Liebe Besucherinnen und Besucher,
aufgrund unseres Sommerfestes sind wir am 03. September 2026 bis 14 Uhr erreichbar. Am 04. September 2026 sind wir wieder wie gewohnt für Sie da. Vielen Dank für Ihr Verständnis.
Ihr Team von Sack Fachmedien
Buch, Deutsch, 496 Seiten, gebunden, Format (B × H): 122 mm x 185 mm, Gewicht: 446 g
Ein Roman
Buch, Deutsch, 496 Seiten, gebunden, Format (B × H): 122 mm x 185 mm, Gewicht: 446 g
ISBN: 978-3-0369-5094-5
Verlag: Kein + Aber
Eigentlich fantastisch, die Idee: Drei Paare verbringen zusammen die Sommerferien in der Toskana. Ein bisschen am Pool liegen, ein bisschen , ein bisschen sich den Bauch vollschlagen. Vielleicht auch einfach mal wieder einen guten Krimi lesen. Die Tage im Süden sind auch ganz wunderbar – wäre da nicht die junge Partnerin des einen, wäre da nicht das hässlichste (und lauteste) Baby der Welt, wäre da nicht der Schriftsteller mit schütterem Haar und ebensolcher Lebensenergie. Die bringen das Gefüge jener durcheinander, die sich aus Ferien in Frankreich bereits kennen. Und dann sind da noch die Geschichten der Vergangenheit, welche sie einzuholen drohen, sowie die Konflikte innerhalb und zwischen den Paaren. Bald schmoren alle nicht nur auf dem Liegestuhl unter der strahlenden Sonne der Toskana, sondern auch im eigenen Saft. Bis der Regen kommt. Der Regen, der nicht mehr aufhören will – und das Paradies endgültig in eine Hölle verwandelt.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Teil 1
Morte · sepoltura · ricchezza
Tod · Begräbnis · Reichtum
Una canzone dei Pink Floyd
Ein Song von Pink Floyd
Jacqueline und Jean hatten in der Zeitung von dem Unglück gelesen. Es war eine große Sache gewesen, dieser Unfall in Tunesien, ein gefundenes Fressen für die Medien, spektakulär!, grausam!, titelseitenwürdig!, mit verpixelten Fotos der Opfer in einer Art Ahnengalerie, alle Bilder schwarz gerändert und die Initialen in den Legenden mit fett gedruckten Kreuzen versehen. Erst waren es für Jacqueline und Jean nur ein paar fremde Menschen, die in einem fernen Land ertrunken waren, auf grässliche Art und Weise, gefangen in einem vom Pier gestürzten Bus, siebzehn Touristen, die ihren Tod im nassen Grab von La Goulette fanden, dem Hafen von Tunis. Doch als sie begriffen, dass sich Salomes Eltern unter den Verunglückten befanden, waren sie zutiefst bestürzt. Sie schrieben Salome und Filipp eine Karte, nicht ohne auch die Kinder in ihren Beileidsbekundungen und Wünschen mit einzuschließen. Sie trauten sich jedoch nicht, anzurufen, da sie seit den gemeinsamen Ferien in Frankreich vor mehr als drei Jahren nur selten miteinander zu tun gehabt hatten. Trotzdem gingen sie zur Trauerfeier, wo sie auf der harten Bank in einer der hinteren Reihen saßen und unauffällig ihre Köpfe wandten, um unter den anderen Trauergästen vergeblich nach vertrauten Gesichtern Ausschau zu halten. Es gab kaum jüngere Menschen, wenige in ihrem Alter, die meisten der Besucherinnen und Besucher des Gottesdienstes waren wohl bald selber an der Reihe, ins himmlische Reich abberufen zu werden, wie Jean seiner Frau zuflüsterte. Jacqueline erwiderte nichts, schüttelte bloß missbilligend den Kopf.
Eine Weile verfiel Jean in andächtiges Schweigen, hörte dem Pfarrer zu, lauschte der Musik. Als gesungen wurde, schlug er das abgegriffene Gesangsbuch an der richtigen Stelle auf und bewegte die Lippen, aber er tat nur so, als ob er mitmachte, hörte deutlich Jacqueline, die den schwülstigen Text mitsang, Wort für Wort und ziemlich falsch.
Als das Lied endete, der tiefe Orgelton verklang und der Pfarrer wieder sprach, etwas aus der Bibel vorlas, eine Geschichte von einem Haus, das auf Sand gebaut war, und einem anderen, das auf Felsen stand, sah sich Jean um, diskret wandte er seinen Kopf, dann neigte er sich wieder Jacqueline zu.
»Hast du Bernhard gesehen?«, fragte er flüsternd.
