Ngo / Kuhnert | Umbau – Maßstäbe der Transformation | Buch | 978-3-931435-86-8 | www.sack.de

Buch, Deutsch, 208 Seiten, Format (B × H): 235 mm x 297 mm, Gewicht: 850 g

Ngo / Kuhnert

Umbau – Maßstäbe der Transformation

ARCH+ 257
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-931435-86-8
Verlag: Arch+

ARCH+ 257

Buch, Deutsch, 208 Seiten, Format (B × H): 235 mm x 297 mm, Gewicht: 850 g

ISBN: 978-3-931435-86-8
Verlag: Arch+


ARCH+ 257: Umbau – Herausforderungen und Chancen ist der zweite Teil eines Doppelbands zum Thema Umbau, in dem die im 21. Jahrhundert aufkommenden Chancen und Herausforderungen einer ressourcenschonenden, klimagerechten und sozialökologischen Umbaukultur beleuchtet werden. Die Ausgabe zeigt anhand von rund zwanzig internationalen BestPractice-Projekten unterschiedlichen Maßstabs, wie Architekt*innen heute schon auf gesellschaftliche Transformationen (wie Wohnungsnot, Überalterung der Gesellschaft, Verwaisung der Innenstädte und vermehrte Verkehrsbelastung) mit der Anpassung von Gebäuden an neue Anforderungen antworten.
Mit Architekturprojekten von BARarchitekten | dot architects | Esch Sintzel | 51N4E | Fall | Meyer Grohbrügge | Nalbach + Nalbach u.v.m.

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Umbauwende
Text: Victor Lortie, Melissa Makele, Anh-Linh Ngo

In diesem Jahr fokussiert ARCH+ mit zwei aufeinander aufbauenden Ausgaben auf das Thema des Umbaus als zentrale Alltagspraxis für eine sozialökologische Transformation in Europa. Das erste Heft (ARCH+ 256: Umbau – Ansätze der Transformation) präsentierte Projekte und Positionen sechs ausgewählter Architekturbüros, die über eine umfassende Umbau-Werkbiografie verfügen und beweisen, dass Umbau schon heute die nachhaltige Basis für eine zukunftsweisende Architekturpraxis bietet.

Im vorliegenden zweiten Band verschiebt sich der Blick von der Herangehensweise einzelner Büros hin zur in ARCH+ 256 bereits angedeuteten gesamtgesellschaftlichen Aufgabe, als die eine zeitgenössische Umbaukultur verstanden werden muss. Als Maßstäbe der Transformation werden hier folglich nicht nur die unterschiedlichen, sich gegenwärtig eröffnenden Handlungsfelder für eine Architekturpraxis der Transformation diskutiert, sondern auch die Umbauaufgabe, die sich der Gesellschaft als Ganzes stellt.

Der Großteil des Gebäudebestands im Globalen Norden wurde in den Boom-Jahren der Nachkriegszeit errichtet. Allein 46 Prozent der Wohngebäude in Deutschland stammen aus den drei Jahrzehnten nach 1949. Ähnliches gilt für Gewerbe- und Infrastrukturbauten. Nun, nach 50 bis 70 Jahren, werden sie aufgrund ihrer in die Jahre gekommenen Bausubstanz, aber auch im Zuge gesellschaftlicher Umbrüche obsolet – ein Phänomen, das Stefan Rettich und Sabine Tastel in ihrem Beitrag in diesem Heft analysieren. Für diese nie dagewesene Menge auf einmal baufällig oder obsolet werdender Bauten bahnt sich eine Entscheidung an, deren Tragweite angesichts der gegenwärtigen, sozialökologischen Krisen gesellschaftlich vergleichsweise wenig Beachtung findet: abreißen und neu bauen oder erhalten und umbauen? Berechnungen zeigen, dass die sozialökologische Transformation sich nicht allein mit Umbau von ausgewählten, für ästhetisch erhaltenswert erachteten Gebäuden als Alternative zum Neubau realisieren lassen wird. Vielmehr werden wir uns in beträchtlichem Umfang mit dem oftmals unspektakulären, ordinären, bisweilen gar hässlichen Erbe vergangener Zeiten auseinandersetzen müssen. Strategien für diesen Umbruch zu entwickeln, wird eine der Hauptaufgaben der Architektur darstellen, die die soziale Gestaltungsfunktion der Disziplin zwangsläufig wieder stärker in den Mittelpunkt rückt.

