Müller | Das tapfere Schneiderlein | Buch | 978-3-939322-61-0 | www.sack.de

Buch, Deutsch, 124 Seiten, PB, Format (B × H): 155 mm x 220 mm, Gewicht: 210 g

Müller

Das tapfere Schneiderlein

Lebenskunst mit Geist und Witz
3. überarbeitete Neuauflage 2013
ISBN: 978-3-939322-61-0
Verlag: opus magnum

Lebenskunst mit Geist und Witz

Buch, Deutsch, 124 Seiten, PB, Format (B × H): 155 mm x 220 mm, Gewicht: 210 g

ISBN: 978-3-939322-61-0
Verlag: opus magnum


In dieser originellen Interpretation wird das bekannte Märchen vom tapferen Schneiderlein zu einem Lehrbuch der Lebenskunst.Lebenskunst können wir nach Auffassung des Autors besonders von denjenigen Menschen lernen, die sich ihrer Schwäche bewusst geworden sind und aus dieser Haltung heraus humorvoll und kreativ leben.

Lebenskunst ist, wenn man trotzdem lebt. Alle die Schwachen, die Unterlegenen, die Kinder und Narren, die erfahren haben, dass sie eigentlich nichts wissen, und für die das Leben nach wie vor ein großes Wunder und Rätsel ist, haben eine größere Chance als die Starken und vermeintlich Allwissenden, zu Künstlern ihres Lebens zu werden. Ihnen fehlt die Kraft und die Überheblichkeit, gegen das Leben sein zu können.

Die besondere Stärke des Lebenskünstlers liegt in seiner Offenheit, Weichheit und Beweglichkeit und in seiner Fähigkeit, mit den Paradoxien des Lebens umzugehen.
Er meistert das Leben nicht, indem er es bekämpft und unterdrückt, sondern indem er es zulässt, annimmt und sich von ihm lustvoll tragen lässt wie ein Wellenreiter von seiner Welle.

Lebenskunst ist die Kunst des Loslassens des Unnötigen, des freundlichen Annehmens dessen, was ist, wie es ist, und des achtsamen Mitfließens mit der Lebensenergie. Das lehrt uns das tapfere Schneiderlein in vielen Situationen auf geistreiche und humorvolle Weise.

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Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


Das tapfere Schneiderlein? 7
Lebenskunst mit List? ? 17
Lebenskunst aus Leibeskräften? 23
Schneider machen Leute? 35
Das verführerische Mus? 39
Die große Erfahrung und der Gürtel der Macht? 47
Die seltsamen Wege der Intuition? 55
Weicher Käs und harte Männer? 59
Die sanfte Kunst der Umdeutung? 69
Das Prokrustesbett der Riesenansprüche? 77
Den Seinen gibt’s der Herr im Schlaf? 85
Wenn zwei sich streiten, freut sich das Schneiderlein? 91
Das verbohrte Einhorn? 101
Das Schwein in der Kirche? 109
Der „missgeschickte“ Traum? 115
Anmerkungen? 123


