Buch, Deutsch, 208 Seiten, Format (B × H): 235 mm x 297 mm, Gewicht: 850 g
ARCH+ 261
Buch, Deutsch, 208 Seiten, Format (B × H): 235 mm x 297 mm, Gewicht: 850 g
ISBN: 978-3-931435-90-5
Verlag: Arch+
ARCH+ 261: Stadtumbau – Schulen der Transformation
Die ökologischen, sozialen und politischen Krisen unserer Zeit verlangen nach neuen Antworten – und nach neuen Räumen. Wie wir in den beiden vorangegangenen Umbau-Ausgaben (ARCH+ 256 & ARCH+ 257) thematisiert haben, kommt der Architektur dabei eine zentrale Rolle zu. Im Fokus dieser dritten Ausgabe stehen nun Hochschulen und ihr transformatives Potenzial. Lange als Elfenbeintürme belächelt, rücken sie heute wieder als Akteure gesellschaftlicher Veränderung ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Die Universität der Stadt Siegen begegnet dem aktuellen Strukturwandel der Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft mit einem Umzug einiger Fakultäten von der Peripherie in das Zentrum der Stadt, darunter das Architekturinstitut, das das ehemalige Druckhaus der Siegener Zeitung als Neue Architekturschule Siegen (N_AS) umnutzen wird. Die N_AS stellt in der Ausgabe eine von mehreren Case Studies von Hochschulen und Universitäten dar, die sich als stadtpolitische Akteure aktiv an Transformationsprozessen beteiligen. Vor dem Hintergrund des Strukturwandels zeigen sie dort Handlungsmacht, wo klassische Politik, Planung und marktwirtschaftliche Logik an ihre Grenzen stoßen.
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Stadtumbau
Hochschulen als Orte der Transformation
Text: Anh-Linh Ngo
Die ökologischen, sozialen und politischen Krisen unserer Zeit verlangen nach neuen Antworten – und nach neuen Räumen. Wie wir in den beiden vorangegangenen Umbau-Ausgaben thematisiert haben, kommt der Architektur dabei eine zentrale Rolle zu. Im Fokus dieser dritten Ausgabe stehen nun Hochschulen und ihr transformatives Potenzial. Lange als Elfenbeintürme belächelt, rücken sie heute wieder als Akteure gesellschaftlicher Veränderung ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Vor dem Hintergrund des Strukturwandels zeigen sie dort Handlungsmacht, wo klassische Politik, Planung und marktwirtschaftliche Logik an ihre Grenzen stoßen.
Demokratie verteidigen heißt Institutionen verteidigen
Die aktuellen politischen Entwicklungen weltweit machen deutlich, unter welch enormem Druck Hochschulen als Orte der Transformation stehen – ökonomisch wie politisch. Im Interview beschreibt Anna-Maria Meister, wie ursprünglich progressive Institutionenkritik von rechts vereinnahmt wird, um demokratische Einrichtungen gezielt zu schwächen.
In einem Klima zunehmender Polarisierung geraten akademische Institutionen ins Visier: Entscheidungsprozesse werden entdemokratisiert, Gremien entmachtet, während die Fassade funktionierender Selbstverwaltung gewahrt bleibt. Die Folge ist ein vorauseilender Gehorsam vieler Hochschulen unter Einschränkung der Meinungsfreiheit und Rückzug ins Unpolitische.
Vor diesem Hintergrund wird deutlich: Die Verteidigung von Institutionen ist heute eine progressive Aufgabe. Es geht dabei um die strukturelle Stärkung demokratischer Aushandlungsprozesse – innerhalb der Institution und in ihrem Verhältnis zur Gesellschaft. Die Architekturausbildung kann hier eine Vorreiterrolle spielen. Ihre methodische Vielfalt, interdisziplinäre Offenheit und ihre kollektiven Arbeitsformen bieten ein reales Potenzial, Solidarität und institutionelle Verantwortung neu zu denken.
Gestaltung ist politisch
Die Geschichte von ARCH+ spiegelt diese Entwicklung. 1967/68 an der Universität Stuttgart gegründet, strebte sie nach einer Politisierung im Sinne einer rationalen, nachvollziehbaren – und damit demokratischen – Gestaltungspraxis. Das sogenannte Design Methods Movement war dabei mehr als ein Versuch, Entwurfsprozesse zu objektivieren: Es war eine politische Antwort auf die strukturellen Defizite von Planung und Lehre. In den frühen Ausgaben der Zeitschrift verband sich kybernetisches Denken mit Gesellschaftskritik, Wissenschaft mit politischen Ambitionen. Später folgte eine marxistisch inspirierte Phase, in der ARCH+ die Rolle von Architekt*innen systematisch hinterfragte – nicht mehr als neutrale Fachleute, sondern als politische Subjekte in einem von Klassenverhältnissen geprägten Berufsfeld.
Diese Geschichte verweist auf ein Verständnis von Hochschule, das bis heute nichts an Aktualität verloren hat: als Ort, an dem gemeinsam mit der Stadtgesellschaft Wissen produziert, Raum verhandelt und gesellschaftlicher Wandel aktiv mitgestaltet wird. So setzen Städte wie Siegen oder Linz auf ihre Universitäten, um urbane Transformationen zu initiieren, neue Öffentlichkeiten zu schaffen und infrastrukturelle Lücken zu schließen. Doch was bedeutet das konkret? Und welche Architektur braucht eine solche Hochschule?
