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Buch, Deutsch, 576 Seiten, gebunden, Format (B × H): 126 mm x 187 mm, Gewicht: 504 g
Buch, Deutsch, 576 Seiten, gebunden, Format (B × H): 126 mm x 187 mm, Gewicht: 504 g
ISBN: 978-3-0369-5090-7
Verlag: Kein + Aber
Laure ist Doktorandin an der Sorbonne in Paris – selbstbewusst, charmant und rebellisch. Erica, die noch versucht herauszufinden, wer sie ist, entscheidet sich für einen Auslandsaufenthalt in Frankreich. Schon bei der ersten Begegnung vor Sacré-Cœur springt der Funke über, und die beiden beginnen eine Affäre, geprägt von Eifersucht und Anziehung.
Der Sommer vergeht, Erica und Laure verlieren sich aus den Augen, doch die Erinnerung an die gemeinsame Zeit bleibt und führt die beiden über vier Jahrzehnte hinweg immer wieder zueinander. Erica geht zurück nach England, heiratet, wird Mutter und ringt mit einer Schreibblockade, während Laure mit politischen Umbrüchen und persönlichen Herausforderungen zu kämpfen hat. Mit jeder erneuten Begegnung müssen sich die beiden Frauen die Frage stellen, ob sie sich damals richtig entschieden haben. Eine Geschichte über die Leben, die wir fast gelebt hätten.
Weitere Infos & Material
»Aber dieses einzigartige Ganze, meine persönlichen Erfahrungen mit ihrer Folgerichtigkeit und ihren Zufällen [??…??], all die Dinge, von denen ich erzählt habe, andere, die ich verschwiegen habe – das alles wird niemals wiederauferstehen.« – Simone de Beauvoir
TEIL EINS
1978??–??1979
»Die Liebe auf den ersten Blick wird immer in der einfachen Vergangenheit ausgesprochen. [??…??] Das Bild verträgt sich gut mit dieser temporalen Illusion: deutlich, überraschend, sauber gerahmt, ist es bereits (noch, immer nur) Erinnerung (das Wesen der Fotografie besteht nicht darin darzustellen, sondern wieder in Erinnerung zu rufen) [??…??] die[se] Szene hat [die] Großartigkeit [eines Zufalls]: ich erstaune unaufhörlich, die Gelegenheit gehabt zu haben: dem begegnet zu sein, der meinem Verlangen entgegenkommt …«
Aus: Fragmente einer Sprache der Liebe von Roland Barthes
Kapitel eins
Sie begegneten sich auf den Stufen von Sacré-Cœur unter einem Himmel von einem so intensiven und gleichmäßigen Blau, so makellos, dass man meinen konnte, ein Maler habe den Horizont lichtblau überpinselt, ohne jede Schattierung oder Schliere und dennoch zweifelsohne eine Übermalung. Vielleicht erschien er auch nur so blau gegen die Kuppeln von Sacré-Cœur, die ebenfalls wie arrangiert wirkten, Scherenschnitte aus jungfräulich weißem Papier, die auf den perfekten Himmelsgrund gelegt worden waren.
Laure saß auf der linken Treppe, sie las und rauchte, die langen Beine hatte sie vor sich ausgestreckt, die vorzeitig ergrauenden Haare fielen ihr in das schmale Gesicht. Erica kam näher, der Aufstieg über die kopfsteingepflasterten Gassen von Montmartre hatte sie ins Schwitzen gebracht, ihr Polyesterrock mit dem großen Blumenmuster warf Falten und klebte an ihren Oberschenkeln. Sie schwört, es sei die rechte Treppe gewesen, in ihrer Erinnerung hat sie sich nach links gedreht, um hinauf zu der sich scharf gegen den Himmel abzeichnenden Kuppel zu blicken. Rauch in ihren Augen, ein unwillkürlicher Anflug von Gereiztheit, die ihr in Paris nicht guttat. Jede von ihnen erinnert sich anders daran, aber in einem sind sie sich einig: Es war Erica, die zuerst lächelte und sagte –
***
»Bonjour.«
Selbst an ihren besten Tagen lächelte Laure kaum. Sie war verkatert, und der Fußmarsch zu diesem Leseplätzchen in der brütenden Julihitze war eine Strafe, von der sie sich erst wieder erholen musste, ein Bußgang für die Sünden der vergangenen Nacht. Sie hatte nicht erwartet, einem Engel auf den Stufen der Basilika zu begegnen, wo sie nichts weiter hatte tun wollen als lesen, Leute beobachten und sich im Stillen über die Touristen aufregen, die in Scharen in ihre Stadt einfielen. Doch als sie den Kopf hob, stand dieses unglaublich schöne Mädchen vor ihr. Lange kastanienbraune Haare, gebräunte Haut, die weit auseinanderstehenden Augen mit dem misstrauischen Blick eines scheuen Rehs erinnerten an Marie Laforêt. Rasch und ohne sich dessen bewusst zu sein, fällte Laure ihr Urteil. Eigentlich bestand sie darauf, dass sie keinen großen Wert auf Äußerlichkeiten legte. Alles an ihr sollte das unterstreichen, von dem Männerhemd bis zu der zu kurzen grauen Hose. Ihre strähnigen Haare rochen nach Bier und Rauch, und dennoch fiel ihr die Nervosität im Gesicht des Mädchens auf, als sie es noch einmal versuchte, mit stärkerem Akzent, vorsichtiger, und ihr war klar, dass diese Touristin gerade das erlebte, was Michel als ihr ravissement bezeichnete, Laures starke und ein wenig furchterregende Ausstrahlung, wie bei einem Wolf, der ein Beutetier in die Enge trieb.
