Hukkila / Murmann | Tausend und eins | Buch | 978-3-99059-210-6 | www.sack.de

Buch, Deutsch, 208 Seiten, Format (B × H): 130 mm x 210 mm

Hukkila / Murmann

Tausend und eins

Roman
Erscheinungsjahr 2026
ISBN: 978-3-99059-210-6
Verlag: Literaturverlag Droschl

Roman

Buch, Deutsch, 208 Seiten, Format (B × H): 130 mm x 210 mm

ISBN: 978-3-99059-210-6
Verlag: Literaturverlag Droschl


"Tausend und eins" beschreibt eine Zeit aus den Fugen, in der politische, ökologische und gesellschaftliche Katastrophen eine Spaltung der Gesellschaft vorantreiben. Ein »Ruck«, der das geistige Klima zu verändern scheint. Es gibt keine Garantie, dass das Erzählen von Geschichten, auch nicht von Tausend und einer, das Überleben sichern, und auch das (philosophische) Denken nicht. Dass dieser »Ruck« in der Gesellschaft, ausgelöst unter anderem durch aktuelle Themen wie Obdachlosigkeit und Flüchtlings-
problematik, auch durch die eigene Familie geht, bestürzt ihn.

Während gerade die isländische Aschewolke über Europa schwebt, beschäftigt sich der Ich-Erzähler in seiner Lektüre mit dem Ausbruch des Vesuv, mit der Beschreibung des Lebens im Gulag oder mit der gewaltvollen Besetzung Abessiniens, die sich immer mehr mit der realen Geschichte eines irregulären Einwanderers aus Äthiopien in Rom vermischt. Das Schicksal dieses Äthiopiers beschäftigt ihn zunehmend, zumal auch sein Freund Mara sich immer mehr in eine Liebesgeschichte mit ihm einlässt.

"Tausend und Eins" führt tief in die Zustände der heutigen Welt – Fremdenfeindlichkeit, Naturkatastrophen, Umweltzerstörung – und, trotz der Deutungsversuche mithilfe von Wittgenstein, in die eigene Ratlosigkeit, in Anbetracht der »Rucke«, die die Welt beherrschen.

