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Buch, Deutsch, 464 Seiten, gebunden, Format (B × H): 121 mm x 184 mm, Gewicht: 416 g
Roman
Buch, Deutsch, 464 Seiten, gebunden, Format (B × H): 121 mm x 184 mm, Gewicht: 416 g
ISBN: 978-3-0369-5188-1
Verlag: Kein + Aber
Es ist ein nasskalter Februartag des Jahres 1948, als der niederländische Kunstrestaurator Hermann, genannt Manno, einen Brief erhält, der ihn unvermittelt zurück in die Vergangenheit wirft: Er ist gerade mal zehn Jahre alt, als seine Mutter 1916 stirbt, sodass Manno seine Heimatstadt Haarlem verlassen und zur Familie seines Vaters nach Wien ziehen muss. In der neuen Stadt fühlt er sich einsam und verloren, bis er in der Sommerschule Béla, Franzi, Max, Bertl und Lotte kennenlernt. Es entsteht eine Freundschaft, die die sechs jeden Sommer vertiefen. Außerhalb Wiens bei den gemeinsamen Ferien in Altaussee scheint es keine Rolle zu spielen, dass Béla schwul ist oder dass Max und Franzi jüdisch sind. Doch im antisemitischen Wien wird ihre Freundschaft zunehmend politisch, und spätestens, als Hitler am Vorabend des Zweiten Weltkriegs in Österreich einmarschiert, tun sich innerhalb der Freundesgruppe Abgründe auf, die unüberwindbar scheinen. Jahre später blickt Manno zurück und legt das Bild ihrer unvergesslichen Freundschaft Schicht um Schicht frei.
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1
Der Brief erreichte mich an einem Dienstagvormittag des Jahres 1948, die feuchte Februarluft hing still und ungerührt in den Straßen Haarlems. Mevrouw Kleij, die Zimmerwirtin, hatte mir dünnen Morgenkaffee gebracht und war dann einkaufen gegangen. Neben der Tasse lag ein Keks, den meine Großmutter stets Mariakaakje genannt hatte – ein holländisches Stück Pappe, bei dem jeder Wiener nur in höhnisches Gelächter ausbrechen würde.
Schon frühmorgens hatte ich so eine dunkle Ahnung. Ich hatte meine Staffelei samt Ausrüstung am Südfenster meines Ateliers platziert und wollte gerade mit der Restaurierung eines späten Jan van Kessel beginnen – das Gemälde von einem Blumenstrauß in einer Vase, dessen Firnis sich zu einem dunklen Bernsteingelb verfärbt hatte. Statt im Schein meiner Lampe arbeite ich in der Anfangsphase eines Auftrags lieber bei grellem Tageslicht im hinteren Teil des Ateliers – so ähnlich wie ein Arzt, der schonungslose Beleuchtung bevorzugt, wenn er seine Diagnose stellt. Nichts macht kleinste Unregelmäßigkeiten, jedes gewollte oder ungewollte Relief und jeden ursprünglichen Pinselstrich fürs menschliche Auge so gut sichtbar wie seitlich einfallendes Sonnenlicht.
Von ein paar kleinen Rissen abgesehen, war das Gemälde aus dem 17. Jahrhundert in einem ausgesprochen guten Zustand. Ich schob meinen Stuhl zurück und betrachtete die Komposition aus einer gewissen Entfernung. Wirklich beeindruckend, wie Van Kessel es geschafft hatte, Duft darzustellen. Für die Iris, die Tulpen, die Stockrosen und Mohnblumen des Straußes hatte er Bleiweiß, Smalte und Zinnoberrot verwendet – Farben, die genau wie die Wassertropfen die Frische der Blumen betonten, so als hätte er sie gerade erst gepflückt. Es konnte nicht anders sein, als dass sich die gemalten Schmetterlinge von dem herrlich süßen Aroma angezogen fühlten, das das Bouquet verströmte.
In der Mitte des Arrangements befand sich eine einzige weiße Narzisse. Verschämt hatte sie den Kopf abgewandt.
Ich wusste, wofür sich die Narzisse schämte.
Ich wusste, von wem sie sich abgewandt hatte.
Der Kaffee stand noch unangerührt auf dem Kaminsims, als es klingelte. Der Briefträger grüßte freundlich und überreichte mir ein Päckchen von Talens in Apeldoorn, der Fabrik, bei der ich drei Tuben Ölfarbe bestellt hatte.
