Buch, Deutsch, 262 Seiten, KART, Format (B × H): 130 mm x 200 mm, Gewicht: 345 g
Attentatskritikerin, Anarchafeministin, Individualanarchistin
Buch, Deutsch, 262 Seiten, KART, Format (B × H): 130 mm x 200 mm, Gewicht: 345 g
ISBN: 978-3-939045-26-7
Verlag: Verlag Graswurzelrevolution
Rirette Maîtrejean (1887-1968), Anarchafeministin und Individualanarchistin im französischen Milieu libre vor dem Ersten Weltkrieg, wandte sich in ihren „Souvenirs d’anarchie“ (1913) entschieden gegen anarchistische Attentate und Raubüberfälle, von denen besonders die „Affäre Bonnot“ bis heute erinnert wird. Die daraus entstandenen konfliktgeladenen Diskussionen führten zur Schwächung der anarchistischen Massenbewegung beim Kriegseintritt Frankreichs 1914. Die staatliche Repressionswelle traf nicht nur das vielfach von Anarchafeministinnen geprägte lebensreformerische und individualanarchistische Milieu, sondern zwang auch alle anderen anarchistischen Strömungen (u.a. Syndikalismus, kommunistischer Anarchismus) dazu, Stellung zu beziehen.
Rirette Maîtrejean argumentierte in den Zwanziger- und Dreißigerjahren gegen ihren ehemaligen Lebenspartner und Gesinnungsgenossen Victor Serge, als dieser als Konsequenz aus dem gescheiterten „Illegalismus“ den Staatsterror der jungen Sowjetunion befürwortete. Während und nach dem Zweiten Weltkrieg begegnete sie Albert Camus, der ihre Erfahrungen in seiner Kritik des Nihilismus ausformulierte.
Diese Biographie mit einer Auswahl übersetzter Artikel bietet die Möglichkeit, sich mit Leben und Werk der bisher im deutschsprachigen Raum unbekannten Rirette Maîtrejean auseinanderzusetzen.
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Inhalt
Einleitung: Von der „Propaganda der Tat“ zur „Bande à Bonnot“
I. Kapitel: Die Abrechnung
Rirette Maîtrejeans Flucht vor Zwangsheirat; die „Causeries populaires“, die Zeitung „l’anarchie“, ihre anarchafeministischen Positionen zur freien Liebe; ihre Rolle als individualanarchistische Attentatskritikerin. Die Bonnot-Affäre und der Prozess von 1913. Rirette Maîtrejeans Abrechnung in den „Souvenirs d’anarchie“.
II. Kapitel: Die Reaktionen
Das Milieu libre und der zeitgenössische Anarchafeminismus; Syndikalismus, kommunistische AnarchistInnen und deren Stellungnahmen zu Rirette Maîtrejean. Repressionsangst als Hauptgrund für das Scheitern eines wirksamen Kriegswiderstands am Vorabend des Ersten Weltkriegs.
III. Kapitel: Die Schlussfolgerungen
Solidarität und zeitweiliger Bruch mit Victor Serge; Pierre Ruff und die Zwanzigerjahre; Rückblick auf die Zeit der Bonnot-Affäre in den Dreißigerjahren. Begegnungen mit Albert Camus und dessen theoretische Ausformulierung der Attentatskritik Rirette Maîtrejeans nach dem Zweiten Weltkrieg.
Anhang (Originalartikel, übersetzt von Andrea Schärer und Lou Marin)
Rirette Maîtrejean: Das Zusammenleben (1909),
Rirette Maîtrejean: Unanständigkeit, Prüderie (1911),
Rirette Maîtrejean: Und die Unseren? (1912),
Rirette Maîtrejean: Eine schlechte Tat (1931),
Rirette Maîtrejean: Pierre Ruff (1948),
Rirette Maîtrejean: Von Paris nach Barcelona (1959)
Anmerkungen
Französische Filme mit und über Rirette Maîtrejean
I. Kapitel: Die Abrechnung [Auszug]
Rirette Maîtrejeans Flucht vor Zwangsheirat; die „Causeries populaires“, die Zeitung „l'anarchie“, ihre anarchafeministischen Positionen zur freien Liebe; ihre Rolle als individualanarchistische Attentatskritikerin. Die Bonnot-Affäre und der Prozess von 1913. Rirette Maîtrejeans Abrechnung „Souvenirs d'anarchie“.
