Buch, Deutsch, 288 Seiten, PB, Format (B × H): 144 mm x 205 mm, Gewicht: 390 g
Eine große Liebe, Ein wahnsinniger Krieg, eine Kriegsreporterin in Syrien
Buch, Deutsch, 288 Seiten, PB, Format (B × H): 144 mm x 205 mm, Gewicht: 390 g
ISBN: 978-3-86785-355-2
Verlag: BS-Verlag-Rostock
Alles beginnt in Damaskus, im Mai 2012, als eine Doppelexplosion den Bürgerkrieg besiegelt. Mittendrin befindet sich die Kriegsreporterin Lea. Sie überlebt und blickt auf die ersten Opfer eines Krieges, der die Welt verändert - aber das weiß sie noch nicht. Sie weiß auch noch nicht, dass ihre Liebe zum Kriegsfotografen Nathanel Gallenhorn der entscheidende Stein ist, der ins Flussbett rollt und den Strom des Zeitgeschehens verändert. Sie ist keine Weltverbesserin und erst recht keine Heldin - sie ist eine Suchende nach der Wahrheit.
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... Mit 22 Jahren flog ich in den Irak und wurde zu einer der jüngsten Kriegsreporterinnen meiner Zeit. Ich befand mich gerade für Recherchen in Aleppo, als die USA begann, Bagdad zu bombardieren. Ich arbeitete an einer Reportage über syrische Kinderheime. Ein kleines Mädchen zog an meiner Hand, um mit mir zu spielen, als mein Chef am Telefon erklärte, der Außenkorrespondent läge mit einer Magen-Darmgrippe im Krankenhaus und er wolle mich sofort nach Bagdad einfliegen. Traust du dir das zu?, fragte er mich aber-mals, und ich antwortete abermals Ja, ohne zu wissen, was ich damit genau bejahte. Ich bejahte ein Leben in ständiger Angst; in Konfrontation mit Leid und Elend; mit schlaflosen Nächten; ich bejahte, meine naive Unschuld zu verlieren. Einige erklären mich für verrückt, andere beneiden mich um meine Abenteuer. Mein Bruder Lars bringt es auf den Punkt: Es ist einfach nur bekloppt und masochistisch. ...
... „Renn, verdammt noch mal renn!!!“, schreit mir Nathan ins Ohr. Ich schnalle mir den Rucksack um und renne los. Ohne einen Blick zurück, renne ich davon. Es ist unsagbar laut! Der Boden bebt. So gewaltig, dass die Wellen durch meine Schuhe dringen und an meinen Füßen kitzeln. Ich zittere vor Angst. Menschen verharren mitten auf der Straße wie Skulpturen. Sie beten, weinen und halten sich die Ohren zu. Ich traue mich nicht anzuhalten. Ich will nicht sehen, was hinter mir geschieht. Ich renne zur Innenstadt, von wo aus mir Assads Männer entgegen kommen. Plötzlich befinde ich mich in einem Meer aus Soldaten, die hastig ihre Ausrüstung über die Schulter werfen. Ein Soldat rennt sogar mit Unterhose an mir vorbei. Ich fasse all meinen Mut zusammen und bleibe stehen. Ich atme zweimal tief durch, bevor ich mich langsam umdrehe und in den kommenden Krieg blicke, der in die Geschichte eingehen wird.
