Buch, Englisch, Deutsch, 216 Seiten, Format (B × H): 235 mm x 297 mm, Gewicht: 850 g
ARCH+ 263
Buch, Englisch, Deutsch, 216 Seiten, Format (B × H): 235 mm x 297 mm, Gewicht: 850 g
ISBN: 978-3-931435-91-2
Verlag: Arch+
Wenn von Stadtnatur die Rede ist, erscheint sie oft als grünes Add-on: als Ausgleich städtischer Defizite, als technische Lösung im Zeichen der Klimaanpassung oder als ästhetische Aufwertung. Ein solches Verständnis verengt den Blick. Es reduziert Natur auf Funktion und verkennt, dass Städte längst ökologische Gefüge sind, in denen Boden, Wasser, Pflanzen, Infrastrukturen und politische Entscheidungen untrennbar ineinandergreifen. Stadtnatur ist kein nachträgliches Korrektiv der Stadt, sondern Ausdruck ihrer materiellen, sozialen und historischen Bedingungen.
Die neue ARCH+ Ausgabe Stadtnatur | Urban Nature verschiebt daher die Perspektive: weg von der Vorstellung urbaner Natur als dekorativer oder kompensatorischer Maßnahme, hin zu ihrem Verständnis als politischem und demokratischem Projekt. Im Zentrum stehen Fragen nach Boden, ökologischer Gerechtigkeit und der Rolle der Gestaltungsdisziplinen – insbesondere der Landschaftsarchitektur – im Anthropozän. Stadtnatur erscheint hier als kollektive Ressource und Konfliktfeld, auf dem die sozialökologische Zukunft der Stadt verhandelt wird.
Die Arbeit an der Ausgabe wurde ermöglicht durch die Unterstützung der Berliner Senatsverwaltung für Mobilität, Verkehr, Klimaschutz und Umwelt. Sie erscheint anlässlich des 38. Deutschen Naturschutztages (DNT) in Berlin.
Weitere Infos & Material
1 EDITORIAL
Stadtnatur, Anh-Linh Ngo
4 EINFÜHRUNG
Berlin: Grüne Stadt mit Wachstumsschmerzen, Stefanie Hennecke & Andreas Kraus
14 Mit Stadtnatur gestalten
16 INTERVIEW
Eine Landschaftsarchitektur für das Anthropozän, Regine Keller, Marcel Tröger im Gespräch mit Alex Nehmer
28 INTERVIEW
Pflanzen zu Verbündeten machen, Bas Smets im Gespräch mit Alex Nehmer
44 ESSAY
Landschaften des Rückzugs, Rosetta S. Elkin
56 ESSAY
Leberecht Migges ökologische Vision für Großberlin, Philipp Oswalt
66 PRAXIS
Mit dem Bestehenden gärtnern, Lilith Unverzagt (atelier le balto), Gilles Clément
78 PRAXIS
AERA Darwinstraße, Grüntuch Ernst, capattistaubach
84 Stadtnatur lesen
86 ESSAY
Die unvollendete Stadt erlaufen, Laura Veronese
102 ESSAY
Das Tempelhofer Feld als (Novel) Urban Ecosystem, Luise Leon Elbern, Maximilian Hartinger, Tobias Schrammek, Tim Simon-Meyer
112 ESSAY
Drei bodengebundene Perspektiven auf Berlin, Antoine Vialle
122 PRAXIS
Catharijnesingel, OKRA
126 INTERVIEW
Resilienz als kollektive Praxis, Elena Tudela Rivadeneyra im Gespräch mit Alex Nehmer
138 INTERVIEW
Klimaanpassung dekolonisieren, Franklin Kirimi, Vija Viese, Michael Wera im Gespräch mit Markus Krieger & Alex Nehmer
150 Stadtnatur verhandeln
152 ESSAY
Naturschutz im 21. Jahrhundert: Zukunftsgestaltung zwischen Wandel und Bewahrung, Stefan Heiland
162 ESSAY
Blut und bodenständig, Caroline Anne Kapp, Beo Tomek
172 INTERVIEW
Blockierte Transformation, Johanna Siebert, Tatjana Söding im Gespräch mit Alex Nehmer
182 PRAXIS
Open-Source-Klimaanpassung, Fina Girard, Robin Kirsch, Tabea Michaelis, Jan Nemeth,
Ben Pohl & Vedrana Žalac (B/IAS & Denkstatt sàrl), Meret Halter
190 PRAXIS
Mit der Stadt lernen, Gabriele Pütz & Andreas Kurths (gruppe F)
198 INTERVIEW
Recht auf Wasser, Inken Behrmann, Tim Edler, Antje Stokman im Gespräch mit Alex Nehmer
212 BETEILIGTE
215 BILDNACHWEISE
216 IMPRESSUM
Eine Landschaftsarchitektur für das Anthropozän
Interview: Regine Keller, Marcel Tröger
Marcel Tröger hat erst kürzlich das junge Landschaftsarchitekturbüro studio erde – office for anthropocene landscapes mitgegründet, während Regine Keller auf über 20 Jahre Forschung und Praxis zu klimagerechter Stadtgestaltung zurückblickt. Gemeinsam mit Alex Nehmer diskutieren sie die Rolle der Disziplin in Zeiten der Klimakrise.
Alex Nehmer: Unsere Ausgabe erscheint anlässlich des Deutschen Naturschutztages 2026. Sie greift Themen der Konferenz auf, setzt den Fokus aber besonders auf gestalterische Perspektiven. Wie seht ihr die Rolle der Landschaftsarchitektur bei der Bewältigung der Herausforderungen der Klimakrise?
