Buch, Deutsch, Band 4, 300 Seiten, Format (B × H): 125 mm x 190 mm, Gewicht: 350 g
Reihe: Flucht aus dem Reich
Eine waghalsige Flucht über die Alpen
Buch, Deutsch, Band 4, 300 Seiten, Format (B × H): 125 mm x 190 mm, Gewicht: 350 g
Reihe: Flucht aus dem Reich
ISBN: 978-3-948865-85-6
Verlag: Marion Kummerow
Zwei Frauen und ein Schmuggler auf der gefährlichsten Tour ihres Lebens.
Als die Jüdin Astrid eine Vorladung der Gestapo erhält, weiß sie: Wenn sie bleibt, wird sie sterben. Nur die Flucht kann ihr Leben retten, doch der einzige Weg in die Freiheit führt über die verschneiten Alpen.
Im abgelegenen Montafon trifft sie auf Bärbel, eine mutige Frau die ebenfalls auf der Flucht ist und gemeinsam wagen sie das riskante Unternehmen.
Felix, ein wortkarger Schmuggler, der das Gebirge kennt wie seine Westentasche soll sie über die Grenze schleusen. Er ist diese Tour schon oft gegangen, doch diesmal ist alles anders.
Ein plötzlicher Wetterumschwung wird zur tödlichen Falle. Die Gestapo ist ihnen dicht auf den Fersen. Lawinen drohen. Misstrauen und Zweifel wachsen.
Ein Wettlauf gegen die Zeit, gegen die Natur, und gegen die eigene Angst beginnt.
Wird ihnen die Flucht gelingen? Oder ist der Preis für die Freiheit am Ende zu hoch?
Zielgruppe
Personen die an der deutschen Geschichte in Romanform interessiert sind.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
St. Gallenkirch, Montafon, Juli 1943??Felix saß im abgenutzten Ohrensessel seines Vaters, der noch immer seinen Stammplatz in der guten Stube hatte. Sonnenstrahlen fielen durch die gehäkelten Gardinen und malten tanzende Muster auf den abgetretenen Dielenboden.??Vor ihm, auf dem uralten Holztisch, standen seine treuen Bergstiefel. Viele gemeinsame Jahre hatten ihre Spuren hinterlassen, doch neue zu bekommen war so gut wie aussichtslos. Solange der Krieg andauerte, wurde jedes Stück Leder und jeder Fetzen Stoff den Soldaten an der Front geschickt; die zivile Bevölkerung musste flicken und beten, dass ihre alten Sachen noch ein bisschen länger hielten.?Mit geübten Bewegungen tauchte er den weichen Lappen in die Blechdose mit Lederfett. Der Geruch von Bienenwachs und Rindertalg stieg ihm in die Nase und vermischte sich mit dem Rauch des Holzfeuers im Kaminofen. Felix liebte diesen Duft, deutete er doch darauf hin, dass er bald wieder auf Tour gehen würde; er war nicht geschaffen für ein geregeltes Leben als Bauer.??Sorgfältig massierte er das Fett in die Ritzen des abgewetzten Stiefels. Seine Finger ertasteten jede Naht, jeden Kratzer in dem braunen Leder, das unter der Pflege wieder geschmeidig wurde und einen satten Glanz annahm. Die Bergstiefel waren seine treuen Wegbegleiter, ohne die er verloren wäre. Als er fertig war, begutachtete er sie zufrieden, bevor er sie neben den bullernden Kaminofen stellte.??Seine jüngste Schwester Valentina sagte oft scherzhaft, er liebe die Stiefel mehr, als er eine Frau lieben könne, und das sei der Grund, warum er nie geheiratet habe. Die Tür öffnete sich mit einem Knarren und Valentina trat ein, eine Schürze um die Hüften gebunden. Sie lebte mit ihren fünf Kindern im Elternhaus, wo auch Felix und ihre altersschwache Mutter wohnten.?„Hier steckst du, ich hab dich schon gesucht.” Die resolute Enddreißigerin lehnte sich gegen den Türrahmen. Ihr Blick fiel auf die frisch polierten Stiefel am Ofen und sie runzelte die Stirn. „Wie lange willst du die noch flicken?“?Felix strich sanft über das aufgearbeitete Leder. „Diesen Winter müssen sie noch durchhalten.”?Valentina setzte sich auf die Armlehne seines Sessels. „Wenn du das nächste Mal über die Grenze in die Schweiz gehst, bring Leder und einen Leisten mit. Der alte Pichelhuber kann dir neue machen. Er ist verschwiegen.”?