Jochheim / Beyer | Antimilitarismus und Gewaltfreiheit | Buch | 978-3-939045-44-1 | www.sack.de

Buch, Deutsch, 360 Seiten, Format (B × H): 145 mm x 215 mm

Jochheim / Beyer

Antimilitarismus und Gewaltfreiheit

Die niederländische Diskussion in der internationalen anarchistischen und sozialistischen Bewegung 1890–1940
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-939045-44-1
Verlag: Verlag Graswurzelrevolution

Die niederländische Diskussion in der internationalen anarchistischen und sozialistischen Bewegung 1890–1940

Buch, Deutsch, 360 Seiten, Format (B × H): 145 mm x 215 mm

ISBN: 978-3-939045-44-1
Verlag: Verlag Graswurzelrevolution


Wurden sozialrevolutionäre Kampfmittel wie Massenstreiks, direkte gewaltfreie Aktion und ziviler Ungehorsam in Europa nur im Rahmen der Gandhi-Rezeption diskutiert? Es ist das Verdienst von Gernot Jochheims historischem Standardwerk, die europäische Geschichte des gewaltfreien Antimilitarismus dem Vergessen zu entreißen.

Welche Rolle spielten dabei die anarchosyndikalistische, rätekommunistische und linkssozialistische Arbeiterbewegung von 1890 bis 1940 in den Niederlanden sowie tolstojanisch geprägte Formen individueller Verweigerung? Wie haben Clara Wichmann, Bart de Ligt, Henriette Roland Holst und ihre Zusammenhänge diese Aktionskonzepte im Kontext des Ersten Weltkriegs sowie der Bürgerkriege in Russland und Spanien weiterentwickelt?
Die grundlegenden Diskussionen über gewaltfreie Revolution sowie sozialrevolutionäre Verteidigung arbeitete Gernot Jochheim in seiner 1977 veröffentlichten, inzwischen vergriffenen Dissertation „Antimilitaristische Aktionstheorie, Soziale Revolution und Soziale Verteidigung“ auf. Für die vorliegende populärwissenschaftliche Neufassung hat Herausgeber Wolfram Beyer die Studie umfassend überarbeitet, vereinfacht und im Anhang gekürzt.

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Weitere Infos & Material


Inhalt
Vorwort des Herausgebers

Einleitung
- Theorie und Geschichte der Gewaltfreiheit. Die gewaltfreie Fraktion im Antimilitarismus
- Gewaltfreiheit reduziert als Aktionstechnik
- Untersuchungsergebnisse - Zusammenfassung

Antimilitaristische und sozialistische Bewegung in den Niederlanden bis 1914, Beginn des Ersten Weltkriegs
- Wehrlosigkeit und Dienstverweigerung religiöser Sekten
- Politik und Anti-Kriegs-Propaganda in der sozialistischen Bewegung und der Arbeiterbewegung in den Niederlanden
- Ferdinand Domela Nieuwenhuis
- Theoretische Grundlagen antimilitaristischer Aktionen
- Frieden als staatliche Aufgabe im bürgerlichen Pazifismus

Antimilitarismus und Gewalt in der anarchistischen und sozialistischen Bewegung um 1900
- Wehrlosigkeit und Dienstverweigerung bei christlichen Anarchisten*innen - Tolstoi-Rezeption
- Vrede-Gruppe, Wehrlosigkeitsverständnis und sozialistischer Anspruch
- Kommune-Experiment der christlichen Anarchist*innen
- Die Kriegsdienstverweigerung

Direkte Aktionen und anarcho-syndikalistischer Antimilitarismus
- Anarchismus und Gewalt
- Antimilitarismus und Direkte Aktion
- Der niederländische anarchistische Antimilitarismus
- Die Kontroverse zwischen Karl Liebknecht und F. Domela Nieuwenhuis

Antimilitarismus und Klassenkampf im sozialdemokratischen Verständnis
- Henriette Roland Holst
- Frühe Tolstoi-Interpretationen
- Sozialistischer Antimilitarismus und proletarische Wehrhaftigkeit
- Gewaltkritik, Gewaltvorbehalt
- Joseph Dietzgen, sozialistischer Philosoph
- Die Spaltung der sozialdemokratischen Partei

