Rosegger / Pils | Weihnacht | Buch | 978-3-85252-051-3 | www.sack.de

Buch, Deutsch, 96 Seiten, Format (B × H): 150 mm x 210 mm

Rosegger / Pils

Weihnacht

Erzählungen
Erscheinungsjahr 1994
ISBN: 978-3-85252-051-3
Verlag: Bibliothek der Provinz

Erzählungen

Buch, Deutsch, 96 Seiten, Format (B × H): 150 mm x 210 mm

ISBN: 978-3-85252-051-3
Verlag: Bibliothek der Provinz


WALDLILIE IM SCHNEE
Uns ist ein leichter Stein vom Herzen. Das Unwetter hat sich gelegt. Ein ganz leichter Wind ist gekommen, hat die Bäume sachte von ihren Lasten erlöst. Ein paar mildwarme Tage sind gewesen, da hat sich der Schnee gesetzt, und man kann mit Fußleitern gehen, wohin man will.Es hat sich in dieser Zeit aber doch etwas zugetragen drüben in den Karwässern. Der Berthold, dessen Familie von Jahr zu Jahr wächst und von Jahr zu Jahr weniger zu essen hat, ist ein Wilderer geworden. Der Holdenschlager versteht es besser als unsereiner, der sein Lebtag lang ein weichmütiger Spiegelfechter ist. Arme Leute dürfen nicht heiraten, sagt der Holdenschlager. Nun, nach Sitte und Brauch haben sie nicht geheiratet, aber vor mir sind sie gekniet im Walde – und jetzt hungern sie allmiteinander.

Meinetwegen? Nein, nein, mein Segen bedeutet ja nichts. O Herrgott, Dein ist die Macht, und mich lasse nicht noch einmal versinken in Schuld!

Ist also ein Wilderer geworden, der Berthold. Das Holzen wirft viel zu wenig ab für eine Stube voll von Kindern. Ich schicke ihm an Lebensrnitteln, was ich vermag; aber das genügt nicht. Für das kranke Weib eine kräftige Suppe, für die Kinder ein Stück Fleisch will er haben und schießt die Rehe nieder, die ihm des Weges kommen. Dazu tut die Leidenschaft das ihre, und so ist der Berthold, der als Hirt ein so guter, lustiger Bursch gewesen, durch Armut, Trotz und Liebe zu den Seinigen und durch Torheit anderer recht sauber zum Verbrecher herangewachsen.

Einmal schon bin ich bittend vor dem Förster geigen, daß er es dem armen Familienvater um Gotes willen ein wenig, nur ein klein wenig nachsehen nöge, er werde sich gewiß bessern, und ich wolle nich für ihn zum Pfände stellen. Bis zu diesen Fagen hat er sich nicht gebessert; aber das Geschehnis dieser Wintertage hat ihn weinen gemacht, denn seine Waldlilie liebt er über alles.

Ein trüber Winterabend ist es gewesen. Die Fenster sind mit Moos vermauert; draußen fallen frische Flocken auf alten Schnee. Berthold wartet bei den Kindern und bei der kranken Aga nur noch, bis das älteste Mädchen, die Lili, mit der Milch heimkehrt, die sie bei einem nachbarlichen Klausner im Hinterkar erbetteln muß. Denn die Ziegen im Hause sind geschlachtet und verzehrt; und kommt die Lili nur erst zurück, so will der Berthold mit dem Stutzen in den Wald hinauf. Bei solchem Wetter sind die Rehe nicht weit zu suchen. […]

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