Buch, Deutsch, Band 4, 244 Seiten, GB, Format (B × H): 175 mm x 246 mm, Gewicht: 650 g
Reihe: Reihe 21
21 Persönlichkeiten aus dem Pfarrhaus
Buch, Deutsch, Band 4, 244 Seiten, GB, Format (B × H): 175 mm x 246 mm, Gewicht: 650 g
Reihe: Reihe 21
ISBN: 978-3-9524666-2-9
Verlag: Praxis Hokairos
Der Kolumnist Peter Rothenbühler ist eines und auch die Radiomoderatorin Regi Sager. Der ehemalige TV-Mann und heutige Rockmusiker Heinrich Müller gehört dazu und ebenso die Heilerin Renée Bonanomi. All diese Persönlichkeiten sind in einem reformierten Pfarrhaus gross geworden und teilen damit zumindest in den ersten Lebensjahren einen ähnlichen Lebensentwurf – eben denjenigen des Pfarrerskindes. Sie und alle anderen in diesem Buch Vorgestellten haben sich jedoch aus der «religiösen Anlaufstelle ihres Dorfes» gelöst und sich eine eigene Biographie zugelegt. Hier schildern sie, wie sie das elterliche Pfarrhaus und den Beruf des Vaters oder auch einmal der Mutter erlebt haben und was das mit ihnen gemacht hat. Ausserdem berichten sie ausführlich aus ihrem Leben und schrecken auch nicht vor der Frage nach dem eigenen Glauben zurück. Entstanden sind so 21 eindrückliche und zum Teil äusserst persönliche Porträts über bekannte und weniger berühmte Persönlichkeiten aus dem Pfarrhaus.
«Ein Buch, das aufzeigt, dass ein ähnliches Aufwachsen zu mannigfachen Lebenswegen führen kann, gerade auch im religiösen Bereich.»
Weitere Infos & Material
Einleitung 7
Walter Angst – Kommunikationsverantwortlicher des Mieterverbands 15
Ernst-Martin Barck – Betriebssanitäter 25
Renée Bonanomi – Heilerin 33
Richard Broadnax – Gospelsänger 43
Ronja Dobler – Schülerin 55
Ueli Dubs – Umtriebiger Finanzfachmann 65
Stephanie Gysel – Fachfrau Vorschulzeit 77
Stephan Hostettler – Flight-Attendant 87
Regula Kaeser-Bonanomi – Keramikerin 97
Andreas Leupin – Physiker 107
Mirjam Leupp – Mutter & Physiotherapeutin 117
Bernhard Mathes – Müllmann 127
Stefan Mathys – PR-Berater 137
Rudolf Meyer – Organist im Unruhestand 147
Heinrich Müller – Rockmusiker 161
Niki Reiser – Filmkomponist 173
Peter Rothenbühler – Kolumnist 183
Alfred Ruhoff – Pensionierter Psychiater 193
Regi Sager – Radiomoderatorin 203
Ilona Sieber – Beziehungsarbeiterin 213
Maude Vuilleumier – Szenografin 223
Dank 231
Glossar 232
Anmerkungen 238
Weiterführende Literatur 242
Informationen zur Reihe 21 243
Ich befand mich am Abschluss eines anderen Buches, als sich in mir das vorliegende Werk anzukünden begann. Sogleich war mir klar, dass das Produzieren desselbigen auch mit der Verarbeitung meiner eigenen Geschichte zu tun hatte, schliesslich bin ich ebenfalls in einem Pfarrhaushalt gross geworden, wenn auch nicht in einem klassischen, wenn man darunter einen direkt neben der Kirche befindlichen versteht. Obwohl das Haus, das wir als Pfarrfamilie bewohnt hatten, meinen Eltern selbst gehört, habe ich doch viele Merkmale des Aufwachsens in einem evangelischen Pfarrhaus im hergebrachten Sinne mitbekommen, als da wären: oft Besuch von fremden Leuten, ein zu Hause arbeitender Vater, eine ihn tatkräftig unterstützende Mutter, Mithilfe von uns Kindern bei Sekretariatsarbeiten, ruhig sein müssen über Mittag oder am Samstagabend, wenn Vater seinen Mittagsschlaf hielt oder die Predigt verfasste, unzählige Gottesdienstbesuche und damit quasi das beiläufige Mitbekommen von kirchlichen Ritualen, Liedern und gläubigen Menschen und deren Eigenarten. Ebenfalls grosses Gewicht hatte in meinen Augen der Umstand, dass jene mich zu kennen glaubten und ich mich deswegen nicht wirklich frei gefühlt hatte. Zumindest war klar, dass es sich bei meiner Person um den Ältesten des Pfarrers handelt, auch wenn diese Beschreibung ja primär noch nichts über mich als Menschen, sondern, wenn überhaupt, bloss etwas über meine Rolle aussagte. Störend fand ich sie trotzdem beziehungsweise eben gerade deswegen.
