Buch, Deutsch, 480 Seiten, Format (B × H): 140 mm x 215 mm
Roman
Buch, Deutsch, 480 Seiten, Format (B × H): 140 mm x 215 mm
ISBN: 978-3-96311-269-0
Verlag: Mitteldeutscher Verlag
Aufwühlendes Porträt einer der großen humanitären Krisen unserer Zeit
Als ein verrostetes Frachtschiff mit 500 tamilischen Flüchtlingen die Küstengewässer der Vancouver Island erreicht, glaubt Mahindan, dass er und sein sechsjähriger Sohn Sellian ein neues Leben beginnen können. Stattdessen wird Sellian den Armen seines Vaters entrissen, und Mahindan wird zusammen mit den anderen Flüchtlingen ins Gefängnis geworfen. In Regierungskreisen und den Medien kursieren Gerüchte, dass sich unter den Boat-People Mitglieder einer gefürchteten Terrormiliz eingeschlichen haben. Angesichts zunehmender Verdächtigung und endloser Verhöre muss Mahindan befürchten, dass das, was er notgedrungen und in letzter Verzweiflung tun musste, um zu überleben und aus Sri Lanka zu flüchten, ihm und seinem Sohn jetzt die Aussicht auf Asyl versperrt …
Mit ihrem Roman »Boat People« ist der Autorin ein großartiges und spannendes moralisches Drama gelungen, einfühlsam und tief berührend erzählt. Sie wirft die Frage auf, welchen Preis ein Land zu zahlen bereit ist, wenn es im Namen der öffentlichen Sicherheit das Leben anderer Menschen aufs Spiel setzt, und was es heute bedeutet, Mensch zu sein.
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Auszug 1
Kap 37: Was kann man da machen?
Prasad sprach mit den Wärtern und kam in den Besitz einer anderen Zeitung. An diesem Abend las er einer Gruppe von Männern am Esstisch einen weiteren Artikel vor.
Draußen war es stockdunkel. Mahindan hätte gern gewusst, wie die Nachtluft schmeckte, welche Sterne man in Kanada sehen konnte. Auf dem Schiff waren sie wenigstens frei gewesen. Zwei Monate Pause zwischen Bomben und Gefängnis.
Vom oberen Deck aus hatte man unzählige Sterne sehen können, tausende mehr, als er je vom Ufer aus gesehen hatte. Oft hatten Sellian und er, in eine Decke eingewickelt, mit klappernden Zähnen dagesessen und den Nachthimmel betrachtet, bis ihnen das Genick wehtat. Sellian konnte den Pfad der sieben Weisen nachzeichnen, und Mahindan zeigte ihm die Ehefrauen der Weisen – die Karthigai, sechs helle Sterne in der Anordnung eines Ohrrings. Wenn Sellian nicht schlafen konnte, erzählte Mahindan ihm die Geschichte von den Göttern und Dämonen, die gemeinsam den Milchozean umrührten, wie sie sich tausend Jahre lang abmühten, den Nektar der Unsterblichkeit zu gewinnen, am Ende aber ein schlimmes Gift vorfanden.
Welche Sterne konnte Sellian jetzt sehen? Erzählte Kumurans Frau ihm Geschichten? Wenn er zu seinen Anhörungen fuhr, traf er gelegentlich mit den Frauen zusammen, und Hema hatte ihm gesagt, dass ihr Gefängnis gar nicht so schlecht war. Sie hatten einen Raum mit viel Spielzeug, wo die Kinder sich aufhielten. Mahindan malte sich oft aus, wie Sellian dort mit Rennwagen spielte oder aus Holzblöcken Festungen baute.
Prasad las den Zeitungsartikel erst auf Englisch, dann übersetzte er ins Tamil: Die Regierung von Sri Lanka betont, dass totaler Frieden im Land herrsche und dass die Armee bei ihrem letzten Vorstoß in das von den Rebellen gehaltene Gebiet alles getan habe, die zivilen Todesopfer zu minimieren.
Noch ehe er den Satz beendet hatte, zischten die Männer und schüttelten die Köpfe.
Der letzte Vorstoß, sagte der Mann im Rollstuhl am Ende des Tisches. Da haben die sich noch mal so richtig ins Zeug gelegt, uns kurz und klein zu schlagen.
