Buch, Deutsch, 240 Seiten, Format (B × H): 125 mm x 196 mm, Gewicht: 320 g
Roman
Buch, Deutsch, 240 Seiten, Format (B × H): 125 mm x 196 mm, Gewicht: 320 g
ISBN: 978-3-946130-63-5
Verlag: Vta-Verlag
Wir schreiben das Jahr 1983. Computer, soziale Medien und Smartphones gab es nicht. Und doch war es eine Zeit politischer Erregung, kultureller Umbrüche und neuer Lebensentwürfe. Während draußen der Falklandkrieg die Schlagzeilen beherrscht, tobt im Inneren eine Liebesschlacht. Kim will frei sein, ihr namenloser Freund will sie nicht verlieren. In einem wochenlangen Streit gehen Liebe und Besitzanspruch, Emanzipation und Abhängigkeit, Eifersucht und Selbsttäuschung unentwirrbar ineinander über.
Der Ich-Erzähler kämpft mit allen Mitteln gegen das Ende seiner Beziehung. Kim dagegen versucht, sich aus einer Beziehung zu lösen, die ihr zunehmend wie ein toxisches System der Überwachung erscheint.
Um die beiden herum entfaltet sich ein Panorama der westdeutschen Kultur- und Alternativszene: Journalisten und Intellektuelle, Künstler, New-Wave-Mädchen, Kneipen, Diskotheken, Drogen, Zeitungen, politische Debatten und jene endlosen Gespräche, in denen eine Generation ihr Verhältnis zu Liebe, Freiheit und Gesellschaft neu zu bestimmen versucht. Mittendrin der Erzähler in seinem alten „Wehrmachtskäfer“ – komisch, größenwahnsinnig, verletzlich und von einer geradezu monströsen Fähigkeit zur Selbstrechtfertigung.
Lottmann erzählt diese Geschichte mit scharfem Witz, Tempo und einer radikal subjektiven Perspektive. Gerade weil der Erzähler alles erklären kann, wird immer fragwürdiger, ob er überhaupt etwas versteht. Aus einer privaten Trennung entsteht so eine Satire auf männliche Selbstbilder, auf Emanzipationsdiskurse und auf die intellektuellen Moden einer Epoche.
„Port Stanley ist gefallen“ ist Liebesroman, Trennungstragödie, Zeitroman und literarisches Dokument zugleich – eine ebenso verstörende wie komische Reise in die Gefühls- und Gedankenwelt der frühen achtziger Jahre. Und am Ende fällt nicht nur eine Festung, sondern auch eine Vorstellung von Liebe.
Der Text entstand 1983, noch vor Lottmanns fulminantem Debutroman „Mai, Juni, Juli“ 1987, und lagerte seitdem in der Schublade. Angesichts einer tödlichen Krebserkrankung war es sein Wunsch, dieses Frühwerk zu veröffentlichen.
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Die Trennungsschlacht tobte seit sechs Wochen. Zum dritten Mal hatte Kim mit mir Schluss gemacht, und dennoch bekam ich langsam die Oberhand. Der Kampf begann erst. Ich ging im Zimmer auf und ab. Es war zwanzig Uhr.
Um im Trennungskampf gute Karten zu haben, hatte ich fünfzehn Pfund abgespeckt. Kim – wir waren seit zwei Jahren zusammen – hatte Ähnliches getan, zunächst. Dann klappte es nicht mehr, sie nahm wieder acht Pfund zu, und ich hatte die Schuld: weil wir uns immer noch nicht getrennt hatten. Schlank konnte man nur alleine werden. Die Kraft zur Disziplin kam aus dem emanzipativen Schub, den eine Trennung bewirkte. Mühelos lebte ich das Gegenteil: Jeden Tag war ich ein Pfund leichter und hübscher. Schon begannen mich reifere Frauen vereinzelt anzustarren. Kim war wieder einmal geschlagen, übertrumpft, zum Verlierer gemacht: unterdrückt eben. Ein Grund mehr für sie, mit mir aufzuhören.