Um dem zu entgehen, machte ich mich früh dazu auf, in die Stadt zu gehen und dort das Gymnasium zu besuchen, doch auch da blieb ich natürlich Pfarrerssohn. Und nach der Matur hatte ich mich sogar im selben Studium eingeschrieben wie damals mein Vater, und jenes nach einigen Irrungen und Wirrungen auch abgeschlossen. Befriedigung ob meiner Berufswahl wollte sich bei mir jedoch nicht einstellen, auch nicht nach dem Ergreifen meiner ersten Pfarrstelle mit Hörbehinderten und Gehörlosen im Kanton Bern. Irgendwie schien ich für diesen Job wie nicht geschaffen zu sein, weshalb ich krank wurde und nach dem vertraglich vereinbarten Jahr freiwillig aus dem kirchlichen Dienst ausschied, um zunächst in einem Restaurant mein Geld zu verdienen, bis mir klar wurde, dass mir das Arbeiten mit Spiritualität eben doch am Herzen liegt, einfach nicht in der bekannten und althergebrachten Form – eben in der Ausübung eines Pfarramtes –, sondern eher durch einen ureigenen Weg:
Jener sah zunächst so aus, dass ich die Ausbildung zum Geistigen Heiler bei der ebenfalls in diesem Buch porträtierten Heilerin Renée Bonanomi absolvierte und danach wusste, dass das Heilen fortan mein Leben begleiten würde. Nach der Arbeit als Verkäufer von Outdoor-Artikeln machte ich mich deswegen als freischaffender Theologe und Geistiger Heiler selbständig. Seither kommen immer wieder neue Projekte auf mich zu, wie beispielsweise das Erlernen und Ausüben von Fernbehandlungen, das Verfassen von Büchern oder auch das Abhalten von diversen Vorträgen und Leiten von Seminaren. Und auch heute ist mein Werdegang nicht abgeschlossen. Ständig will sich etwas Neues offenbaren und Altes vergeht. Grundsätzlich bleibe ich jedoch meiner Arbeit, welche ich vielleicht mit Ich arbeite mit Menschen und deren Vertrauen betiteln würde, treu. Und auch persönlich versuche ich, mich dieser vertrauensvollen Hingabe an Gott und das Leben stets hinzuwenden. Das ist das, was mich beglückt, sowie die Weitergabe desselbigen.
In diesem Buch bringe ich nun Leute zusammen, die in ihrer Kindheit einen ähnlichen Lebensentwurf erlebt haben, und schaue, beziehungsweise zeige, was daraus entstehen kann und darf. Natürlich müsste ein solches Vorgehen nicht zwangsläufig auf Söhne und Töchter von Pfarrerinnen und Pfarrern beschränkt sein, schliesslich hatten Kinder von Lehrerinnen und Lehrern früher eine ähnliche öffentlich Rolle inne, vielleicht sogar auch Kinder von Ärzten. Mit dem Niedergang der Bedeutung der genannten Berufe geht aber sicherlich auch eine Abnahme der Rolle und/oder der Sonderstellung des Nachwuchses von Doktoren, Lehrern oder eben Pfarrern einher. Und auch wenn sich das Verständnis der Kirche und jenes der Pfarrersfamilie im Dorf gewandelt hat, hält sich das Klischee, dass Töchter oder Söhne von Pfarrern irgendwie anders sind oder sein müssten, trotzdem hartnäckig. Dem wollte ich eingehender auf den Grund gehen.
Ob dem bei Kindern von Pfarrerinnen ebenfalls so wäre, konnte aus mehreren Gründen nicht verifiziert werden. Einerseits ist es Frauen in der Schweiz erst seit zirka einhundert Jahren erlaubt, evangelische Theologie zu studieren. Insofern dürfte es also noch nicht allzu viele Kinder von Pfarrerinnen geben. Zweitens gehe ich davon aus, dass die Rolle einer Theologin von der Gemeinde, der Gesellschaft und der Kirche stets leicht anders interpretiert worden ist und auch weiterhin wird. Und drittens – und für dieses Buch am relevantesten – bin ich leider kaum an Koordinaten von Pfarrerinnenkindern herangekommen. Die in diesem Buch vorgestellte Ronja Dobler stellt die löbliche Ausnahme dar.