Regine Keller: Ich finde es großartig, dass ARCH+ der Landschaftsarchitektur endlich eine Ausgabe widmet.
Marcel Tröger: Interessant ist aber, dass die Auseinandersetzung mit Landschaftsarchitektur oft über den Naturschutz motiviert ist.
Regine Keller: Genau das irritiert mich. Momentan erlebe ich einen neuen Wahrnehmungshype: Da naturschutzfachliche Aufgaben drängen, rückt das Berufsfeld stärker in den Blick. Dabei bearbeiten Landschaftsarchitekt*innen und Landschaftsplaner*innen diese Themen bereits seit Langem. Geht es um Naturschutz, wird Gestaltung jedoch häufig als Gegensatz zur Natur verstanden – ein Missverständnis, das unsere Zunft in den vergangenen Jahrzehnten selbst mitverschuldet hat.
Marcel Tröger: Ja, der Begriff „Naturschutz“ trägt zu dieser Verwirrung bei. Er impliziert ein Naturverständnis, das den heutigen Bedingungen und Komplexitäten nicht mehr gerecht wird. Ursprüngliche „Natur“ existiert kaum noch, oder um es mit Timothy Morton zu sagen: Sie ist tot. Dieses neue Naturverständnis verlangt auch ein erneuertes Selbstverständnis der Landschaftsarchitektur. Im Anthropozän können wir nicht länger mit den gewohnten Werkzeugen und Raumkonzepten, etwa dem klassischen Naturschutz, agieren. Stattdessen braucht es eine Transformation der Entwurfspraxis: Wir müssen sie als kollektive Gesamtaufgabe begreifen, die systemisch arbeitet, an Schnittstellen agiert und die verschiedenen Ebenen von Landschaft, Architektur, Ökologie und Soziologie verbindet.
Denn das Anthropozän stellt uns vor radikale Aufgaben, die ebenso radikale entwurfliche Antworten erfordern. Seine Realitäten ernst zu nehmen, heißt, Landschaft und Stadt nicht länger getrennt zu denken. Wir leben längst in urbanisierten Landschaften, in denen wir holistisch planen müssen. Wir müssen in räumlich wie zeitlich multiplen Maßstäben denken und diese komplexen Zusammenhänge gleichzeitig in atmosphärisch wirksame räumliche Projekte übersetzen, die die Menschen auch emotional erreichen. In der Forschung wird daran bereits intensiv gearbeitet. Eine konsequente Übersetzung in eine neue Bau- und Entwurfspraxis vermisse ich jedoch noch.
Regine Keller: Man muss berücksichtigen, dass die Disziplin zwar international vernetzt ist, in ihrer Praxis aber sehr unterschiedlich agiert. In den USA haben prominente Protagonisten wie Charles Waldheim oder James Corner den Diskurs stark geprägt. Durch ihre Publikationen und ihre Reichweite über Eliteuniversitäten wie Harvard erlangen sie große öffentliche Aufmerksamkeit. Das liegt auch daran, dass sie neben ihrer akademischen Praxis große Büros betreiben und spektakuläre Signature-Projekte realisieren, die international intensiv vermarktet werden. In Europa hingegen zeigt sich kein einheitliches Bild, sondern eine Vielzahl von Schulen und Einzelstimmen, etwa Adriaan Geuze oder Gilles Clément, die jeweils eigene Impulse setzten. Gerade diese Heterogenität macht die europäische Landschaftsarchitektur aus meiner Sicht aber interessanter.
Die Klimakrise ruft nun auch hierzulande verstärkt Landschaftsarchitekt*innen auf den Plan. Erste große Beispielprojekte wie die ökologische Transformation von Paris anlässlich der Olympischen Spiele zeigen, wie politische Entschlossenheit Gestaltung und Ökologie verbinden kann. Im Alltag aber arbeiten wir meist an kleineren Projekten, bei denen wir nach wie vor zwischen den vermeintlichen Polen Gestaltung und Naturschutz gefangen sind. Noch während meines Studiums in den 1990er-Jahren lautete der Tenor, polemisch gesprochen: Wir sind die Gestalter*innen, die anderen zählen Käfer. Heute erkennen wir zunehmend, dass nur interdisziplinäres Arbeiten, das ökologisches Wissen und gestalterische Kompetenz verbindet, zukunftsfähige Freiräume schaffen kann.
Eine Kluft zwischen Theorie und Praxis besteht jedoch weiterhin. Ansätze wie jene von Donna Haraway mit ihrem Multispezies-Blick, der den Anthropozentrismus infrage stellt, oder Timothy Mortons Idee einer „Ökologie ohne Natur“ finden in der akademischen Diskussion zwar immer mehr Beachtung, in der Planungspraxis stoße ich damit jedoch weiterhin auf Unverständnis. Dort gilt der Naturschutz als praxisnäher. Durch seine rechtliche Verankerung im Bundesnaturschutzgesetz besitzt er zudem eine weitaus größere normative Kraft als die gestaltende Landschaftsarchitektur. Das ist bedauerlich, denn eigentlich sollten wir kein Kräftemessen betreiben, sondern aus einem gemeinsamen Interesse heraus handeln.
Marcel Tröger: In Deutschland gibt es bereits einige bemerkenswerte Projekte, die Ökologie und Gestaltung konsequent zusammendenken. Der Wilhelm-Leuschner-Platz von Atelier Loidl in Leipzig oder das Werkstattverfahren Klimastraßen in Hamburg beispielsweise. In unserem eigenen Projekt für den zentralen Stadtplatz im Mannheimer Benjamin Franklin Village versuchen wir, einen radikal klimasensitiven, baumüberstandenen Stadtplatz zu schaffen, der zugleich Habitat, natürliche Klimamaschine und flexibler öffentlicher Ort ist.
