Buch, Deutsch, 208 Seiten, PB, Format (B × H): 130 mm x 221 mm, Gewicht: 293 g
Buch, Deutsch, 208 Seiten, PB, Format (B × H): 130 mm x 221 mm, Gewicht: 293 g
ISBN: 978-3-940524-21-8
Verlag: edition Fototapeta
Ein Beitrag zur Geschichte der laufenden Finanzkrise. Im Kern die Frage: Warum lassen wir uns Tag für Tag so viel Unsinn erzählen? All die ehernen Sätze des neoliberalen Glaubensbekenntnisses lässt der italienische Soziologe Luciano Gallino Revue passieren: Wir leben über unsere Verhältnisse, die Märkte werden's richten, Liberalisierung tut not, und Klassen gibt es schon lange nicht mehr. Sätze wie diese unterzieht Gallino einer derart klarsichtigen Revision, dass man sich fragt: Wie kann es sein, dass uns all das als alternativlose Wahrheit verkauft wird? Die seit Jahren nicht endende Staatsschulden-Krise lässt sich nämlich lesen als gigantische Umverteilung von unten nach oben – und als Rücknahme historischer Erfolge einfacher Arbeiter und Angestellter in den Jahrzehnten nach dem letzten Weltkrieg. Gallino sieht in der aktuellen Krise eine große historische Korrekturbewegung. Und die Wiederaufnahme des Klassenkampfs – diesmal von oben.
Zielgruppe
Politisch und an Wirtschaftsfragen interessierte Leser
Weitere Infos & Material
VORWORT
Für den Fall, dass die Leserin oder der Leser es noch nicht wissen sollten: Das größte Problem der Europäischen Union ist die Staatsverschuldung. Wir haben zu lange über unsere Verhältnisse gelebt. Es sind die Renten, die die tiefen Löcher in die Staatshaushalte reißen. Entlassungen leichter zu machen, schafft Arbeitsplätze. Die Funktion der Gewerkschaften hat sich erledigt: Sie sind Überbleibsel aus dem vorletzten Jahrhundert. Die Märkte sorgen dafür, dass Kapital und Arbeit dahin fließen, wo ihr Nutzen für die Allgemeinheit am größten ist. Die Privatwirtschaft ist in jedem Bereich effektiver als die öffentliche Hand: bei Wasser und Nahverkehr, bei Schule, Sozialversicherung und Gesundheit. Die Globalisierung zwingt zur Lohnzurückhaltung. Und schließlich: Es gibt keine gesellschaftlichen Klassen mehr.
Das alles mag einem vorkommen wie die erste Liste eines Sammlers von Ideen, der an einem Wörterbuch für
zeitgenössische Nachahmer von Bouvard und Pécuchet arbeitet. Leider handelt es sich nicht um ein Hobby für einsame Junggesellen wie bei Flaubert. Mehr oder weniger wohl strukturiert werden einem diese Ideen jeden Tag als Quintessenz der Moderne präsentiert, will heißen einer Welt, die sich geändert hat, nur wir haben es noch nicht gemerkt. Wer versucht sich nicht alles daran, sie unters Volk zu bringen: Tageszeitungen jeder Machart, ob groß oder klein, und natürlich das Fernsehen (aber hier von strukturierten Ideen zu sprechen, wäre dann doch zu viel des Guten); fast alle Politiker, zu welcher Partei sie auch immer gehören mögen; eine ordentliche Anzahl von Gewerkschaftern; Tausende von Dozenten in ihren Seminaren an der Universität; und schließlich zahllose ganz normale Leute.
Angesicht solch totaler Einmütigkeit, die es in der
Geschichte des vergangenen Jahrhunderts nie gab,
stellt sich dann doch die Frage, wie diese Einmütigkeit
zu Stande kommen konnte. Auf der Suche nach Erklärungen
könnte man berühmte Theorien aufgreifen,
vom falschen Bewusstsein über die Höhle Platons bis zu
den Idola Bacons, vom Schleier der Ideologie bei Marx
bis zum Begriff der Hegemonie bei Gramsci. Oder, um
mehr beim Alltäglichen zu bleiben, man könnte auf
eine Flut von Publikationen, Kongresse und Dossiers
verweisen, die aus den internationalen think tanks des
Neoliberalismus kommen und tagtäglich dessen wirtschaftliche,
politische, monetäre Mythen verbreiten. Die
wiederum, im Unterschied zu den alten Mythen, auf
jeder Ebene der Gesellschaft zur Praxis von Regierungen
und Verwaltungen werden. Wer weiß, ob Foucault
zufrieden wäre oder sich nicht im Grab umdrehen
würde, wenn er sähe, wie seine Theorie der diffusen
Regierung, der Gouvernementalität, sich immer weiter
zu bestätigen scheint.
