Buch, Deutsch, 224 Seiten, PB, Format (B × H): 135 mm x 205 mm
Claudius und die Gretchenfrage
Buch, Deutsch, 224 Seiten, PB, Format (B × H): 135 mm x 205 mm
ISBN: 978-3-86827-473-8
Verlag: Francke-Buch
Matthias Claudius, Pastorensohn, Journalist, Familienvater, Spaßvogel, Dichter, Denker, Kritiker, Freund, Schriftsteller und Original, stellt in seinen Werken beharrlich die uns allen bekannte Gretchenfrage: „Wie hast du’s mit der Religion?“ Auch 200 Jahre nach seinem Tod ist diese Frage so aktuell wie nie zuvor. Matthias Claudius kommt in seinem Werk zu der Erkenntnis: Denken und Glauben müssen nicht im Streit liegen und Frömmigkeit gehört mit Lebensfreude zusammen.
In Briefen an einen kritischen Zeitgenossen nähert sich der Autor Georg Gremels diesem Dichter und kommt seiner Person und seinem Werk auf die Spur. Er schreibt:
„Die Antwort auf die Gretchenfrage trennt Goethe und Claudius nachhaltig. Natürlich wäre es völlig unangemessen, das Genie Johann Wolfgang von Goethe, diesen Star am Dichterhimmel Deutschlands mit dem bescheidenen Schriftsteller und Dichter aus Wandsbek direkt vergleichen zu wollen. Und doch ist auch dieser ein Genie. Allerdings ein religiöses! Er hat sich als solches in die Herzen der Menschen hineingesungen. Claudius hält das Christentum nicht für eine überholte Phase der Menschheit. Er lässt sich von intellektuellen Zweifeln Jesus Christus als seine innerste Mitte nicht madig machen, sondern er ist wirklich in ihm verankert und vertritt seinen schlichten Glauben ohne Scheu vor der Gelehrsamkeit oder gar der Berühmtheit anderer. Allein um dieses Mutes willen lohnt es sich, ihn näher kennenzulernen.“
Zielgruppe
Menschen, die sich mit dem Thema Glaube kritisch auseinandersetzen wollen
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
1. Brief
Claudius und die Gretchenfrage
Lieber Leon,
danke für Deine Zeilen, die mir bestätigen, worüber wir auf meinem letzten Besuch bei Dir übereingekommen sind. Ich hatte Dir erzählt, dass mich Matthias Claudius als Dichter und Denker von Neuem fasziniert, ja, regelrecht ergriffen hat. Und dass ich mir nichts sehnlicher wünsche, als mich mit Dir darüber auszutauschen. Deine so kritischen wie förderlichen Nachfragen haben mich – wie Du weißt – schon immer inspiriert. Und Du hast meine ausgestreckte Hand ergriffen und eingeschlagen. Also in medias res – in die Mitte der Sachen – und damit zu den „Sämtlichen Werken des Wandsbecker Bothen“?.
Ich hatte Dir von meiner Idee erzählt, das Werk dieses Mannes mit der berühmten Gretchenfrage zu entschlüsseln! Das findest Du kühn, ja, sogar frech: „Wie hast du’s mit der Religion,
Matthias?“ Ausgerechnet mit Goethe Claudius näherkommen zu wollen! Nun schreibst Du, ob ich denn nicht wisse, dass die beiden sich nicht eben grün gewesen seien? Natürlich weiß ich das und habe mir die Mühe gemacht, in Goethes Faust nachzusehen. Die Frage gehört in die Liebesgeschichte Fausts und Margaretes. In ihrem von der Liebe zu Heinrich aufgewühlten Herzen singt sie am Spinnrad: „Meine Ruh ist hin, mein Herz ist schwer.“4 Danach trifft sie Faust und stellt ihm die berühmte Gretchenfrage (WGIII, 3415f): „Nun sag, wie hast du’s mit der Religion? / Allein ich glaub’ Du hältst nicht viel davon.“ Da hat sie ihre Frage schon selbst beantwortet, bevor Faust auch nur den Mund hätte aufmachen können!
Wie naiv und doch zugleich wie ahnungsvoll ist Gretchen!