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Bereits im April stand fest, dass ich am Donnerstag, den 17.6., von Helsinki nach Uukuniemi an der Ostgrenze fahren würde, um mich einer Arbeit zu widmen, die den ganzen Frühling auf mir lastete, weil sie durch eine Auseinandersetzung mit einigen meiner Verwandten geprägt war. Ich fahre aufs Land, es bringt nichts, ich bleibe über Mittsommer, vier oder fünf Wochen, sagte ich einem guten Freund, der aus Rom anrief und mich an mein Versprechen erinnerte, ihn an Mittsommer zu besuchen. Als ich am Donnerstag gegen Mitternacht ankam, sah ich schon aus der Ferne, dass zwei hohe Birken vom Nachbargrundstück über den Zaun auf die Blockhütte im Schweizer Stil gestürzt waren, die Baumwipfel und armdicken Äste ragten mehrere Meter in die Höhe, doch das Gebäude schien heil geblieben zu sein, obwohl die Bäume quer auf der Terrasse lagen und sich vor der Tür verkeilt hatten.
Ich versuchte, mir einen Weg zur Tür zu bahnen, vergeblich, und eine Stunde später beschloss ich, in der Umkleide der Sauna zu schlafen, doch der Schlaf wollte nicht kommen. Die Arbeit sollte am Morgen (18.6.) um zehn beginnen, am nächsten Freitag, also am Tag vor Mittsommer (25.6.) würde ich meine Notizen durchgehen, und am darauffolgenden Freitag (2.7.) wäre die Arbeit zur Hälfte fertig, um eine Art Beobachtungspunkt einnehmen zu können. Ich hatte beschlossen, die Arbeitsetappen und Zeitpläne durch nichts erschüttern zu lassen, nun wälzte ich mich auf meinem provisorischen Bett herum, die Angelegenheit mit den Birken müsste geregelt werden, der Beginn der Arbeit würde sich verzögern, und als ich gegen vier Uhr morgens endlich wegdöste, begann ein lauter Kuckuck über mir im Baumwipfel zu lärmen, als wollte er mir jede volle und halbe Stunde anzeigen. In der Früh erschien die Lage bei den Birken noch mindestens genauso übel wie in der Nacht. Du glaubst nicht, wie es hier aussieht, zwei große Birken, gerade als die Arbeit beginnen sollte, sagte ich später am gleichen Tag zu Mara, als er anrief, ich wusste, dass er mich wieder nach Rom einladen würde. Deine Scheite kannst du auch später noch spalten, sagte Mara, so wie er stets sagte, du wirst deinen Wittgenstein noch öfter aufschieben, womit er recht behielt. Er hatte bereits in jungen Jahren seine Wittgenstein-Scheite gespalten, mit etwas über zwanzig war er der aufstrebende Stern der weltweit renommierten Wittgenstein-Schule Finnlands, er befand sich auf demselben Weg wie Von Wright oder Hintikka, die ihre Wittgenstein-Scheite so gut gespalten hatten wie sonst niemand, doch zu aller Entsetzen hörte Mara mit der Philosophie auf, unwiderruflich, wie er allen sagte. Zwei große Birken sind umgestürzt, und jede von ihnen wiegt über eine Tonne, sagte ich Mara. Auf dem Nachbargrundstück steht ein kleines, verlassenes Sommerhäuschen, in dem seit mindestens zwanzig Jahren niemand mehr war, beantwortete ich eine Frage Maras, rund um das Sommerhäuschen lag ein gutes Dutzend umgestürzter Bäume, eine lange Birke über der anderen. Ich beendete das Telefonat abrupt, ich muss los, das Hinterland, Freitag, das Wochenende fängt an, ich muss 15 Kilometer fahren, eine mir bekannte Bibliothekarin weiß, was zu tun ist, sagte ich, während ich um die Hütte spazierte, und obwohl das Gebäude offenbar keinen Schaden genommen hatte, beschlich mich das Gefühl einer Schicksalswendung, die Windböe hatte nicht nur die Birken umgeworfen, sondern auch meine Arbeit getroffen, die ich von April an geplant hatte.
Die Auseinandersetzung mit meinen Verwandten begann während der letzten Märztage, als ich in meiner Unüberlegtheit einen ihrer Runden im Restaurant auf Uunisaari besuchte, das für diesen Anlass reserviert worden war.
Der Streit kam aus dem Nichts. Ihnen missfiel dieses Buch von mir, wie sie sagten. Ich hatte ein paar Monate zuvor herausgefunden, dass mein neun Jahre jüngerer Bruder in Einwanderungsgefaselforen aktiv war, wie ich ihm alsbald sagte, und dass mich dieses Gefasel mitsamt seinen verlogenen Gefühlen von Zusammengehörigkeit an einen kollektiven Rausch erinnerte, und man Menschen nicht wie Vieh sortieren kann, wie ich ebenfalls sagte. Dass diese Dinge etwas von öffentlicher Unterhaltung hatten, ließ mich schaudern, es erinnerte mich an den Zerfall der Familienbande und weckte auch sonst starke Gefühle, und trotzdem hatte ich einen Moment zuvor, als ich beim Kaivopuisto über den Wintersteg zur Uunisaari gegangen war, mit nichts gerechnet … Der feuchte, skandinavische Nebel, das Meer und die zerzauste Vorjahreswiese dufteten, vom Steg aus konnte man die Ziegelsteinbauten und dunklen Baumstämme auf der Insel kaum erkennen. An der Tür zum Restaurant drehte ich mich zur Terrasse, auf der eine Rauchergruppe stand, darunter auch mein Bruder, ohne zu ahnen, dass dieselbe Front, die in diesem Moment, im Frühjahr 2010, Finnland sowie den Rest Europas von Athen bis Budapest und Stockholm zweiteilte, kurz darauf auch den Kreis der Rauchenden zweiteilen würde. Ich erwähnte etwas über Uukuniemi. Schau dich ein bisschen um, wenn du aufs Land fährst, sagte mein Bruder, und obwohl er selbst nie aufs Land fuhr, meinte er damit, dass das Leben im Hinterland real sei, zumindest verglichen mit diesem Buch von mir. Als nächstes spottete jemand über die Wertegemeinschaft und den Wohlfahrtsstaat und wer weiß was noch … Nichts als Sortier- und Stacheldrahtwörter, konstatierten Mara und ich am folgenden Tag via Telefon, genau diese Leute könnten etwas Wittgenstein und Björling vertragen; Mara erwähnte hintereinander seinen Idealphilosophen und seinen Idealdichter, wie er es bei allem zu tun pflegte.