Großmaßstäbliche Landschaften und territoriale Strategien sind hingegen weiterhin Aufgabe der Landschaftsplanung und des klassischen Naturschutzes. Wir müssten auch diese großräumigen Transformationen als ästhetisch-räumliche Entwurfsaufgabe begreifen, bei der Landschaftsarchitekt*innen die gestaltende Kraft sind.
Regine Keller: Dass Landschaftsarchitektur, Landschaftsplanung und Naturschutz zwar eng miteinander verbunden, aber dennoch unterschiedliche Professionen sind, verschwimmt in der öffentlichen Wahrnehmung häufig. Diese historisch gewachsene Trennung der Berufszweige und -bezeichnungen ist heute allerdings auch nur noch bedingt hilfreich.
Marcel Tröger: Zugleich ist es auch eine Generationenfrage. Viele aus der jüngeren Generation haben interdisziplinär studiert – ich selbst etwa im Bachelor Landschaftsarchitektur und im Master Urban Design – und suchen nach neuen Begriffen, die unseren heutigen, ganzheitlichen Aufgaben besser gerecht werden, „Transformationsgestalter*in“ beispielsweise.
Aktuell arbeite ich an meiner Dissertation mit dem Titel Polyphonische Landschaften – für eine Baukunst im Anthropozän. Baukunst war früher klar disziplinär definiert und stark vom Hochbau dominiert: Ein Baumeister entwarf ein harmonisches Ganzes, das sich in verschiedene Kontexte übersetzen ließ. Ich bin überzeugt, dass wir heute eine neue Baukunst brauchen, die divers, komplex und verflochten ist.
Alex Nehmer: Wie muss aus eurer Sicht das Verhältnis zwischen Landschaftsarchitektur und Architektur oder Stadtplanung neu gedacht werden?
Marcel Tröger: In Deutschland werden wir immer noch häufig in die Rolle von Fachplaner*innen für Architekt*innen gedrängt, wir sollten aber auf Augenhöhe agieren können. Gerade in der Zusammenarbeit junger Büros gelingt das bereits oft. In etablierten Strukturen hingegen gestaltet sich das schwieriger, nicht zuletzt aufgrund größerer Bauaufgaben und verfestigter institutioneller Abläufe in der Planungspraxis. Darum braucht es auch strukturelle Veränderung: Vergabe- und Planungsprozesse müssen flexibler und niedrigschwelliger werden, um der nötigen Transdisziplinarität gerecht zu werden. Dass Landschaftsarchitekt*innen in den USA oder Frankreich mehr Sichtbarkeit und Gestaltungsmacht entfalten, liegt auch daran, dass sie dort weit häufiger große Projekte in leitender Rolle verantworten. Wenn große Vorhaben aus einer landschaftlichen Perspektive heraus entwickelt werden, entsteht ein völlig anderer Städtebau.
Regine Keller: Genau das ist ein zentraler Punkt: Stadt aus der Landschaft heraus zu denken. Wir können es uns nicht mehr leisten, ausschließlich die bebaute Umwelt zu betrachten. Es geht nicht nur um ökologische Architektur, sondern um die Räume dazwischen, denn in ihnen liegt das Potenzial nachhaltiger Transformation in Städten.
Schon in den 1960er-Jahren hat Günther Grzimek gefordert, die Stadt als Landschaft zu begreifen, und auf dieser Grundlage großmaßstäbliche Projekte realisiert. Seine Landschaftsplanung prägt Städte wie Ulm, Aachen oder Darmstadt bis heute –
und doch ist dieser Ansatz in Vergessenheit geraten. Gerade angesichts der Herausforderungen des Anthropozäns müssen wir wieder lernen, so großräumig und systemisch zu denken.
Alex Nehmer: Systemisch zu denken, heißt auch, über reine Symptombekämpfung hinauszugehen. In seinem Essay für diese Ausgabe fordert Stefan Heiland, dass sich der Naturschutz stärker den Ursachen von Umweltproblemen widmen müsse, etwa den materiellen Ansprüchen unserer Gesellschaft, den damit verbundenen Interessen und Machtstrukturen sowie globalen und sozialen Ungleichheiten. Kann auch Landschaftsarchitektur dazu beitragen, nicht nur Symptome, sondern auch Ursachen zu adressieren?
Regine Keller: Unbedingt. Wir müssen in größeren Zusammenhängen denken. Es geht darum, Stoffflüsse und ökologische Metabolismen überhaupt erst zu ermöglichen – und das gelingt nicht, wenn man eine Siedlung einfach irgendwo platziert und erst danach über die verbliebenen Zwischenräume nachdenkt. Konkret heißt das: Bestand zu bewahren, wo es möglich ist, Materialien wiederzuverwenden, neue Baustoffe nicht über weite Strecken zu transportieren, Logistik vorausschauend zu organisieren und den Unterhalt eines Projektes von Anfang an mitzudenken.
Marcel Tröger: Ich spreche in diesem Zusammenhang gern von „Wirkräumen“, also von den räumlichen und materiellen Bezügen eines Ortes. Jeder Ort steht über seine Materialität, seine Ressourcen und seine Nutzung in Beziehung zu weit größeren Systemen. Durch unseren Konsum, unsere Lebensweise und unsere Baupraxis sind wir Teil globaler Verflechtungen, die nicht nur landschaftlicher, sondern auch infrastruktureller und logistischer Art sind. Architektur ist letztlich ein Konglomerat aus Prozessen und Materialien, die aus allen Teilen der Welt stammen. Die eigentlichen Ursachen vieler ökologischer Probleme liegen in diesen extraktiven Strukturen: in der Art, wie wir Ressourcen gewinnen, transportieren und verbrauchen. Wir lagern die Zerstörung räumlich aus – und spüren ihre Folgen im Alltag kaum.