»Ich habe auch noch einen Brief für Sie, Mijnheer Loch. Aus Österreich!«
Er wartete neugierig, doch ich nickte nur und wollte mich gerade umdrehen, als mir das Blut in den Adern erstarrte.
Ich hatte nur einen einzigen Blick darauf werfen müssen, um die Schrift zu erkennen.
Das Siegel meiner Seele wurde gebrochen – was deutlich zu hören war. Ich bekam weiche Knie, wie aus weiter Ferne fragte der Briefträger besorgt: »Alles in Ordnung, Mijnheer?«
Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, was ich darauf sagte, aber im nächsten Moment lehnte ich mit dem Rücken an der geschlossenen Haustür, und mein Herz schlug wie verrückt.
Zu Händen des sehr verehrten
Herrn Hermann Loch
Kokstraat 6
Haarlem
HOLLAND
Ich kannte nur eine einzige Person, bei der sich die Ober- und Unterlängen der Buchstaben so sehr nach rechts neigten.
Ich ließ den Brief auf meinen Arbeitstisch fallen, als würde ich mich daran verbrennen. Dann ging ich zum Wasserhahn und schenkte mir mit zitternden Händen ein Glas ein, aber meine Kehle war wie zugeschnürt, also stellte ich das Glas neben den kalten Kaffee auf den Kaminsims. Während ich im Atelier nervös auf und ab lief, sagte ich zehn Ave-Marias auf sowie sämtliche Strophen von »Gott erhalte Franz den Kaiser«. Obwohl sowohl Gott als auch der Kaiser tot waren, beruhigte mich das zumindest so weit, dass ich ein wenig Wasser trinken konnte. Bewusst vermied ich es, den Brief zu beachten, spürte aber, wie das Ding Unheil verkündend pulsierte.
Eine Stunde später lief ich, das Glas mittlerweile in der Hand, immer noch die vierzehn Schritte von Norden nach Süden quer durch mein Atelier und wieder zurück, stets wieder von vorn.
Ohne Erfolg. Der Brief wuchs, wurde größer als der Tisch, wuchs immer mehr, bis er schließlich meinen ganzen Arbeitsplatz einnahm und ich ihn in eine schmale Schublade warf, um seine Macht zu brechen.
Das beruhigte meinen Puls einigermaßen. Ich entfachte die Kohlenglut im Ofen und nahm auf meinem Hocker vor dem Jan van Kessel Platz. Was nun? An Arbeiten war nicht zu denken. Ich starrte aus dem Fenster. Neben den Stallgebäuden und Werkstätten in ’t Krom hob sich der Turm der Bakenesser Kirche weiß vom dunkelgrauen Himmel ab.
Mevrouw Kleij klopfte, und ihr Lächeln gefror: »Mijnheer Loch, wie sehen Sie denn aus! Geht es Ihnen nicht gut?« Ihr Blick eilte zwischen mir und dem Kaffee auf dem Kaminsims hin und her. »Sie sind ja noch blasser um die Nase als sonst, was kein Wunder ist, wenn Sie weder essen noch trinken, so dürr, wie Sie sind. Kaffee mit Milch und Zucker ist leider nicht mehr zu bekommen, man muss sparsam sein in diesen Zeiten, außerdem sind Sie über vierzig, ansonsten würde ich 15 Sie sofort von der Reformierten Kirche aus ins Kindererholungsheim schicken, wo alle Knaben mindestens vier warme Mahlzeiten am Tag bekommen und …«
»Tut mir leid, ich glaube, ich muss mal kurz an die frische Luft«, murmelte ich und stand auf.
Ich brauchte körperlichen Abstand zu diesem Brief.
Die Spaarne war spiegelglatt, pechschwarz floss das Wasser zwischen den Ufern dahin. Letztes Jahr um diese Zeit zogen die Haarlemer bereits Schlittschuhe an, auf dem gefrorenen Fluss schoben eislaufende Kinder mit wackligen Knöcheln Stühle vor sich her. Ältere Herren, die Hände auf dem Rücken verschränkt, hinterließen Furchen im schwarzen Eis, Paare sausten untergehakt vorbei, und ein Direktor trank mit seinen Arbeitern bei einer Drehorgel heiße Schokolade. Während in Friesland die Elfstädtetour stattfand, brachte das Haarlemer Eis holländische Standesunterschiede zum Schmelzen.
Auf dem Hooimarkt sah ich, wie Arbeiter ohne Mantel riesige Fässer in den Rumpf eines Schiffes rollten. Sie dampften, als würden sie in der kalten Luft oxidieren. Die kräftigen, geschmeidigen Kerle erinnerten mich an meinen Freund Béla – so wie mich eigentlich alles immer noch an Béla erinnerte.