Man kann so gut wie jeden auf Abstand halten, aber nicht seinen eigenen Bruder.
Er hatte keine Bildung, reiste nicht, scherte sich nicht um förmliche Gepflogenheiten, das gefiel mir, er schüttelte keine Hände, ließ sich nicht auf unnötigen Smalltalk ein; in jungen Jahren begrüßte er mich oft, indem er meine Brust sanft mit seiner zur Faust geballten Hand berührte, heute nicht mehr. Einige Jahre zuvor war er der Arbeit wegen widerwillig nach Turku gezogen, der Kontakt hielt. Als sich der Raucherkreis auf Uunisaari hineinbegab, wurden wir alle zu derselben Tischecke geführt, und die draußen entstandene Auseinandersetzung spitzte sich zu. Egal, was ich sagte, mein Bruder stieß zur Antwort ein kurzes Lachen aus, und wenn schon, und ein älterer Verwandter schaute wortlos mit einem übelwollenden Blick zu mir herüber, nur die Mundwinkel unter dem Bart verzogen sich zu einem Grinsen, wann immer mein Bruder sein Undwennschon von sich gab.
Noch am Abend, nachdem ich Uunisaari verlassen hatte, begann ich mir Notizen zu machen, in denen ich zu umreißen versuchte, was ihren Rausch hervorrief, und obwohl die Notizen nicht von meinem Bruder handeln würden, sollten sie davon erzählen, was in uns geschah. Während der nächsten Tage versuchte ich die kleinen Ausnahmezustände zu erfassen, die sich Baum für Baum heranschlichen, und die Realität, in der mittels großer wie auch kleiner Dinge Menschen sortiert wurden. Ich schrieb den Text nur für mich selbst, mein Bruder würde ihn nicht zu lesen bekommen, aber alles, was ich schrieb, versuchte ich dem Undwennschon meines Bruders entgegenzustellen, ich würde gegen dieses Lachen anschreiben, bis ich seinen Stacheldraht niedergerissen hätte, doch nach mehreren Tagen fühlte ich mich dem alles erschöpfenden Lachen unterlegen (mein älterer Verwandter schickte mir indes eine zweizeilige Mail, in der er mir die Verwandtschaft kündigte). Schließlich griff ich nach Gustaw Herling, dem polnischen Schriftsteller, der mit zwanzig Jahren im Gulag gelandet war und eine der ersten Beschreibungen der Lager veröffentlicht hatte. Als er später in Neapel lebte, beobachtete Herling Erdbeben und andere lokale Katastrophen mit den Augen eines einstigen Lagerinsassen und sah um sich herum überall aus dem Lager vertraute Gesetzmäßigkeiten. Meine Vorstellungen von Stacheldraht wurden jedoch konkreter, als ich nachts bei meiner Ankunft in Uukuniemi die 15 Kilo schweren, an der Wand des Dorfladens von Niukkala gestapelten Weide- und Stacheldrahtrollen erblickte, sie waren dort letzten Sommer aufgetaucht, als ein hiesiger Landwirt seine ersten Bisons erworben hatte. Ein Jahr zuvor erinnerten mich die auf riesigen Grünflächen weidenden Bisons an die Abenteuergeschichten meiner Kindheit, an Karl May, Winnetou und Old Shatterhand, doch jetzt erinnerte mich der Stacheldraht an Herling und meinen Bruder.