Was jedoch alle Vorgestellten verbindet, ist das – mehrheitlich eben noch – männlich-väterliche Thema: Glaube als Profession. «Welchen Beruf Pfarrerskinder auch ergriffen, die väterliche Berufung wurde für viele Herausforderung, Anspruch und Massstab zur Bewährung in einer Welt, die über sich hinausweist», wie Martin Greiffenhagen in seinem Buch Pfarrerskinder schön konstatiert. Der vorliegende Band versammelt darum Stimmen von Pfarrerskindern, die eine mehr oder weniger typische Pfarrhauserziehung erfahren haben. Erstaunlicherweise wird diese hier mehrheitlich positiv berichtet. Böses, schlechte Erfahrungen oder gar Abgründiges habe ich kaum vernommen. Stammt das jetzt daher, dass mir diejenigen, die solches hätten berichten können oder wollen, schon im Vornherein abwinkten, um nicht mehr an das Erlebte erinnert zu werden? Oder daher, dass es jenes nicht mehr gibt? Ich vermute ersteres.
Im Verlaufe meiner Recherchen bekam ich nämlich unzählige Absagen, die keinem klaren Grund zugeordnet werden konnten, oder gar keine Antwort auf meine Anfrage. Dass dem vermehrt so war, kann und will ich hauptsächlich darauf zurückführen. Natürlich lässt sich diesbezüglich nichts beweisen, mein Gefühl aber deutet in diese Richtung. Das zeigte sich beispielsweise auch bei der Bedenkzeit, die sich ausgesprochen viele Porträtierte für die Interviews ausbedungen hatten. Die Mehrheit benötigte einiges an Zeit und fällte danach ihren Entscheid. Spontane Zusagen kamen kaum vor. Und drei ursprünglich Vorgestellte zogen ihre Porträts im letzten Moment sogar zurück, was ebenfalls darauf hindeuten könnte, dass sie das Gesagte – aus welchen Gründen auch immer – nicht gedruckt sehen wollten.
Wie auch immer. Das Thema des Aufwachsens in einer Pfarrfamilie wirft auch anfangs des 21. Jahrhunderts hie und da noch hohe Wellen, obwohl man im Verlaufe der Säkularisierung der vergangenen Jahrzehnte doch davon ausgehen könnte, dass dem nicht mehr so sein müsste. Die Porträts, die es schliesslich in dieses Werk geschafft haben, berichten darum beinahe ausnahmslos von einem schönen, spannenden und reichen Aufwachsen im Kreise einer Pfarrfamilie, was allen, die es anders erlebt haben, ja auch Mut machen kann.
Die Auswahl meiner Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner trug sich wie folgt zu: Natürlich mussten die Porträtierten zwingend aus einem Pfarrhaushalt stammen. Bis auf eine Ausnahme, nämlich Richard Broadnax, der in den USA als Sohn eines Diakons aufgewachsen ist, habe ich dieses Kriterium auch eingehalten. Die Ausnahme erfolgte daher, weil ich Richard Broadnax' Aufwachsen als zu wichtig einstufe, um ihn unerwähnt zu lassen. Dann war es wünschenswert, dass meine Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner bezüglich Alter, Geschlecht und ausgeübten Berufen so heterogen wie möglich waren, weil meines Erachtens die Vielfalt gegenüber einer gewissen Homogenität um Welten interessanter ist. Ein weiteres Kriterium bei der Auswahl von Menschen für Pfaffkids betraf den Werdegang der interviewten Personen. Dieser sollte etwas hergeben, falls möglich sogar mit einigen Irrungen und Wirrungen gespickt sein.
Die Interviews mit den porträtierten Persönlichkeiten, die alle zwischen Juli 2013 und August 2014 stattgefunden haben, wurden mündlich geführt, und zwar meistens in deren eigenen Ra¨umen – entweder privat oder geschäftlich –, hin und wieder aber auch in einer Gartenwirtschaft, einem Restaurant, einem Sitzungszimmer oder auch einmal auf einer Krankenstation. Sie dauerten zwischen einer und dreieinhalb Stunden.
