Wie unsere Weltordnung ins Wanken gerät
Buch, Deutsch, 283 Seiten, Format (B × H): 124 mm x 192 mm, Gewicht: 328 g
ISBN: 978-3-948608-55-2
Verlag: Brumaire Verlag GmbH
Im Jahr 1768 legten in Sunderland massenhaft Seeleute ihre Arbeit nieder. Sie forderten bessere Arbeitsbedingungen und strichen demonstrativ die Segel. Vom englischen »striking the sails« leitet sich unser heutiges Wort »Streik« ab. Die Zeitgenossen hingegen sprachen von einer »Meuterei«.
Seitdem hat der Kampf für soziale Gerechtigkeit Höhen und Tiefen durchlaufen. Heute, da sich unsere Weltordnung im Umbruch befindet, lebt er in verschiedenen Gestalten und an weit entfernten Orten wieder auf. Peter Mertens lässt die Kämpfenden zu Wort kommen und bietet so einen neuen Blickwinkel auf unsere Gegenwart. Im Mittelpunkt steht dabei die Hoffnung, dass die Meuterer des Nordens und die Meuterer des Südens einander die Hände reichen – für eine echte demokratische, soziale und ökologische Wende.
Zielgruppe
Für Politikinteressierte, die den (geo)-politischen und wirtschaftlichen Umbruch verstehen wollen.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Stimmen zu Meuterei
Danksagungen
Vorwort: Die linke Bewegung muss kämpfen und gewinnen wollen
Kapitel 1: Unruhe-Sommer
Kath
Essen
Cargill
Die 200-Milliarden-Männer
Preise und Gewinne
Kapitel 2: Rezessionstherapie
Die Ever Given
Thatcher
Schulden
Banken und Schattenbanken
Austerität 2.0
Kapitel 3: Von der Energiewende zum Handelskrieg
Liam
Der weiße Glockenvogel
Der eine die Industrie, der andere die Bank
Der Neoliberalismus ist tot, richtig?
Von der Energiewende zum Handelskrieg
Die Entführung von Europa
Kapitel 4: Meuterei
Brasilia
Der Geist von Bandung
Bruchstellen
Die doppelte Meuterei
Bazazo und der Dollar
Gamechanger
Kapitel 5:
Es hätte auch anders kommen können
Die Kornkammer
Bachmut
Wlad und Guy
Der russische Bär
Es hätte auch anders kommen können
Das Jahr 1962
Kapitel 6: Stimmen unter Deck
Die Kapitäne und das Unterdeck
Meuterei als Metapher
Vorwort: Die linke Bewegung muss kämpfen und gewinnen wollen
Nach der Veröffentlichung auf Niederländisch, Französisch, Englisch und Spanisch erscheint Meuterei jetzt auch auf Deutsch. Ich bin sehr glücklich darüber und möchte mich beim Brumaire Verlag dafür bedanken. Um in die deutsche Ausgabe einzuleiten, habe ich drei Worte mitgebracht, die mir wichtig sind: Selbstbewusstsein, Klasse und Internationalismus.
1. Selbstbewusstsein
»Aus Europa?«, fragten sie voller Mitleid. Die Teilnehmenden an der Konferenz »Dilemmas of Humanity« in Johannesburg sorgten sich. Ich war zu Gast in Südafrika, um mein Buch Meuterei vorzustellen. Ich war verblüfft. Menschen, die von der Bolsonaro-Regierung in Brasilien verfolgt wurden oder noch immer von Modis rechter Regierung in Indien oder dem aktuellen Regime in Tunesien verfolgt werden, klopften mir aufmunternd auf die Schulter: »Europa, hm, mit all dem Rechtsextremismus.«
»Meiner Meinung nach ist das Hauptproblem in Europa nicht der Rechtsextremismus«, antwortete ich. »Ich denke, das Problem Nummer eins liegt beim Selbstbewusstsein der Linken.« Schluss mit Versammlungen unter Linken, bei denen man sich gegenseitig in eine kollektive Depression hineinredet. Schluss mit dem Gejammer darüber, wie schwach die Linke und wie stark die Rechte ist. Die Linke muss es wagen, aus der Stärke ihrer Überzeugungen heraus zu sprechen.
Die Klimakatastrophe, die Nahrungsmittelkrise, die erdrückenden Schuldenkrisen, wirtschaftliche und militärische Kriege, Ausbeutung und globale Ungleichheiten erschüttern unseren Planeten. Der Kapitalismus kann keinen Ausweg aus den großen Herausforderungen bieten, vor denen wir stehen. Das kann nur der Sozialismus. Die Menschen wollen Teil der Welle der Geschichte sein. Mehr noch: Die Menschen wollen und können diese Welle selbst erzeugen. Nicht einfach nur ein Komma anders setzen, sondern die Welt verändern. Das muss die linke Bewegung zeigen. Sie muss bereit sein, zu kämpfen, bis sie gewonnen hat, und sie muss wirklich gewinnen wollen.
