Buch, Deutsch, 120 Seiten, GB, Format (B × H): 123 mm x 195 mm, Gewicht: 178 g
Buch, Deutsch, 120 Seiten, GB, Format (B × H): 123 mm x 195 mm, Gewicht: 178 g
ISBN: 978-3-905689-38-9
Verlag: brotsuppe
'Allein das, nur das wollte ich erzählen, den Zusammenhang zwischen Macht und Sex, zwischen Körper und Genealogie. All das, woran wir nicht dachten, als wir rebellierten.''Ich habe Jahre gebraucht, um zu verstehen, was ich nach der Schiesserei vage begriffen hatte: Dass jene perfekte Liebe und jene schöne Familie eine Illusion waren, ein gut geöltes Getriebe. Eine säuberlich polierte Oberfläche.''Heute frage ich mich, ob mir die Augen früher hätten aufgehen können. Damals aber ging mein Märchentraum in Erfüllung, das Zauberdorf war mit hell beleuchteten Strassen gepflastert. ' Olivier wandte sich von allem ab: von der Ehefrau, dem Sohn, der allzu geliebten Schwester, getrieben von einer dunklen, nie begangenen Schuld. Hinter sich hat er eine Familie und eine Sprache gelassen, hat im Exil, in Paris, gelebt. Doch eines Tages erhält Laura einen Brief von ihrem Bruder: Er will seinen Sohn Michele wiedersehen. Der ausgewählte Ort ist ein Ort in der Mitte, Genf, windig und fremd. Hier wird nach einer Antwort, nach Erlösung gesucht. Zwischen schwankenden Identitäten, verschiedenen Heimaten und uneingestandenen Ängsten versuchen die Figuren von Pierre Lepori verzweifelt, sich wiederzufinden und – einmal mehr – davon abzulassen, sich zu verletzen und zu flüchten. Den Ungewissheiten seiner Figuren folgend, erscheint dieser Roman, als absolutes Novum, gleichzeitig in drei verschiedenen Verlagen, die italienische Ausgabe bei Edizioni Casagrande, die französische bei Editions d‘en bas und die deutsche, die auf der italienischen und französischen Fassung basiert, beim verlag die brotsuppe.
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Sonntag
Zwei Bilder: da eine wunderschöne Frau, mit aschblondem Haar, kleine Fältchen im Gesicht, in den Augen Wut. Eine Stimme aus dem Off, kaum wahrnehmbar, verstümmelte Wörter, ich kann weder Sätze noch Sinn erkennen. Dort ein anderes Bild, ganz und gar überblendet, aber farbig: ein Dämon, ein besessenes Mädchen, ein schäumender Mund. Im Hintergrund das Profil der Frau, deren Wut sich in Tränen auflöst wie eine Kruste, die abbröckelt; das Gesicht zerbricht in Stücke. Dann langsames Schrumpfen, ihr Antlitz verwandelt sich in ein zerknittertes Photo. Obsessiv beginnt das Mädchen im Vordergrund in Geysir-Strahlen eine eitrige, grüngraue Masse zu erbrechen, die auf den Bildschirm spritzt. Das Bild wälzt sich unter meinen Lidern hin und her; ich schlafe nicht, aber ich bleibe still im Halbdunkel, im unaufdringlichen Geräusch, im Rollen des Wagens auf den parallelen Eisen der Gleise. Hin und wieder zucke ich zusammen, der Kopf kippt zur Seite. Oder ich habe den Eindruck, ich habe eine Stufe verfehlt, ich bin in ein Loch gefallen, oder ein plötzlicher Sprung hat das ruhige Dahindösen unterbrochen. Doch ich halte es aus, ich öffne die Augen nicht. Das Bild der zwei überblendeten Filme kreist weiter und weiter, es ist die Erinnerung an eine Ausstellung, die ich letzten Sonntag besucht habe; sie besitzt ein Eigenleben, eines mit unbekannten, unverhofften Verpuppungen. Mein Gedächtnis ist ein Tuch, dessen Ränder im Nachtwind flattern. Auf diesem Tuch