Lenz, Jakob M
Jakob Michael Reinhold Lenz (23.1.1751 Seßwegen, Casvaine, Livland – 4.6.1792 Moskau), Sohn eines Pfarrers, wird mit seinen Werken dem Sturm und Drang zugerechnet. Nach einem vernachlässigten, später abgebrochenen Theologie-Studium, bei dem er lieber Kants Vorlesungen lauscht und sich mit dem Lesen und Schreiben von Literatur beschäftigt, entscheidet sich Lenz 1774 für die Arbeit als freier Schriftsteller. Diese sollte ohne große Erfolge bleiben. Lenz gilt seinem Umfeld als exzentrisch: Wird er noch 1776 von Goethe nach Weimar bestellt, so muss er die Stadt bereits wenige Monate später nach einem nicht näher überlieferten Zwischenfall wieder verlassen. Sein ohnehin prekärer Geisteszustand verschlimmert sich. Der Pfarrer Johann Friedrich Oberlin nimmt ihn in seine Obhut. Dessen Krankenakte dient später Georg Büchner als Vorlage für 'Lenz'. Lenz arbeitet sich in seinen Dramen 'Der Hofmeister' und 'Die Soldaten' am Widerspruch ständischer Verhaltensregeln und freier Sexualität ab. Einen eigensinnigen ›Lösungsansatz‹ dieser Problematik für das Militär bietet er in seiner theoretischen Schrift 'Über die Soldatenehen'.
Jakob Michael Reinhold Lenz, 23. 1. 1751 Seßwegen (Casvaine, Livland) - 4. 6. 1792 Moskau.
Der Sohn eines Geistlichen - der Vater brachte es bis zum Superintendenten von Livland - studierte 1768-71 Theologie in Königsberg, hörte aber v. a. bei Kant, beschäftigte sich mit der modernen europäischen Literatur und dichtete selbst. Er nutzte - entgegen den väterlichen Plänen - die Gelegenheit, zwei livländische Adelige als Hofmeister nach Straßburg zu begleiten. Hier traf er Goethe und durch diesen andere Autoren des Sturm und Drang. Bis 1774 bestritt er seinen Lebensunterhalt als Begleiter und Bursche der beiden Barone, denen er u. a. in die Garnisonen Fort Louis und Landau folgte (sie waren in ein frz. Regiment eingetreten). So erfolgreich die Jahre in Straßburg in literarischer Hinsicht waren, so unglücklich verliefen seine Annäherungen an Frauen (Friederike Brion, Goethes Schwester Cornelia u. a.). Seit 1774 versuchte er, als freier Schriftsteller zu leben; 1776 folgte er Goethe nach Weimar, wo er durch sein exzentrisches Verhalten aufï¬el und schließlich - der Vorgang ist im Einzelnen ungeklärt - auf Veranlassung Goethes des Landes verwiesen wurde. Ende Dezember 1776 begann L. ein Wanderleben, das ihn an den Oberrhein und in die Schweiz führte. Die Anzeichen einer Geisteskrankheit (Schizophrenie?) verstärkten sich; 1778 hielt er sich bei dem Pfarrer Johann Friedrich Oberlin im Steintal (Vogesen) auf, dessen Krankheitsbericht G. Büchners Novelle 'Lenz' zugrunde liegt. Anschließend übernahm Goethes Schwager Johann Georg Schlosser in Emmendingen die Betreuung des Kranken, bis ihn 1779 ein Bruder nach Riga zurückholte. Von seinem Vater abgelehnt, scheiterte er auch hier bei dem Versuch, sich eine bürgerliche Existenz aufzubauen. 1781 gelangte er nach Moskau, lebte von kleineren literarischen Arbeiten und Zuwendungen von Freunden. Am 4. Juni 1792 wurde er tot auf einer Moskauer Straße gefunden. Nach dichterischen Versuchen der Schulzeit trat L. zuerst in Königsberg mit dem religiösen Hexameterepos 'Die Landplagen' und einem Gelegenheitsgedicht für Kant als Dichter hervor. Den entscheidenden Durchbruch brachte der Aufenthalt in Straßburg, wo er - inspiriert von Shakespeare und der Sturm-und-Drang-Gesellschaft - seine bedeutendsten Theaterstücke, aber auch Prosa und Lyrik schrieb. Mit Goethe sah er sich als Erneuerer der dt. Literatur. L. brach mit dem regelmäßigen klassizistischen Drama und verwirklichte stattdessen eine offene dramatische Form, die er u. a. in 'Anmerkungen übers Theater' und anderen Texten begründete. Dabei kam er auch zu einer neuen, aufs Tragikomische hinzielenden Deï¬nition der Komödie als der wirklichkeitsnäheren Form des Dramas, als Gemälde der menschlichen Gesellschaft (und wenn die ernsthaft wird, kann das Gemälde nicht lachend werden). Die Stoffe sind der Gegenwart entnommen, behandeln Berufsprobleme von Akademikern und die damit verbundenen Anforderungen der Triebunterdrückung und -sublimierung ('Der Hofmeister'), zeigen den krisenhaften Zustand der Gesellschaft sowohl innerhalb der Stände als in ihrem Verhältnis zueinander (etwa im Verhältnis Bürgertum - Militär). Auch hier, in den Soldaten, stellt sich das Problem der Bändigung der - durchaus bejahten - sexuellen Energien des Menschen, das L. im Rahmen einer vorgeschlagenen Militärreform zu lösen suchte ('Über die Soldatenehen'). Mit der Thematik von Sublimierung und Verzicht nimmt L. eine von Petrarca ausgehende literarische Tradition auf; sie schlägt sich auch in seinen Liebesgedichten und dem von Goethes 'Werther' inspirierten Briefroman 'Der Waldbruder. Ein Pendant zu Werthers Leiden' nieder.
In: Reclams Lexikon der deutschsprachigen Autoren. Von Volker Meid. 2., aktual. und erw. Aufl. Stuttgart: Reclam, 2006. (UB 17664.) - © 2001, 2006 Philipp Reclam jun. GmbH & Co., Stuttgart.