Jacqueline verneinte mit schwachem Kopfschütteln und flüsterte zurück: »Auch Veronika scheint nicht gekommen zu sein. Was mich nicht wundert. Die hatte wohl Besseres zu tun.«
Jean rückte hin und her. Ihm schlief der Hintern ein auf der harten, unbequemen Sitzbank. Er lehnte sich zurück, schob das Becken vor, drückte den Rücken durch, neigte den Kopf auf die eine, dann auf die andere Seite und ließ die Gedanken schweifen. Schade, dachte er, dass Veronika nicht hier war; seit den gemeinsamen Ferien hatte er sie nicht mehr gesehen. Zumindest nicht von Angesicht zu Angesicht. Doch er hatte immer mal wieder an sie gedacht; und wenn das innere Bild von ihr zu verblassen drohte, hatte er sich auf der Homepage ihrer Firma ein Foto von ihr angeschaut. Das Bild, auf dem sie mit ihren gerade geschnittenen Haaren und der großen, dickrandigen Hornbrille streng dreinblickte, aber doch irgendwie unterschwellig verwegen wirkte. Manchmal schaute er sich auch die Fotos an, die er damals in Frankreich gemacht hatte, aber darauf war nie viel zu sehen, er hätte ein stärkeres Objektiv gebraucht, ein richtiges Zoom. Die Leica war sicherlich die beste Kamera der Welt – aber wohl nicht für Paparazzi.
Auch in den vergangenen Monaten hatte er an Veronika gedacht, in gewissen Momenten, die süß waren und ohne schlechtes Gewissen endeten. Jean wusste, dass die Sache mit Veronika nichts mit der Realität zu tun hatte, sie wäre sich bestimmt zu fein, um sich mit jemandem wie ihm einzulassen. Und selbst wenn, würde er es ganz sicher bereuen, wenn er mit einer anderen etwas anfinge, vor allem mit einer wie Veronika, hinter deren aufgeräumter und perfekt erscheinender Fassade wohl die eine oder andere psychologische Sprengfalle lauerte. Von der Schuld, die er auf sich laden würde, wollte er erst gar nicht anfangen, die Schuld Jacqueline gegenüber, seiner geliebten Frau, mit der er glücklich war. Und was würde sein Sohn denken, käme es ans Licht? Nein, das wäre es dann doch nicht wert. Eine Affäre im Kopf hingegen war frei von Problemen und Folgestress.
Dass er hier und heute an so etwas denken musste, war nur folgerichtig: Während der Trauerfeier schlichen sich Gedanken an das eigene Ende ein, dessen Zeitpunkt man glücklicherweise nicht kannte. Und von diesen Gedanken an das Sterben führte ein assoziativer Pfad direkt zum sexuellen Verlangen; das hatte er irgendwo gelesen. Es war ein Schutz vor der Sterbeangst. Erregung und Tod waren ein untrennbares Paar.
Er wurde von leisem Lärm aus seinen Gedanken geholt, es kam Bewegung in die Gemeinde, alle erhoben sich – die Bänke knarzten –??, um gemeinsam den Segen zu sprechen, den Jean ebenfalls mitmurmelte, froh darüber, dass es nun vorbei war: »Denn dein ist das Reich … und die Kraft … und die Herrlichkeit … in Ewigkeit. Amen.«
Jacqueline und Jean reihten sich in die träge Masse dunkel gekleideter Menschen ein, die langsam dem Licht zuströmte, um die Kirche zu verlassen.
»Ich hab nur einen Zwanziger«, flüsterte Jean, der sein Portemonnaie konsultiert und sich sogleich geärgert hatte, da er nicht in weiser Voraussicht Kleingeld eingesteckt hatte. Er ging einfach zu wenig in die Kirche. Die verdammte Kollekte. Für einen guten Zweck, selbstverständlich, die örtliche Jugendarbeit, die Blindenmission oder ein Brunnenbauprojekt in Togo; da konnte niemand etwas dagegen haben. Trotzdem wollte man nicht zu viel geben, denn dies wäre einerseits verschwenderisch und vulgär, protzig – und tat andererseits dem eigenen Portemonnaie weh. Außerdem konnte man sich ja nicht sicher sein, ob das Geld auch wirklich dort ankam, wo es hinsollte. Sah der Pfarrer nicht aus wie einer, der sich ab und zu aus dem Opferstock bediente und den eigenen Messwein soff? Gar nichts konnte man verständlicherweise auch nicht geben, man wollte ja nicht schäbig erscheinen und mitleidige oder gar abschätzige Blicke auf sich ziehen.
»Ich mach das«, hatte Jacqueline zurückgeflüstert, diskret in den Tiefen ihrer nicht eben kleinen Handtasche eine Handvoll Kleingeld zusammengeklaubt, das sie geräuschvoll in das samtene Säckchen klimpern ließ, welches ein Kirchendiener mit stoischer Miene den Hinaustretenden wie einen Kescher hinhielt.