2. Klasse
Wer baut die Stühle, die Häuser, die Schiffe? Wer baut die Handys, Elektroautos und Halbleiter zusammen? Wer baut das Lithium ab? Wer hält die Gesellschaft am Laufen? Unsere Gesellschaft war noch nie so industrialisiert wie heute. Als Karl Marx und Friedrich Engels das Kommunistische Manifest schrieben, war die Arbeiterklasse eine kleine Minderheit, selbst in Europa. Im Jahr 1848 waren weniger als 1 Prozent der Weltbevölkerung Industriearbeiter. Bis 1950 war diese Zahl auf 15 Prozent gestiegen, und heute sind es etwa 33 Prozent. Einer von drei Menschen auf der Welt arbeitet in der Industrie oder in zugehörigen Sektoren. Die Vergesellschaftung der Arbeit war nie höher.
Warum sollten wir die Arbeiterklasse den Trumpisten, Bolsonaristen, Voxianern oder anderen rechtsextremen Rattenfängern überlassen? Die Arbeiterklasse ist unsere Klasse. Unser Standpunkt ist ein Klassenstandpunkt, unverhohlen und stolz. Unser Modell für die Gesellschaft ist die Befreiung der Arbeit durch den Sozialismus.
Diejenigen, die keine ökonomische Analyse mehr durchführen, driften immer weiter ab. Es gibt Bewegungen, die sich nicht trauen, von der Arbeiterklasse zu sprechen. Sie murmeln etwas von der »Mitte« oder einer sogenannten »Mittelklasse«. Weg ist die Klassenanalyse, weg ist die Produktion, weg ist der Arbeitsplatz, weg sind die Heldinnen der Covid-Krise. Und sind einmal alle Klassenwidersprüche ausgeblendet, finden verschiedenste Identitätsdebatten Eingang in den herrschenden Diskurs. Alle möglichen echten und erfundenen Widersprüche werden aufgeworfen, und ehe man sich versieht, schreien einfache Leute einander an.
Ja, wir bekämpfen Rassismus, ja, wir bekämpfen Sexismus, ja, wir benennen jede Form der Ausgrenzung. Aber wir tun dies immer aus der Perspektive, dass die Schlagkraft und die Einheit der Arbeiterklasse gestärkt und gefestigt werden muss. Eine gespaltene Arbeiterklasse kann nicht gewinnen. Sie konnte es nie und kann es auch heute nicht.
3. Internationalismus
In den 1960er und 70er Jahren besetzten Studierende Universitäten, um gegen den Vietnamkrieg und den US-Imperialismus zu protestieren. In den 1980er Jahren besetzten Studierende Universitäten, um gegen die Apartheid in Südafrika zu protestieren. Heute protestieren Studierende auf der ganzen Welt gegen den Völkermord, den Israel begeht, gegen die Straflosigkeit und den Doppelstandard. Jedes Mal wurden die Studierenden geschmäht, attackiert und verurteilt. Aber jedes Mal hatten sie recht und haben sie am Ende gewonnen. Dies ist der Vietnam-Moment einer neuen Generation, die weiß: »Niemand kann frei sein, solange Palästina nicht frei ist.«
Für Palästinenser scheint internationales Recht nicht zu gelten. Palästina ist zum Symbol des Doppelstandards geworden. Als Russland die Ukraine überfiel, wurde sofort ein wirtschaftliches und militärisches Embargo gegen Moskau verhängt. Doch es gibt nicht das geringste wirtschaftliche oder militärische Embargo gegen Israel. Die EU bleibt bei ihrem Assoziierungsabkommen mit Israel, das den Israelis vollen Zugang zu europäischer Technologie, Wissenschaft und Universitäten gewährt. Die USA und Deutschland liefern die Bomben, mit denen Gaza ins Mittelalter zurück bombardiert wird.
Es ist die alte Weltordnung, die unter Gewalt und Krieg zu zerbrechen beginnt. Von Jakarta bis Brüssel, von London bis Johannesburg und von Istanbul bis Washington macht sich eine neue Generation für Palästina stark. Millionen von Menschen gehen für Frieden, Brot und Gerechtigkeit auf die Straße. Das eröffnet eine neue Perspektive.
Die linke Bewegung muss von der Stärke ihrer Überzeugungen ausgehen, ein unverhohlenes Selbstbewusstsein aufbauen, sich stolz auf die Arbeiterklasse stützen und eine internationalistische Politik der Befreiung verfolgen. Nur dann werden wir in der Lage sein, die Welt in die demokratische, ökologische und soziale Richtung zu lenken, die der Planet und die Menschheit so dringend brauchen – in Richtung Sozialismus.
Peter Mertens, Antwerpen, 31. August 2024