Totaler Frieden!, schimpfte ein anderer Mann und hob sein Hemd hoch, um die Brandflecken zu zeigen, die sie ihm mit Zigaretten auf dem ganzen Oberkörper verpasst hatten. Das nennen die Singhalesen Frieden.
Der Mann im Rollstuhl wackelte mit dem Kopf und schnippte mit der Hand durch die Luft. Ein toller Frieden, nicht?
Das ist es ja, sagte Prasad. Die Regierung von Sri Lanka füttert die Kanadier mit einem Sackvoll Lügen. Wir müssen auch eine Gelegenheit bekommen, die Geschichte aus unserer Sicht zu erzählen.
Er legte die Zeitung auf denTisch und der Mann mit den Brandwunden schnappte sie auf und überflog den Artikel. Mahindan fragte sich, wieviel er davon eigentlich lesen konnte. Er selber hatte es auch schon mal mit der Zeitung versucht, die Prasad auf dem Frühstückstisch liegengelassen hatte. Er hatte auf den unverständlichen Text gestarrt und nur wenige Worte entdeckt, die er verstand. Schiff. Tamil. Und.
Wenn Mahindan jetzt mit seinen Anwälten zusammen kam, versuchte er, so viel Englisch wie möglich zu sprechen. Er überlegte sich vorher, was er sagen wollte und übte es, flüsterte die Worte vor sich hin, immer und immer wieder. Aber seine englischen Sprachkenntnisse stammten aus Kinderbüchern. Jedes Mal, wenn er meinte, Fortschritte gemacht zu haben, erinnerte ihn etwas Einfaches wie eine Zeitung daran, was für einen langen Weg er noch zu gehen hatte.
Prasad war auf die Idee gekommen, einen Brief zu schreiben. Auf Englisch, sagte er. Aber wir müssen klar und deutlich sagen, wie es um uns steht. Auch die Frauen. Wir können denTamilischen Bund bitten, diesen Brief an die Zeitungen zu verteilen.
Mahindan war begeistert von Prasads Initiative, von seiner Fähigkeit, Lösungen zu finden. Ranga musste natürlich wieder greinen. Er zeichnete mit dem Daumennagel die Narbe auf seiner Wange nach – eine Angewohnheit, die Mahindan immer wieder irritierte – und sagte: Wozu denn? Die haben doch schon ihre feste Meinung.
Wenn du bloß querschießen willst, dann verschwinde, fuhr Mahindan ihn an.
Prasad nahm ein Stück Papier aus der Tasche, faltete es auf und sagte, Hört doch mal, was ich geschrieben habe.
Ein Wärter unterbrach sie mit einer Nachricht für Mahindan. Er hatte Besuch.
Jetzt?, fragte Mahindan auf Englisch.
Es war 20:00Uhr.
Ihr Rechtsanwalt, sagte der Wärter, und Mahindan sprang auf. Hema und ihre Töchter waren entlassen worden. Die Richter mussten sich seinen Fall noch einmal angesehen und beschlossen haben, ihn auch frei zu lassen. Sie gingen den Korridor entlang, Mahindans Gedanken rasten wie wild. Bald wird das alles – die schweren Fußtritte in der Dunkelheit, die Alpträume der anderen – all das wird nun bald hinter ihm liegen. Er und Sellian werden wieder zusammen sein und ein neues Leben beginnen können!
Erst als sie sich dem privaten Gesprächsraum näherten, ging ihm auf, dass das ja gar nicht stimmen konnte. Seine letzte Haftüberprüfung war negativ ausgefallen, und die nächste war schon für die folgende Woche anberaumt.
Durch das kleine Türfenster konnte er Sam Nadarajah neben Mr. Gigovaz sitzen sehen. Einen kurzen Moment lang glaubte er, es ginge um Prasads Brief. Aber als er im Zimmer war, sah er die düsteren Gesichter.
Wir müssen Ihnen etwas mitteilen, sagte Sam auf Englisch. Bitte nehmen Sie Platz.
Mahindans Kopf wurde erschreckend leicht und er hatte Mühe, sich an der Stuhllehne festzuhalten. Irgendetwas ist mit Sellian passiert.
Die Tür fiel ins Schloss, er sah zurück, wurde von wilder Panik gepackt und wollte nur loslaufen und seinem Sohn helfen. Sie hatten sich am Samstag das letzte Mal gesehen. Er hätte Sellian fester im Arm halten sollen. Er hätte ihn nicht loslassen dürfen.