In unserer Praxis bei studio erde versuchen wir, diese Zusammenhänge überhaupt erst sichtbar zu machen. Ich verstehe das als eine Art Filter, mit dem wir die spezifischen Verknüpfungen eines Ortes mit größeren ökologischen und ökonomischen Systemen freilegen. Diese planetarische Lesart von Räumen führt zu ganz anderen Entwurfsfragen: etwa zur Arbeit mit geologischen Prozessen, mit Boden, Sedimenten, Wasser, Abfall oder Energieflüssen, also mit den metabolischen Vorgängen, die unsere Umwelt prägen. In der Praxis stellt uns das vor Herausforderungen. In Wettbewerben etwa sind die Perimeter meist streng definiert, was es zunächst erschwert, über Grenzen hinaus zu denken. Wer es dennoch versucht, läuft schnell Gefahr, sich aus dem Verfahren herauszumanövrieren. Trotzdem halte ich es für entscheidend, zumindest in der analytischen Phase Offenheit zuzulassen und den Blick über formale Systemgrenzen hinaus zu richten. Nur so können wir neue räumliche und gestalterische Möglichkeiten erkennen.
Regine Keller: Oder besser gesagt: gar keine festen Systemgrenzen zu definieren.
Marcel Tröger: Das stimmt. Im Planungsalltag ist das allerdings schwierig, weil wir doch auch Grenzen brauchen – im Baurecht, in der Ökonomie, in der Verwaltung. Es gibt Grundstücksgrenzen, Perimetergrenzen, Abflussgrenzen für Wasser oder Abfall. Wir bewegen uns also ständig in komplexen, selbst geschaffenen Regelwerken. Gerade diese gilt es jedoch neu auszuloten, wenn wir über ein verändertes Selbstverständnis der Landschaftsarchitektur sprechen.
Regine Keller: Selbst bei scheinbar einfachen Maßnahmen zeigt sich, wie schwer es ist, diese systemische Sicht in die Praxis zu übersetzen. Wer etwa in der Münchner Fußgängerzone neue Bäume pflanzen möchte, stößt schnell auf ein dichtes Geflecht aus technischer Infrastruktur, Eigentumsverhältnissen und Zuständigkeiten. Von zehn geplanten Bäumen bleiben am Ende vielleicht zwei übrig, und diese sollen dann sämtliche Erwartungen erfüllen, die die Gesellschaft an sie richtet: Schatten spenden, CO2 binden, Sauerstoff produzieren. Der Baum ist zum Hoffnungssymbol der Klimaanpassung geworden, zur Projektionsfläche für den Wunsch, die Symptome der Klimakrise zu lösen. Doch in der Praxis zeigt sich, wie schwierig es ist, ein solches Lebewesen tatsächlich in der Stadt zu verankern. Das ist nicht nur eine gestalterische, sondern vor allem eine politische Aufgabe. Wenn die Stadtgesellschaft das wirklich will, braucht es mehr als wohlklingende Absichtserklärungen: Es erfordert das gemeinsame Handeln vieler Akteur*innen und die Durchsetzungskraft unserer Disziplin, überzeugend zu zeigen, warum dieser Baum genau dort stehen muss und was es braucht, damit er bleibt.
Marcel Tröger: Genau. Einzelmaßnahmen wie „mehr Bäume“ oder punktuelle Entsiegelungen sind wichtig, werden aber oft romantisiert und greifen letztlich zu kurz. Wenn wir etwa Straßenräume klimatisch aufwerten und konsequent begrünen wollen, müssen wir auch die zugrunde liegende Infrastruktur anders planen. Das heißt: Leitungen effizienter zu verlegen oder dezentrale Systeme zu entwickeln, die lokale Kreisläufe für Wasser, Energie und Versorgung ermöglichen. Wollen wir mehr als nur Symptome bekämpfen, brauchen wir großmaßstäbliche Transformationsprozesse, die die Stadt als System und Infrastruktur neu denken. Dafür braucht es Mut, langfristige Programme und deutlich mehr finanzielle Mittel.
Regine Keller: Bilder können dabei eine entscheidende Rolle spielen. Sie helfen, komplexe Ideen zu vermitteln und Menschen mitzunehmen. Doch Bilder sind heute, nicht zuletzt durch KI, zugleich manipulierbar und flüchtig. Die hyperrealistischen Visualisierungen, die wir erzeugen, können verführen. Wie siehst du das, Marcel?
Marcel Tröger: Das ist eine zentrale, aber schwierige Frage: Wie holen wir die Menschen aus der Trägheit, in der wir feststecken? Bilder können mobilisieren, ja. Ich bin auch ein Befürworter von KI, weil sie uns helfen kann, Ideen schnell zu visualisieren und Szenarien einfach auszutesten. Aber Bilder allein genügen nicht. Meist sind sie schnell wieder aus der öffentlichen Aufmerksamkeit verschwunden.
Langfristig wichtiger ist eine gemeinsame gesellschaftliche Erzählung, die optimistisch nach vorne weist, statt uns nur in Katastrophenstimmung zu versetzen. Ich bin Optimist und davon überzeugt, dass die Transformation unserer Stadtlandschaften angesichts der Klimakrise nicht nur notwendig, sondern auch eine Chance ist. Das Ergebnis wird anders aussehen als gestern und heute: diverser, rauer, aufgeladener, produktiver; jenseits von grünem Kitsch und Natur-Disneyland. Dafür braucht es eine breite Allianz, in der Architekt*innen, Landschaftsarchitekt*innen, Ökolog*innen, Soziolog*innen, Politikwissenschaftler*innen, Ökonom*innen und vor allem auch die Politik zusammenarbeiten.