»Bonjour.«
»Hi.«
»Je m’appelle Erica.«
Laure hob die Augenbrauen. »Laure. Engländerin?«
»Ja«, sagte das Mädchen und sank leicht in sich zusammen, enttäuscht, aber gleichzeitig erleichtert. Und dann, mit einem Anflug von Trotz: »Französin?«
Jetzt lächelte Laure. »Pariserin.«
Sie konnte Touristen nichts abgewinnen und Engländern schon gar nicht, aber dieses Mädchen fand sie hinreißend. Wie alt mochte sie sein? Siebzehn? Ihre Haut hatte diesen unverkennbaren goldenen Schimmer, der von Jugend und Gesundheit herrührte, echter Gesundheit, wenn man an der frischen Luft spazieren ging, gut schlief, viel Gemüse aß und keinen Alkohol trank. Laure tat nichts davon, außer lange Strecken zu gehen, wenn sie sich selbst bestrafen wollte. Ihre ungewöhnlich schlanke, leicht gekrümmte Gestalt verdankte sie dieser häufigen Buße und ihrem Vater, der Butter aß, als wäre es eine Sünde, die Butterdose nicht bis zum letzten Rest auszukratzen, und gebaut war wie ein Windhund. Ihre Figur verlieh ihr etwas Besonderes – jene Entrücktheit, auf die Michel anspielte –??, aber Laure wusste, dass sie zu viel rauchte, zu viel trank, zu wenig Gemüse aß oder überhaupt etwas anderes als Brot und Butter. Auf ihrer Haut sprossen Pickel, wenn sie ihre Tage hatte, besonders ihr Kinn war davon übersät, und im Morgenlicht sah ihr Gesicht grau aus.
Sie schob sich die Brille aufs Kinn, eine Gewohnheit, die sie ebenfalls ihrem Vater verdankte, und betrachtete das Mädchen genauer.
»Je suis ravie de vous rencontrer.«
»Nein«, sagte Laure. »Man sagt enchanté . Oder ravie .«
»Ravie«, wiederholte Erica, und zwischen ihren Lippen blitzten weiße Zähne und eine kätzchenhafte rosa Zungenspitze hervor. Laure fuhr sich mit ihrer belegten Zunge über die belegten Zähne, nahm einen Zug von der Selbstgedrehten und stieß den Rauch aus. Erica rümpfte die Nase, und Laure wusste, dass nicht viel fehlte, und sie hätte gehustet und mit der Hand gewedelt.
»Deine Aussprache ist zu verkrampft. Du darfst die Worte nicht festhalten.«
»Ihr Englisch ist gut.«
Laure zuckte mit den Schultern. Natürlich .
»Entschuldigen Sie die Störung.« Ihre Stimme klang wohlerzogen, akzentuiert. Vielleicht passte die förmliche Anrede doch besser zu ihr. Sie war niedlich.
»Es ist nur so, dass ich Sie lesen gesehen habe, und normalerweise mache ich so etwas nicht, aber es ist heiß, und wir sind in Paris, oder?« Sie lachte albern, und Laure kam der Gedanke, dass sie ein kluges Mädchen vor sich hatte, dem man beigebracht hatte, es sei besser, schön zu sein statt klug.
Das Mädchen zog seine Tasche nach vorne, ein Tornister aus steifem hellbraunem Leder, wie ihn ein Schuljunge mit sich herumtragen würde. Laure sah zu, wie sie sich mit den Schnallen abmühte. Die Riemen waren völlig glatt – das Ding war nagelneu. Ein Geschenk? Es passte nicht zu ihrem fließenden Rock, dem Bardot-Oberteil – war das Mullstoff? –??, genau genommen passte überhaupt nichts davon. Es war eine Kostümierung, etwas, das sie angezogen hatte, um durch Paris zu schlendern und Dinge zu tun, die sie normalerweise nie tun würde. Ihre Nägel waren nicht lackiert.
