Buch, Deutsch, Band 24, 168 Seiten, Format (B × H): 120 mm x 205 mm
Reihe: Caracol Prosa
Erzählungen
Buch, Deutsch, Band 24, 168 Seiten, Format (B × H): 120 mm x 205 mm
Reihe: Caracol Prosa
ISBN: 978-3-907296-48-6
Verlag: Caracol Verlag der Autorinnen & Autoren
Dieser Erzählband bringt zehn neue Geschichten des Winterthurer Autors Raffael Rihs. Einfühlsam beschreibt er gestrandete menschliche Beziehungen oder zufällige Begegnungen, die in der Schwebe bleiben. Wie schon in seinem Romandebut Die Flügel der Anderen schaut auch in manchen dieser neuen Texte ein Stubenhocker, der Veränderungen scheut, dem Leben anderer zu und lässt sich nur zögernd mit hineinziehen. Auch wenn da und dort Freundschaften sich anbahnen, eine Liebe möglich scheint, driften die Figuren bald wieder voneinander weg.
In diesen psychologisch subtilen Geschichten berichtet jeweils ein Ich-Erzähler. Einige von ihnen machen überraschende Bekanntschaften: in der eigenen Wohnung, im Bahnhofbuffet, im Nachtzug nach Wien, in einer Brasserie in Paris, in einer alten Scheune. – Einmal erleben Rihs-Leser*innen eine Wiederbegegnung mit bekannten Figuren.
Autoren/Hrsg.
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Der Wildunfall
Wir waren zu einer Geburtstagsfeier eingeladen gewesen. Laura hatte gemeint, es mache ihr nichts aus, wenn ich tränke, sie würde heimfahren. Normalerweise galt die stille Vereinbarung, dass die Person, die nicht am Steuer saß, aus Solidarität zur fahrenden Person auf Alkohol verzichtete. Aber Laura entschied für einmal anders und gewährte mir den Freipass zu trinken. Ich dachte mir nichts dabei und genoss den Abend in vollen Zügen. Als wir uns auf den Rückweg machten, hatte ich ziemlich einen sitzen.
Der Unfall geschah, als wir auf einer Landstraße unterwegs waren. Nach einer scharfen Linkskurve, Laura wollte gerade beschleunigen, sprang vor uns ein Reh auf die Straße. Obwohl Laura voll auf die Bremse trat, erwischten wir es. Es gab einen lauten Knall. Das Tier flog seitlich weg und überschlug sich ins hohe Gras. Mitten auf der Straße hielten wir an. Auf einen Schlag war ich hellwach. Ich sah hinüber zu Laura. Sie blickte geradeaus und hielt mit beiden Händen das Steuerrad fest. Der Motor lief noch immer. Statt auszusteigen, um nach dem verletzten Reh zu sehen, blieben wir sitzen.
Als ich begriff, was geschehen war, und aussteigen wollte, sah ich im Rückspiegel, wie ein Tier den Asphalt betrat. Die Bremslichter des Autos tauchten den Vierbeiner in einen roten Schimmer. Ich brach mein Vorhaben ab und tastete nach Lauras Arm. Aufgrund des Geweihs erkannte ich sofort, dass es sich um einen Rehbock handelte. Er kam ein paar Schritte auf uns zu, dann blieb er stehen. Für einen Moment hatte ich das Gefühl, er würde mir direkt in die Augen schauen. Ich rührte mich nicht und hielt den Atem an. Es bestand kein Zweifel: Das Tier suchte etwas. Es stand da, horchte, hielt schnuppernd seinen Windfang in den Nachthimmel. Als der Bock in die Dunkelheit entschwand, stellte Laura den Motor ab. Auf einmal war es still. […]