Auf dem Land würde ich über Herling und uns schreiben, so hatte ich es geplant. Ich würde von morgens bis spät abends arbeiten. Ich würde lediglich kurze Pausen einlegen, am Wasser sitzen oder die Enten füttern, die zu diesem Zweck stets zur selben Zeit am Nachmittag erschienen, würde die Sauna aufheizen, unabhängig vom Wetter jeden Tag mit einer Runde Schwimmen beginnen, möglichst einfach leben. Die nächsten Geschäfte waren weit weg, bis nach Niukkala waren es 15, zum Supermarkt in Kesälahti 33 Kilometer. Die übrige Zeit würde ich am Schreibtisch verbringen und mit einem 0.5mm-Filzstift von Muji Notizen und Schriftpfade niederschreiben, durch die ich nicht nur meinen Bruder, sondern auch meine Stacheldrahtgedanken zu greifen bekäme, die mich an den englischsprachigen Titel von Herlings Buch erinnerten, A World Apart, und als Reisegefährten, neben den Zeilen, stellte ich mir meinen Bruder vor. Ich hatte sogar geplant, an einem heißen Tag das Boot zu nehmen und bis zur Grenze auf die Suitsansaari zu fahren, wo sich die Wälder des Konzerns Stora Enso befanden, ein kleiner Sandstrand und ein unverschlossenes, wenige Quadratmeter großes Häuschen aus inzwischen vergrauten Brettern, das in den 1970ern von Waldarbeitern genutzt worden war, zehn Minuten zu Fuß vom ehemaligen Grenzposten, von dort konnte man den Beobachtungsturm sehen, der aus dem Wald ragte, auch er stand leer, neuerdings flog der Koala-Helikopter des Grenzschutzes ein paar Mal pro Woche die Grenze entlang nach Norden, mitten über den See, wo eine Reihe gelber Pfosten den Grenzverlauf markierte. Im Sommer zog vom anderen Ufer der Rauch von Waldbränden herüber, das andere Ufer gehörte zu Russland, Häuser oder Menschen waren nirgends zu sehen. Seit April waren diese Wälder für mich eines: die Wälder Herlings. Er hatte im Lager Jercewo rund 500 Kilometer von Uukuniemi entfernt gigantische Fichten gefällt, in fast denselben Wäldern. Im Winter hatten die Insassen Bäume sogar bei eineinhalb Metern Schnee gefällt, und nach kurzer Zeit stieß ich in dem Gulag-Buch auf die Information, dass die Finnen von allen Nationalitäten im Lager mit der Waldarbeit am besten vertraut waren. Das in Herlings Lager herrschende Leid war selbstverständlich von einer ganz anderen Größenordnung als das, was Menschen normalerweise widerfährt, aber ich dachte mir, dass man von solchen Ausnahme- und Extremverhältnissen, in die Herling geriet, auch etwas im Gewöhnlichen und Alltäglichen erkennen kann, selbst in den privatesten Unglücken, und sollte es mir gelingen, mich in Herlings Wäldern zurückzuziehen, würden sie mir nicht nur von seinem Leben erzählen und auch nicht nur von seiner Zeit, sie würden auch von der Realität des Jahres 2010 erzählen.
Und in genau diesem Moment hätte ich am Schreibtisch sitzen sollen, zurückgezogen unter diesen Birken … Ich fuhr denselben Weg zurück, auf dem ich keine 12 Stunden zuvor hierhergekommen war. Die umgestürzten Bäume waren wie ein zwei Tonnen schweres Lachen, undwennschon, kolossal und gewaltig, von den Wipfeln her verfault, Verbündete meiner Verwandten und meines Bruders, jede noch stehende Birke hatte bräunliche Spitzen, sie alle würden umfallen, dachte ich. Am Morgen hatten die Bibliothekarin und ich vereinbart, dass ich kurz vor Schließzeit zur Bibliothek kommen würde. An den Bäumen links der Straße blitzten gelegentlich gelbe Bänder auf, der Grenzstreifen, die Schotterwege endeten an Schildern mit einer erhobenen roten Hand, Rajavyöhyke, Gränszon, Frontier zone, ??????????? ???? … Ich versuchte das Gefühl einer mich plagenden Schicksalslaune aus dem Kopf zu bekommen, doch es geriet erst in Vergessenheit, als ich die Bibliothekarin traf, die bereits tätig geworden war und das Gemeindeamt und mehrere seit Jahren geschlossene Landesvermessungsbüros angerufen hatte, bis es ihr gelungen war, etwas über das Nachbargrundstück herauszufinden. Die Besitzerin, eine alte Frau, ging mit einer leisen, singenden Stimme ans Telefon, war sehr freundlich, sie schien an einer Gedächtniserkrankung zu leiden, und ihre Worte erinnerten mich daran, welche Vorstellungen die Rauchergruppe im Frühjahr hinsichtlich Finnland geäußert hatte … Birken, die Birken, ich erinnere mich gut an sie, an jede einzelne, die Birken auf dem Grundstück, sie sind so beruhigend, bestimmt karelische Birken, wie in dem Lied, es grünen die Bäume in Kareliens Land, auf Feldern und Wiesen, so prächtig und grand, hach, die Birken auf dem Grundstück, sie sind so schön, wie geht es ihnen, am Ende gab die Frau ihre Einwilligung für die Fällarbeiten, und einen Moment später versprach der einzige Baumfäller der Gegend, am Abend zwischen zwei Baustellen vorbeizukommen und sich ein Bild von der Lage zu machen.