spiegeln sich Erinnerungen, Bilder, Überlappungen, so, als würde alles immer aufs Neue geschehen, in einer tragischen Gleichzeitigkeit einer fehlgeborenen Zeit. Bei Wittgenstein habe ich einmal gelesen, dass das Ende der Zeiten nichts anderes als das Ende der Zeit sei: Bleiben wird einzig der weite, unheimliche Raum, und das Ticken der Uhren wird plötzlich aufhören. Wäre das so, hätten die Theologen recht, und das Paradies gäbe es nicht. Was es gibt, ist die Hölle: eisig und reglos. Oder das weisse Tuch, auf dem das Bewusstsein weiter eitert. Ein Horrorfilm. Mein Bruder Fredi. Freddy Krüger.Das Quietschen des Zuges sollte mich eigentlich nerven, doch es hätte schlimmer sein können. Als ich in der Gare de Lyon einstieg, fiel mir sofort die grosse Zahl der Kinder auf: Ich habe nichts gegen Kinder, ihre geballten kreischenden Stimmen aber, ihr Herumtoben aus reiner Langeweile verhindern oft, dass man denken oder einfach nur in Ruhe dasitzen kann. Diese hier aber sind, seltsamerweise, ruhig, fast traurig. Ein Mädchen in einem weiss-roten Blumenkleid starrt mich schmollend an, umschlingt ein schmächtiges, abgewetztes Känguru, während ein anderes sich selber Geschichten erzählt. Unweit von ihr sitzt ein Vater, der sichtlich wenig Lust hat, sich mit der Tochter zu unterhalten, die vielleicht deswegen ständig nach Cola und Süssigkeiten fragt oder nach den Namen der vorbeiziehenden Städte, oder nach der Fahrkarte, die sie in der Hand halten will, oder nach anderem, immer beharrlich, lieb. Der Vater antwortet ohne Nervosität, ohne Unbehagen, jedoch widerwillig, mit Sätzen, so grob wie seine Hände. Er scheint sie nicht lieb zu haben, aber das ist vielleicht auch nur mein Urteil. Dann schaut mich das Mädchen an, sie mustert mich vergnügt, ich muss ihre Aufmerksamkeit geweckt haben. Sie hat wunderschönes Haar, kupferfarbene Locken auf schneeweisser Haut, die mit Sommersprossen übersät ist. Genau diese Farbe und dieses Haar hatte ich in einem Bild gesehen, da bin ich mir sicher, doch es war eine Tote gewesen, sie lag auf dem Wasser, unter Trauerweiden. Ophelia? Ich lächle dem Mädchen zu, weil sie aber nicht aufhört mich anzustarren, schliesse ich verlegen die Augen. Das ernste Gesicht lächelt weiter hinter den Lidern; der Mund öffnet sich, isoliert stehen kleine Zähne da; die Augen sind schwarz, spitz wie Bleistiftminen, während die Haut sich zu verkohlter Plastikhülse schuppt, und der hässliche Schrei eines Mutanten ihr aus der Zunge rinnt. Übereinander gelegte, verdoppelte und überblendete Bilder, im Gedächtnis verbolzt. Im Bauch wieder dieses Grauen, diese Enttäuschung, dieser grelle Stich der Dunkelheit. Ophelia?Ein Tunnel, ich öffne die Augen nicht, ich merke es am Geräusch, am Sog. Es gibt ein schwarzes Loch in meinem Leben: vierzehn Jahre Antimaterie. Unmöglich, diese zu bemessen. Man kann gut leben, ohne dabei viel zu spüren, man klammert sich irgendwo fest, unter einer Schmerzhaut. Die Jahre vergehen und die Erinnerungen verharren reglos. Einzig die Bilder tauchen manchmal auf, doch es sind nur Bilder: Etwas Nebel reicht, und sie bleichen aus, sie zerrinnen.Das Klopfen der Gleise erinnert an die dumpfen Schläge eines Paddels, sie künden den Abend an. Das Licht dieses Frühsommers ist hell. In wenigen Stunden werden wir die Nacht durchqueren. Die Räder quietschen, die