Regine Keller: Oder auch das, was wir gerade hier tun: den Austausch mit Medien. Ich hatte kürzlich ein Gespräch mit Carolin Emcke für ihren Podcast In aller Ruhe der Süddeutschen Zeitung. Sie gestand, dass sie eigentlich nicht genau wisse, was mein Beruf umfasst, und fragte dann direkt, was man etwa nach der Flut im Ahrtal tun könne. Sie hatte die negativen Bilder der Klimakrise vor Augen und suchte nach Lösungen. Auch deine Fragen, Alex, zielen in diese Richtung: Wie kann Landschaftsarchitektur helfen, Städte widerstandsfähig zu machen? Aber vielmehr noch geht es darum, Narrative zu entwickeln, die Hoffnung stiften. Stadtentwicklung war immer ein Prozess des Wandels. Heute eröffnet gerade die Infragestellung von Mobilität und anderer Errungenschaften der Moderne die Chance, neue Wege zu gehen. Dafür reicht es nicht, nur Bäume zu pflanzen oder Flächen zu entsiegeln. Es geht um ein tieferes Selbstverständnis: Was müssen wir als Individuen verändern? Was kann eine Stadt beitragen? Und was lässt sich auf lokaler Ebene umsetzen, damit globale Wirkung spürbar wird?
Diese Geschichte gut zu erzählen, ist entscheidend – und hier spielen die Medien eine zentrale Rolle. Das gilt für Fachmedien wie ARCH+, aber ebenso für Radio, Fernsehen oder Podcasts, die breitere Öffentlichkeiten erreichen. Nur so wird deutlich, dass die anstehenden Aufgaben kollektiv gelöst werden müssen und dass wir uns, etwa über CO2-Kompensation, nicht davon „freikaufen“ können. Darum hoffe ich auch, dass es bei ARCH+ nicht bei einer einzelnen Ausgabe zur Landschaftsarchitektur bleibt. Die Zukunft der Stadt ist keine Frage allein der Architektur. Wir sind keine „anderen“, sondern Teil desselben Feldes.
Alex Nehmer: Stadtgestaltung hat oft dazu beigetragen, Unangenehmes unsichtbar zu machen. Damit wurden gerade jene Stoffwechselprozesse verschleiert, die das städtische Leben überhaupt ermöglichen. Wie lassen sich neue Narrative entwickeln, die zugleich positiv und realistisch sind?
Marcel Tröger: Ich beziehe mich in diesem Zusammenhang gern auf Bruno Latour und sein Konzept der critical zone, das das Bild einer Erdverbundenheit entwirft. Es beschreibt Raum als Zone, die sich von tief im Boden bis in die Atmosphäre erstreckt: ein verflochtenes System aus atmosphärischen, materiellen und ökologischen Prozessen. Dieses Denken hilft, uns selbst als Teil globaler, planetarer Zusammenhänge zu begreifen, über das hinaus, was wir unmittelbar wahrnehmen können. Für mich ist das ein positives Narrativ, sich als Weltbürger*in zu verstehen und Verantwortung für diese Verbundenheit zu übernehmen.
Regine Keller: Bruno Latours Denken war tatsächlich ein Geschenk, weil er komplexe Zusammenhänge prägnant sichtbar gemacht hat, nicht nur in seinen Schriften, sondern auch in Ausstellungen, die seine Konzepte anschaulich vermittelten. Wichtig ist, solche Gedanken aus der akademischen Blase herauszutragen: Öffentliche Aktionen und Diskurse sind wichtiger denn je, um wissenschaftliche Erkenntnisse in die Gesellschaft zu übersetzen und dem wachsenden Wissenschaftsskeptizismus entgegenzuwirken.
Gleichzeitig setzen sich auch ganz konkrete Erkenntnisse durch, etwa dass wir umbauen statt abreißen, Materialien vor Ort recyceln statt Abfall zu exportieren. Prominente Projekte wie die High Line in New York sind zwar inhaltlich ambivalent –
eher Dekoration einer obsolet gewordenen Infrastruktur als echte ökologische Transformation –, zeigen aber dennoch, wie aus Bestehendem Neues entstehen kann. Andere Büros, etwa SLA aus Dänemark, entwickeln eine Ästhetik der Stadtnatur, die Wildnis feiert, ohne in alte Öko-Klischees zu verfallen. Sie schaffen artenreiche, ökologisch wertvolle Räume und machen diese Qualitäten sinnlich erfahrbar. Solche neuen Erzählungen sind essenziell, um jene Räume zurückzugewinnen, die uns abhandengekommen sind, etwa manche städtische Parks, die heute oft weniger ökologisch wirksam sind, als sie es sein könnten.
Marcel Tröger: Das Beispiel der High Line verdeutlicht auch die Probleme solcher Projekte. Sie gilt als Ikone der Landschaftsarchitektur und hatte enorme Wirkung, für die Profession ebenso wie für die Stadtentwicklung. Doch im Kern ist sie ein unehrliches Projekt: romantisiert, ökonomisch aufgeladen, ohne echte ökologische Substanz.