Ich unterhielt mich noch mit der Bibliothekarin der für diesen Tag bereits geschlossenen Bibliothek. Mailis, wie ich sie genannt hatte, lange bevor ich ihren Nachnamen erfuhr, ist eine hervorragende Gesprächspartnerin und stets auf der Suche nach neuer Lektüre. Sie war im Alter von 40 Jahren aus Helsinki hierher zurückgezogen und ist die einzige mir bekannte Rückkehrerin. Ich erzählte ihr, dass ich Mara im Winter versprochen hatte, ihn in Rom zu besuchen, meine Reise jedoch stornieren musste. Die Bibliothekarin wusste bestens über Mara Bescheid und erkundigte sich, wie es ihm ging, obwohl sie ihn nicht persönlich kannte. Sie nannte Mara immer bei seinem richtigen Vornamen, und manchmal sogar bei seinem Nachnamen. Tatsächlich würde sich Mara hier ebenfalls deutlich wohler fühlen als dort, wo er sich gerade aufhielt, sagte ich, und er hielt sich dort nur auf, weil ihm ein Bekannter von der Universität eine Wohnung zur Miete angeboten hatte. Wittgensteins Hütte in Skjolden, am Ende des norwegischen Sognefjords ist im Großen und Ganzen das Beste, was Mara sich vorstellen kann, sagte ich. Einmal versuchte ich Mara nach Uukuniemi zu locken, indem ich halb im Scherz erwähnte, dass die Hütte in Uukuniemi ein wenig an das Häuschen in Skjolden erinnerte, das nur etwas über 70 Quadratmeter groß war, beide verfügten über ein kleines Arbeitszimmer, eine Schlafecke, einen Wohnbereich samt Kochnische, in beiden kam das Wasser aus einem See, das Häuschen in Skjolden lag dreißig Meter vom Ufer entfernt und mindestens dreißig Meter höher, während es in Uukuniemi höchstens fünf Meter bis zum See waren, und auch der Höhenunterschied war nicht größer, entscheidend war, dass beide Orte abgeschieden lagen, in der Einsamkeit, wie Wittgenstein sagte, inmitten von Einsamkeit, wie Mara es finnlandschwedisch übersetzte.