Türen knarren. Mir gegenüber sitzt ein Herr mittleren Alters, sein vornehmer Anzug lässt ihn deutlich älter erscheinen, als ich es bin. Er trägt eine kleine Brille mit Goldfassung, er hat ein graues Schnäuzchen und sein Gesicht einen zufriedenen Ausdruck, während er seine Zeitung mit akribischer Ruhe liest. Die Landschaft hinter der Scheibe zeigt ein glänzendes Grün, das ein lauer Wind besänftigt hat. Ich schaue hinaus, denke, konzentriere mich auf nichts. Auf meinen Knien liegt das Buch eines ungarischen Autors, ich halte einen Finger mehr oder weniger mittendrin, als müsste ich beweisen, dass ich kein Faulenzer bin, dass ich gut mit meiner Zeit umgehen kann, mit dem Reisen. Stattdessen habe ich die erste Seite mehrmals gelesen, ohne sie loszuwerden: wunderbare, ironische Sätze. In einem anderen Moment hätten sie mich gefesselt, denn ich bin ein leidenschaftlicher Leser, jemand, der sich mitreissen lässt, der an Geschichten und an das Fliessen einer frei geschmiedeten Welt glaubt. Jetzt poltern meine Gedanken umher. Das war zu erwarten. Den Lauf der Zeit kann man nicht zurückgehen, ohne Gewissensbisse in Bewegung zu setzen. Selbst wenn ich mich dazu entschieden habe, mich ihnen jetzt zu stellen. Nun gibt es kein Zurück, alles ist auf der Kippe, nichts wird mehr sein wie zuvor. Die Murmel auf der schiefen Oberfläche folgt dem Gesetz der Schwerkraft. Ich reise zu meiner Vergangenheit. Es gibt kein lichtverschlingendes schwarzes Loch, keine Gedächtnislücken. Ich weiss alles, und ich erinnere mich auch an alles. Ich gehe gegen den Wind, wie in einem Film, der rückwärts läuft, ein Oedipus, der auf dem Kopf geht.Michele, siebzehn Jahre alt im August, vierzehn Jahre, ohne dass ich ihn gesehen habe, ohne mich zu trauen. Lichtblitze, dunkle Pausen, der Zug durchquert eine Tunnellandschaft, hinein, hinaus. Die Lampen im Wagen sind kaputt, einzig das bläuliche Schimmern eines Neonlichts weit hinten. So sitzen wir manchmal im Dunkeln und werden wieder ausgespieen ins Licht. Die tiefe Sonne scheint durch die matten Fenster, berührt meine Stirn. Ich versuche, sie mir vorzustellen: Michele, Laura, Erika. Erika habe ich noch nie gesehen, ich weiss nicht, wie sie sich bewegt, wie sie spricht. Selbst Laura, nach all den Jahren, könnte eine andere geworden sein. Und Micheles Gesicht. Wütend vertreibe ich das dreijährige Kind; jenes Bild, das immer wieder aufscheint, lächelnd, mit bissiger Beharrlichkeit und einem Geruch nach Schuld. Ich schliesse die Augen nicht mehr, damit das Bild der Puppe mit nassen Haaren mich nicht überschwemmt. Das leibhaftige Mädchen, jenes, das mir gegenübersitzt, ist eher beruhigend; konzentriert zeichnet sie blaue Häuser auf weisses Papier. Ich sehe Michele von hinten, wie er auf dem Boden auf einem runden, dunklen Teppich spielt, an jenem letzten Tag, dem Tag, an dem ich mich von ihm verabschiedete, ohne mich ins Zimmer zu wagen. Die Einsamkeit schien mir der einzige Ausweg. Wir waren drei, dann zwei, dann ich allein.Fredi, das schwarze Blatt, ausradiert. Laura, das weisse Blatt. Ich werde mitten in der Nacht ankommen, die Lichter von Genf werden mich beruhigen, so wie ihre wohlgeordneten Strassen, die Altstadt, eingenistet unter der Kathedrale. Laura und Erika warten im Hotel auf mich, ein seltsamer Ort für ein Wiedersehen, doch so ist die Abmachung: Sie sind weit weg von Zürich, ich von Paris. Ein neutraler Ort, damit der Schmerz uns nicht hinabzieht, und der Faden wieder aufgenommen werden kann, ohne dass er uns entwischt, ohne dass ich entwische, müsste man sagen. Ich bin schliesslich auf der Flucht. Ich denke zu viel. Ich wiederhole mir alles, rolle es wieder auf. Dann alles wieder von vorne. Unausgesprochen haben meine Gedanken keinen Sinn, deshalb stehe ich auf, verlasse mit etwas Mühe meinen Platz, das Knie blockiert jedes Mal, wenn ich zu lange sitzen bleibe, und gehe zum Kabäuschen, wo telefonieren erlaubt ist. Eine Kabine ohne Telefon, sozusagen ein Zeichen der Zeiten. Ich nehme in dieser Zelle am Ende des Wagens Platz; ich rufe mich an. Vorsichtshalber schalte ich den Klingelton aus, selbst wenn mich heute Abend niemand mehr anrufen wird. Mit dem Gerät am Ohr trage ich mir laut selber vor, was mich beschäftigt, und spreche mit einem verständnisvollen, aufmerksamen Zuhörer. Ich schiebe lange Pausen ein, die ich ab und zu gekonnt mit Ja, mit Nein, mit Satzstücken ausfülle. Manchmal vergesse ich mich, so dass man denken könnte, ich würde aufmerksam zuhören oder mich langweilen, oder gar den Anruf bereuen. Die Gedanken verstricken sich, sie verlieren sich, schweifen ab. Dann rüttle ich mich auf, finde den Faden wieder und fahre fort; ja, sage ich, einverstanden, verstehe: Ich gebe mich einfühlsam, grossherzig erteile ich gute Ratschläge.Einmal mehr erkläre ich mir selbst, dass ich nicht verstehen kann, wie das passieren konnte. Ich würde das vierzehn Jahre lange Schweigen nicht verstehen, noch wie ich eines Abends im Halbdunkeln in meiner nicht unglücklichen Einsamkeit, einzig vom schwachen Licht des Kühlschranks erhellt, entschied, dass ich meinen Sohn treffen würde, das aber mit grosser Sorgfalt vorbereiten wollte und darum meine Schwester um Hilfe bat. Ich wiederhole. Pause. Ich kichere, nehme mich selbst ein wenig hoch. Wie beim Spiel der russischen Matrjoschkas füge ich unverständliche Kommentare über diesen irrwitzigen, imaginären Anruf ein. Du spinnst wohl, dir selbst in dein Telefon hineinzusprechen. Ich weiss, dass das nicht so ist, im Gegenteil, dass es nichts Heilsameres gibt, als dass ich jetzt mit dem letzten Stückchen meines Selbst spreche, das zu mir steht und dem ich mich ab sofort anvertraue, trotz der Angst. Ich wiederhole, wiederhole und wiederhole mir: Es ist alles bestens, ich habe den Kopf erhoben, ihn aus dem Wasser gestreckt, frische Luft geschnappt: Ich atme wieder, ich werde von nun an mit dem ganzen Körper atmen, mit meiner ganzen Willenskraft. Ein Mann klopft an die dünne Kabäuschenwand: Ich stelle fest, dass ich seit etlichen Minuten schweige und komisch dreinschaue. Ich nuschle einige beachtenswerte Ausreden in den Hörer, nicke dem ungeduldigen Herrn zustimmend zu, um zu signalisieren, dass ich mich beeilen werde. Ende des Anrufs. Ich kehre an meinen Fensterplatz zurück und ich lausche dem Knarren des Zuges auf seiner eiligen Fahrt. Es ist ein moderner Zug, durchdrungen jedoch von eigensinnigen, fast unbemerkbaren Geräuschen. Die Passagiere sprechen wenig miteinander, manche flüstern, sie scheinen eingeteert in ihren Träumen oder in ihren Sorgen. Die Müdigkeit legt sich auf mich, ich nicke ein. Ich habe keine Angst, murmle ich vor dem Einschlafen, ich habe keine Angst.




