Selbstversorger in den Nachkriegsjahren
Buch, Deutsch, 323 Seiten, Paperback, Format (B × H): 148 mm x 210 mm
ISBN: 978-3-948218-60-7
Verlag: Kadera-Verlag
Siedlungsleben in den 50er Jahren: Junge Erbsen direkt aus der Schote gepalt – lecker! Knackfrische Radieschen aus dem Gemüsebeet. Eier aus dem Hühnerstall.
Den Sonntagsbraten, Wurst und Schinken vom eigenen Schwein. Die Selbstversorger haben keinen Hunger – aber sehr viel und harte Arbeit. Hilfe gibt es auf Gegenseitigkeit aus der Nachbarschaft und durch Oma und Opa. Hausschlachtung und Plumpsklo sind die dominanten Schlagwörter der Siedlungen dieser Zeit. Milchmann und Bäcker kommen mit Verkaufswagen in die Straßen, die eher als Spielplätze der Kinder genutzt werden.
Wolfgang Ising, dessen Geburt amtlich mit einem Sack Kohle belohnt wurde, schildert die später als »Wirtschaftswunder« bezeichnete Zeit detailliert und aus kindlicher Perspektive – mit Ballspielen und Klingelstreichen bis zu atemberaubenden Mutproben, mit Jahrmärkten, Familienfeiern, Schulzeit und Ferien, Landverschickung und was sonst noch geschah.
Ein Buch, das Erinnerungen einer vergangenen Epoche lebendig zurückholt und eigene weckt.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
5 Inhalt 7 Vorwort 9 Ein Sack Kohlen zur Geburt 16 Selbstversorger 28 Krämerläden, Lieferservice, Dienstleister 45 Das ländliche Umfeld 57 Tippel-Tappel, Murmeln & Co 89 Frühlingserwachen
114 Schulzeit – Ernst des Lebens
132 Kabinenroller und Dampfzüge
151 Große Wäsche
162 Besondere Tage
167 Feuchtfröhliche Feiern, handgemachte Musik
186 Sommerfreuden, Sommerplagen
198 Kein Geld für Luxus
218 Jahrmarkt, Kinderfest, Laterne laufen
231 Streiche und Mutproben
248 Wir wurden »verschickt«
259 Gummistiefelwetter, Drachenwind, Geisternebel
268 Hausschlachtung
292 Herrliche Winterzeit
304 Dezember
321 Schlusswort
323 Zu guter Letzt
324 Der Autor
Ein Sack Kohlen zur Geburt
Es war bitterkalt, als ich das Licht der Welt erblickte, damals, am 17. Januar 1950. Eine Hausgeburt, wie es üblich war, eine Geburt ist ja keine Krankheit. Mein Geburtsgewicht wurde nicht dokumentiert, doch mittels einer Sackwaage wurde festgestellt, dass ich kaum mehr oder weniger wog als andere Babys. Eingewickelt in sauberes Linnen, dessen Enden fest zusammenknotet waren, hing ich laut krakeelend am Haken dieser Waage und die Anwesenden lasen an der Skala ab, wie viel Kilo Lebendgewicht von diesem Tag an ebenfalls zur Familie gehörten.
Damit im Haus niemand frieren musste, vor allem nicht ich, sorgten mehrere Kohleöfen für wohlige Wärme und damit für ein behagliches Umfeld.
In einem gut gefüllten Vorratskeller lagerte haltbar zubereitet in Gläsern, Flaschen und Bottichen alles, was unser Garten dafür hergab und jede Menge Wurst, Braten, Speck und Schinken aus der hauseigenen Schlachtung. Zu Weihnachten hatte meine Großmutter von ihren Verwandten in den USA ein großes Care-Paket bekommen, das die gesamte Familie glücklich machte.
Unter den Köstlichkeiten waren auch einige Pakete echter Bohnenkaffee. Das war eine begehrte Rarität knapp fünf Jahre nach Kriegsende, als es manches nur rationiert auf Lebensmittelkarten zu kaufen gab. Die Hebamme wusste das sehr zu schätzen. Sie kam jeden Tag und kümmerte sich fürsorglich um mich. Als Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg durch die Alliierten in Zonen aufgeteilt wurde, fiel meine Geburtsstadt Hamburg in die sogenannte Britische Zone.