Begründung der Gewaltlosigkeit während des Ersten Weltkriegs
- Die pazifistisch-antimilitaristische Bewegung der Niederlande
- Krieg und Verteidigung
- Bedeutung der „neuen“ Wehrhaftigkeit
- Henriette Roland Holst, Korrekturen im sozialdemokratischen Wehrprogramm
- Die christlichen Sozialist*innen
- Manifest der Kriegsdienstverweigerung (1915)
- „Geistige Streitbarkeit“ und aktive Gewaltlosigkeit
- Bart de Ligt und „Geistige Streitbarkeit“
- Die proletarische Revolution (1917) - Gewalt und Gewaltlosigkeit
- Gewaltkritik - Clara Wichmann
- Kritik der Gewalt im Klassenkampf - Henriette Roland Holst
- Bart de Ligt, Antwort auf H. Roland Holst
- Weltkrieg, Revolution und die Aufgabe der Intellektuellen
- Bund der Revolutionär-Sozialistischen Intellektuellen
- Clara Wichmann - Gewaltkritik und Gewaltlosigkeit

Antimilitarismus und Gewaltfreie Aktion Ende der 1920er-Jahre und die pazifistisch-antimilitaristische Bewegung in den Niederlanden
- Bürgerliche Organisationen der Friedenssicherung
- Anarcho-Syndikalistischer Antimilitarismus
- War Resisters’ International - 1921
- Bund religiöser Anarcho-Kommunist*innen
- Die Bewegung der Kriegsdienstverweigerung
- Der Jongeren-Antimilitarismus
- Kerk en Vrede die religiöse Friedensbewegung
- Zur politischen Situation
- Antimilitarismus der Tat
- Anarchistischer Antimilitarismus und antikolonialer Kampf
- Gewaltlosigkeit konkret
- Soziale Revolution - Pierre Ramus
- Gewaltlosigkeit - Bart de Ligt
- Manifest zum Ruhrkampf 1923
- Klassenkampf und Gewaltlosigkeit

Antimilitaristische Aktionstheorie – konkrete Entwicklungen
- Verantwortliches Produzieren
- Kriegsdienste verweigern: militärische, industrielle, soziale Verweigerung
- Aktive Anpassung als revolutionärer Faktor
- Kampfplan gegen Krieg und Kriegsvorbereitung - Bart de Ligt
- Gewaltlosigkeit und revolutionärer Antimilitarismus in der anarcho-syndikalistischen Internationalen Arbeiter-Assoziation, IAA
- Die Kontroverse in der Liga gegen Imperialismus und für nationale Unabhängigkeit
- Die Kontroverse zwischen Bart de Ligt und Mahatma Gandhi
- Sozialismus und Gewaltlosigkeit - Henriette Roland Holst
- Kommunistische Moral
- Was ist Sozialismus?
- Neue Bewertung der Lehre von Leo Tolstoi
- Die Rolle der Gewaltlosigkeit in der sozialistischen Praxis

Die Friedensbewegung in den Niederlanden in den 1930er-Jahren
- Probleme der nationalen Abrüstung
- Krise der Friedensbewegung
- Aufstände der Arbeiter*innen in Wien und Amsterdam 1934
- Die „Freunde Indiens“
- Gewaltfreiheit im Neuen Pazifismus

Spanische Revolution 1936-1939. Krieg, Antimilitarismus und die Verteidigung der Revolution
- Kontroverse Bart de Ligt und Albert de Jong
- Anarchistische Begründung der gewaltfreien Position
- Die Spaltung der anarcho-syndikalististischen Bewegung

Pazifistische Volksverteidigung
- Antimilitaristisches Selbstverständnis
- Jongeren Vredes Actie - Gewaltfreie Aktionspraxis und Aktionsverständnis
- Die Idee der Pazifistischen Volksverteidigung

Gewaltloser Sozialismus
- Verantwortliche Volksverteidigung bei der Fundament-Gruppe
- Neue Formen des Kampfes
- Die Idee der „verantwortlichen Volksverteidigung“
- Fundament-Gruppe zur Verteidigung der Sowjetunion

