündhölzer aus der Hand. „Ist das wahr, Friedrich? Würden sie dich zwingen, dich zwischen dem Heer und dem Zuchthaus zu entscheiden?“
Die Männer wandten sich erstaunt zu mir um, als hätten sie mich noch nie im Leben gesehen.
„Ja, das stimmt“, sagte Friedrich, als er sich bückte, um die Zündhölzer für mich aufzuheben.
„Aber. aber du bist doch Schulmeister, kein Soldat.“
„Komm, Luisa“, sagte er ruhig, „ich helf dir mit den Kerzen.“
Er riss ein Zündholz an und begann, die Kerzen der Reihe nach anzuzünden, wobei er mit Leichtigkeit auch an die ganz oben he-rankam. Ich sah ihm zu, als wäre er ein Fremder.
Vater räusperte sich. „Also. der Kaiser hat schon so viele Pläne geschmiedet, aus denen nichts geworden ist. Machen wir uns besser keine Sorgen über etwas, das vielleicht nie passiert. Schließlich ist Weihnachten.“
Seine Worte lösten die Anspannung, und schon nach ein paar Minuten lachten die Männer und halfen Friedrich, die Weihnachtsbaumkerzen anzuzünden, als hätten sie sich niemals Sorgen um irgendetwas gemacht. Aber ich wusste, dass mein Leben nicht mehr so sein würde wie vorher. Ich betrachtete all diese Männer, die ich liebte, wie sie da um den Weihnachtsbaum herumstanden, und sie kamen mir so unendlich weit weg vor.
Als die letzte Kerze angezündet war, nahm Vater das silberne Glöckchen vom Kaminsims. „Zurücktreten, bitte“, warnte er grinsend. „Wir wollen ja nicht, dass hier jemand zu Tode getrampelt wird.“
Sobald die Glocke ertönte, strömten die Kinder in die Stube. Sie quietschten vor Begeisterung und konnten sich kaum halten. Ihre Mütter, die Großmutter und Urgroßmutter kamen hinterher. Die Kleinen zappelten ungeduldig, als Vater aus der Familienbibel die altbekannte Weihnachtsgeschichte vorlas, und stürzten sich dann auf ihre Geschenke. Mutter hatte für die Mädchen Puppen gebastelt und neue Handschuhe gestrickt, und für die Jungs hatten Vater und Emil aus Holz Schiffchen und Kreisel geschnitzt. Aus dem Lädchen im Dorf stammten eine silberne Babyrassel, ein Teeservice in Puppengröße und ein knallroter Schlitten.
Friedrich lächelte auf seine schüchterne Weise, als er mir ein mit viel Liebe verpacktes Geschenk überreichte. „Das ist für dich. Frohe Weihnachten.“
Unter dem Geschenkpapier kam eine Schachtel zum Vorschein, die aus einem der vornehmen Modegeschäfte in der Stadt stammte, und in ihr lag ein Handspiegel aus echtem Silber. Auf die Rückseite waren Blumengirlanden eingraviert – und meine neuen Initialen, L. S. Ich zuckte kurz zusammen, als mir wieder bewusst wurde, dass ich nicht mehr Luisa Fischer hieß, sondern Luisa Schröder. Ich gehörte zu Friedrich.
„Gefällt er dir?“, fragte er und strich mir zärtlich eine Haarsträhne aus der Stirn. Seine Zärtlichkeit wäre mir in unserem eigenen Zuhause ganz normal erschienen, aber hier, im Haus meines Vaters, war sie mir peinlich. Die anderen Männer zeigten ihren Frauen ihre Zuneigung nie so offen. Als ich mich jetzt im Zimmer umsah, fiel mir auf, dass sie im Gegenteil alle in sicherem Abstand von ihren Frauen saßen. Sie hatten ihnen praktische Dinge geschenkt, einen neuen Schal vielleicht oder ein Paar Handschuhe, nichts Extravagantes wie einen silbernen Spiegel.
„Er ist. wunderschön“, murmelte ich. Ich merkte, wie ich wieder rot wurde. Ich wusste einfach nicht, wie ich ihm vor all den anderen aus meiner Familie sagen sollte, wie sehr ich mich über sein Geschenk freute. Eigentlich hätte ich mich lieber im Stillen mit ihm daran gefreut, anstatt dass nun alle die Gelegenheit hatten, mein Geschenk einer kritischen Prüfung zu unterziehen. Es war ein merkwürdiges Gefühl zu merken, dass mir Friedrichs Leben plötzlich näher stand als das meiner Familie. Aber es währte nur einen Augenblick, denn Großmutter und Mutter standen schon auf und gingen zur Küche hinüber. Ich tat es ihnen nach und half mit, das Essen auf den Tisch zu bringen.
