Menasse | Der 11. September. Überblendungen | Buch | 978-3-99059-214-4 | www.sack.de

Buch, Deutsch, 72 Seiten, Format (B × H): 130 mm x 180 mm

Menasse

Der 11. September. Überblendungen


Erscheinungsjahr 2026
ISBN: 978-3-99059-214-4
Verlag: Literaturverlag Droschl

Buch, Deutsch, 72 Seiten, Format (B × H): 130 mm x 180 mm

ISBN: 978-3-99059-214-4
Verlag: Literaturverlag Droschl


Im September 2026 jähren sich die Terroranschläge auf das World Trade Center in New York zum 25. Mal. In Reaktion auf dieses weltgeschichtliche Ereignis, das vor allem durch die mediale Vereinnahmung eine globalisierte Gefühlsreaktion auslöste, schrieb Robert Menasse ein paar Monate später einen Essay über das Attentat als kollektives »Schock-, Welt- und Medienereignis« und setzte es mit der prägenden kindlichen Erfahrung, als John F. Kennedy ermordet wurde, und mit der Erinnerung an die Ermordung des chilenischen Präsidenten Allende am 11. September 1973 in Beziehung. Wie wird eine kollektive Erschütterung erinnert, wie verarbeitet? Die eigenen kindlichen Erinnerungen führen zu einer Reflexion über den gesellschaftlichen und medialen Umgang mit solchen historischen Ereignissen und wie sie als globale Erinnerung verankert sind.

Aus dem Essay entstand einige Zeit später die Erzählung "Die amerikanische" Brille, in der allerdings das historische Ereignis mit subjektiver Erinnerung und Kindheitsgefühlen aufgeladen ist, und die ein junges Paar mit seinen nebeneinander bestehenden Weltsichten über relative Wahrheit und Deutung stolpern lässt.

In einem ausführlichen Nachwort analysiert der Germanist Ewout van der Knaap die Entstehung dieser beiden hier abgedruckten Texte sowie ihre Beziehung zueinander.

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Ich bin der erste in meiner Familie, der sich nicht daran erinnern kann, wo er sich gerade befunden und was er just in dem Moment getan hatte, als er von der Ermor- dung John F. Kennedys erfuhr. Aber heute weiß ich, dass ich mich immer daran erinnern werde können, dass die Ermordung Kennedys das erste Ereignis in meiner Lebenszeit war, das ganz offensichtlich so etwas wie eine globalisierte Gefühlsreaktion hervorrief: Dieses unfassbare Abstraktum einer »Weltöffentlichkeit« war nun auch mit einer Weltinnerlichkeit ausgestattet. Ich hatte Glück, als Kennedy ermordet wurde: Ich war damals noch kein Zeitungleser. Einen Fernsehapparat hatten meine Eltern noch nicht, und das Radio war schon längst kein Volksempfänger mehr. Ich hatte also insofern Glück, als meine Gefühle und Reaktionen, mein ganzes Wesen im Augenblick die- ses weltgeschichtlichen Ereignisses völlig unschuldig waren – und noch heute, wenn ich an Kennedys Ermordung erinnert werde, habe ich Sehnsucht danach: nach meiner damaligen Unschuld!
Ich kann mich allerdings gut daran erinnern, dass die Tage damals ungewöhnlich hell waren. Die Erde muss sich gerade besonders nahe an der Sonne befunden haben, weil alles so grell, so überbelichtet erschien. Es war eine Zeit der Blendungen. Ich sehe mich mit geschlossenen Augen neben meinen Eltern stehen, sie reden mit anderen Erwachsenen, denen sie gerade zufällig auf der Straße be- gegnet sind, sie alle tragen Sonnenbrillen, meine Mutter hat eine besonders schicke Brille: mit Jalousien! Eine Brille aus Amerika! Sie reden über die Schüsse von Dallas. In der »Wochenschau« sind Bilder zu sehen. Eine kurze Filmse- quenz, wie Jacky sich in der offenen Limousine über ihren tödlich getroffenen Mann wirft. Und noch einmal, und wieder. Unausgesetzt, eine ganze Woche lang, und danach bis in alle Ewigkeit muss John F. Kennedy zusammensacken, muss seine Frau sich über ihn werfen, muss die Kamera plötzlich hochfahren auf der Suche nach dem Ort, woher die Schüsse kamen, und da oben war nichts als die texanische Sonne, die nun im Film explodiert. Ich schaue auf zu den Erwachsenen, sehe mich um, blinzelnd, zwinkernd, so grell war der Schein. Es gab damals keine satten Farben, nur ganz zarte, sehr blasse, so als würde erst jetzt, nach der Durchsetzung des amerikanischen Farbfilms, die Farbe auch in die Wirklichkeit langsam hineinrinnen dürfen. Und ich empfand Eifersucht. Das weiß ich noch: Ich war eifersüchtig auf diese bestürzten, traurigen, geschock- ten Erwachsenen. Warum? Den Grund dafür liefert die Erinnerung nicht mit, nur soviel, was nicht viel mehr ist als ein Verdacht: Ich glaube, dass die Erwachsenen in ihrer Trauer und ihrem Schock zugleich auch glücklich wa- ren. Warum? Vielleicht weil dieses menschenverbindende Unglück – die Menschen eben verband. In einem ungekannten Ausmaß: Was sich da verband, überstieg nicht nur die Familienbande, jegliches Standesbewusstsein, auch das Nationalgefühl, sondern alle weltanschaulichen Bindungen, die immer Bindungen bloß an einen Teil der Welt sind, und Rassen- oder sonstiges Kollektivbrimborium sowieso. Mit heutigem Bewusstsein, so unideologisch wie möglich, und so ideologisch wie unvermeidlich, kann man es vielleicht folgendermaßen erklären: Man konn- te damals fühlen, wie glücklich Menschen sein können, wenn sie sich als Menschheit empfinden, wie schön die völlige Übereinstimmung mit der Welt ist, diese uralte Sehnsucht, die sich seit Kain und Abel groteskerweise in dem Satz »Alle Menschen werden Brüder« erfüllen wollte.