Das Orgelnachspiel endete abrupt und für Jeans Geschmack zu früh. War der große Raum in ihrem Rücken eben noch von warmen Klängen erfüllt gewesen, so kehrte nun eine leere Stille ein, obwohl sie noch nicht in den Alltag entlassen waren, da sie ja noch im dichten Trauergästeverkehr steckten. Es hatte etwas Schönes, ja Tröstliches, dem Ausgangsspiel zu lauschen: keine furiose Toccata, wie man sie gerne als vitalisierenden Rausschmeißer bei Gottesdiensten mit weniger traurigen Inhalten verwendete, sondern ein eher meditatives Spiel, welches dem Anlass würdig schien und die dort gehegten Gedanken auf eine nicht zu anspruchsvolle Weise aufzugreifen versuchte. Nun aber hörten sie nur noch über den alten Steinboden scharrende Füße und dezentes Gemurmel von Menschen, die nicht hasten wollten, die aber auch nichts mehr in der Kirche hielt. In kleinen Schritten gingen sie voran, bis sie endlich ans Licht traten, den Himmel sahen, wolkenlos und von einem zarten, unschuldigen Blau. Es war der wohl wärmste Tag des Jahres bisher. Die Bäume standen bereits in voller Blüte.
Jean und Jacqueline atmeten auf, sogen die aromatische und die Lebensgeister beflügelnde Frühlingsluft in ihre Lungen. Jean roch die Erde, aus der die Frühlingsblumen sprossen, hörte die Vögel in den Bäumen zwitschern. Er fühlte, dass er lebte – und dafür war er dankbar. Und auch wenn er nicht an Gott glaubte, so spürte er doch etwas in seinem Inneren, das sich feierlich anfühlte.
Sie gingen mit den anderen Trauergästen zum Friedhof ans offene Grab, wo die beiden Särge hinabgelassen wurden und sie nach nochmaligem Warten in einer Schlange endlich an der Reihe waren, um Filipp, Salome und den Kindern zu kondolieren, die neben dem Grab nach Händen, Armen und Schultern griffen, je nachdem, wie nahe man sich stand.
Jean und Jacqueline bekamen richtige Umarmungen, wurden gedrückt und drückten zurück, was Jean mit einem gewissen Stolz erfüllte, denn er war sich nicht sicher gewesen, auf welcher Stufe der Freundschaftshierarchie sie sich befanden.
»Eine wunderbare Rede«, sagte Jacqueline zu Filipp und drückte nochmals seinen Arm. Jean nickte, um ihr beizupflichten. »Ergreifend«, fügte er hinzu.
Filipp bedankte sich auf eine dem Anlass entsprechende bescheidene Weise. Auch er fand, dass seine Rede gut gewesen war. Sehr gut sogar.
Eine gute halbe Stunde zuvor hatte er Salomes Hand gedrückt, ihr zugelächelt und sich von seinem Sitz erhoben, um ein paar Worte zu sprechen. Der Pfarrer hatte sein schier endloses Geschwafel verbreitet, von scheppernden Lautsprechern verstärkt, damit auch die Schwerhörigen etwas verstehen konnten. Er sah aus wie die Karikatur eines übergriffigen Seelenhirten: die Fratze feist, die Backen rot, unter dem violetten Messgewand zeichnete sich ein mächtiger Kugelbauch ab. Filipp dachte, man hätte diesen Typen nie und nimmer für einen Film als Priester casten können, es wäre komplett überzeichnet gewesen. In einem ermüdenden Singsang hatte er den Lebenslauf der beiden Verstorbenen heruntergeleiert, leidenschaftslos und mit näselnder Stimme, um dann ausgiebig auf dem Beruf des Alten herumzureiten, der ihm ein gefundenes Fressen schien, denn als Immobilienhändler bot dieser eine Vielzahl von Möglichkeiten, um passende Bibelstellen zu zitieren – das Haus als Metapher war in dem alten Buch allgegenwärtig. Filipp fragte sich, ob der Seelsorger das wohl immer so handhabte, bei Beerdigungen, und ob es dafür einen Online-Generator gäbe. Einfach den Beruf des Verstorbenen eintippen – schon spuckt die Maschine die Predigt samt passenden Bibelstellen aus. Auch beim Lied, welches die Gemeinde sang, bediente sich der dicke Seelenhirte beim geistlichen Immobilienangebot: Lied Nummer 478, Ein Haus voll Glorie schauet . Filipp sang mit, doch in seinem Kopf lief ein Song von Pink Floyd. Am liebsten hätte er ihn laut gesungen: Money …