Die Hochschulneugründungen der 1970er-Jahre brachten vielfach funktionale, vom Stadtraum abgekoppelte Bauten hervor. Doch Hochschularchitektur war schon immer mehr als reine Infrastruktur. Von den mittelalterlichen Kollegien bis zum suburbanen Campus manifestierte sie institutionelle Selbstbilder und gesellschaftliche Vorstellungen. Sie bestimmt mit, wer Zugang hat, wer mitreden darf und wer ausgeschlossen bleibt. In der Art, wie Hochschulen bauen, spiegelt sich ihre Haltung zur Welt.
Architektur als kollektiver Prozess
Das zeigt sich exemplarisch am Studierendenhaus der TU Braunschweig. Entstanden aus einem hochschulinternen Wettbewerb, steht der Entwurf von Gustav Düsing und Max Hacke für eine andere Haltung zur Planung: weniger abgeschlossenes Objekt als offenes Gefüge – wandelbar, aneignungsfähig, sozial durchlässig.
Diese Offenheit verweist auf ein verändertes Verständnis von Autorschaft: Aneignung ist nicht Störung, sondern konstitutiver Bestandteil von Architektur. Im Sinne von Michel de Certeaus Unterscheidung zwischen strategischer Ordnung und alltäglicher Praxis wird der Gebrauch zum eigentlichen Vollzug des Raums. Architektur wird zur Bühne kollektiver Praktiken – eine Struktur, die Teilhabe, Veränderung und Selbstorganisation nicht nur zulässt, sondern aktiv befördert. Architektur wird hier zur Infrastruktur sozialer Prozesse und zum demokratischen Experiment. Die Mitgestaltung von Raum wird zur Mitgestaltung von Institution.
Bauen im Bestand ist Denken in Beziehungen
Auch stadtentwicklungspolitisch gewinnt diese Perspektive zunehmend an Relevanz. Hochschulen sind nicht nur Orte der Wissensproduktion, sondern zentrale Akteure des gesellschaftlichen Wandels. Die Vorstellung des abgeschotteten Campus weicht dem Bild einer durchlässigen Hochschule – räumlich, sozial und institutionell. Projekte wie die überfällige Verzahnung der Universität Siegen mit der Innenstadt zeigen: Wo sich Hochschulen mit ihrer Umgebung verflechten, entstehen Räume für Öffentlichkeit, Begegnung und Gemeinwohl – ein Impuls gegen die Verödung der Innenstädte.
Dies erfordert ein Denken vom Bestand her. Nicht der spektakuläre Neubau, sondern der sensible Weiterbau vorhandener Strukturen eröffnet die größten Potenziale für sozialökologische Transformation. Umbaukultur bedeutet: mit dem arbeiten, was da ist – materiell wie institutionell. Es geht um Ressourcenschonung, um die Erinnerungen, die dem Material eingeschrieben sind, und um das institutionelle Gedächtnis, das sich in Räumen niederschlägt. Wer umbaut, verändert nicht nur Architektur, sondern auch Machtverhältnisse.
Institutionen als Hebel des Wandels
Damit ist die Funktion von Hochschulen als exemplarische Orte des Politischen berührt. Alex Demirovic erinnert in seinem Beitrag daran, dass die universitäre Autonomie nicht Rückzug bedeutet, sondern Voraussetzung für demokratische Selbstbestimmung ist. Eine Hochschule ist nur dann gesellschaftlich wirkmächtig, wenn sie ihre institutionelle Freiheit nutzt, um Verantwortung zu übernehmen.
Die in diesem Heft versammelten Beispiele zeigen: Transformative Prozesse erfordern keinen Umsturz, sie sind auch innerhalb bestehender Strukturen möglich. Sie verlangen keine idealen Bedingungen, sondern mutige Entscheidungen und Vertrauen in die Ideen der kommenden Generation. Das Studierendenhaus in Braunschweig oder der Wettbewerb für die Neue Architekturschule Siegen (N_AS) verweisen auf genau jene produktiven Regelbrüche, in denen sich neue Wege auftun. Nicht trotz, sondern wegen der Krise. Nicht von oben, sondern von innen heraus.
Hochschulen können zu Experimentierfeldern für andere Formen des Lernens, Arbeitens, Wohnens und Planens werden, wenn sie bereit sind, sich selbst zu hinterfragen. Vielleicht liegt gerade in den kleinen institutionellen Verschiebungen das große Potenzial gesellschaftlicher Veränderung. Wo Institutionen ihre eigene Form zur Disposition stellen, wird nicht nur Raum produziert, sondern Zukunft verhandelt.
Der Umbau der Gesellschaft beginnt mit dem Umbau ihrer Institutionen. Das wissen auch antidemokratische Kräfte. Wer progressive Veränderung will, muss Institutionen demokratisch stärken und sie vor autoritärer Vereinnahmung schützen. Das ist die Aufgabe der Stunde.
Dank
Für die Initiative zu dieser Ausgabe und die inspirierende, kollegiale Gastredaktion gemeinsam mit Thorsten Erl danke ich Tobias Hönig und c/o now ganz besonders. Dem ARCH+ Team, insbesondere Sascha Kellermann (Projektleitung), Nora Dünser (CvD) und Mirko Gatti danke ich herzlich für die gelungene Vollendung der Transformations-Trilogie. Dem neuen Grafikteam Dan Solbach und Albrecht Gäbel gilt mein Dank für das durchdachte Redesign und die grafische Weiterentwicklung der Zeitschrift.