Eine weltgeschichtliche Sekunde lang war es spontan der Fall: sie waren Brüder in der Trauer, Brüder im Schmerz, aber eben Brüder – die Seelen der geschockten Menschen schwangen also im Rhythmus der Ode an die Freude.

Dieses Glück, und nicht die grelle Sonne war es, das in den Tränen irgendwie glitzerte. Der Weltgeist war herabgestiegen sogar in die Niederungen des Boulevards, und ich empfand, ohne es zu verstehen, Eifersucht auf die hellen, sonnigen Pastellfarben einer Jugend, die nicht meine war, obwohl ich, das Kind, jünger war als sie: aber die Trauernden und die sich Tröstenden, alle, alle Menschen waren jung damals, so jung wie der ermordete Präsident gewesen war, sogar meine Großeltern waren in einem ge- schichtlichen Sinn jünger als ich, einfach deshalb, weil damals alle rechtsfähigen Generationen sich gleichsam zu einer einzigen jungen Generation zusammengefasst hat- ten, um eine neue Welt aufzubauen – in die ich erst hineinwachsen sollte.
Sachlich, soweit man das überhaupt so sagen kann, hält dieser Befund natürlich der Wirklichkeit nicht stand. Ich sehe in meiner Erinnerung meine Mutter mit ihrer amerikanischen Brille, höre sie sagen, dass »Kennedy uns den Weltfrieden hätte bringen können«. Das stimmte schon damals nicht, auf dem Stand der Erfahrungen meiner kleinen Nachgeborenenwelt, weil das Kind, das ich war, natürlich glaubte, ohnehin in Friedenszeiten zu leben, und es stimmt auch und erst recht retrospektiv nicht, weil Kennedy der amerikanische Präsident war, der den Vietnam-Krieg begonnen hatte, was die Adepten des Kennedy-Mythos bis heute ausgeblendet, und sogar die Johnson und Nixon bekämpfenden Kinder vergessen haben.
Ich kann mich sehr gut daran erinnern, wo ich mich ge- rade befunden und was ich just in dem Moment getan hat- te, als ich von den Ereignissen des 11. September erfuhr.

Davon zu erzählen wird allerdings schon dadurch verkompliziert, dass ich nicht weiß, mit welchem 11. September ich beginnen soll. Diese Gespaltenheit deutet bereits an, dass ich die spontane Übereinstimmung mit einer sich zivilisiert nennenden Welt und die noch im Schock so schöne Einigkeit mit einer menschlichen Menschheit verloren hatte, just als ein weltgeschichtliches Ereignis diese Reak- tion mir in meinem Erwachsenenleben nahelegen sollte.