Die Frage bleibt: Wie viel „Wildnis“ ist überhaupt möglich? Wie viel Ehrlichkeit verträgt sie, und wo liegen die Grenzen von Koexistenz? In unserem Büro diskutieren wir immer wieder über den angemessenen Umgang mit dem Konzept der Wildnis. Kann man sie überhaupt gestalten? Oder gelingt sie nur, wenn wir sie abgrenzen, als kleine Miniwildnis in jedem Projekt? Tschernobyl ist ein Extrembeispiel dafür – eine menschengemachte Exklusionszone, die gerade durch die Abwesenheit des Menschen wieder Wildnis hervorbringt.
Regine Keller: Das erinnert an Günther Grzimeks Kritik am Park als reine Repräsentation. Schon in den 1970er-Jahren sprach er vom „demokratischen Grün“, von Räumen, die sich Menschen aneignen können. Sein Verständnis war damals noch stark anthropozentrisch geprägt, doch er betonte bereits, dass auch spontane Vegetation ihren Platz haben sollte, nicht zuletzt weil sie Pflegeaufwand und Kosten reduziert.
Heute ist diese Frage aktueller denn je, auch als finanzielle Frage: Wo können wir uns im öffentlichen Raum intensive Pflege überhaupt noch leisten? Mehr noch ist es aber eine Frage nach unserem Verhältnis zur Umwelt: Ökologische Disziplinen produzieren ihre eigenen Ausschlüsse. Oft gelten Ökosysteme nur dann als gut, wenn bestimmte, vom Menschen definierte Zielarten darin vorkommen. Andere Arten werden dadurch vernachlässigt oder verdrängt. Wir sollten uns fragen: Wollen wir nur die Eichhörnchen und Amseln, an denen wir uns erfreuen, oder wollen wir echte Wildnis zulassen?
Auch das gehört für mich heute zum Begriff des demokratischen Grüns: Es braucht Räume, die sich die Stadtgesellschaft aneignen und mitgestalten kann. Zugleich muss es Orte geben, die bewusst dem Menschen entzogen sind, damit sich ökologische Prozesse frei entfalten können. Das erfordert kluge Planung, und idealerweise entstehen dabei Orte, die nicht nur funktional, sondern auch ästhetisch überzeugen.
Alex Nehmer: Das klingt nach einem Bewusstseinswandel, weg von der Illusion vollständiger menschlicher Kontrolle. Die Klimakrise wird uns künftig immer mehr abverlangen, um uns an unkontrollierbare Zustände flexibel anzupassen. Wie kann die Landschaftsarchitektur auf diese neuen Bedingungen reagieren?
Regine Keller: Unser Büro Uniola arbeitet derzeit in Nürnberg an einem Park für eine neue Wohnsiedlung – an einem Ort, der regelmäßig überflutet wird. Eigentlich absurd, dass dort überhaupt gebaut wird, aber wir versuchen, mit diesen Bedingungen statt gegen sie zu planen. Statt Mauern zu bauen, entwickeln wir gemeinsam mit Hydrolog*innen ein Doppelsystem: Flächen, die im Hochwasserfall überflutet werden dürfen, und solche, die nutzbar bleiben. So entstehen Sicherheit und gleichzeitig neue räumliche Qualitäten. Das müssen Menschen von uns erwarten dürfen: dass wir Vorkehrungen treffen, die sie im Falle von Klimakatastrophen schützen. Doch solche Projekte zeigen, dass Klimaanpassung nicht allein eine technische, sondern vor allem eine gestalterische und kreative Aufgabe ist.
Marcel Tröger: Technik kann dabei durchaus neue ästhetische Dimensionen eröffnen. Sie kann Prozesse sichtbar machen, die sonst verborgen bleiben, etwa metabolische Abläufe in Pflanzen oder Gebäuden. Projekte wie das Algenhaus in Hamburg zeigen, wie sich Energieproduktion in eine neue Ästhetik übersetzen lässt: In den Glaspaneelen der Fassade wachsen Algen, deren Photosynthese über Bioreaktoren die Beheizung des Gebäudes unterstützt. Durch ihr Wachstum verändert sich die Algenmasse fortlaufend, sodass Bewegung und Farbwechsel Teil der architektonischen Erfahrung werden. Technik kann also helfen, ökologische Zusammenhänge sinnlich, ästhetisch und atmosphärisch erfahrbar zu machen und so die Grenze zwischen Landschaft, Ökologie und Architektur aufzuweichen. Zugleich müssen wir kritisch bleiben, denn Technologien können manipulativ eingesetzt werden und bergen damit ein Risiko, das angesichts der Erosion demokratischer Strukturen an immer mehr Orten der Welt aktueller ist denn je.
Regine Keller: Genau deshalb muss der Landschaftsarchitektur künftig eine katalytische Rolle zukommen. Wenige Disziplinen sind so breit aufgestellt, dass sie gesellschaftliche, ökologische und ästhetische Zukunftsmodelle zugleich denken und vermitteln können. Landschaftsarchitektur kann Transformationsprozesse nicht nur planerisch vorausdenken, sondern auch visualisieren, moderieren und verwirklichen. Was könnte Politik dringender gebrauchen als positive, zugleich nachhaltige und konkrete Ideen für die Gestaltung unserer Zukunft?
Stadtnatur
Text: Anh-Linh Ngo
Stadtnatur ist kein Gegenbild zur Stadt und kein grünes Korrektiv ihrer Defizite. Sie bezeichnet den Zustand, in dem urbane Gesellschaften heute leben. Diese Perspektive überwindet die historische Dichotomie von Stadt und Natur, die Natur zur Kulisse und Stadt zur Technik erklärt hat. Sie zwingt dazu, Stadt als ökologisch durchdrungenen, konflikthaften und zutiefst politischen Raum neu zu denken.
