Buch, Deutsch, 96 Seiten, Format (B × H): 140 mm x 200 mm, Gewicht: 136 g
Reihe: Knabes Jugendbuecherei
Geschichten aus drei Erdteilen
Buch, Deutsch, 96 Seiten, Format (B × H): 140 mm x 200 mm, Gewicht: 136 g
Reihe: Knabes Jugendbuecherei
ISBN: 978-3-944575-70-4
Verlag: Knabe Verlag Weimar
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Das Geheimnis des seidenen FadensVor langer, langer Zeit – es mögen wohl mehr als zweitausend Jahre her sein – lebte in Ost-Turkestan, im Herzen Asiens, der König von Khotan. Sein Reich lag im Tarim-Becken, nördlich von Tibet, und von den Türmen seines Palastes aus konnte er im Süden die schneebedeckten Gipfel des Himalajagebirges leuchten sehen.Sein Land war nicht reich. Das Volk kleidete sich in Nesselgewänder und Felle und wohnte in dürftigen Lehmhütten. Das Königsschloss war ein einfacher Bau, und auf den Türmen und Zinnen glänzten keine goldenen Dächer wie auf den Palästen des fernen Reiches der Mitte, von dessen Wohlstand und Pracht manchmal Reisende berichteten.Aber die Königin Ula hatte ihrem Gatten drei kräftige, gesunde Söhne geschenkt, und so lebten alle glücklich und zufrieden.Eines Tages verkündete das Horn des Turmwächters, dass sich Fremde dem Palast näherten, und wenig später zog eine Kamelkarawane in die Stadt ein. Auf dem Rücken der Tiere türmten sich hohe Warenballen. Die begleitenden Kaufleute und deren Diener trugen schöne bunte Gewänder.Im Nu waren die Ankömmlinge von Kindern und Neugierigen umringt, und wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Nachricht: »Chinesische Kaufleute sind da! Sie wollen westwärts ziehen, über Kaschgar und Samarkand, um Seidenstoffe gegen Edelsteine und andere Schätze zu tauschen.«Als der König dies hörte, lud er die Reisenden ein, an seiner Tafel zu speisen, und Ula, die neugierig war, die Waren der Fremden zu sehen und etwas von dem reichen Lande China und den Abenteuern der weiten Reise zu hören, befahl ihren Köchen, einige Schafe zu schlachten und von jungen Schilftrieben ein wohlschmeckendes Gemüse zu bereiten.Nach beendetem Mahl legten die Kaufleute ihre Waren aus, und die Königin konnte sich nicht sattsehen an den herrlichen, weichen Stoffen. Sie warf sich einen Streifen weißer Seide über die Schulter und strich behutsam über die fließenden Falten.»Sieh nur, wie sie glänzt und gleißt!«, sagte sie.Als der König ihr Entzücken bemerkte, ging er seufzend in seine Schatzkammer, holte Türkise, Smaragde und andere wertvolle Edelsteine und bot diese den Chinesen zum Tausch.Wie glücklich war die Königin!Als die Karawane weitergezogen war, ließ sie sich sogleich aus dem leise rauschenden Stoff ein wundervolles, langes, faltiges Gewand anfertigen, und als sie es zum ersten Male trug, standen der König und die drei Söhne bewundernd vor ihr und meinten: »Wir haben noch nicht gewusst, wie schön du bist!«Gern hätte die Königin viele so herrliche Kleider besessen, ja, sie hätte auch gern ihre Dienerinnen in Seide gekleidet und seidene Vorhänge in ihren Hallen und Räumen gehabt. Aber die Stoffe waren teuer … und des Königs Schatzkammer nicht groß.»Auf unseren Feldern stehen Nesseln, unsere Schafe geben Wolle«, sagte sie eines Tages zu ihrer Kammerfrau, »warum wächst bei uns kein Seidenfaden? Warum ist unser Volk so arm?«»Nur die Chinesen wissen, wie die Seide entsteht, und sie hüten ihr Geheimnis«, entgegnete die kluge Frau, »solange nur sie allein Seidenstoffe herzustellen vermögen, können sie von den westlichen Völkern, den Persern, Griechen, Römern und all den anderen, die begierig nach den seidenen Herrlichkeiten sind, jeden Preis fordern, und sie bleiben reich und mächtig. Wir aber leben in Unwissenheit und Not. Wüssten wir um die Entstehung des seidenen Fadens, könnten auch wir Handel treiben, und auch in unserem Lande würden die Menschen sorgloser in Freude und Wohlstand ihre Tage verbringen. Jetzt aber leben sie in elenden Hütten. Sie essen Wurzeln, Kräuter und Schaffleisch, sie kochen die frischen Fische und trinken das Kochwasser zu ihren kärglichen Mahlzeiten als Tee.