Anna Henriette Estorges wurde am 14. August 1887 geboren und starb am 11. Juni 1968. Im Colombarium, oder wie despektierlich gesagt wird: Taubenschlag, dem Gebäude zur Aufbewahrung von Urnen nach der Einäscherung, des Pariser Friedhofs Père Lachaise, auf dem so viele RevolutionärInnen begraben sind und auf dem an einer Mauerstelle an die ermordeten KommunardInnen der Pariser Commune von 1871 erinnert wird, gibt es ein Kästchen mit der Nr. 2439. Darauf ist eingraviert: „Anna Estorges, genannt Rirette Maîtrejean, geboren am 14. August 1887 und gestorben am 11. Juni 1968“. Die französische studentische Revolte im Mai 1968 hatte sie weder bewusst miterleben noch verarbeiten können, obwohl sie wohl bei ihr auf Sympathie gestoßen wäre.
Anna Estorges kam noch während ihrer frühen Kindheit zu dem Spitznamen „Rirette“, den sie ein Leben lang beibehalten sollte und der eine Art Mischung aus Kosenamen und Abkürzung ihres zweiten Vornamens Henriette darstellt. Sie wurde auf dem Bauernhof ihrer Familie, dem Anwesen des Vaters Martin Estorges und der sechs Jahre jüngeren Mutter Jeanne Brunie, in dem Marktflecken Saint-Mexant im Departement Corrèze im südwestlichen Frankreich geboren. Offenbar reichte die Landwirtschaft nicht mehr zum Leben, die Familie war verarmt und zog kurze Zeit nach Rirettes Geburt in die nahe gelegene Stadt Tulle. Dort fand der Vater eine Arbeit als Maurer und konnte nach einigen Jahren ein Bauunternehmen eröffnen. Die Familie war damit aus dem Elend gerettet und für Rirette, die frühzeitig einen unabhängigen und regen Geist an den Tag legte, konnte sogar an ein Studium gedacht werden. Als Rirette nach Absolvierung der Grundschule den Wunsch äußerte, Lehrerin zu werden, stimmte der Vater zu und schrieb sie in eine höhere Mädchenschule ein, die sie für diesen Berufsweg absolvieren musste. Doch kurz danach, im Mai 1903, erkrankte ihr Vater an einer chronischen Magen-Darm-Grippe, kam ins Krankenhaus von Tulle und starb Ende Oktober desselben Jahres. Dies ließ die Familie wieder in die Armut stürzen, denn die Großväter sowohl väter- wie mütterlicherseits waren bereits gestorben und hatten ihnen nichts hinterlassen. Die Mutter, Jeanne, konnte kaum mehr das Überleben sichern. Rirette hätte am Ende ihrer Ausbildung ab einem Alter von 18 Jahren eine Klasse als Lehrerin übertragen werden können, doch sie war erst 16. Sie war bereits zu gebildet und zu stolz, um irgendwo als Haushaltshilfe zu arbeiten, zu selbstbestimmt, um eine Lehre zu machen und damit ihre Ausbildung abbrechen zu wollen. Die Mutter warf ihr das vor und sah keinen anderen Ausweg als zu versuchen, Rirette früh zu verheiraten. Aus Sicht der Mutter war sie eine Schönheit und mit ihrer Bildung hätte sie im kleinbürgerlichen Milieu eine gute „Partie“ abgegeben. Das Umfeld der Mutter bestärkte Jeanne in ihrer zunehmenden Borniertheit, Rirette die Heirat aufzuzwingen. Die spätere Ablehnung der Zwangsinstitution Ehe und ihr Bekenntnis zur freien Liebe hatten in dieser elementaren Zwangssituation Rirette Maîtrejeans ihren Erfahrungshintergrund.
Rirette setzte den Plänen ihrer Mutter einen hartnäckigen Widerstand entgegen. Sie sah, so bemerkt ihre französische Biographin Anne Steiner, „in dieser Konzeption der Heirat nur eine Variante der Prostitution“ (1) und verweigerte entschieden jedem von ihrer Mutter organisierten und vorgeführten potenziellen Ehemann die Zustimmung. Dadurch verschlechterte sich die Beziehung der Mutter zu ihrer Tochter gravierend und Rirette dachte mehr und mehr an eine Flucht aus dem Elternhaus. Dazu kam es bald und sie kam allein und mittellos im Winter 1904 im Pariser Bahnhof Austerlitz an.