„Die muss ich erst einlaufen und wo soll ich die Zeit dazu hernehmen?”??Die praktisch veranlagte Frau schüttelte den Kopf. „Willst du wirklich warten, bis dir die Sohlen von den Füßen fallen, bevor du dir neue besorgst?”?„Mal sehen”, sagte er ausweichend und verschloss das Döschen mit dem Lederfett. Das Eintragen der Stiefel war nicht der eigentliche Grund, warum er davor zurückschreckte, neue machen zu lassen. Bei jeder seiner Touren über die Grenze konnte er nur eine begrenzte Menge tragen. Kaffee, Schokolade und Zucker waren wichtiger, denn von dem Verkauf der Mangelware im Dorf lebten er, Valentina und ihre Kinder sowie Mutter. Da mussten neue Bergstiefel warten.?„Ich war vorher beim Huber-Bauern, da habe ich zufällig Karl getroffen. Er kommt später auf einen Sprung vorbei.”?„Ich dachte, der ist noch unterwegs.” Felix hob den Kopf. Karl war sein Kompagnon, mit dem er seit Jahrzehnten gemeinsame Geschäfte machte. In seiner Jugend war Karl noch selbst auf Tour gegangen, bis er sich bei einem Bergunfall das Knie verletzt hatte und die steilen Anstiege ihm zu schaffen machten.??Es hatte sich herausgestellt, dass er ein begnadeter Geschäftsmann war, der scheinbar problemlos Kunden an Land ziehen konnte. Er arbeitete nicht nur für Felix, sondern war auch tief in die Beschaffung von Fälschungen aller Art verstrickt – dieser Tage hauptsächlich Kennkarten.?„Du kennst ihn doch, man weiß nie genau, wo er wie lange ist.” Valentina schüttelte missbilligend den Kopf.??„Das bringt seine Tätigkeit nun mal mit sich. Die Gestapo soll nicht zu genau wissen, was er so treibt und mit wem er sich alles trifft.”?„Ich weiß.” Sie stemmte die Hände in die Hüften. „Mir wäre es lieber, du würdest die Finger von diesen Dingen lassen.”?„Ach Vale, ich hab doch nichts anderes gelernt außer bergsteigen.” Schon als Fünfjähriger hatte er seinen Vater auf kleinere Touren begleitet. Er kannte nicht nur jeden Pfad und jeden Stein, der Schutz vor Patrouillen bot, er hatte auch einige Finten im Repertoire, mit denen er etwaige Verfolger in die Irre führen konnte.??Im Laufe der Jahre hatte er sich zudem ein extensives Netzwerk an Geschäftspartnern geschaffen. Bauern, Lieferanten und Abnehmer in der gesamten Region, diesseits und jenseits der Grenze, handelten gerne mit ihm, weil er faire Preise bezahlte und verlangte.??„Das meine ich doch gar nicht, und das weißt du auch.” Ihre Augen blitzten ihn an. „Lass das Zusatzgeschäft mit den Juden.”?Er kratzte sich am Nacken. „Darüber haben wir doch schon geredet. Der Judenschmuggel bringt gutes Geld ein.”?„Es geht schließlich auch um Kopf und Kragen. Das hast du doch gar nicht nötig.”?Felix zuckte mit den Schultern.?„Du weißt doch, was mit denen passiert, die erwischt werden.”?„Sie werden mich nicht erwischen, dazu bin ich viel zu clever. Und wenn doch, finde ich schon einen Weg, mich aus der Sache herauszukaufen.” Jeder Polizist in der Region war ein guter Kunde von ihm.?Valentina schüttelte den Kopf. „Das wird dir nicht helfen. Wenn du beim Schleppen von Juden erwischt wirst, wanderst du nicht in den Knast, sondern schnurstracks an den Galgen.”?„Du übertreibst.” Damit war für ihn die Diskussion beendet und er stand auf. Seit Valentinas Mann kurz nach dem Anschluss Österreichs an das großdeutsche Reich von den Nazis erschossen worden war, war sie in diesem Punkt sehr ängstlich geworden. Er war einem Fremden beigesprungen, den man auf offener Straße verprügelt hatte – dieser hatte sich hinterher als Jude herausgestellt.?Er verließ das Haus und sah im Kuhstall nach dem Rechten. Als er wieder herauskam, erblickte er schon von Weitem den schlohweißen Schopf seines langjährigen Freunds, mit dem er gemeinsam die Schulbank gedrückt hatte, und ging ihm entgegen. Schon damals hatte Karl mit seinem Charme jeden, inklusive der sonst so gestrengen Lehrerin, um den Finger gewickelt und immer irgendwelche Geschäfte betrieben.?