Erst in der Parklaan wurde mir mit Schrecken klar, dass mich mein Spaziergang ins Bahnhofsviertel führte. Nach meiner Rückkehr 1938 nach Haarlem hatte ich die Gegend gemieden wie die Pest und machte stets einen großen Bogen darum. Anfangs, weil die Erinnerungen an diesen Ort zu schmerzlich waren; später dann im Krieg war es dort gefährlich – immer wieder versuchten englische Piloten, die Eisenbahnwerkstätten hinter dem Bahnhof zu treffen, was meist knapp danebenging, wodurch aber die umliegenden Häuser von den Brisanzbomben in Schutt und Asche gelegt wurden.
Auf einmal begriff ich, warum ich mich ausgerechnet jetzt danach sehnte, das Haus meiner Großeltern zu sehen – so wie damals als Kind, wenn ich mir fest in den Arm kniff, um mich vom brennenden Schmerz meines aufgeschlagenen Knies abzulenken: Aus Angst vor den heftigen Gefühlen, die der Brief eventuell in mir hervorrufen würde, entschied ich mich für einen anderen, schwächeren Schmerz, für einen, den ich auf jeden Fall besser ertragen konnte und der mich vielleicht wieder erden würde.
Also ging ich weiter, ebenso zielstrebig wie gelassen.
Von der Kruisstraat bog ich links in die Korte Herenstraat ein. Die war viel schmaler als in meiner Erinnerung, und auch die Größe des Hauses war offensichtlich von meiner kindlichen Wahrnehmung verzerrt worden. Ich stand vor der waggongrünen Tür der Hausnummer 11, wo ich gemeinsam mit meiner Mutter bei ihren Eltern gewohnt hatte. Die Wohnung wirkte klein und dunkel, angegriffen vom feuchten Meereswind. Die Fensterrahmen waren von Holzfäule befallen, und von der Haustür blätterte die Farbe. Dieser Verfall machte mir zu schaffen, ein verdrängter Schmerz flackerte wieder auf. Der Milchmann hatte Pferd und Wagen durch einen kleinen Lieferwagen ersetzt, und den Bürgersteig säumten Straßenlaternen. Doch nach wie vor waren das Quietschen der einfahrenden Züge, spielende Kinder und die Ermahnungen einer Frau zu hören, die vor Hausnummer 15 auf einer Küchenleiter stand und Fenster putzte. Im Eimer dampfte die Seifenlauge.
Nicht unfreundlich rief sie mir zu: »Kann ich Ihnen helfen?«, wobei sie die Leiter hinunterstieg.
Ich nahm meinen Hut ab. »Nein danke. Ich habe bis 1916 in diesem Haus gelebt und war zufällig in der Nähe.«
Sie nahm die Schürze ab, stemmte die Hände in die Hüften und nickte. »Ach so, damals war ich noch nicht mal geboren.«
Ihr Blick huschte wie meiner die Fassade hinauf, und kurz war es so, als würden wir beide durch die oberen Fenster die gemütliche Küche meiner Großmutter betreten. Wir wärmten uns die Hände am Kanonenofen, vor dem Bettwäsche trocknete, nahmen beide einen Emailbecher aus dem Regal mit der Spitzenborte, sahen das Sauerkraut im Fass, Großvaters Pfeifenständer und das mit Samt bezogene Sofa, darauf eine Häkeldecke. Wir rochen den Sonntagsduft nach gebratenem Speck und abgestandenem Kaffee sowie den vom Montag: Zitrone und Schmierseife.
Ohne den Blick vom Haus abzuwenden, sagte die Frau: »Und, waren es glückliche Zeiten?«
Ich brauchte ein wenig, um mich von dem Schreck zu erholen, aber nachdem ich mich geräuspert hatte, konnte ich ihr mit fester Stimme erwidern: »Wissen Sie, jemand, den ich einmal sehr geliebt habe, hat einmal gesagt: Überall, wo ich glücklich bin, lasse ich etwas in der Erde zurück, damit ich es wieder ausgraben kann, wenn ich alt und verbittert bin.« Ich drehte mich zu ihr um. »So gesehen, könnte ich in der Korte Herenstraat viele schöne Dinge ausgraben.«
»Kommen Sie, so alt sind Sie nun auch wieder nicht!«, meinte sie lachend.
»Nein«, erwiderte ich, »alt nicht.«