Lebenskunst mit List?
Wie ist es Ihnen ergangen, als Sie das Märchen vom tapferen Schneiderlein nach vielleicht sehr langer Zeit jetzt wieder gelesen haben? Obwohl es eines der Märchen ist, das uns als Kinder viel Freude, Vergnügen und Genugtuung bereitet hat, haben wir als Erwachsene doch möglicherweise unsere Schwierigkeiten mit ihm. Wir können uns nicht mehr unbefangen darüber freuen, dass jemand mit einem Streich sieben Fliegen erschlägt und sich dann für den größten aller Helden hält, und wir können uns auch nicht mehr unbefangen darüber freuen, dass jemand auf diese listenreiche und prahlerische Weise ein halbes Königreich und eine schöne Prinzessin dazu gewinnt. Wir spüren, dass es so leicht im Leben nicht geht.
Wir haben erfahren, dass viele unserer Kindheitsträume und -sehnsüchte unerfüllt geblieben sind, dass es schwer genug war, uns einen einigermaßen gesicherten Platz in der Erwachsenenwelt zu verschaffen, und wir viele Opfer, Enttäuschungen und Einschränkungen auf uns nehmen mussten, um unseren oft beschwerlichen Lebensweg gehen zu können. Deshalb ärgern wir uns verständlicherweise über jeden, der, wie unser tapferes Schneiderlein, mit weniger Anstrengung, mit Glück, Aufschneiderei und Täuschung zu anscheinend unverdientem Erfolg gelangt.
Kinder sehen das Märchen natürlich aus einer anderen Perspektive. Weil sie sich selbst als klein und schwach erleben, von den Ansprüchen der Riesenwelt der Erwachsenen überfordert, und sich ihnen hilflos ausgeliefert fühlen, identifizieren sie sich leicht mit dem Schneiderlein. Es ist einer von ihnen, und es zeigt ihnen, dass man mit den Riesenproblemen des Lebens auch anders fertig werden kann als mit überlegener Stärke. Es ermutigt sie, eine mehr spielerische, kreative Haltung dem Leben gegenüber einzunehmen, in der geistige Beweglichkeit und ein humorvolles Gemüt fremder Macht und Körperkraft überlegen sind.
Das ist nun der Punkt, wo das Märchen auch für uns Erwachsene interessant und aufschlussreich werden könnte. In einem gewissen Sinne bleiben wir ja immer Kinder des Lebens. Wir wissen nicht, wo wir herkommen, wer wir sind und wohin wir schließlich gehen. Unserem geheimnisvollen Leben und Schicksal gegenüber sind wir kleine, schwache Kinder. Das Leben ist immer größer und stärker als wir. Deshalb können wir uns fragen, ob uns das tapfere Schneiderlein auch etwas über die Kunst zu sagen weiß, wie man mit den Kräften und Mächten des Erwachsenenlebens umgeht.
Jedes Märchen lässt sich bekanntlich auf den unterschiedlichsten Ebenen interpretieren, was durch die Unbestimmtheit und Vieldeutigkeit seiner Symbolsprache möglich ist. Es gibt historische, völkerkundliche, soziologische und psychologische Interpretationsansätze. Wenn man ein Märchen psychologisch angeht, kann man dies auch wieder unter verschiedenen Aspekten tun. Man kann sich fragen, welche typischen kindlichen Entwicklungsphasen und -probleme es spiegelt, welche kollektiven gesellschaftlichen Fragen angesprochen werden oder welche allgemeinen Lebensweisheiten es zu vermitteln vermag. Manchmal bietet die Eigenart des Märchens den zu wählenden Ansatz an, meist aber entspringt er der Vorliebe des Autors.
Die durchaus doppeldeutige Figur des tapferen Schneiderleins mit seinen schattenhaften Aspekten legt es nahe, an ihr die Fassadenhaftigkeit, die doppelte Moral und die Manipulationsneigungen des Menschen und unserer Gesellschaft darzustellen. Auch ließe sich die psychoanalytische Narzissmustheorie sehr gut auf das Märchen übertragen. In diesem Buch soll das Märchen aber hauptsächlich unter dem Gesichtspunkt positiver Lebenskunst betrachtet werden. Dieser Interpretationsansatz mag manchmal als „sanfte Umdeutung“ erscheinen, aber wir können davon ausgehen, dass das Schneiderlein viel Verständnis dafür haben würde, ist es doch selbst mit diesen und ähnlichen Tricks bestens vertraut (vgl. S. 69 ff).