„Grüß dich, Karl! Du bist früh zurück.” Offiziell arbeitete Karl als Handelsvertreter für die Milchwirtschaft, doch er nutzte seine Reisen in die Städte, um Abnehmer für Schmuggelware sowie Kunden für den noch riskanteren Teil ihres Geschäfts zu gewinnen.?„Es wurde gemunkelt, dass die Gestapo meinen Kontakt beobachten lässt, deswegen habe ich meine Pläne geändert.” Karl mochte wie ein leichtfertiger Hallodri wirken, doch er besaß ein untrügliches Gespür für Menschen – und die Gefahr, die von ihnen ausging.?„Bleibst du zum Abendessen?”, fragte Felix, während sie nebeneinander zum Haus gingen, das sich geduckt an den Hang schmiegte.??„Tut mir leid, ich hab noch eine Verabredung im Dorf.”?„Ich dachte, die Pichelhuberin hat dich abserviert, als sie von deinen Eskapaden erfahren hat?”?Karl schenkte ihm sein charmantestes Lächeln, das die Frauen reihenweise dahinschmelzen ließ – und ihm stetig sowohl Liebschaften als auch gute Geschäfte einbrachte. „Die kann mir nie lange böse sein. Sie kocht Kässpätzle, das will ich mir auf keinen Fall entgehen lassen.”?Die Kässpätzle der Pichelhuberin waren im Dorf legendär, sogar Valentina zollte ihr Respekt dafür. Felix verstand die Begeisterung nicht, er hatte lieber ein Stück Fleisch zwischen den Zähnen.?„Was führt dich dann hier rauf?”?„Ein neuer Auftrag. Eine jüdische Familie vom Bodensee mit zwei Kindern.”?„Wie alt?” Felix starrte seinen Kompagnon mürrisch an. Sie hatten es sich zur Regel gemacht, keine Kinder mitzunehmen, weil sie die Dinge kompliziert machten. Kinder waren langsam, laut und unberechenbar in ihrem Verhalten. Kurzum, sie waren den Strapazen der Flucht über die Berge nicht gewachsen. Außerdem trafen Eltern oft unkluge Entscheidungen, wenn Kinder im Spiel waren.?„Zwölf und vierzehn. Beide kräftig. Bereit, alles zu tun, um zu fliehen. Die älteste Schwester wurde vor ihren Augen zu Tode geprügelt.”?Felix‘ Augenlid zuckte. Jeden Tag glaubte er, ihn könnte nichts mehr schockieren, und immer wieder wurde er eines Besseren belehrt. „Also gut. Wann?”?„Nächste Woche. Der Vater ist Arzt, die Mutter Hausfrau. Spricht fließend Französisch. Sie haben Verwandte in Genf.”??„Valentina will, dass ich mit den Judentouren aufhöre.”?Karl nickte wissend. „Hat sie mir vorhin auch gesagt. Aber das ist ja nichts Neues.”?„Ihr Gequengel wird immer schlimmer.”?„Die kriegt sich schon wieder ein.”?Felix rieb sich am Ohrläppchen. „Ich weiß nicht. Sie hat sich verändert, seit ihr Mann erschossen wurde. Ständig hat sie Angst vor der Gestapo.”?„Das haben wir alle.” Karl sah seinen Freund durchdringend an. „Du etwa nicht?”?„Hm.” Felix überlegte. „Nicht wirklich. Die sind zu dumm, die erwischen mich nicht.”?„Sei dir da nicht so sicher.” Inzwischen waren sie am Haus angelangt. Karl blieb stehen. „Die Frage ist doch, willst du weitermachen?”?Das war die Krux. Nur zu gerne würde Felix mit dem Judenschmuggel aufhören, denn im Gegensatz zu dem, was er jedem erzählte, der eingeweiht war, wusste er sehr wohl, dass er bei jeder Tour sein Leben riskierte. Doch etwas in seinem Inneren ließ ihn nicht aufhören. Wir brauchen nun mal das Geld. Er zuckte mit den Schultern. „Gut, ich mache die Tour. Aber dann ist erst mal ein paar Wochen Pause, damit niemand Verdacht schöpft.”?„Versprochen”, sagte Karl. Allerdings war Felix klar, dass keiner von ihnen sich an das Versprechen gebunden fühlen würde, wenn wieder ein Flüchtling in Not um Hilfe anfragte.?„Ich finde raus, wer nächste Woche oben an der Grenze Dienst tut.” Einige der Grenzwächter waren bestechlich und schauten gegen die entsprechende Summe weg, wenn Felix mit Flüchtigen aufkreuzte.