Denn Stadtnatur entsteht nicht dort, wo Grün hinzugefügt wird. Sie wächst dort, wo über Boden, Wasser, Infrastruktur und Zeit entschieden wird; sie ist das Resultat dieser Entscheidungen, nicht ihre nachträgliche Korrektur. Stadtnatur ist die konkrete Form, in der ökologische Prozesse, soziale Praktiken, Eigentumsverhältnisse und politische Entscheidungen ineinandergreifen.
Damit verändert sich der Maßstab. Die Frage lautet nicht mehr, wie viel Natur sich eine Stadt leisten kann, sondern wie sie mit den ökologischen Bedingungen umgeht, von denen sie existenziell abhängig ist. Stadtnatur macht sichtbar, dass urbane Gestaltung immer schon darüber entscheidet, wie Leben organisiert, Risiken verteilt und Handlungsspielräume eröffnet oder begrenzt werden – auch jenseits des Menschlichen.
Diese Einsicht wurde in der Architektur- und Stadtdebatte lange verdrängt. Mit dem Projekt Cohabitation hat ARCH+ gemeinsam mit Marion von Osten und Peter Spillmann genau diesen blinden Fleck freigelegt. Stadt wurde dort als Interspezies-Gefüge erkennbar: als Ort geteilter Existenz von Menschen, Tieren, Pflanzen, Mikroorganismen und Böden statt als vom Menschen dominierter Raum. Cohabitation beschwor eine konflikthafte Koexistenz unterschiedlicher Lebensformen, die aufeinander angewiesen sind und sich gegenseitig beeinflussen.
Vor diesem Hintergrund ändert sich der Blick auf Pflanzen: Statt als bloßes Beiwerk werden sie als aktive Akteure urbaner Prozesse mit eigenen Zeitlichkeiten, Widerständen und Wirkungen wahrgenommen. Landschaftsarchitekt*innen wie Bas Smets verstehen Pflanzen nicht als Metapher, sondern als Verbündete; Landschaftsarchitektur erscheint in diesem Sinne als eine Praxis, die mit den Kräften der Biosphäre arbeitet und sie durch technische, gestalterische Mittel lesbar und wirksam macht. Stadtnatur wird so zu einem relationalen Projekt, das den anthropozentrischen Blick auf Stadt grundlegend infrage stellt.
Kaum eine Stadt hat diese Verschiebung des Blickwinkels so deutlich hervorgebracht wie Berlin. Die Stadtökologie entstand hier während des Kalten Krieges als Reaktion auf bestimmte Bedingungen. Trümmerlandschaften, Brachen, Baulücken und Grenzräume wurden zu unverhofften Experimentierfeldern. In der geteilten Stadt entfaltete sich eine spontane, unkontrollierte Stadtnatur jenseits klassischer Park- und Naturschutzkonzepte, nicht trotz, sondern aufgrund von Zerstörungen, Altlasten und politischen Brüchen.
Die Arbeiten der Ökologen Herbert Sukopp und Ingo Kowarik gehörten zu den ersten, die diese Prozesse systematisch beschrieben und damit einen Perspektivwechsel einleiteten. Stadtnatur erschien nun als Ergebnis der spezifischen Bedingungen der Stadt, nicht mehr als das, was ihr fehlte. Spontanvegetation, Ruderalflächen und Sukzessionsprozesse zeigten, dass ökologische Dynamiken trotz extremer anthropogener Eingriffe wirksam bleiben. Berlin wurde so zu einem Labor, in dem sich Stadt als Landschaft lesen ließ: als historisch geschichteter Raum, in dem Nutzung, Vernachlässigung und Regeneration unauflöslich miteinander verbunden sind.
Diese Einsichten bleiben nicht auf die Analyse urbaner Natur beschränkt. Sie zwingen auch die Gestaltungsdisziplinen zur Selbstreflexion. Landschaftsarchitektur kann im Anthropozän nicht länger als nachgeordnete Fachdisziplin oder kompensatorische Gestaltungspraxis verstanden werden, argumentieren Regine Keller und Marcel Tröger im Interview in dieser Ausgabe. Vielmehr ist sie epistemische Schnittstelle zwischen Ökologie, Politik und Raumproduktion. Landschaft wird hier entworfen, um Stoffwechsel, Konflikte und Abhängigkeiten sichtbar und verhandelbar zu machen. Stadtnatur wird so zum Prüfstein einer Disziplin, die ihre eigene Rolle zwischen Planung, Vermittlung und politischer Verantwortung neu bestimmen muss.
Dieser Wandel verlangt mehr als Beschreibung. Er setzt die Fähigkeit voraus, Landschaft zu lesen – als Archiv vergangener Entscheidungen und als Indikator zukünftiger Risiken. Die US-amerikanische Landschaftsarchitektin Anne Whiston Spirn hat diesen Zusammenhang mit dem Begriff der Landscape Literacy präzise gefasst: der Fähigkeit, Landschaft als historisch, ökologisch und sozial produzierten Raum zu verstehen.1 Wer Landschaft lesen kann, erkennt verborgene Wasserläufe und instabile Böden. Wer sie nicht liest, baut auf überflutungsgefährdeten Flächen und erklärt die Folgen später zur Naturkatastrophe.
Was hier gelesen wird, ist zuallererst der Boden. In ihm verdichten sich die Konflikte der Stadtnatur. Er ist Träger ökologischer Prozesse und zugleich Medium sozialer Beziehungen: Speicher von Schadstoffen, Archiv von Geschichte, Produktionsgrundlage, Eigentum, Gemeingut und politische Ressource zugleich. Wer über Stadtnatur spricht, spricht immer auch über Boden.