Lebenskunst soll hier verstanden werden als die Kunst, eine Einstellung zum Leben zu finden, die dessen Ganzheit, Polarität, Vielfalt und ständiger Veränderung gerecht wird und es ermöglicht, das Leben in Liebe und Freiheit zu feiern. Sie ist die Kunst, das Beste aus seinem Leben zu machen.1
Wieso aber kann uns ein schwaches Schneiderlein Lebenskunst vermitteln? Weil Lebenskunst da beginnt, wo wir uns unserer eigenen Begrenzungen und Schwächen bewusst werden.
Die starken Menschen, die großen Sieger und Helden, die Tugendhaften und die Willensmenschen bemühen sich selten um Lebenskunst, weil sie sich das Leben nach ihren Vorstellungen erzwingen. Meist berauben sie sich damit zwar der Schönheit des Lebens und ihrer Fähigkeit, es zu lieben und sich an ihm zu erfreuen, aber sie merken es kaum. Sie sehen nicht, dass das Leben letzten Endes stärker bleibt und nicht wirklich bezwungen werden kann. Im Überwältigen des Lebens werden sie schließlich selbst überwältigt. Gewalt erzeugt Gegengewalt, oder, wie es der chinesische Weise Laotse ausdrückt: „Die Starken sterben eines unnatürlichen Todes. Das will ich zum Kernstück meiner Lehre machen.“2
Lebenskunst können wir von denjenigen Menschen lernen, die sich ihrer Schwäche bewusst geworden sind und aus dieser Haltung heraus leben. Lebenskunst ist, wenn man trotzdem lebt (und zwar so gut wie möglich). Alle die Schwachen, die Unterlegenen, die Verlierer und Narren, die erfahren haben, dass sie nichts wissen, und für die das Leben nach wie vor ein großes Wunder und Rätsel ist, haben eine größere Chance als die Starken und Allwissenden, zu Künstlern ihres Lebens zu werden. Aber nur wenige von ihnen erkennen die Möglichkeiten der Schwäche, sie versuchen verzweifelt, doch noch zu Siegern zu werden, oder sie resignieren.
Ein Mensch, der das Leben als überlegen empfindet, wird ihm gegenüber eine höhere Sensibilität, Empfänglichkeit und Einfühlung entwickeln. Er wird das Leben beobachten, von ihm lernen, um sich seinen Bewegungen, Strömungen und Gegenströmungen anpassen zu können. Ihm fehlt die Kraft und Überheblichkeit, gegen das Leben sein zu können. Während die Stärke des Siegers und Helden die der Kraft, des Willens, der Eindeutigkeit, der Konsequenz und Härte ist, liegt die Stärke des Lebenskünstlers in seiner Schwäche, Weichheit und Beweglichkeit und in seiner Fähigkeit, mit den Paradoxien des Lebens umzugehen, so dass er an ihnen nicht wie der Starke zerbricht. Er meistert das Leben nicht, indem er es bekämpft und unterdrückt, sondern indem er es zulässt, annimmt und sich von ihm tragen lässt wie ein Wellenreiter von seiner Welle. Lebenskunst ist die Kunst des Loslassens des Unnötigen, des Annehmens dessen, was ist, wie es ist, und des Mitgehens mit der Lebensenergie. Das zeigt das tapfere Schneiderlein in vielen Situationen.
Weisheiten der Lebenskunst erscheinen oft sehr banal, konservativ, selbstverständlich oder sinnlos. Manchmal kommen sie uns wie mysteriöse Rätsel vor oder wie ein billiger Ratschlag, den uns jemand gibt, der auch nicht weiter weiß. Einigen von diesen „banalen“ Ratschlägen wird der Leser auch in den folgenden Kapiteln begegnen. Er wird immer wieder lesen, dass es wichtig ist, sich selbst anzunehmen, wie man ist, oder dass man die Welt nach seinen eigenen Vorstellungen gestalten kann. Das finden wir auch in Sprichwörtern und Redensarten wieder – zum Beispiel: „Jeder ist seines Glückes Schmied“ –, die wir häufig im Munde führen, aber selten in ihrer ganzen Tiefe verstehen. Ob uns Lebensweisheiten wirklich helfen, hängt offenbar davon ab, inwieweit wir innerlich für sie reif geworden sind.