Es ist Freitag, der 12. Mai 2012, circa 9.30 Uhr Ortszeit. Ich bin 31 Jahre alt und wuchs in einem Dorf in Deutschland auf. Meine Mutter erzählt immer wieder, wie früh mich der Ehrgeiz packte, das Laufen zu lernen. Mit sieben Monaten machte ich meine ersten Schritte, als hätte ich es geahnt, eines Tages um mein Leben rennen zu müssen. Schon als Kind beschäftigten mich die Unglücke der Welt. Sie schürten Angst und Neugier in mir – eine unerklärliche Anziehungskraft, der ich mich nicht entziehen konnte. Und so ahnte ich instinktiv, eines Tages vor ihnen fliehen zu müssen. Meine Schwester versprach mir, ich sei in Deutschland sicher. Kein Erdbeben und kein Krieg erreiche unser Dorf. Wir seien hier absolut sicher. Ich liebte die Sicherheit und misstraute ihr zugleich! Menschen lechzen nach ihr, als sei sie die Süße des Lebens. Doch für mich schmeckt sie bittersüß nach Unwissenheit. So ahnt wohl niemand in meiner Heimat von der Welle, die sich vor Sekunden in Syrien losgelöst hat. Die Menschen frühstücken; fahren zur Arbeit; stehen in der Schlange bei Starbucks; kaufen sich einen Bagel; ärgern sich über rote Ampeln und fehlende Parkplätze; die Kinder diskutieren mit Lehrern über vergessene Hausaufgaben; tauschen sich neue Musik auf dem Schulhof aus; Millionen Frauen stehen vor dem Spiegel und legen ihre Maske aus Loreal und Chanel auf; Millionen Männer kämpfen mit einer Morgenlatte; Millionen Studenten schmeißen genervt den Wecker gegen die Wand und drehen sich nochmal um. In dieser Sekunde werden Menschen geboren, während andere Menschen sterben! Die Sicherheit der einen ist die Unsicherheit der anderen, schießt es mir durch den Kopf. Muss der Krieg hier stattfinden, dass Menschen woanders friedlich leben können? Sind wir denn wirklich dem Dualismus unterlegen?
„Verdammt, geh runter! Bist du lebensmüde!?!“ Unsanft reißt mich Nathan zu Boden und drückt mich mit gesamter Körperlast in den weichen Sand. Über seine linke Schulter tropft warmes Blut auf meinen Hals. Vor Schreck will ich aufstehen, doch Nathan drückt mich mit geballter Kraft nach unten. Ich starre auf den trockenen Sand, der in Sekundenschnelle das Blut aufsaugt und das Muster eines rötlich gefärbten Kastanienblattes annimmt, das an kühlen Herbsttagen durch die Lüfte fliegt. Wir sind welke Blätter, denke ich mir, die durch den arabischen Herbst zu Boden fallen. Was als blühender Frühling begann, wandelt sich in einen sterbenden Herbst. All die schönen Blätter reißen von den Bäumen und verwehen in der Peripherie, wo jeder für sich verwelkt. Das einst blühende Land ist so erschreckend kahl geworden, jagt es mir durch den Kopf, während ein Sturm der Zerstörung über mich hinwegzischt. Ich nehme nur noch stumpfe Geräusche wahr. Der Lärm schmerzt am Kiefer und an den Zähnen; er drückt gegen meine Lungen und erschwert das Atmen. Ich schließe meine Augen und bete, dass es vorbeigeht. Noch immer bahnt sich warmes Blut den Weg über meinen Hals zum Boden. Ich reiße meine Augen auf und starre in die direkt vor mir liegende Pfütze aus rubinrotem Blut. In kurzen Intervallen fließen winzige Wellen durch sie hindurch. Der Boden bebt noch immer. Grelle Lichter und betäubender Lärm quälen meine Sinne.
„Steh auf, wir müssen weiter!“, schreit Nathan mir ins Ohr. Kräftig zieht er mich am Arm hoch, wodurch ein stechender Schmerz durch meine Schulter jagt. Die winzige Pfütze am Boden aus rubinrotem Blut, sie stammt nicht von Nathan – sie stammt von mir! „Du hast einen Streifschuss an der Schulter! Wir müssen ins Spital!“
„Nathan, ich kann nicht laufen! Ich schaffe es nicht!“
„Reiß dich zusammen! Los, los, los!“
Betäubt vom Schmerz, klammere ich mich an ihn. Es sind einzelne Bildfetzen, die mir von diesem Mo-ment bleiben: Flüchtende neben Verwundeten; nervöse Soldaten neben abgebrühten Offizieren … und plötzlich Dunkelheit – Stille.
TEIL 2
Philosophieren endet mit dem Blick ins Herz
und der Erkenntnis, du selbst bist
der Anfang und das Ende des Himmels.
... folgt demnächst




