Buch, Deutsch, 145 Seiten, Format (B × H): 135 mm x 210 mm, Gewicht: 210 g
Buch, Deutsch, 145 Seiten, Format (B × H): 135 mm x 210 mm, Gewicht: 210 g
ISBN: 978-3-947767-01-4
Verlag: nonsolo Verlag
Die Freundschaft zwischen Antonio und Vincenzo, von der in mehreren Episoden aus der Erinnerung erzählt wird, folgt demselben Muster wie das Leben an sich: ein fortwährendes Wachsen, das uns zwingt, Wohnungen, geliebte Menschen und Städte hinter uns zu lassen und alles immer wieder neu aufzubauen. So wie es die Hummer mit ihrem Panzer tun und die Zwanzigjährigen mit ihrer Hoffnung.
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HUMMERJAHRE
Aus dem Italienischen von
Ruth Mader-Koltay
EINE DYNAMIK IM RAUM
2010, aber auch heute
An dem Abend mit der zersprungenen Teekanne kam er nach
Hause und wartete, bis es Nacht wurde, also bis Marco schlief.
Dann schrieb er die erste Erzählung unter seinem neuen Namen,
Vincenzo Teapot. Als er sie mir schickte und mich bat, sie
zu lesen – vier eng beschriebene Seiten, auf denen wie üblich
nichts geschah –, wusste ich nicht einmal, was das hieß, Teapot.
Und Vincenzo rief mich auf Skype an, um mir diese sensationelle
Story über ihn und Marco zu erzählen, als sie beinahe von einer
fliegenden Teekanne erschlagen worden wären, die vor ihren Augen
zerschellt war, und wie sehr er vorher um ein solches Bild
gebetet hatte, um einen so würdigen Anfang für seine private
Erzählung. „Meine Dynamik im Raum“. Ein Knaller.
Was das bedeuten sollte, „Dynamik im Raum“, weiß ich nicht,
aber es hatte wohl irgendwas mit seinem Selbstverständnis zu
tun. Ich glaube nämlich, dass die Teekanne ihm den nötigen
Schubs gegeben hatte, um sich als der Mann zu fühlen, der zu
sein er sich erträumte: einer, der die Sachen, die er erzählen will,
tatsächlich sieht. Oder der die Sachen einfach sieht und basta.
Sowas in der Art. Er ist ein detailversessener Typ, Vincenzo: Er
hat nie das Ganze betrachtet, sondern immer die Nuance, den
Rahmen, den Pinselstrich, das Wasserzeichen, das gebündelte
Licht, eine entblößte Brust. Dieses Talent hatte er. Diese tiefe
Wahrnehmung für die Dinge der Welt.
Das mono no aware, so nannte er es; eine Zeitlang hatte er eine
Leidenschaft für Japanisch.
Die zweite Hypothese ist, dass Die Dynamik im Raum etwas
mit seiner Schüchternheit zu tun hatte. Oder besser: mit dem
Sich-Verstecken. Vincenzo schämte sich oft für sich selbst, vor
allem für Worte, die er für nicht wirkungsvoll hielt: Ich denke
mir, dass ihm das Pseudonym das freie Aufatmen erleichterte,
das Loslassen der Dinge, die er auf Papier brachte. So wie wenn
man die Hände in die Jackentaschen steckt, wenn man redet
oder läuft, statt sie einfach baumeln zu lassen. Über die Frage
Hat es Sinn, sich ein Pseudonym anzuschaffen, wenn einen sowieso kein
Mensch kennt? habe ich übrigens auch lange nachgedacht – und
bin zu dem Schluss gekommen, dass es besser ist, wenn ich mir
nicht darauf antworte.
Ich bin jemand, der sich Wahrheiten für sein Totenbett aufhebt,
außer wenn es zu heiß ist – und die Sonne ist hier so nahe,
dass ich meine, sie fällt gleich herunter –, und dann sage ich
mir: „Ich sterbe jetzt, dann lass uns also über Wahrheiten reden.“
Eine davon ist diese hier: Es gab etwas Unvereinbares zwischen
unserer Freundschaft und dem echten Leben, dem, das
nach den Träumen kam und in gewissem Sinne (einem Sinne
wie etwa dem für Humor) die Träume hat wahr werden lassen.
Schuld war also nicht Ariane, sondern die Zeit.
15
Für das Wachsen wird oft eine irreführende Metapher benutzt:
das Flüggewerden. Du wächst, also wirst du flügge. Ich sehe da
überhaupt keine Ähnlichkeit: weder mit dem Fliegen noch mit
der Leere, die der Fliegende unter sich hat. Sich ganz plötzlich
und ohne Vorwarnung als Erwachsene wiederzufinden, das war
das genaue Gegenteil: kein Abgrund, sondern ein Verlorensein
in der Überfülle. Wie die Qual der Wahl, die Krise angesichts der
Vielfalt auf der Speisekarte, der Kutscher, der dir ganz plötzlich
die Scheuklappen abnimmt. Für mich und auch für Vincenzo bedeutete
Wachsen eher, den sich öffnenden Horizonten Raum zu
geben, tief durchzuatmen und die ganze Luft zu befreien, herauszulassen,
die wir über die Zeit angehalten hatten, bei all diesen
ersten Malen, wenn wir vor Angst nicht zu atmen wagten.
Um dann zu begreifen – auch wenn es schmerzlich ist, auch
wenn es dafür eigentlich noch zu früh ist –, dass es schon bald
gar keine ersten Male mehr geben wird. Und wenn du nicht sterben
willst, musst du wissen, wie man atmet.
Du brauchst frische Luft. Du musst lernen, loszulassen.