Der gegenwärtige Soil Turn greift diese Einsicht auf, bleibt jedoch ambivalent. Progressiv wird er dort, wo Boden nicht länger als passive Ressource gilt, sondern als aktives, relationales Gefüge aus ökologischen Prozessen, materiellen Infrastrukturen, sozialen Praktiken und Machtverhältnissen. Böden speichern nicht nur Kohlenstoff oder filtern Wasser, sie tragen auch Geschichte. Koloniale Extraktion, industrielle Verschmutzung und ungleiche Belastungen sind buchstäblich in ihnen sedimentiert. In diesem Sinn ist Boden ein politisches Medium: ein Ort von Fürsorge und Verantwortung ebenso wie von Gewalt und Ausschluss. Verkürzt wird der Soil Turn dort, wo diese Dimensionen ausgeblendet und soziale Konflikte naturalisiert werden.
Genau an diesem Punkt wird die Brisanz der Bodenfrage sichtbar. Denn Natur, Boden und Landschaft sind keineswegs unschuldige Kategorien. Sie wurden immer wieder zur Legitimation von Ordnung, Zugehörigkeit und Ausschluss herangezogen. Die Ideologie von „Blut und Boden“ war keine äußere Verzerrung ökologischen Denkens, vielmehr entsprang sie genau jener Verknüpfung von Natur, Herkunft und politischer Ordnung, die bis heute anschlussfähig ist. Wer Boden naturalisiert, ohne seine sozialen und historischen Dimensionen mitzudenken, öffnet regressiven Deutungen erneut den Raum. Ökologisches, biologistisches und rassistisches Denken verschränken sich hier auf unheilvolle Weise.
Gerade deshalb muss Stadtnatur politisch gelesen werden. Nicht als moralische Kategorie, sondern als Konfliktfeld: zwischen Wohnungsbau, Energieinfrastruktur und Klimaanpassung, zwischen Artenschutz und sozialer Gerechtigkeit, zwischen kurzfristiger Verwertung und langfristiger Verantwortung. Die Auseinandersetzungen um die Bebauung des Tempelhofer Feldes oder um beschleunigte Genehmigungsverfahren im Namen des Wohnungs- oder Infrastrukturausbaus zeigen, wie schnell ökologische und soziale Argumente gegeneinander ausgespielt werden.
Eine progressive Vorstellung von Stadtnatur beginnt daher mit Komplexität. Sie weigert sich, Natur zu idealisieren oder auf Systemdienstleistungen zu reduzieren. Wo Stadtnatur primär als Lieferantin von Kühlung, Versickerung oder CO2-Bindung begriffen wird, wird sie funktional gezähmt: ökologisch wirksam, aber politisch entleert. Stadtnatur entsteht dagegen dort, wo unterschiedliche Interessen sichtbar bleiben und verhandelbar werden.
Hier setzt die Frage der demokratischen Praxis an, denn Stadtnatur entsteht nicht durch Planung allein. Landscape Literacy bezeichnet eine politische Praxis, die strukturiert, wessen Wissen Anerkennung findet und wie Risiken verteilt werden. Wo diese Lesbarkeit geteilt, Landschaft gemeinsam verstanden und verhandelt wird, entsteht Handlungsmacht. Stadtnatur wird dann nicht verwaltet oder dient als Kompensation, sondern als Ressource kollektiver Gestaltung.
Darin liegt die Perspektive dieses Heftes. Stadtnatur ist weder romantische Rückbindung noch technisches Reparaturprogramm. Sie ist eine demokratische Infrastruktur in einer mehr-als-menschlichen Stadt. An ihr bemessen sich Fragen von Gesundheit, Gerechtigkeit und Teilhabe für Menschen ebenso wie für andere Lebewesen, mit denen wir den urbanen Raum teilen. Stadtnatur wirkt langsam und langfristig, über Böden, Wasser, Pflanzen und Zeit. Sie verlangt nach einer Planung, die Verantwortung über Zeiträume hinweg übernimmt, Zielkonflikte sichtbar macht und Entscheidungen politisch begründet.
Die Zukunft der Stadt entscheidet sich nicht in grüner Symbolik, sondern im Umgang mit dem Boden unter unseren Füßen und den Beziehungen, die wir auf ihm eingehen. Ob Stadtnatur zur Kulisse, zum Anpassungsinstrument oder zum Motor einer sozialökologischen Transformation wird, ist keine Frage ästhetischer Präferenzen. Es ist eine politische Entscheidung. Dieses Heft lädt dazu ein, sie bewusst zu treffen.
Dank
Ich danke Christian Hiller und Alex Nehmer (Projektleitung) für die Konzeption und Redaktion dieser Ausgabe sowie Nora Dünser (CvD) und Mirko Gatti für die Mitarbeit an der Umsetzung. Für inhaltliche Impulse danken wir Stefanie Hennecke, Sandra Naumann und Christine van Deuren sowie Aletta Bonn und dem Berliner Sachverständigenbeirat für Naturschutz und Landschaftspflege. Die intensive Arbeit am Thema wurde ermöglicht durch die Unterstützung der Berliner Senatsverwaltung für Mobilität, Verkehr, Klimaschutz und Umwelt. Die Ausgabe erscheint anlässlich des 38. Deutschen Naturschutztages (DNT) in Berlin.
1 Anne Whiston Spirn: „Landscape Literacy and Design for Ecological Democracy:
The Nature of Mill Creek, West Philadelphia“, in: Henrik Ernstson, Sverker Sörlin (Hg.?|?eds.): Grounding Urban Natures: Histories and Futures of Urban Ecologies, Cambridge 2019, 109–136