Als ich noch ein Junge war, pflegte mir mein Vater oft beiläufig zu sagen: „Weißt du, das Einfachste ist das Beste.“ Damals ärgerte mich dieser Ausspruch, weil ich komplizierte technische Apparate liebte und die Welt als sehr kompliziert und auch faszinierend erlebte. Ich empfand diesen Ausspruch als rückschrittlich und altmodisch. Heute kommt mir dieser Satz fast wie die Quintessenz aller Lebensweisheit vor. So möchte ich den Leser um Nachsicht bitten, wenn ihm manche der folgenden Gedankengänge und Anregungen zur Lebenskunst zu selbstverständlich und zu einfach vorkommen.
Lebenskunst ist die Kunst des Einfachen. Auch das Leben kann man, trotz seiner unfassbaren Komplexität, als im Grunde einfach erleben: man nimmt es eben einfach so, wie es gerade ist. Aber unsere Theorien und Vorstellungen, unsere Ideologien und Ideale machen es kompliziert und widersprüchlich. Das Leben wird aufgeteilt in Bereiche, die sein dürfen, und solche, die nicht sein dürfen. Daraus entstehen Konflikte, Spannungen und Gewalt.
Einfache Lebenskunst dagegen ist wie ein Balsam auf wunder Haut. Sie entspannt und lindert die Schmerzen der seelischen Blutungen, Kämpfe und Anstrengungen, indem sie keine neuen Ideale aufstellt, nicht immer wieder Neues und Anderes von uns fordert, sondern uns immer mehr so sein lässt, wie wir sind. Lebenskunst bezieht sich deshalb auch vornehmlich auf eine Veränderung der Beziehung zu uns selbst und weniger auf eine Veränderung anderer Menschen oder der Außenwelt. Vieles, was uns als Problem der Außenwelt erscheint, ist nur ein Spiegel unserer gestörten Innenwelt. Wenn es uns gelingt, uns mit uns selbst zu versöhnen und den Streit der vielen Seelen in unserer Brust zu schlichten, dann finden sich auch Ansätze für eine Befriedung der Außenwelt.
Unser tapferes Schneiderlein ist ein Meister der Kunst des Einfachen. Es löst seine Probleme mit verblüffend einfachen Mitteln und mit geringstem Aufwand. Es kann dies nur, weil es in gewisser Weise über den Gegensätzen und künstlichen moralischen Grenzen steht. Das hat es mit den anderen Gestalten gemein, die symbol- und völkerkundlich als „Trickster“ bezeichnet werden. Wie zum Beispiel Hermes-Mercurius, der griechische Gott der Wege und Grenzübergänge, der Reisenden, der Kaufleute, der Diebe und Taschenspieler, der Diplomaten und der Seelenbegleiter, seine schwierigen Aufgaben nur mit Hilfe seines listigen Verstandes und seiner Freiheit moralischen Bedenken gegenüber lösen kann, so hat auch das Schneiderlein keine Probleme damit, Tricks einzusetzen, wenn es der einfachsten Lösung einer Aufgabe dient. Man mag dazu sehr berechtigte moralische Einwände haben, muss aber auch sehen, dass Tricks zuweilen dem Leben angemessener sind als manche „tödlichen“ Wahrheiten und Ausdruck menschlicher Weisheit sein können. Und wenn wir ganz ehrlich sind, arbeiten wird an jedem Tag mit ganz vielen Schlichen und Tricks, um an unser Ziel zu gelangen.
Wenn wir das Trickster-Schneiderlein als einen Aspekt in jedem Einzelnen von uns ansehen, dann kommt es darauf an, es in uns zu erkennen und es so einzusetzen, dass es nicht unbezogen und destruktiv und damit lebens- und menschenfeindlich wird. Vielmehr sollen seine Einfälle und Impulse mit dazu beitragen, uns aus festgefahrenen und anscheinend ausweglosen Situationen eben nicht mit Gewalt, sondern mit „sanften“ und zugleich kreativen Lösungen zu befreien. Um die Eskapaden unseres Tricksters in den für uns und unsere Mitmenschen notwendigen Grenzen zu halten, bedürfen wir natürlich der Moral; aber eine allzu starre, an den alten, überlieferten Werten und Normen orientierte Moral würde die uns von ihm verliehene Spontaneität, Originalität und Lebendigkeit abtöten. Er fordert von uns, eine eigene, eine autonome Moral zu finden, die zwar nicht unsere Mitmenschen schädigt, an der wir aber wachsen und die mit uns wächst.


Dr. Lutz Müller, Psychotherapeut und Autor



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