Mara hat sich immer in den gewöhnlichsten und einfachsten Verhältnissen wohlgefühlt, sagte ich zu Mailis. Mara bezeichnete die Philosophie bisweilen als Ausweiden. Mara weidete aus und manchmal sortierte er auch, selbstverständlich Gedanken. Er war kein Philosoph, der sich in den Elfenbeinturm zurückzog, wie es oft von Philosophen hieß. Er mied das akademische Umfeld, obwohl er einmal mit einer Gruppe Akademiker die Sommerresidenz des Ministerpräsidenten besucht und dort Politiker getroffen hatte, bei der Arbeit, wie sie sagten, am Ruder, womit sie das Staatsschiff meinten. Die Politiker hatten eine schnelle Auffassungsgabe und sprachen selbstsicher, seine Gruppe gab sich unsicher, was zur Manier der Akademiker dazugehört. Den Männern, die Mara in der Sommerresidenz des Ministerpräsidenten traf, war sofort anzumerken, dass sie sich im Wald heimisch fühlten, bei der Jagd, beim Pirschen in der Treiblinie. Sie betrieben Schaujagd und Schaufischen, so wie die Akademikergruppe Schaudenken betrieb, was aus Maras Mund nach einer komischen Treibjagd klang und an die vor Jahrzehnten erfolgten Staatsbesuche jenseits der Ostgrenze erinnerte, von denen Mara in der Residenz öfter zu hören bekam, und die genau in dieser Gegend stattfanden, lachte Mailis.
Als ich am Abend vom S-Market in Kesälahti zur Hütte zurückkehrte, begann ich Herling zu lesen. Nur wenige Minuten später war draußen zu hören, wie ein Traktor auf den Hof tuckerte. Der Baumfäller stieg in seinem Arbeitsoverall aus der Kabine, und als wir bei den Birken anlangten, sagte er, das ist keine Sache von fünfzehn Minuten, trat nachdrücklich gegen den erstbesten Stamm und sagte noch, das geht erst nach Mittsommer. Für den Anfang entfernte er mit der Motorsäge notdürftig einige Äste, damit sich die Tür einen Spalt öffnen ließ. Gegen Abend fegte ich die Glasscherben vom Boden auf und untersuchte gründlich das Dach, Schäden waren keine zu sehen. Trotzdem hielt ich es für angebracht, bis auf Weiteres in der Umkleide der Sauna zu schlafen. Um zehn Uhr abends rief Mara ein zweites Mal an und fragte, was mit den Birken sei. Ich erzählte ihm, dass ich mich nicht wie geplant an die Arbeit machen konnte. Er hatte ebenfalls Schiffbruch erlitten, Mara benutzte genau diesen Ausdruck, ja, hier, ein Illegaler. Ich fragte, um was für einen Schiffbruch es sich handelte, doch Mara schien nicht über die Angelegenheit reden zu wollen. Ich bin ihm zufällig begegnet, kenne ihn erst seit ein paar Tagen, erzähl ich dir später, er wolle in diesem Moment nicht über die Angelegenheit reden und lachte, wie es die Finnlandschweden immer taten, wenn es um etwas Ernstes ging. Mein Kindheitszuhause wurde verkauft, wechselte er das Thema. Ich wusste, dass seine Mutter vor nicht allzu langer Zeit gestorben war. Zu einem Spottpreis, sagte Mara, erst bezahlt man teuer für seine Vergangenheit, dann will man sie möglichst preiswert loswerden. Schließlich fragte Mara erneut, wann ich ihn besuchen würde. Wir sind seit einem Jahr nicht spazieren gewesen. Als er noch in Helsinki lebte, pflegte er anzurufen und einen Spaziergang vorzuschlagen, aus Höflichkeit schlug er immer den Kaivopuisto vor, obwohl wir nie woanders spazieren gingen. Der Kaivopuisto hatte alles, was er brauchte, um seine Gedanken zu sortieren, Björlings Bleibe, ein ursprünglich als Sauna gedachter Raum in der