Alle Interviews wurden elektronisch aufgezeichnet, aufgrund dieser Aufnahmen transkribiert und danach auch bereits redigiert, immer aber mit dem Anspruch, sich ziemlich genau an den Inhalt und den Originalton der Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner zu halten. Als Autor war es mir wichtig, etwas vom Wesen, das ich beim Hören des Erzählten wahrgenommen hatte, dem Schriftlichen mitzugeben. Deswegen kann es vorkommen, dass der eine oder andere Satz leicht knorrig oder ungelenk daherkommen kann. Solche Sätze symbolisieren für mich jedoch eher die Eigenart der interviewten Person, denn schlechtes Deutsch. Es muss allerdings auch gesagt werden, dass die Sprache dieser transkribierten Interviews eine Kunstsprache ist, denn die 21 vorgestellten Personen haben selbstverständlich anders gesprochen als hier abgedruckt. Sie taten dies ausschweifender, sich wiederholend, sich widersprechend oder da und dort auch ein Thema umkreisend. Kurz, die Porträtierten haben erzählt, statt wohldurchdachte Reden gehalten. Hätten die Interviewten selber geschrieben, wären deren Worte natürlich in einem wohlklingenderen und korrekten Deutsch dahergekommen.
Mit einer Ausnahme wurden alle Interviews auf deutsch geführt. Das Gespräch mit Richard Broadnax, der zwar seit mehreren Jahren in der Schweiz lebt und auch mit einer Schweizerin verheiratet ist, sich im Deutschen aber nach wie vor unsicher fühlt, wurde in englisch abgehalten. Ebenfalls wurde es so protokolliert, redigiert und dem charismatischen Gospelsänger auch vorgelegt. Nach dessen Einverständnis wurde sein Interview dann ins Deutsche übertragen.
Die für die 21 Interviews benutzten Fragen lauteten von der Anlage her folgendermassen: • Wer sind Sie? Können Sie sich und Ihre Lebensumstände kurz beschreiben? • Wie sind Sie aufgewachsen? • Wie haben Sie Ihren Vater / Ihre Mutter wahrgenommen? • Was hat das mit Ihnen gemacht? • Hat sich der Beruf Ihres Vaters / Ihrer Mutter auf Ihre eigene Berufswahl ausgewirkt? Und wenn ja, wie? • Oder sogar auf Ihr Leben? Und wenn ja, wie? • Was würden Sie aufgrund Ihrer eigenen Erfahrung sagen: Gibt es dieses «besondere Aroma» des Pfarrhauses? • Hat sich Ihre Einstellung zu Leben und Glück im Laufe der Zeit gewandelt, insbesondere auch, seit Sie das Pfarrhaus verlassen haben? • Wie halten Sie es selbst mit der Religion? • Haben Sie eine Botschaft? Wenn ja, welche?
Je nach Gesprächsverlauf stellte ich obige Fragen so oder leicht variiert. Da und dort wurde von mir nachgebohrt oder auch einmal etwas weggelassen. Insgesamt folgte ich als Interviewer einfach dem Erzählfluss, hatte dabei aber immer auch die vorgenommenen Fragen und deren Reihenfolge im Blick.
All diese halbstandardisierten Interviews wurden den Porträtierten nach einer ersten Redaktion zum Gegenlesen, Ergänzen, Streichen oder auch Korrigieren überlassen, wovon einige regen Gebrauch gemacht hatten, andere ihre Worte in meiner Sprache wiederum mehrheitlich beliessen. So stimmten sie unter anderem auch den Titeln, die ich ihnen zwecks griffigen Bezeichnungen da und dort bewusst übergestülpt hatte, zu. Sie selbst benennen sich hie und da anders, wie mit Leichtigkeit eingangs jeden Interviews festgestellt werden kann.
Da zwischen der Fertigstellung und der effektiven Herausgabe dieses Buches einige Zeit verstrich, habe ich alle Porträtierten um den Jahreswechsel von 2016 auf das Folgejahr hin noch um ein Update gebeten, welches jedem Porträt hintangestellt wurde. Darin beschreiben die interviewten Personen mehr oder weniger ausführlich, was sich seit unserem Gespräch verändert hat. Einzige Ausnahme stellt hier die bereits erwähnte Ronja Dobler dar, welche zum Zeitpunkt des Interviews gerade mal sechs Jahre alt war. Da sich Meinungen und Erlebnisse in jungen Jahren meines Erachtens besonders schnell ändern können, besteht das Porträt der quirligen Schülerin nun eben aus zwei aufeinanderfolgenden Interviews, womit deren Entwicklung besonders gut eingesehen werden kann.
Nun bleibt mir nur noch, allen interviewten Menschen zu danken. Jeder und jedem bin ich von Herzen dankbar, durfte ich doch viel von ihnen lernen und gerade auch durch das mir Anvertraute an eigene Geschichten und Erlebnisse erinnert werden, was ich als unheimlich grosses Geschenk erachte, verblassen diese im Verlauf der Zeit doch meist ziemlich rasch. Und diese Gaben reiche ich hiermit gerne an Sie, liebe Leserin oder lieber Leser, weiter.
Matthias A. Weiss Richterswil, Ostern 2017