Entsprechend stellen wir viele realisierte Projekte vor, die unterschiedlichste Gebäudetypologien, Nutzungen, Kontexte und soziale Ausrichtungen repräsentieren. Das Heft ist in drei Kapitel gegliedert, die auf drei verschiedene Maßstäbe der Transformation – Großstruktur, Sozialstruktur, Infrastruktur – hinweisen und jeweils von einem theoretischen Essay eingeleitet werden.

Maßstab: Großstruktur
Der Übergang von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft und die Auslagerung der Produktion in Länder mit weniger regulierten Märkten machten großmaßstäbliche Produktionsstandorte im Globalen Norden in der Zeit nach den Ölkrisen zunehmend obsolet. Einen möglichen Umgang mit großen Fabrik- und Zechenanlagen zeigte etwa die IBA Emscher Park in den 1990er-Jahren auf. Heute stehen mit der Digitalisierung von Produktion und Dienstleistung erneut ähnliche Fragen im Raum: Wie gehen wir mit den vielen Kolossen der Arbeits- und Konsumwelt der Nachkriegszeit um? Welches neue Leben kann in die Bürokomplexe, Shoppingmalls sowie Kauf- und Warenhäuser einziehen, die rapide aus der Nutzung fallen?

Was diese Typologien einst auszeichnete, ist heute ihr größtes Problem: schiere Größe. Dabei besteht in Zeiten der Knappheit an Raum für Wohnen, Kultur und Soziales gerade an diesen Orten die Möglichkeit, den Bestand umzunutzen und dringend benötigten Raum zu erlangen. Die bestehende Bausubstanz und die in ihr akkumulierte Energie klug weiter zu nutzen, erfordert präzise und oft kleinteilige Eingriffe; Entscheidungen darüber, was erhaltenswert ist und was nicht, sind weder rein nach ästhetischen noch ökonomischen Maßstäben zu fällen. Vielmehr zeigen die Projekte dieses Kapitels auf, dass nachhaltige Alternativen zum Abriss und Ersatzneubau vor allem in der Überwindung längst überholter Planungsdogmen und gesellschaftlicher Leitvorstellungen, wie etwa der funktionalen Stadt und der Kernfamilie, zu finden sind.
In diesem Sinne steht Umbau für die Korrekturmöglichkeit der Moderne, deren gebaute Strukturen Räume für neue Gesellschaftsvorstellungen und Lebensformen bereithalten können. Veranschaulichen lässt sich diese Möglichkeit im (bisher fehlenden) Umgang mit der obsolet werdenden Typologie des Kaufhauses oder des Shoppingcenters. Eine Studie von Empirica aus dem Jahre 2023 hat ergeben, dass seit Ende der 1990er-Jahre über 130 Kaufhäuser in ganz Deutschland geschlossen wurden. Seit der Pleite des Immobilien- und Warenhauskonzerns Signa sind noch etliche hinzugekommen. In Berlin steht zum Beispiel die Nachnutzung von Jean Nouvels Galeries Lafayette in der Friedrichstraße als Zentral- und Landesbibliothek zur Diskussion oder die Umwandlung eines lange leerstehenden Kaufhauses in der Karl-Marx-Straße in das „Kalle Neukölln“ mit Kreativräumen, Büros und Gastronomie, der Umbau des ehemaligen Centrum Warenhauses in Friedrichshain sowie neue Nutzungen für das von der Signa-Pleite betroffene Karstadt-Kaufhaus am Hermannplatz oder das Ring-Center an der Frankfurter Allee.