Was ist passiert?, fragte Mahindan auf Tamil. Ist Sellian krank? Verletzt? Ist er...
Sam winkte beruhigend ab. Dem Jungen ist nichts passiert.
Wo ist er? Im Krankenhaus?
Illai. Nichts dergleichen. Setzen Sie sich doch hin. Ukkarru, ukkarru.
Mahindan zog, ohne hinzusehen, den Stuhl heran. Dem Jungen ist nichts passiert.
Sam und Mr. Gigovaz besprachen sich auf Englisch, und Mahindan der nichts verstand, starrte den Tisch an. Er versuchte, den Schreck zu dämpfen, das Adrenalin, das ihm durch den Körper geschossen war, einzudämmen. Doch schon kam ein neuer Schreck: Sie waren wegen der Dokumente gekommen.
Sam sprach auf Tamil: Wir kommen aus dem Frauengefängnis. Die Sache ist … Savitri geht es nicht gut.
Irgendeine Krankheit?, fragte Mahindan. Er holte tief Luft, um sich zu beruhigen. Er war seit einiger Zeit sehr ängstlich geworden. Er erschrak beim geringsten Anlass und konnte den Schreck nur schwer überwinden.
Sie ist erschöpft. Depressiv. Nimmt nichts zu sich, kann nicht schlafen. Das geht nun schon eine Weile so. Sie schafft es nicht mit zwei kleinen Kindern.
Okay, kein Problem, sagte Mahindan auf Englisch. Er sah jetzt, dass es eigentlich eine gute Mitteilung war. Er wäre erleichtert, die Verbindung zu dieser Frau endlich zu lösen. Er sagte, Sellian kann hierher kommen.
Sam schaute weg, an Mahindan vorbei zur Wand hinter ihm. Die herangezogenen Sachverständigen meinen, dass es das Beste für Sellian ist, vom Gefängnis weg zu kommen, sagte er. Da ist ein Paar, das sich bereit erklärt hat, für Sellian zu sorgen. Die wohnen ganz in der Nähe, dreißig, vielleicht vierzig Minuten mit dem Auto.
Mahindan war verwirrt. Er schaute zu Mr. Gigovaz hinüber und sah sein hartes Gesicht. Für den Rechtsanwalt gab es an den Maßnahmen, die ergriffen werden mussten, nicht zu rütteln.
Die wollen meinen Sohn in eine andere Familie stecken?, fragte er Sam auf Tamil.
Nur bis zu Ihrer Entlassung, sagte Sam. Nur auf begrenzte Zeit.
Diese Leute hatten keine eigenen Kinder und wollten jetzt seinen Sohn haben.
Mahindan sagte mit bebender Stimme: Ich dachte, die Kanadier hassen uns. Sie wünschen, unser Schiff wäre weggeschickt worden. Jetzt wollen sie unsere Kinder.
Nur vorübergehend, sagte Sam.
Mahindan dachte an die japanische Richterin, an ihr strenges Gesicht, den steinharten Ausdruck jedes Mal, wenn sie ihn ansah, als wäre er ein Nichts, eine Kakerlake, die sie am liebsten mit dem Absatz zertreten würde. Die muss ihm das eingebrockt haben. Um ihn noch mehr zu quälen.
Das Zimmer begann sich zu drehen, die Tür, die Wände, alles verschwamm. Zuerst hing eine Lampe über ihm, jetzt waren es zwei. Er blinzelte und sein Kopf war leicht wie ein Luftballon, flog weg.
Mahindan! Sam sprang ihm zur Seite, zog den Stuhl zurück, drückte seinen Kopf vorsichtig nach unten. Tief einatmen, sagte Sam. Tief einatmen.
Auszug 2
Kap. 15: Was wissen die?
Vor der Tür des Sitzungsraums patrouillierten zwei Wachtposten und unterhielten sich mit lauter Stimme. Mahindan konnte zwei Wörter verstehen. Schwach, ja. Priya und Charlika sahen ihn an und warteten mit hochgezogenen Brauen geduldig auf seine Antwort.
Priya legte ihm ein weiteres Foto vor: die Fahrerlaubnis, die Kumurans Frau gehören dürfte. Was hatte diese dumme Frau sich denn gedacht?
Charlika sagte: Sagen Sie uns einfach die Wahrheit.