Das Weihnachtsessen war wie üblich eine ausgesprochen üppige und laute Angelegenheit. Alle drängten sich um den Esstisch und reichten einander Schalen mit gebratener Gans und Braten, Schüsseln mit Kartoffelbrei und Gemüse und Teller mit eingelegten Zwiebeln, Blutwurst und Hering. Bis wir alle satt waren, war es draußen längst dunkel. Ich huschte mit den anderen Frauen in die Küche, um noch vor dem Kirchgang das Geschirr zu spülen, während die Männer sich in ihre warmen Mäntel wickelten und draußen die Tiere anschirrten.
Die kleine Dorfkirche sah genauso aus wie an jedem anderen Weihnachtsabend, an den ich mich erinnern konnte. All die Kerzen, die Weihnachtslieder und die Geschichte von dem Kind, das in einem Stall geboren wurde, verstärkten in mir das tröstliche Gefühl, dass mein Leben von uralten Traditionen getragen wurde, die sich nie ändern würden.
„Stille Nacht, heilige Nacht“, sangen wir. „Alles schläft, einsam wacht nur das traute, hochheilige Paar.“ Es würde keine allgemeine Einberufung zum Heer geben. Mein Leben würde genauso verlaufen wie das der Frauen in meiner Familie, die vor mir gelebt hatten. Heute und morgen und jede weitere Nacht, bis ich selbst eine alte Großmutter war, würde ich neben meinem Mann in Frieden schlafen können.
Als der Gottesdienst zu Ende war, verabschiedeten Friedrich und ich uns von meiner Familie und liefen den kurzen Weg von der Kirche durchs Dorf nach Hause zurück. Im Haus war es kalt, der schmiedeeiserne Ofen war den ganzen Tag aus gewesen. Ich behielt meinen Mantel und mein Tuch an, und trotzdem zitterte ich vor Kälte, als ich darauf wartete, dass Friedrich die alte Asche entsorgte, neue Kohle und Zünder aufschichtete und das Feuer anfachte. Seine schmalen Hände taten ihre Arbeit sorgfältig und schnell, und Friedrich konzentrierte sich ganz darauf, was er tat. Ich sah ihm zu und merkte, wie glücklich ich war, dass ich zu ihm gehörte und er zu mir. Ich trug sein Kind in mir.
Als er fertig war, wandte er sich mir zu und strich sich den Ruß von den Händen. „Dir ist ja ganz kalt. Komm doch näher ran. Bestimmt brennt das Feuer gleich.“ Er schlang die Arme um mich, um mich warm zu halten.
Der plötzliche Knall von einem Stück Harz, das in der Hitze explodierte, zerstörte das schöne Gefühl jäh. Ich musste wieder daran denken, dass es einen Krieg geben könnte. Ich hob den Kopf von Friedrichs Schulter, um ihm in die Augen sehen zu können, und fragte: „Das, worüber du und Vater und die anderen da heute in der Stube gesprochen habt. wann wird das denn passieren? Diese Einberufung? Wann wirst du das genauer wissen?“
„Es tut mir so leid, dass du das mitgehört hast, Luisa. Vielleicht kommt es nie dazu, und dann machst du dir ganz umsonst solche Sorgen.“ Er versuchte mich wieder an sich heranzuziehen, aber ich ließ es nicht zu. Normalerweise würde eine Ehefrau nun keine weiteren Fragen mehr stellen, aber ich konnte mir meine nicht verkneifen. „Was machst du denn, wenn sie dich einziehen?“
Das Feuer im Ofen begann zu knacken und zu knistern, als es nun wirklich brannte. Hinter dem Ofengitter flackerten die Flammen fröhlich. Friedrich nahm sich für seine Antwort viel Zeit, und dann sprach er langsam und bedächtig. Er sah traurig aus.