Damit verbunden sind zivilgesellschaftliche Initiativen, die mit Slogans wie „Shoppingmalls zu Sorgezentren“ und Warenhaus zu „Andershaus“ (Niloufar Tajeri / Initiative Hermannplatz) ihren Anspruch auf eine gemeinnützige Umprogrammierung der Gebäudetypologie im Sinne der „Sorgenden Stadt“ geltend machen. Hier werden die politischen Fragen sichtbar, die wir bereits in ARCH+ 256: Umbau – Ansätze der Transformation formuliert haben: „Warum und für wen wird umgebaut? Mit welchen Mitteln und zu welchem Preis? Umbau heißt: Transformation des Bestehenden – in materieller, ästhetischer wie auch sozialer Hinsicht. Entsprechend müssen, wie bei allen Transformationsprozessen, die Auswirkungen der Veränderung, muss der Preis der Transformation gesellschaftlich verhandelt werden. Wer profitiert, wer verliert? Wie lässt sich durch Umbau mehr Gerechtigkeit herstellen?“
Noch scheitert eine Umnutzung der Einkaufstempel von gestern oft an den Gewinnerwartungen der gegenwärtigen Eigentümer*innen und Investor*innen sowie an fehlenden Ideen für Eingriffe, die die tiefen, dunklen Volumen auf neue Nutzungen vorbereiten. Doch wie die Projekte in diesem Kapitel aufzeigen, mangelt es nicht an Vorschlägen, wie die Großstrukturen der Nachkriegsmoderne für eine zweite Lebenszeit umgerüstet werden können – es braucht nur den Mut, sie auf neue Typologien umzustellen.

Maßstab: Sozialstruktur
Während die meisten Gebäude mit einer prognostizierten Lebenserwartung von Jahrzehnten oder Jahrhunderten errichtet werden, verändern sich die Gesellschaften, die sie bauen, mitunter viel schneller. In Japan etwa sind die Folgen von Landflucht und alternder Bevölkerung schon heute eklatant; das Land durchlebt einen verschärften demografischen Wandel, der neue Raumbedarfe und -potenziale mit sich bringt, wie der japanische Kurator Yuma Shinohara in dieser Ausgabe beschreibt. Wurde in der Vergangenheit noch für wenige, klar umrissene Zielgruppen gebaut, bringt die stärkere Ausdifferenzierung von Gesellschaften neue Wünsche nach Teilhabe und adäquaten Räumen mit sich. Im Hinblick auf das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft hat die Planung heute mehr denn je den Auftrag, einer auch durch die konventionelle Raumproduktion der letzten Jahrzehnte massiv vorangetriebenen, weiteren Atomisierung in Partikularinteressen entgegenzuwirken, indem sie großzügige Angebote für Räume des gemeinschaftlichen Miteinanders und der kollektiven Nutzung bereitstellt.
Im 21. Jahrhundert wird die Aushandlung dieser raumpolitischen Fragen und die Schaffung neuer Räume für neue Bedürfnisse nicht mehr auf der Tabula rasa – dem „leeren Reißbrett“ bzw. der „grünen Wiese“ – der Moderne stattfinden. Stattdessen wächst das Bewusstsein, dass der immense Gebäudebestand in der Stadt sowie in ländlichen Regionen ein enormes Transformationspotenzial bietet, das nicht top-down, sondern vielmehr gemeinsam mit den Menschen und Nachbarschaften vor Ort entwickelt werden muss.