Mahindan starrte in den Raum, bis alles vor ihm verschwamm. Ein junger Zweig, dessen kräftigen Blättern der abbröckelnde Verputz nichts anhaben konnte, ragte durch das Gitterfenster eines verlassenen Gebäudes. Die Hauswand war durchlöchert von Granateinschlägen. Der Krieg war noch voll in Gang, und die Natur holte sich unbeirrt ihr Territorium zurück.
Wir konnten hören, wie die Bomben kamen, sagte Mahindan. Er hob eine Hand über den Kopf, ließ sie wieder sinken und stieß erschreckend real den scharfen Pfeifton heranfliegender Granaten aus. Priya und Charlika zuckten zusammen. Wenn dieses Geräusch kam, sind alle in Deckung gegangen. Wenn wir unterwegs waren, sind wir in den Straßengraben gesprungen. Oder wir haben uns in einen Hausteingang gestellt. Manchmal gab es keine Deckung, und die Leute warteten wie das Vieh unter Bäumen.
Er erinnerte sich an das Paar auf der Straße, zwei Männer, die die Arme umeinandergeschlungen hatten. Neben ihnen lag ein Fahrrad mit verbogener Lenkstange und ihr zerschossener Kleidersack, dessen Inhalt wie Eingeweide in wirrem Durcheinander herausquoll und von einem wilden Hund durchschnüffelt wurde. Mach die Augen zu, sagte Mahindan zu Sellian, nahm einen Stock und verjagte den Hund. Es war besser, an einen Ort zu kommen, wo die Bomben schon gefallen waren. Der Tod hatte sich das Seine geholt und war weiter gezogen.
Immer wieder sind wir an Toten vorbei gekommen, erklärte Mahindan den beiden Frauen. Ich habe jedes Mal versucht, nicht zu nah an sie heranzukommen, sie einfach zu umgehen. Aber da war eine Frau, eine alte Frau, unter einem Baum.
Sie lag wie ein Fötus im Schatten, hatte ihr Leben so beendet, wie sie es begonnen hatte. Der Einschlag hatte ihren Sari zerrissen, ihre nackten Beine entblößt, die braune, zerknitterte Haut, die staubigen knotigen Knie, einen kleinen Geldbeutel, den sie am Hüftband ihres Unterhemds trug. Ihre Augen waren noch offen. Ein besserer Mann hätte sie ihr geschlossen.
Es war unmenschlich, sagte Mahindan auf Tamil. Priya schaute weg, und er wusste, dass sie ihn verstanden hatte.
Mahindan sammelte die Fotos ein, ordnete sie zu einem Haufen und legte sie mit der Vorderseite nach unten auf den Tisch. Ich kenne diese Leute nicht, sagte er. Und das ist die Wahrheit.
Ein Wärter führte ihn zurück in seine Zelle. Es war Vormittag und alle Türen entlang des Korridors standen offen. Mahindan, der vor dem Gefängniswärter her ging, sah, wie die Männer in den Zellen Karten spielten und sich dabei leise unterhielten, oder einfach auf ihren Pritschen lagen und die Decke anstarrten. Sie waren nun schon fast vier Monate in diesem Land. Mit jedem nutzlos verstrichenen Tag wurden sie gleichgültiger, einige waren der Verzweiflung nahe.
Die nächtlichen Schrecken, die sich auf der Schiffsreise mit zunehmender Entfernung von Sri Lanka verflüchtigt hatten, waren wieder erwacht. Das geschah so häufig, dass die Wärter gar nicht mehr reagierten. Männer schrien im Schlaf, verfolgt von den wieder lebendig gewordenen alten Schrecken. Sie riefen Namen, oder einfach Nein! Sie stöhnten und jammerten, unverständlich und herzzerreißend. Es waren markerschütternde Weckrufe, und jedes Mal, wenn sie in seinem Gefängnisflügel ertönten, schnellte Mahindan hoch und saß mit pochenden Ohren im Bett.
Mahindan hörte die Schritte des Wärters hinter sich, auch das Quietschen seiner eigenen Gunmmisohlen auf dem Linoleum. Sie gingen unter einer flackernden Leuchtröhre vorbei und er rieb sich die Augen. Er dachte immer noch an die A35, an Palmwedel, die erschöpft über ausgetrockneten Feldern hingen, an Busse, die riesige Staubwolken aufwirbelten; wie sein Mund immer trocken gewesen war, die Zähne verschmiert, die Zunge mit Sand belegt. Was er ihnen nicht gesagt hatte: Nicht nur Hunde waren Aasfresser.