«Die Königin seufzte: »Die Geister meinen es nicht gut mit uns. Ungleich verteilen sie ihre Gaben. Jedes Jahr opfern wir ihnen Hammel, und doch erlösen sie uns nicht aus unserer Armut.«»Die Geister?« Die Kammerfrau lachte spöttisch auf. »Die Geister helfen nur den Menschen, die sich selbst zu helfen wissen.«Ula blickte erstaunt auf die alte Frau, aus deren verrunzelten Gesicht die dunklen Augen grübelnd in die Ferne schauten. »Wie können wir uns denn selbst helfen?«, fragte sie.»Nur ein reiches Wissen kann uns zu einem besseren Leben führen.«Die Alte nahm die Kleider der Königin über den Arm und verließ die Stube. In der Tür wandte sie sich noch einmal zurück und sagte bedeutungsvoll: »Du hast drei Söhne.«Die Worte der Alten wollten der Königin nicht wieder aus dem Kopf. Oft saß Ula stundenlang in ihrem Garten im Schatten der dichtbelaubten Bäume und sann darüber nach, wie sie ihrem Volk zu Wohlstand verhelfen könnte.Eines Abends ballten sich am Himmel dicke graue Wolken zusammen. Es wurde früher finster als sonst, und plötzlich raste ein wilder Sturm um den Palast, pfiff durch die Türen, rüttelte an den Balken und heulte um die Ecken. Staub und Sand flogen durch die Luft, krochen durch Spalten und Löcher und verstopften alle Ritzen. Grelle Blitze zuckten vom Himmel, und im Garten knickten krachend Äste von den Bäumen.Ula stand am Fenster und blickte hinaus in das Wüten. Plötzlich erhellte ein Feuerschein den westlichen Himmel; sekundenlang stand es wie Flammen in der schwarzen Nacht, und Ula war es, als hörte sie wieder die eindringliche Stimme ihrer Kammerfrau: »Nur ein reiches Wissen kann uns weiterhelfen« und »Du hast drei Söhne.«Verwirrt blickte sie sich um. Nirgends ein Mensch … Sie war ganz allein im Zimmer.Wer hatte gesprochen? War vielleicht ein Geist bei ihr gewesen? Erschöpft sank sie auf dem Diwan nieder und schloss die Augen. Raunen und Flüstern war um sie her, träumend sah sie weiße Gestalten durchs Zimmer schweben; milchige Nebel bekamen Gesichter und zerflossen wieder in Dunst. Ein Hauch streifte ihr Ohr, und deutlich vernahm sie: »Einer deiner Söhne wird das Geheimnis des seidenen Fadens ergründen. Er wird das Volk lehren, den Wunderstoff herzustellen, und wird die Menschen im Tarim-Becken wohlhabend und glücklich machen.«Schatten wogten auf und nieder. Schleier wehten wie von einem leichten Wind bewegt. Plötzlich war alles still. Die Nebel zerrannen, helles Sonnenlicht flutete durch das Fenster. Nur die Vorhänge an den hohen Bogen bebten noch leicht. Ula schlug die Augen auf. Vor ihrem Lager stand der König. »Das war ein Unwetter heut’ Nacht. Im Garten liegen die geknickten Bäume, unsere Felder sind unter einer Sandschicht begraben. Und du schläfst? Hast du nichts von all dem Lärmen und Toben gehört?«Die Königin richtete sich langsam auf. Ihre großen dunklen Augen gingen traumverloren in die Ferne. »Die Geister waren bei mir …«, sprach sie mit leiser Stimme, und dann erzählte sie dem Gatten von den Gesichtern der Nacht.Auf die Stirn des Königs traten tiefe Falten. Mit sinnender Gebärde strich er über seinen langen Bart. »Die Geister haben recht«, meinte er nachdenklich, »unsere Söhne sollen in die Fremde ziehen, sie sollen lernen und danach trachten, das Rätsel des seidenen Fadens zu lösen, und derjenige soll den Thron erben, dem es gelingt, in unserem Lande Seide herzustellen.«