Die Idee einer letztlich verbindlichen, sich geschichtlich durchsetzenden Einigkeit in Hinblick auf Frieden, Rechtszustand, Freiheit in Sicherheit, überhaupt auf alle zivili- satorischen Werte, war erschüttert und nur erschüttert, statt sich eben in dieser Erschütterung erst recht und noch einmal zu beweisen. »Ich« kann bekanntlich jeder sagen – aber just das ist heute nichts Verbindendes mehr.
Ich beginne mit dem 11. September, an den auch Sie denken, wenn dieses Datum angesprochen wird: Am 11.

September 2001 befand ich mich im Zentrum des Geschehens – also nicht in New York oder Washington, sondern dort, wo das, was an einem singulären Ort der Welt passiert, erst seine weltweite Präsenz bekommt:
Ich saß in einem Fernsehstudio. Und wenn man anerkennen muss, dass die mediale Realität nachhaltiger ist als die lokal beschränkte, jeweils physische Wirklichkeit, dann ist es weder Zynismus noch Egozentrik, wenn ich sage, dass ich beim Attentat auf das World-Trade-Center in New York vor meinen eigenen Augen durch dieses Attentat ausgelöscht wurde. In meiner Lebensrealität war ich in Mainz, live aber war ich im Fernsehen, um ein Interview für einen deutschen Kultursender zu geben. Seitlich befand sich ein Monitor, auf dem ich mich selbst sah und aus den Augenwinkeln kontrollieren konnte, ob die Kamera gerade auf mich oder auf die Moderatorin gerichtet war, die das Gespräch mit mir führte. Es ging um meinen neuen Roman "Die Vertreibung aus der Hölle" und wir sprachen gerade davon, dass die Inquisition als historisches Paradigma für den Terror gelten kann, wie er zwangsläufig totalitären Gedankengebäuden entspringt, als auf einmal, just in diesem Augenblick, Unruhe im Studio aufkam. Ich sah das hochirritierte Gesicht der Moderatorin vor mir, sah mich selbst mit erstauntem und fragendem Gesichtsausdruck im Monitor, die Moderatorin stellte noch eine Frage und ich zuckte ratlos mit den Achseln, was, wie mir jetzt nachträglich scheinen will, auf dem Bildschirm so aussah als wollte ich den Kopf einziehen. In diesem Moment begann ich zu zucken und zu flimmern, nicht wirklich natürlich, sondern nur meine Ausstrahlung, mein Bild brach auf dem Monitor weg, »ich« war in meiner Livesituation ausgelöscht, und stattdessen waren nun die Türme des World-Trade-Centers auf dem Bildschirm zu sehen, der Rauch, der aus einem Turm herauswallte, und da auch schon das Flugzeug, das in einem Bogen, als hinge es an einer Schnur, die unsichtbar von einem Tricktechniker wie ein Lasso geschwungen wurde, auf den zweiten Turm zuflog. Ich dachte im ersten Moment, dass ein vorbereiteter Beitrag über einen neuen amerikanischen Katastrophenfilm zu früh eingespielt wurde, und fühlte mich am Boden zerstört. Doch da standen schon alle in diesem Studio beschäftigten Menschen vor dem Monitor, der Tontechniker ließ den Galgen mit dem Mikrophon fallen, unter dem ich gesessen hatte, und der mich um Haaresbreite verfehlte. Aber das spielte schon keine Rolle mehr, weil ich ohnehin nur noch physisch anwesend war, in Mainz, an einem Ort, wo überhaupt nichts passierte, außer dass das, was ganz woanders geschah, nun auch hier, so wie überall auf der Welt zu sehen war und auch von hier in die Welt hinausging.


Menasse, Robert
Robert Menasse, geboren 1954 in Wien, studierte in Wien, Salzburg und Messina Germanistik, Philosophie und Politikwissenschaft und wurde 1980 mit der Arbeit »Der Typus des Außenseiters im Literaturbetrieb« zum Dr. phil. promoviert. Von 1981 bis 1988 lehrte er an der Universität
São Paulo in Brasilien, 1999 verbrachte er drei Monate als Writer in Residence in Amsterdam. Seit 2011 kuratiert er ein Writer-in-Residence-Programm in der one world foundation in Sri Lanka. Seine Werke wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt und mit vielen bedeutenden Preise bedacht. Zuletzt erschienen: "Die Lebensentscheidung, Novelle" (Suhrkamp 2026).
Robert Menasse lebt als freier Schriftsteller und (politischer) Essayist in Wien.



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