„Ich könnte nie ein Gewehr auf einen anderen Menschen richten und ihn erschießen, nur damit der Kaiser ein Stückchen Land mehr besitzt. Wenn wir angegriffen würden, würde ich das Reich vielleicht mit verteidigen, aber selbst dann. selbst dann lehrt die Bibel, dass wir unsere Feinde lieben sollen.“
„Aber Vater hat gesagt, dass sie dich ins Zuchthaus stecken, wenn du nicht mitmachst. Du würdest deine Arbeit verlieren, und wenn du einmal im Zuchthaus warst, dürftest du nie wieder Schulmeister sein. Und unser Kind.“
„Luisa. Luisa, so weit wird es nicht kommen.“ Er nahm meine eiskalten Hände in seine und drückte sie an seine Brust. Ich spürte, wie sein Herz unter meinen Händen stark und regelmäßig schlug, und begann zu weinen.
Friedrich war völlig aufgelöst, als er meine Tränen sah. Er stand neben mir und rang die Hände. Ich merkte, dass er mich am liebsten in den Arm genommen und getröstet hätte, aber er zögerte und schien nicht zu wissen, wie er das tun sollte. Ich hatte noch nie in seiner Gegenwart geweint.
„Luisa, wein doch nicht. Es tut mir so leid. Bitte wein doch nicht. Ich will doch auch nicht ins Zuchthaus, aber wenn unsere Gesetze den Lehren Christi widersprechen, muss ich Gott gehorchen und nicht den Menschen.“
Seine Worte kamen mir fremd vor. In meiner Familie standen die Männer noch vor Tagesanbruch auf, um ihrer Arbeit nachzugehen – nicht um bei Kerzenschein in ihrer Bibel zu lesen. Ich hatte Vater noch nie im Gebet auf Knien gesehen, wie ich das bei Friedrich oft beobachtete. Mein Bruder Kurt war Kirchenvorstand in der Dorfkirche und wollte auch nicht in den Krieg ziehen, aber im Zweifelsfall würde er das doch dem Zuchthaus vorziehen.
„Ich verstehe das nicht“, schluchzte ich.
„Ich weiß. Das wird mir ja jetzt klar, und ich wünschte, dass ich dir das erklären könnte, ohne dich noch weiter aus der Fassung zu bringen.“ Er zog ein Taschentuch aus der Westentasche und reichte es mir mit einer unbeholfenen Geste herüber. „Hier, nimm das. Ist ganz frisch.“
Ich wischte mir schnell die Tränen aus den Augen und putzte mir die Nase. Mein Gefühlsausbruch in seiner Gegenwart war mir jetzt peinlich. „Verzeih mir. Muss an meinen Umständen liegen. Und es war ja auch ein langer Tag.“ Ich versuchte mich wieder zu fangen, und Friedrich atmete tief durch.
„Luisa, Gott hat mein Leben in jeder Hinsicht reich gesegnet – er hat mir Bildung geschenkt und eine gute Arbeit, und er hat dich in mein Leben gebracht. Ich weiß, dass er weiter dafür sorgen wird, was wir brauchen – wir und unser Kind. Wir müssen ihm vertrauen und uns keine Sorgen um die Zukunft machen. Wir stehen in seiner Hand.“
Friedrich sprach immer so merkwürdig, so vertraut von Gott, als spräche der Allmächtige mit ihm genauso direkt wie mit den Menschen, von denen man in der Bibel las. Ich glaubte natürlich auch an Gott. Ich war mein Leben lang mit meiner Familie in die Kirche gegangen. Aber Friedrichs Glaube war irgendwie anders. Das war eines dieser Dinge an ihm, die ich nicht verstand.
Das Feuer hatte schließlich den Raum aufgewärmt. Ich nahm mein Tuch ab und ging ein paar Schritte, um es an den großen Haken neben der Tür zu hängen. Friedrich kam mir nach und half mir, und dann legte er mir beide Hände auf die Schultern, so dass ich ihn wieder ansehen musste.
„Ich möchte, dass du dir wegen dieser Einberufung keine Sorgen mehr machst, Luisa, ja? Versprichst du mir das?“ Er schien so durcheinander und machte sich solche Sorgen um mich, dass ich zuließ, dass er mich wieder in die Arme nahm. Ich wollte ihm so gerne glauben und meinem Mann in allen Dingen voll vertrauen, aber das war so furchtbar schwer.
„Ja, Friedrich“, log ich. „Ich verspreche dir, dass ich mir deswegen keine Sorgen mehr mache.“