Das Konzept der Pazifistischen Volksverteidigung im kritischen Diskurs

Krieg und Widerstand - 1939
- Der Funke - De Vonk-Gruppe

Literatur
Eine Auswahl
Autor und Herausgeber


Vorwort

Dieses Buch gehört zu den Standardwerken der Theorie-Geschichte der Gewaltfreiheit und des Antimilitarismus. Der Autor Gernot Jochheim verfasste den Text als Dissertation an der Freien Universität Berlin mit dem Titel: Antimilitaristische Aktionstheorie, Soziale Revolution und Soziale Verteidigung. Zur Entwicklung der Gewaltfreiheitstheorie in der europäischen antimilitaristischen und sozialistischen Bewegung 1890–1940, unter besonderer Berücksichtigung der Niederlande. Zuerst wurde diese wissenschaftliche Arbeit publiziert im Verlag Haag+Herchen Frankfurt / Main 1977.
Aktuell ist diese historische Studie:
- für Sozialist*innen, die Kriege verhindern wollen
- für gewaltfreie Pazifist*innen und Antimilitarist*innen
- für gewaltfreie Christ*innen und religiöse Pazifist*innen
· für alle Anarchist*innen und Anarcho-Syndikalist*innen
zur Kenntnis ihrer eigenen Geschichte
Die Arbeiter*innen-Bewegung in Europa, insbesondere der Niederlande in der Zeit vor und nach dem Erster Weltkrieg steht im Mittelpunkt des Buches.
Antimilitarismus wird häufig mit der Person Karl Liebknecht (1871-1919) und mit seiner Kernaussage in Verbindung gebracht, nämlich: „Der sozialdemokratische Antimilitarismus führt den Kampf gegen den Militarismus als Kampf gegen eine Funktion des Kapitalismus, in Erkenntnis und unter Anwendung der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklungsgesetze.“ (Karl Liebknecht: Gesammelte Reden und Schriften, Band 1 Berlin 1983, S. 432/S. 443 f.)
Liebknecht befürwortete ausdrücklich militärische Formen des Klassenkampfes und kritisierte ablehnend die Kriegsdienstverweigerung. Militär und Krieg sind - damals wie heute - bei Sozialdemokrat*innen und Sozialist*innen eine politische Option. In der Realpolitik entwickelte diese Politikorientierung selbst auch Formen von Militarismus. Der Nationalismus in vielen Ländern Europas vor dem Ersten Weltkrieg führte zum „Brudermord“ der Arbeiter als Soldaten im nationalen Kriegsdienst ihrer jeweiligen Staaten.
Daneben gab es vor dem Ersten Weltkrieg (1914-1918) eine bedeutende Debatte in der internationalen Arbeiterbewegung, die in ihren grundsätzlichen Aspekten auch heute Aktualität hat. Militär und Krieg kann niemals die Sache der arbeitenden Bevölkerung sein und ist keine Grundlage für einen Sozialismus.
Allerdings dominierten in der Geschichtsschreibung, in der Theoriegeschichte zum Antimilitarismus die Personen und Theorien, die sich auf K. Liebknecht und W. I. Lenin (1870-1924) beziehen. Für sozialdemokratische und sozialistische Historiker*innen waren Personen, Gruppen und Organisationen in der Arbeiterbewegung suspekt, die einen gewaltlosen, revolutionären, nicht-parlamentarischen Klassenkampf propagierten. Damit wurde in der Geschichtsschreibung die Gewaltlosigkeit als Spezifikum des Klassenkampfes nicht reflektiert.
Gernot Jochheim resümiert erstmals und das macht die Bedeutung seiner Arbeit aus, dass schon bei einer rein quantitativen Betrachtungsweise der geringe Anteil der gewaltsamen Auseinandersetzungen in der Geschichte der Arbeiterbewegung auffällt. In der Arbeiterbewegung, bei den Gewerkschaften, waren gewaltlose Aktionsformen die Regel. Zu den Formen des politischen Kampfes bemerkte der holländische libertäre Sozialist und spätere Anarchist Domela Nieuwenhuis (1846-1919), dass die Sozialdemokratie keine radikale Position im Antimilitarismus einnehmen könne, da sie die Macht im Staat anstrebe und daher auf das Militär als staatliches Machtmittel zur Herrschaftssicherung angewiesen bleibe.
Dagegen positionierte sich D. Nieuwenhuis 1915 als Mitunterzeichner eines Aufrufs zur Kriegsdienstverweigerung: „Wir erklären öffentlich, dass wir uns mit ganzer Seele gegen alles kehren, was zum Militarismus gehört, auch gegen ein sogenanntes Volksheer. Sofern man uns je als zu einer bewaffneten Landesverteidigung verpflichtet ansehen sollte, hoffen wir die Kraft zu besitzen, um jede unmittelbare persönliche Teilnahme zu verweigern, die Kraft, uns lieber der Gefängnisstrafe zu unterziehen, ja selbst erschießen zu lassen, als an unserem Gewissen, unserer Überzeugung oder an dem, was wir als das höchste Gesetz allgemeiner Menschlichkeit anerkannt haben, Verrat zu üben. (...) Die persönliche Dienstverweigerung hat großen sittlichen Wert und trägt dazu bei, dass wir zu einer Dienstverweigerung der Massen gelangen.“ (Kobler 1928, S. 208)
Nach dem Scheitern des „realen Sozialismus“ 1989 (u.a. Sowjetunion, DDR), ist Jochheims historische Analyse eine Grundlage für heutige sozialistische, gegen den Kapitalismus gerichtete Gesellschaftsmodelle, insbesondere die von Anarchist*innen formulierten antikapitalistischen Konzepte und gewaltfreien Handlungsvorschläge.
In heutigen Basisgewerkschaften, den syndikalistischen und den unionistischen Organisationen, der Freien Arbeiter*innen Union (FAU) und der Industrial Workers of the World (IWW) finden wir historische Wurzeln der gewaltfreien direkten Aktion gegen Kapitalismus und Militarismus.
Daneben stehen ferner die religiösen Strömungen im Anarchismus und Sozialismus, jenseits von staatlicher Orientierung. Leo Tolstoi und Mahatma Gandhi sind hier Referenznamen für eine Gewaltfreie Revolution.
Heute sind zwei internationale pazifistisch-antimilitaristische Organisationen mit ihren Mitgliedsorganisationen in vielen Ländern aktiv. Die gemeinsamen historischen Wurzeln werden von Gernot Jochheim in diesem Buch beschrieben. Es sind der Internationale Versöhnungsbund, gegründet 1914 (International Fellowship of Reconciliation, IFOR), und die 1921 gegründete War Resisters’ International (WRI). Seit über 100 Jahren gibt es bis heute eine international aktive und organisatorische Kontinuität der gewaltfreien Aktion, des gewaltfreien Widerstandes, der Verweigerung von Kriegsdiensten und der Sozialen Revolution für eine gewaltfreie herrschaftslose Gesellschaft. In dieser historischen Tradition stehen auch der Verlag und die Zeitung Graswurzelrevolution.
Wolfram Beyer (Herausgeber)