In zweiter Linie müsste man versuchen zu verstehen,warum dieses Repertoire an überkommenen Ideen sich als völlig unempfindlich für Einflüsse der Wirklichkeit erweist. Und das sicherlich nicht erst seit
heute. Tatsächlich hat nicht eine einzige der genannten Ideen, der einhelligen Zustimmung zum Trotz, auf
die sie treffen, irgendein Fundament von vernünftiger Solidität – genauso wie Dutzende andere Ideen
gleicher Machart, die wir hier beiseite lassen müssen. Neben den Analysen von Forschungsinstituten rund
um den Globus ist es die Wirklichkeit selbst, die sich seit Jahr und Tag die Mühe macht, diesen Ideen eins
auf die Ohren zu geben. Mit anderen Worten, es sind gerade jene Märkte, die par excellence die Idee des
freien Marktes verkörpern, also die Finanzmärkte, die die Weltwirtschaft ins Unheil getrieben haben. Das
Land, das im Laufe der Krise die geringsten Beschäftigungsprobleme hatte, ist Deutschland, wo die Gewerkschaften in der Führung der Unternehmen eine relevante Rolle spielen. Die größten Probleme hatten und haben die Vereinigten Staaten, wo es am einfachsten ist, jemanden zu entlassen: Es reicht ein rosafarbener Brief, der dich am Freitag auffordert, am Montag nicht mehr zur Arbeit zu kommen, wenn nicht gar das dahin geknurrte, sprichwörtliche: „Du bist gefeuert!“ Und was die Privatisierung betrifft und die angeblich umfassende und essentielle Überlegenheit des privaten über den öffentlichen Sektor, wenn es darum geht, öffentliche Güter bereitzustellen oder zu verwalten, mag man auf die Ergebnisse verweisen, die
sie zwischen 1980 und dem Ende des vergangenen Jahrhunderts in Großbritannien hatte, wo sie außergewöhnlich eindrucksvoll waren. Mit einer Aufgabe für den Leser: Er möge hier doch wenigstens einen
Bereich finden, wo das Ergebnis der Privatisierung nicht negativ war – bei der Produktivität, bei der Verteilung der Einkommen, bei den Kosten einer bestimmten Dienstleistung oder ihrer Qualität.
Die Autoren hätten sich gern diese beiden Aufgaben vorgenommen: zuerst die Analyse der Wege, auf
denen der anfangs erwähnte Komplex überkommener Ideen zum allgemein herrschenden Denken wurde,
also zu einer Art totalisierender Ideologie, die nicht nur unserer Gedanken bestimmt, sondern auch Inhalt
und Rhythmus unseres Alltags; und dann den Versuch zu verstehen, wie es möglich ist, dass die Realität die
vorherrschende Theorie zwar massiv entkräftet, und dennoch stets die erste ignoriert und die zweite bekräftigt und immer wieder neu aufgelegt wird, als sei sie, obgleich veraltet, nie von den Fakten widerlegt.
Leider wäre dieser doppelte Ansatz weit über unsere Kräfte und die Erwartungen des Verlegers gegangen.
Wir haben deshalb versucht, uns auf ein einziges Thema zu beschränken. Wir wollen zeigen, dass die gesellschaftlichen Klassen noch existieren, auch wenn sie aus dem Denken fast aller verschwunden sind. Wie real sie sind, davon zeugt der Zustand der Welt, in der wir leben; und die Zukunft wird davon abhängen, wie die Interaktion zwischen den Klassem sich entwickeln wird, mit all den möglichen Konflikten, Kompromissen, den Formen von siegreicher Hegemonie (oder ihrem Gegenteil), die möglich sind. Am Ende mussten wir feststellen, dass wir uns ungeachtet der anfänglichen Entscheidung für nur ein Thema unweigerlich doch mit einigen der Themen befasst haben, die wir beiseite lassen wollten.
L.G. P. B.