Dementsprechend gestaltete sich auch der Personalausweis, der von der damals zuständigen Meldebehörde anlässlich meiner Geburt ausgestellt wurde. Ein kleines gefaltetes Dokument aus festem Papier, welches für Personen unter 15 Jahre bindend war und mich ab sofort als Bewohner eben dieser britischen Zone auswies. Bei der Vorderseite des Ausweises fehlte die rechte untere Ecke. Sie war abgeschnitten worden, als meine Eltern den Sack Kohlen abholten, der ihnen nach der Geburt eines Kindes von Amts wegen zustand. Ein Stempel des abgebenden Kohlenhändlers dokumentierte die Auslieferung. All dies (bis auf den Ausweis, der Bestandteil meines Fotoalbums ist) wurde mir mündlich überliefert. Insbesondere durch meinen Vater, zu dessen Lieblingsanekdoten die geschilderten Umstände meiner Geburt zählten, und der nicht müde wurde, sie auf jedem meiner späteren Geburtstage zum Besten zu geben.
Jetzt aber zu meinen eigenen Erinnerungen an die fünfziger Jahre und damit an eine Zeit, die so gänzlich anders war als die heutige.
Das Haus, in dem ich aufwuchs, Baujahr 1939, war Teil eines kleinen Siedlungsgebietes (und ist es noch heute) am südöstlichen Stadtrand von Hamburg. Es lag damals, idyllisch umgeben von Wiesen und Feldern, in einer von Landwirtschaft geprägten Gegend. Im Haus teilten meine Großeltern väterlicherseits, meine Eltern und ich uns die insgesamt 75 Quadratmeter Wohnfläche. Das Erdgeschoss hatte ein gemeinsam genutztes Wohnzimmer, das Schlafzimmer meiner Eltern, eine Küche nebst Speisekammer und ein Klo. Im Obergeschoss, welches man über eine 180 Grad gewinkelte Holztreppe erreichte, gab es eine kleine Wohnküche mit separatem Abstellraum und das Schlafzimmer der Großeltern. Und genau dort, am Fußende ihres großen, knarrenden Doppelbettes, stand mein Bett.
Liebe Leserinnen und Leser,
kommen Sie mit mir auf eine Erinnerungstour
in eine Epoche, in der unser heutiger Alltag nicht einmal vorstellbar war. Bei Leuten meines Alters, die in den 50er Jahren aufgewachsen sind, werden Erinnerungen an ihre eigene Kindheit geweckt. Und die jüngere Generation wird erstaunt erfahren, wie die Menschen damals anpackten und mit erfinderischem Improvisationstalent und unerschütterlichem Optimismus die alltäglichen
Herausforderungen einer schweren Zeit meisterten.
Die Geschichten, die ich erzähle, handeln von Familien, die sich nach dem Krieg in einem Siedlungsgebiet am Hamburger Stadtrand ein neues Zuhause errichtet haben.
Ich erzähle von Kindern, die sich ihre »Spielgeräte« selbst gebaut haben, von Festen und Feiern, von Hilfsbereitschaft, harter Arbeit und Zusammenhalt. Es mangelte an vielen Dingen, doch vereint folgte man der Notwendigkeit und verbesserte Schritt für Schritt die Lebensverhältnisse – bis man schließlich vom »Wirtschaftswunder« sprach.
Nach meinem Empfinden lief das tägliche Leben dennoch wesentlich entspannter ab als heutzutage. Eine vergangene Zeit, an die ich mich deshalb gern erinnere und nach der ich mich manchmal sogar zurücksehne. Und ich weiß, dass ich mit solchen Gedanken nicht allein bin.
Ich habe einigen Personen, die in diesen Geschichten vorkommen, andere Namen gegeben, um ihr Privatleben zu achten. Die Geschichten selbst haben ihre eigene Wahrheit.
Gewiss wird es einige »Zeitzeugen« geben, die bei
einer Lesepause mit geschlossenen Augen ihre Siedlung wiedersehen. Wer Hamburg-Bergedorf als Standort ausgelotet hat, liegt ja nicht falsch, doch die Spurensuche verläuft sich in neuen Wohn- und Stadtlandschaften, wo vor über sieben Jahrzehnten noch Weiden und Äcker waren.
So wie es auch im Norden und Westen des Hamburger Stadtrands geschah – die Erinnerungen werden ähnlich sein.
Wenn Ihnen unsere heutige Welt einmal zu laut ist,
wenn Sie den »Schnack übern Zaun« vermissen und
Ihnen das Googeln, Posten und Surfen zu unpersönlich ist, dann hilft Ihnen dieses »Siedlungs-Buch« vielleicht dabei, wieder »runter zu kommen«.
Lehnen Sie sich entspannt zurück und tauchen Sie ab in vergangene Zeiten, in der das Wort »Entschleunigung« noch unbenannt zur echten Lebensverbundenheit gehörte.
Blenden sie das reale Leben einfach mal aus.
Soviel Zeit muss sein ...