Goethe legt ihr, diesem schlichten, gutgläubigen Mädchen, die Frage nach der Religion in den Mund. Ihrem Faust dagegen – hinter dem sich gewiss der Dichter selbst verbirgt – ist der Zugang zum Christentum schon längst verlorengegangen. Von Zweifeln geplagt, verbündet er sich mit den Mächten der Tiefe. Er kann auf den Pfaden der Tradition nicht mehr zu dem finden, „was die Welt im Innersten zusammenhält“ (WG III, 382f).
Faust erklärt seiner Margarete daher mit vielen, klugen Worten seine Auffassung vom Göttlichen und endet (WG III, 3456f): „Gefühl ist alles; / Name ist Schall und Rauch.“ Schall und Rauch – sprichwörtlich ist das geworden – sind für Faust Namen, Begriffe und Dogmen der Kirche. Sie vernebeln ihm echte Gefühle und eine Ergriffenheit durchs Unsagbare. Doch seine gewaltigen Gedankenflüge können Gretchen nicht betören. Sie ahnt hellsichtig, dass es mit dem Glauben ihres Heinrichs nicht weit her sein kann, und stellt nüchtern fest (WGIII, 3466-3468): „Wenn man’s so hört, möcht’s leidlich scheinen, / Steht aber doch immer schief darum; / Denn du hast kein Christentum.“
Welten trennen Gretchen und Faust in der Religion, obwohl sie einander lieben. Das gilt auch für seinen Dichter, der weit mehr vom klassischen Altertum, von dessen Göttern und Sagen, als von biblischen Geschichten bewegt wurde. Welten trennen daher auch Goethe und Claudius. Der Riss zwischen beiden entsteht aus ihrer Haltung zur Religion. Der eine sprengt im Sturm und Drang die Fesseln der vermeintlich überkommenen Christlichkeit, der andere bleibt der Religion der Väter treu. Leon, vergleiche doch nur den Anfang von Goethes Prometheus mit einer Strophe aus dem Abendlied von Claudius (WG I, 44):
„Bedecke deinen Himmel, Zeus, /
Mit Wolkendunst! /
Und übe, Knaben gleich, /
Der Disteln köpft, /
An Eichen dich und Bergeshöh’n! /
Musst mir meine Erde /
Doch lassen steh’n, /
Und meine Hütte, /
Die du nicht gebaut, /
Und meinen Herd, /
Um dessen Glut /
Du mich beneidest.“
Dagegen stelle ich eine Strophe aus Claudius’ Abendlied (EG 482,4)5:
„Wir stolze(n) Menschenkinder /
Sind eitel arme Sünder,
Und wissen gar nicht viel;
Wir spinnen Luftgespinste, /
Und suchen viele Künste,
Und kommen weiter von dem Ziel.“
Welten liegen zwischen stolzer Selbstgewissheit des Prometheus und verzagter Selbstverfehlung des Abendliedes! Schon hier lässt sich ahnen, dass die beiden Dichter kaum zueinander finden werden. Umso spannender finde ich dennoch, mit Goethes Frage bei Claudius Antwort zu suchen: Wie hast du’s mit der Religion? Soviel kann ich Dir schon verraten: Der Bote aus Wandsbek hat es durch und durch mit ihr, und zwar mit der christlichen!
Aber lässt sich der geniale Weltstar am Dichterhimmel Deutschlands, Johann Wolfgang von Goethe, mit dem bescheidenen Schriftsteller Matthias Claudius aus Wandsbek vergleichen? Doch, denn auch dieser ist ein Genie, allerdings ein religiöses! Als solches hat er sich in die Herzen der Menschen hineingesungen. Er hält das Christentum nicht für eine durch die Aufklärung erklärbare Phase der Menschheit. Er lässt sich von Zweifeln an den religiösen Überlieferungen den Glauben an Jesus Christus als Sohn Gottes nicht madig machen. Sondern er vertritt ihn ohne Scheu vor Gelehrten und Mächtigen. Und er tut es mit der ganzen Klarheit seines Denkens, seinem hintersinnigen Humor, seinem Spiel mit Andeutungen aus Mythologie und Bibel und mit der Schärfe seines Spotts. Allein um dieses Mutes willen lohnt es sich, ihm nachzuspüren.
