Buch, Deutsch, Band 23, 313 Seiten, HALBLN, Format (B × H): 116 mm x 185 mm, Gewicht: 332 g
Reihe: Lilienfeldiana
Mystik und Massen
Buch, Deutsch, Band 23, 313 Seiten, HALBLN, Format (B × H): 116 mm x 185 mm, Gewicht: 332 g
Reihe: Lilienfeldiana
ISBN: 978-3-940357-65-6
Verlag: Lilienfeld Verlag
Skeptisch und nur auf Drängen von Freunden reist der legendäre Schriftsteller Huysmans nach Lourdes, und was er dort antrifft, hat in der Tat nur noch wenig mit der unberührten Idylle der Grotte am Flüsschen Gave zu tun, wo 1858 der vierzehnjährigen Bernadette Soubirous mehrfach die Jungfrau Maria erschienen sein soll. Es herrscht ein Riesenauflauf: Menschenhorden fluten den Ort, darunter viele bedauernswerte Wesen mit den schauerlichsten Krankheiten. Glaubenskitsch der billigsten Art ist ebenso allgegenwärtig wie der medizinische Betrieb für die kranken Pilger und der routinierte Ablauf der zahllosen Messen und Prozessionen. Bei all dem Ablenkenden, Irritierenden und oft auch Oberflächlichen aber entdeckt Huysmans nach und nach auch das Tiefmenschliche, das Schöne und das Berührende, und er beschließt, über das Phänomen Lourdes zu schreiben. Es wird sein letztes Buch – ein Zusammenklang von einfühlsamer Sprachkunst und kritisch beobachtender Reportage.
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Die Zeit der großen internationalen Wallfahrten ist gekommen; die von allen Seiten belagerte Stadt beginnt zu wanken; die Pilger aus Lothringen, der Champagne, der Provence, der Normandie, der Rouergue und dem Berry sind da. Eine Armee Belgier ist gestern eingefallen, macht sich auf der Esplanade breit und durchstreift die Straßen.
Ich gehe hinunter, um der Ankunft der Gläubigen aus Finistère und Morbihan beizuwohnen; die Straßen der alten Stadt und die Brücke laufen über; man benötigt seine Ellenbogen, um durchzukommen. Die träge Herde der Bretonen, von ihren Priestern im Zaum gehalten, die sie wie Hütehunde antreiben, dreht sich um sich selbst und kommt kaum vom Fleck. Die Frauen sind wie hypnotisiert von den Auslagen der Geschäfte mit ihrem frommen Kitsch, sodass man sie am Arm ziehen und im Rücken schieben muss, damit sie sich weiterbewegen. Müde und verwirrt, mit einem Blick, als wären sie aus einem Traum erwacht, schleppen sie schwere Körbe und Feldflaschen, während die meisten Männer wortkarg und mit schlenkernden Armen gehen, stumpfsinnig wie Rindvieh irgendetwas wiederkäuend.
Die Priester mit dem Aussehen von Bauern und Fischern werden ungeduldig, weil sie ihre Schäfchen nicht gemeinsam vorwärtsbringen können, aber wie sie sich auch abmühen und tadeln, die Frauen laufen auseinander. Eine von ihnen bleibt mitten auf der Brücke stehen, um sich die Schuhe putzen zu lassen. Sie diskutiert mit dem Schuhputzer, der zwei Sous verlangt, obwohl sie doch nur einen schuldig sei, wie sie sagt, denn sie habe ja keine großen Füße.