Beyer, Wolfram
Wolfram Beyer (*1954) studierte Politische Wissenschaft an der Freien Universität Berlin. Seit 1978 ist er aktives Mitglied der Internationale der Kriegsdienstgegner*innen (IDK e. V.), Sektion der War Resisters’ International (WRI) und seitdem auch mit der Zeitung Graswurzelrevolution verbunden.

Jochheim, Gernot
Gernot Jochheim, (*1942), hat in Köln und Berlin studiert: Germanistik, Geschichte, Politologie, Publizistik, Kunstgeschichte, Volkswirtschaftslehre, Pädagogik. Er hat seine Studien abgeschlossen mit dem Diplom in Politologie, dem Staatsexamen und der Promotion zum Dr. phil. mit der Thematik des vorliegenden Buches.
Die Theorie, Praxis und Sozialgeschichte der Gewaltfreiheit waren in verschiedenen thematischen Arbeitsphasen von Gernot Jochheim Gegenstände seines - anhaltenden - Engagements. Ab Oktober 1969 war er für drei Jahrzehnte Mitherausgeber und Redakteur der Zeitschrift Gewaltfreie Aktion. Vierteljahreshefte für Frieden und Gerechtigkeit. Seit über vier Jahrzehnten ist er Mitglied im Versöhnungsbund (deutscher Zweig).
Mit seinen Forschungen und Publikationen zur Theorie und Praxis der gewaltfreien Konfliktaustragung hat er den Arbeitsbereich Friedensforschung an der FU Berlin mitgestaltet. Seine Publikationen zu den gewaltlosen Protesten gegen die Deportation von jüdischen Internierten in der Berliner Rosenstraße im Februar/März 1943 haben die Aufmerksamkeit auf ein durch die traditionelle historische Forschung unbeachtetes Widerstandsgeschehen gelenkt. Mit seinem Buch Länger leben als die Gewalt. Der Zivilismus als Idee und Aktion (1986) hat er den von Egbert Jahn 1970 in die Diskussion gebrachten Begriff zu vertiefen gesucht. Zudem schrieb er Jugendbücher zur Geschichte der gewaltfreien Konfliktaustragung.
Über drei Jahrzehnte war Jochheim als Lehrer an einer Haupt- und Realschule in der Berliner Gropiusstadt sowie einige Jahre am Pädagogischen Zentrum Berlin tätig. Dabei lagen Schwerpunkte seiner Arbeit auf der Unterstützung von Lernenden und Lehrenden bei der Praktizierung gewaltfreier Konfliktbearbeitung und Konfliktaustragung sowie bei der Entwicklung von Erinnerungskultur in der Schule.



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