Itäinen puistokatu, und am anderen Ende der Strecke Von Wrights Haus in der Laivurinkatu. Im Laufe der nächsten Tage rief Mara mehrmals an. Die Bäume können warten, und Neapel ist auch Herlings Landschaft gewesen, sagte Mara, nachdem ich ihm von dem Herling-Projekt erzählt hatte, das in diesen Wäldern durchzuführen wäre. Wenn eine Freundschaft lang genug hält, macht man dasselbe wie Heringe oder Vögel, man dreht sich, wenn sich der Nachbar dreht, so erklären Naturforscher die unbegreiflich erscheinenden Bewegungsbahnen von Vogel- und Fischschwärmen, sagte ich Mailis, als ich erzählte, dass ich Mara besuchen und danach wieder nach Uukuniemi zurückkehren würde. Am Freitag, nur eine Woche nach Maras erstem Anruf, saß ich auf einem Fensterplatz des Morgenflugs von Helsinki nach Rom und schaute nach draußen. Aus der gleichmäßigen Wolkendecke ragten gigantische Wolkentürme, wie einsame Riesen, gesäumt von Licht. Bald fiel mir auf der Weltkarte des Finnair-Magazins Herlings Jercewo auf, Uukuniemi schien von dort nicht besonders weit zu sein, und beide Orte lagen fast auf demselben Breitengrad wie Wittgensteins Skjolden in Norwegen. Nach der Landung schlug mir die Hitze entgegen. Mehr als dreißig Grad, die Schritte verlangsamten sich um die Hälfte. Kurz vor sechs spazierte ich zum Campo de’ Fiori, wo wir uns vor dem Restaurant La Carbonara verabredet hatten. Ich war zu früh und schaute in alle Richtungen, ob Mara ebenfalls zu früh war, doch die Touristen rückten mir so stark auf die Pelle, dass ich mich neben die zwei Meter hohen Thujen zurückzog, die rings um die Terrasse von La Carbonara standen. Zwischen zwei Sträuchern hindurch beobachtete ich die Kellner des Restaurants. An den Tischen draußen saßen keine Gäste, es war noch nicht Zeit fürs Abendessen. Kellner gab es zwei, beide hatten einen eigenen Türrahmen, an dem sie lehnten. Beide trugen eine schwarze Hose, ein orangefarbenes Hemd, eine dunkelbraune Schürze, in der Brusttasche hatten sie einen Stift, über dem Arm ein Tuch. Uns dreien fiel zur selben Zeit auf, dass Kundschaft kam, ein Paar. Der jüngere Kellner wedelte mit seinem weißen Tuch, als würde er sich Luft zufächeln, wischte sich damit die Stirn ab, dann schritten beide Kellner im gleichen Moment auf das Paar zu, und beide holten den Stift aus ihrer Brusttasche, als hätten sie gleichzeitig denselben Gedanken gehabt. Einer der beiden nahm die Bestellung auf, der andere begnügte sich damit, sein gefaltetes Tuch gegen den leeren Stuhl daneben zu schlagen. Ich schaute auf die Uhr, fünf vor sechs, und sah mich nach Mara um, den ich fast sofort in der Ferne erblickte.


Hukkila, Kari
Kari Hukkila, geboren 1955 in Helsinki, studierte unter anderem Literaturwissenschaft, Kunstgeschichte und Philosophie in Helsinki, seit den 1980er Jahren publiziert er Essays, überwiegend zu literarisch-philosophischen Themen; 2010 erschien die Sammlung "Kerettiläisesseet" (Ketzeressay). Neben Herausgeberschaften zu Stéphane Mallarmé in der Zeitschrift Hyperion zahlreiche Arbeiten als Drehbuchautor für Bühne und Fernsehen, etwa für das TV-Drama "Katso ihmistä" (Schau die Menschen an) über Blasphemie. Mit "Tuhat ja yksi" (Tausend und eins) erschien 2016 sein erster Roman,
der thematisch sein Interesse für das Leben von Immigrant:innen fortsetzt.



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