Die „Causeries populaires“ und Albert Libertad
Rirette ging von dort ins 11. Arrondissement, wo es billige Zimmer und Arbeitsmöglichkeiten gab. Sie fand Arbeit im Bekleidungsgewerbe und ein Auftraggeber versorgte sie mit Stoff und Nähmaschine. Aber Rirette war bereits ausreichend gebildet, um sich nach weiterer Geistesnahrung zu sehnen und begab sich in die „Ideenkooperative“ im Pariser Vorort Saint-Antoine, wo es eine der damals bereits rund 200 Volksuniversitäten (Universités populaires) Frankreichs gab. Die Volksuniversitäten waren 1899 vom Anarchisten und Holzbildhauer Gorges Deherme (1870-1937) und dem Philosophie-Professor an der Sorbonne, Gabriel Séailles (1852-1922), gegründet worden und dienten zur autodidaktischen Bildung der Arbeiterklasse. Sie waren ein voller Erfolg und bestehen nach Phasen von Unterbrechungen in Frankreich heute noch. Es gab dort Bildungsvorträge, die engagierte Intellektuelle oder Universitätsprofessoren unentgeltlich durchführten, eine Leihbibliothek, Sprachkurse sowie regelmäßige juristische Beratung oder kostenlose medizinische Untersuchungen. Rirette traf dort zwei Schreiner, die sie bald zu nicht weit davon stattfindenden sogenannten „Causeries populaires“ (Volkstümliche Diskussionsveranstaltungen) im individualanarchistischen Milieu von Paris mitnahmen. Diese „Causeries“ waren 1902 vom damals bekanntesten Individualanarchisten, Albert Libertad (1875-1908), einem Menschen mit Behinderung, der sich jedoch behände mit Holzkrücken bewegte, ins Leben gerufen worden und weitaus weniger formell, ja manchmal tumultös, als die Vorträge an den Volksuniversitäten waren. Bei den Causeries gab es weder Beitragszahlungen noch Statuten, jeder und jede konnte frei und ohne Anmeldung teilnehmen oder selbst reden. Libertad gründete auch im Jahre 1905 die Wochenzeitschrift „l'anarchie“, die schnell eine Auflage von 6000 Exemplaren erreichte und die im unmittelbar weiteren Verlauf des Lebens von Rirette Maîtrejean vor dem Ersten Weltkrieg zu deren politischer Heimat werden sollte. Die Kleinschreibung des Zeitungstitels ging auf die damalige Lebensgefährtin von Libertad, Anna Mahé (1882-1922), zurück, die in ihren Artikeln eine vereinfachte Sprache benutzte und eine Sprachreform forderte, die für Kinder aus unteren Schichten, die damals bereits mit ca. 12 Jahren arbeiten mussten, angemessener sei. In der Zeitschrift folgten ihr andere AutorInnen bei ihrer zum Teil kuriosen, eher lautmalerischen Schrift jedoch nicht.
Rirette Maîtrejean sah in Albert Libertad eine Art philosophischen und ideengeschichtlichen Lehrer. Anne Steiner schreibt zur Bedeutung von Libertad sowie der Entdeckung der Causeries und ihres Milieus für Rirette Maîtrejean:
„Rirette entdeckte bei ihrer zunehmend regelmäßigen Beteiligung an den Causeries eine Konzeption des Kampfes, die ihr unmittelbare Perspektiven der Emanzipation bot und ihrem ganzen bisherigen Leben einen Sinn vermittelte: dem Bruch mit einer Familie, die über ihr Leben entscheiden wollte; ihre Verbitterung über eine Schulausbildung, die ihr nur minimales Wissen vermittelt hatte; ihre Verweigerung, sich prekären und entwürdigenden Arbeitsbedingungen zu unterwerfen. Sonntags traf sie sich zu den von den AktivistInnen der Causeries organisierten Spaziergängen in den nahe gelegenen, noch in die Stadt hineinreichenden Waldgebieten von Paris, von denen sie berauscht von frischer Luft, die Arme voller gesammelter Blumen und den Geist voller lebensfroher Chansonrefrains zurückkehrte. Von ganzem Herzen folgte sie dem politischen Lebensmotto von Libertad: Nicht erst in hundert Jahren müssen wir anarchistisch leben!“ (2)
[...]
(1) Anne Steiner: Rirette, l'insoumise (Rirette, die Aufsässige), Mille Sources, Tulle 2013, S. 10.
(2) Anne Steiner, ebenda, S. 20f. sowie Angaben zu Anna Mahé S. 143ff.