Schließlich gelang es ihr, ein Buch aus der Tasche zu zerren, eine ungeschickte Enthüllung, die zu lange dauerte, aber schließlich förderte sie eine Ausgabe von Fragmente einer Sprache der Liebe aus der Collection »Tel Quel« zutage, genau die gleiche, die Laure zwischen ihren schwieligen Fingerspitzen hielt. Auf Laures Exemplar prangten eingetrocknete Ränder von Weingläsern, Spuren hektisch blätternder Finger, der Rücken war gebrochen, die Bindung locker, die vielen Eselsohren machten es dicker. Ericas hingegen war makellos, als wäre es noch nie aufgeschlagen worden, auch wenn nach dem ersten Drittel eine Metrofahrkarte zwischen den Seiten steckte.
»Ganz ehrlich, ich dachte schon, ich bin verrück. Angeberisch, verstehen Sie, dieses Buch zu kaufen und dann auch noch in aller Öffentlichkeit zu lesen. Die Buchhändlerin hat es mir aufgeschwatzt. Aber dann habe ich Sie lesen und rauchen sehen und musste lachen …??« Erica verstummte, weil ihr klar wurde, dass das beleidigend gewesen war, wobei sie nicht wusste, dass Laure gerne beleidigt wurde. »Ich dachte nur, wenn eine echte Pariserin so etwas macht, kann ich es auch.«
»Welche Buchhandlung«, fragte Laure in dem Wissen, dass es nur Shakespeare and Company sein konnte.
»Le Divan.«
Laure ließ sich ihre Überraschung nicht anmerken. »Meine Freundin arbeitet dort.«
»Ach. Vielleicht war sie es ja. Dunkle Haare?«
»Nein. Blond.«
»Ah.« Erica zögerte. »Ich hoffe, Sie haben nichts dagegen …« Sie kramte in ihrer Tasche und zog eine Kamera heraus, eine kompakte Canon AE-1 mit schwarzem Objektivdeckel. »Ich habe von dort hinten ein Foto gemacht, weil Sie so französisch aussehen. Genau, wie ich mir das vorgestellt habe.«
Laure zuckte nicht mit der Wimper.
»Ich hoffe, Sie haben nichts dagegen«, wiederholte Erica. »Ich kann den Film vernichten, wenn Sie wollen.«
Laure ließ ihren Blick langsam von Ericas Gesicht bis zu der Kamera in ihrer Hand gleiten und wieder zurück, sie wusste, dass Erica erröten würde, und das tat sie auch, auf entzückende Weise von den zarten Schlüsselbeinen bis zu den runden Wangen. Laure zuckte mit den Schultern, als sei es ihr egal, als sei sie es gewohnt, dass Leute ungefragt Fotos von ihr machten. »Zum ersten Mal in Frankreich?«
»Und in Paris! Na ja, natürlich auch in Paris. Überhaupt zum ersten Mal irgendwo außerhalb von England. Ich war in London, im British Museum und in der National Gallery, aber mir war klar, dass ich mich nicht als Kunstliebhaberin begreifen kann, bevor ich nicht in Paris gewesen bin. Ich war schon im Louvre und im Petit Palais. Dann ist da natürlich noch das Centre Pompidou, aber da gehe ich erst morgen hin. Weil heute so schönes Wetter ist, dachte ich, ich mache einen Spaziergang zu Sacré-Cœur, besichtige die Kirche, setze mich ins Gras und schaue mir die Stadt von hier oben an. Ich wohne am Rive Gauche, und es war weiter, als ich dachte, und heißer.«
Um ihre Worte zu unterstreichen, fächelte sie sich Luft zu, und der Kamerariemen schlug gegen ihre Wange. Sie errötete noch stärker. Laure fragte sich, wie sie nackt aussehen mochte.
Sie verzog das Gesicht zu einem schwachen Lächeln und schob ihre Brille zurück auf die Nase. Es war als Hinweis gedacht, dass das Gespräch beendet war, und sie war froh, als das Mädchen an ihr vorbeiging und weiter die Treppe zur Kirche hinaufstieg, und gleichzeitig war sie enttäuscht, als mit ihr auch ihr Geruch verschwand – ein süßer mädchenhafter Duft, wie man ihn in der Apotheke kaufen konnte –??, und sie drehte den Kopf, um Erica nachzusehen, wie sie vom Strom der Kirchenbesucher verschluckt wurde.
***