Dass diese Aushandlung kein geradliniger Prozess ist, sondern auf räumlicher Ebene ebenso behutsam und tastend verläuft wie auf der gesellschaftlichen, zeigt der Blick auf eine Reihe von Projekten in Japan sowie auf zwei Interventionen in Deutschland und der Schweiz, die aus den jeweiligen lokalen Kontexten heraus spezifische Antworten auf den demografischen Wandel zu finden versuchen, ohne Verallgemeinerbarkeit zu behaupten. Das Resultat ist eine Architektur, die weniger formalen Autonomieansprüchen folgt, als sich vielmehr auf ihre soziale Gestaltungsfunktion zurückbesinnt. Hier wird der Umbau von heute zu einer Gelegenheit, Flexibilität und Offenheit für die Gesellschaft von morgen zu imaginieren.
Diesen Gedanken folgend legt Esra Akcan in ihrem Beitrag „Offene Architektur“ dar, wie die im zeitgenössischen Architekturdiskurs (und in der Praxis) vielproklamierte „Offenheit“ auch politisch im Sinne einer Demokratisierung als ein „ständig offener, nie endender Prozess“ gedacht werden sollte, der eine neue Ethik der Gastfreundschaft einschließt. Denn „[w]as wäre, wenn die Architektur als Disziplin und Beruf von einem Bewusstsein geprägt wäre, das Staatenlose und Nichtstaatsbürger*innen […] willkommen heißt, auch wenn sie keine zahlungskräftigen Bauherr*innen und Mieter*innen sind? Wenn wir uns auf vergangene Bemühungen um eine Architektur stützen würden, die auf Kollektivität und Zusammenarbeit, partizipatorischer und demokratischer Gestaltung und Bedeutungsvielfalt basieren, würden wir beginnen, die Umrisse einer wahrhaft offenen Architektur zu erkennen, die darauf beruht, eine marginalisierte Gruppe von Menschen in den Prozess der architektonischen Gestaltung einzubeziehen.“4

Maßstab: Infrastruktur
Aufsehenerregende Maßnahmen in Städten wie Paris, wo Versuche einer Neujustierung des städtischen Verkehrs weg vom Auto und hin zu umweltfreundlichen Transportmitteln unternommen werden, täuschen darüber hinweg, dass eine ernsthafte, in die Breite wirkende Verkehrswende noch weit entfernt ist. Das Beispiel IBA Emscher Park zeigt, dass der Strukturwandel und das abrupte Verschwinden einst prägender Strukturen ein Vakuum hinterlassen, das die kollektive Vorstellungskraft nur langsam wieder zu füllen vermag. Neue Leitbilder sind gefragt. In diesem Sinne ist es notwendig, schon heute an die Stadt nach dem Auto zu denken, um besser auf die unweigerlich kommende Transformation reagieren zu können, wie Jens Casper und Luise Rellensmann in ihrem Beitrag „Aufstieg, Fall und Zukunft des Parkhauses“ für dieses Heft argumentieren.
Während in Großstädten dringend Räume zur Nachverdichtung gesucht werden, stehen private Pkws zu über 95 Prozent der Zeit ungenutzt herum – auch in Parkhäusern, Innenhöfen und Garagen. Die Moderne produzierte einst euphorische Bilder eines harmonischen Zusammenlebens von Mensch und Auto, wie Bertrand Goldbergs berühmtes Beispiel der Marina City in Chicago aus den 1960er-Jahren, deren Park- und Wohnetagen äußerlich kaum voneinander zu unterscheiden sind. Doch was, wenn die Mitbewohner aus Blech zunehmend aus dem Stadtraum verschwinden?

1 Siehe Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (Hg.): Langfristige Renovierungsstrategie der Bundesregierung, Berlin 2020, S. 24, www.bmwk.de/Redaktion/DE/Downloads/J-L/langfristige-renovierungsstrategie.pdf?__blob=publicationFile&v=4 (Stand: 1.8.2024)
2 Vgl. Empirica: Nachnutzung von Kaufhäusern, Berlin 2023, zia-deutschland.de/
wp-content/uploads/2024/03/Studie-Nachnutzung-von-Kaufhausern-fur-Wohnen-empricia-im-Auftrag-des-ZIA.pdf (Stand: 1.8.2024)
3 Anh-Linh Ngo: „Politiken und Ethiken des Umbaus“, Editorial, in: ARCH+ 256: Umbau – Ansätze der Transformation (Juli 2024), S. 1 ff.
4 Esra Akcan: „Offene Architektur“, in diesem Heft S. 43



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