Die Lage war brenzlig. Ich durfte nicht die Nerven verlieren, nicht grob werden. Manchmal wollte ich schon wie ein Ochse losbrüllen. Einmal hatte ich um ein Haar mit einem männlichen chauvinistischen Tritt ihren Fernsehapparat eingetreten. Beim zweiten Mal Schlussmachen – es war erst vierzehn Tage her – zündete ich vor ohnmächtiger Wut ihren Vorhang an. Ich hatte grimmig ihr Elektrofeuerzeug an den weißen, gerade neben mir hängenden Stoff gehalten. Seitdem nannte mich Kim den „Türken-Mann“. Ich sei, fluchte sie, wie ein Türke, schlimmer noch, wie ein Perser. Bald würde ich wohl mit Ohrfeigen und dem Wort „Hure“ kommen. Gewalt sei das Einzige, was solchen Männern einfalle, wenn sie sich verlassen glaubten. Ich dachte nach. Hätten wir uns damals noch versöhnt, wenn der Vorhang nicht gelodert hätte? Nein, nein. Es war genau richtig. Feuer war dramatisch, aber nicht männlich. Der eingetretene Fernseher dagegen hätte das „Aus“ bedeutet. Ich musste vorsichtig sein. Mein größter Trumpf war, dass ich als treu galt. Solange das nicht angezweifelt wurde, konnte ich nicht umkommen. Ich rauchte eine schwarze französische Zigarette und wartete. Meine Nerven flatterten schon wieder. Wenn sie anrief, durfte ich ihr keine Vorwürfe machen. Nur die reine Güte half bei ihr weiter.
Ich hatte Glück. Gerade, als mein Herz zu rasen begann, klingelte es. Am Apparat war Kim, die versucht hatte, ohne mich auszugehen, dabei aber prompt in einen üblen Haufen von Hardcore-Prolos gerannt war. Sie befand sich in einem ehemaligen Punk-Schuppen und sollte gleich die talentlose englische Durchschnittsgruppe „XTC“ erleben. Ich war sofort bereit, sie da herauszuholen. Die schwarze französische Zigarette segelte aus dem Fenster. Unten stand der alte Wehrmachtskäfer. Sekunden später sprang ich hinein, wuchtete die gusseiserne Tür zu und drückte auf die Tube.
Der Motor des alten Wehrmachtskäfers stammte noch aus einem Kübel-VW des Jahres 1944 und hatte alle Absetzbewegungen der Heeresgruppe Süd mitgemacht. Der Rest des Wagens war neun Jahre später nach Originalzeichnungen von Adolf Hitler und Ferdinand Porsche entstanden. Ich besaß es seit meinem siebzehnten Lebensjahr, und da ich nicht viel von Autos verstand, war ich froh, dass es nie kaputtging. Ärgerlich war bloß, dass die Leute der kleinen Scheiben wegen zu glotzen begannen. Bei Gelegenheit wollte ich mir einmal große Scheiben einsetzen lassen. Im Grunde war es ja ganz einfach mit Kim. Sie brauchte mich, wie sich jetzt zeigte. Trotzdem war es nett, dass sie mich angerufen hatte. Sie hätte ja auch meinen ehemaligen Chef Flum holen können, der ihr irrsinnig den Hof machte. Flums Fehler war, dass er jeden Tag ein Pfund zunahm.
Die Hosen flatterten mir um die lang gewordenen Beine, als ich ausstieg. Alles war mir zu weit geworden. Das Gesicht wirkte plötzlich knochig und um Jahre älter. Charakterfalten hatten sich eingegraben. Nicht mehr lange, und ich konnte mir jedes Mädchen aussuchen. Natürlich nutzte mir das nichts, solange ich seelisch abhängig war. Jeder Flirt, dachte ich, schadete nur. In Kims Augen entlarvte mich die Suche nach einem neuen Mädchen als Spießermann, der Frauen für austauschbare Objekte hielt, die er funktionalisieren und in Rollen zwängen könnte. Kim jedenfalls war nicht auf der Suche nach einem neuen Jungen. Sie wollte frei sein.
Dass ihr Flum auf den Fersen war, wusste sie nicht. Ich schon. Ich hatte schon die Flugtickets für einen Wochenendausflug nach Berlin zur Berlinale bei Flum gesehen. Er wollte Kim nur helfen. Seine Freundin war einverstanden. Kims Befreiung von mir war angeblich in meinem Interesse. Sie war immer die Unterlegene gewesen. Aus einem Pulk „XTC“-Prolos heraus schoss sie ungelenk auf mich zu und redete hastig auf mich ein. Sie wollte ihre anständige alte Aktentasche in den Wehrmachtskäfer legen.
Ich zahlte fünfzehn Mark Eintritt, blieb fünf Minuten, versteckte mich in einer Ecke und kommentierte so trocken wie rücksichtslos, die Veranstaltung sei eine Pleite. ...