Warum ich ausgerechnet zum heutigen Zeitpunkt die Auseinandersetzung mit dem Wandsbeker Boten aufgreife? Abgesehen vom festlichen Gedenkjahr anlässlich seines 200. Todestages kam mir ein aufregender Gedanke: Matthias Claudius wollte damals über die Aufklärung aufklären, welche viele Geister Europas mit sich riss. Er stemmte sich dagegen und tat das mit einer solchen Leidenschaft und mit Gründen, die doch bis heute ihre Gültigkeit haben. Ich will Dir das an einer einzigen Zeile aus seinem Brief An meinen Sohn Johannes demonstrieren (546): „Was im Hirn ist, das ist im Hirn; und Existenz ist die erste aller Eigenschaften.“ So kurz und prägnant ist dieser Satz, dass ich ihn lange Zeit selbst nicht verstanden habe, insbesondere seine erste Hälfte nicht.
Was meint er damit? „Was im Hirn ist, das ist im Hirn.“ Damit lässt sich seine Kritik am engstirnigen Teil der Aufklärung zusammenfassen. Er gehört ja selbst zu den aufgeklärten Menschen und nimmt deren Schärfe des Denkens für sich genauso in Anspruch wie andere. Aber in Gedanken lässt sich vieles vorstellen, ohne dass das Vorgestellte schon lebenstauglich wäre. Das ist doch die Gefahr vieler Kopfgeburten. Sie sind nur Ideen, Träume, Wünsche, Fantasien und Vorstellungen. Weil sie als verlockende Gedanken faszinieren können, können sie Menschen zu hochgemuten Schritten verleiten, mit denen sie am Ende existentiell scheitern müssen. Die Geschichte der Moderne ist voll von solchen Systemen und Weltanschauungen, die an der Wirklichkeit zerschellt sind, ob das beispielsweise der Faschismus in Deutschland, der Kommunismus in Russland oder die Apartheid in Südafrika sind. Und wenn Du mutig bist und in Dein eigenes Leben siehst, hast nicht auch Du schon einmal mit einer großen Vorstellung eine Bauchlandung gemacht?
Siehst Du, Leon, das fasziniert mich an Claudius. In wenigen Worten erfasst er hier das Kernproblem menschlichen Daseins. Wie nur wenige hat er klar erkannt und ebenso klar ausgesprochen, dass der Mensch in zwei Dimensionen lebt. Mit dem „Hirn“ erfasst er zwar das Bleibende, das Ideale, seine Vorstellungen und Träume. Mit seinem körperlichen Dasein aber ist er in die Welt des ewigen Wandels und der Grenzen eingebunden. Doch er ist beides zugleich in einem einzigen Leben. Ständig ist er herausgefordert, das, was im Hirn ist, mit dem, was in seinem Körper liegt, zu einen.
Damit führt uns der Bote mitten in das Problem des Menschseins hinein. Hieran haben die Erfolge der Aufklärung nichts geändert, ob wir mit Kutschen fahren oder mit Autos, ob wir Briefe schreiben oder mit Smartphones hantieren. Matthias Claudius war zu seinen Zeiten ein Querdenker. Er wollte sich von einer schwärmerischen Verwirklichung aufklärerischer Ideale nicht verführen zu lassen. Er war deshalb auch nicht bereit, um des Neuen willen die Grundeinsichten der ererbten Religion über Bord zu werfen.
Viele ließen sich von der jungen Aufklärung und den Parolen der Revolution mitreißen. Sie meinten, mit dem Verstand nicht nur alles verstehen, sondern auch alles lenken zu können. Ja, in Paris wurde die Vernunft sogar zur Göttin erhoben. Ihre Herrschaft endete allerdings im Blutbad der Guillotine. Demgegenüber hielt der Wandsbeker Bote entschieden am christlichen Glauben fest. Mehr noch, er setzte alles dafür ein, auch andere von einer Vernunft zu überzeugen, die ihre Grenzen einsieht und so der Religion einen Freiraum gewährt. Verstehst Du nun tiefer, warum mich mein Vorhaben so begeistert? In einer Wissensgesellschaft stößt uns dieser Mann das Tor zu einer anderen Welt des Wissens, zum religiösen Wissen auf. Ich hoffe, das macht Dich neugierig.
Für heute,
Dein Elias