In ihrer Zelle saß Prasad auf seinem Bett und hielt einen Schuh zwischen den Knien. Er drückte die Zunge des Schuhs nach unten und zog die Schnürsenkel durch die Löcher wie eine Frau, die einen Strumpf stopft. Als Mahindan hereinkam, blickte er, den Senkel hochhaltend, zu ihm hin.
Es gibt da ein paar Dokumente, sagte Mahindan auf Tamil. Und die Anwälte kommen mit
Fragen.
Dokumente?, quietschte Ranga. Er stand mit dem Rücken zu ihnen vor dem Waschbecken, sah in den Spiegel und trocknete sich mit einem Handtuch die Haare.
Es war schon fast Zeit zum Mittagessen., aber Ranga stand nicht mehr zum gemeinsamen Frühstück auf. Er vertrieb sich die Wartezeit mehr und mehr mit Schlaf, blieb morgens immer länger im Bett liegen und ging abends als erster zurück in die Zelle. Nichts ist schlimmer, als die Hoffnung zu verlieren.
Mahindan wandte sich Prasad zu und sagte, ID-Karten, Führerscheine und solche Sachen. Die haben sie auf dem Schiff gefunden.
Der Wächter stand in der Tür und wartete auf Prasad, den er zu den Anwälten bringen sollte.
Einen Moment, bitte, sagte Prasad auf Englisch zu ihm .
Von Dokumenten weiß ich nichts, sagte Prasad und verschnürte schnell seinen Schuh.
Das habe ich denen auch gesagt, pflichtete Mahindan ihm bei.
Savitri und die anderen, diese Idioten! Mahindan machte sich aber keine Sorgen. Es war besser für sie alle, wenn sie nichts sagten. Ein paar belanglose Stückchen Papier – was konnten die schon anrichten?
An der Wand war ein Metallregal, auf dem sie ihre geborgten Besitztümer aufbewahrten. Mahindan ging hin und nahm den CD-Spieler herunter. Ranga, den er gerade noch aus dem Augenwinkel sehen konnte, war noch dabei, sich die Haare zu trocknen. Seine von Schuld gebeugten Schultern konnte er vor niemandem verbergen. Prasad zerrte die beiden Enden des Senkels hoch und verschnürte sie.
Ranga faltete bedächtig sein Handtuch und fragte, ohne aufzublicken: Die wollen auch mit mir sprechen?
Sag ihnen einfach die Wahrheit, sagte Mahindan. Du weißt doch nichts, oder?
Ranga hängte das Handtuch über die Stange und zog die beiden unteren Kanten übereinander. Nein, sagte er. Ich weiß überhaupt nichts.
Prasad bückte sich und band die Senkel zu einer Doppelschleife. Mahindan setzte den CD-Spieler ab, nahm ein Übungsheft, schlug es auf und sah seine eigene Handschrift. Die Buchstaben waren schon viel besser, nicht mehr so krakelig, schon ganz gut. Er durchlief im Kopf das Alphabet: A-B-C-D-E.
Als Prasad aufstand, knarrte die Matratze unter ihm. Er wischte sich mit der Hand den Hosenboden ab und dankte dem Wächter für etwas, das Mahindan nicht ganz verstehen konnte. Diese englische Sprache mit ihren dumpfen Konsonanten und Vokalen, sie war ihm schon nicht mehr so fremd wie am Anfang, aber er konnte noch nicht viel verstehen.
Prasad ging unter Aufsicht des Wächters weg, zog aber vorher die Tür hinter sich zu.
Ranga sagte, Mahindan...
Was kommt nach R?, fragte Mahindan, ohne sich umzudrehen.
Was wissen die?
Dieses verflixte Alphabet, sagte Mahindan, legte das Übungsheft hin und nahm den CD-Spieler vom Tisch. Ich kriege nie das ganze Ding zusammen. P dann Q dann R dann … was?
Weiß ich nicht.
Mahindan stierte Ranga an, sah die lange Narbe auf seiner Wange.
Richtig. Du weißt nicht. Ich weiß auch nicht. Keiner von uns beiden weiß was.




